Nr. 242
Längen nimmt entgegen: die Expedition d.vlattet, fotaie d.Annonccn-Bureaux gjn Th. Dietrich & 60. in Äaffel und Hannover; Td. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein L Vogler in Fnmkfurt a M., Berlin, Leipzig, Köln re.; Rudolf Masse in Berlin, Frankfurt a. 91t. ic.
fllarfiurg, Dienstag, 15. Oktober 1878
xin. Jahrgang.
WttMche ZeitW.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie d. Annoncen-Burcaux von G- L. Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Herrnann'sche Buchhandl. daselbst; Invalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wSchentlichen Beilage „JlluftrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Kock'lcbe Buchdruckerei, bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 vka
Kür in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
Tagesbericht.
Der Kaiser und die Kaiserin werden voraussichtlich gegen den 20. d. M. Baden-Baden verlassen, um sich auf einige Wochen, der Kaiser nach Wiesbaden, die Kaiserin nach Coblenz zu begeben. Ueber die Rückkehr des Kaisers nach Berlin ist noch Nichts bekannt.
Sämmtliche Richter sind, so schreibt die „GerichtSzei- tnng", amtlich aufgefvrdert, ihre Wünsche zu erkennen zu geben, welche sie mit Rücksicht aus die durch die Reichsjustizgesetze nothwendige Neugestaltung der Gerichte hegen. Nur noch ein Jahr ist es bis zu dem Zeitpunkt, zu welchem die neuen Gesetze in Kraft treten; die bis dahin zu erledigenden Arbeiten sind noch überaus große. Gesetze, welche daS bisherige Verfahren z. B. bei den Subhastationen den Amtsgerichten anpassen, sind noch zu erlassen, ebenso Jn- stmctionen, welche über die Ausführung der Reichsgesetze Anweisung geben, namentlich bei der Zwangsvollstreckung. Den Richtern und nicht minder den Subalternbeamten muß aber vornehmlich daran gelegen sein, baldmöglichst zu erfahren, an welchem Ort sie künftig ihren Wohnsitz haben werden. Wenn jetzt mit den Richtern der Anfang gemacht wird, so werden sicherlich auch die übrigen Beamten mit ihren Wünschen gehört werden, damit die schwere Zeit der Umgestaltung möglichst leicht überwunden werde.
Der Türkei fehlt nicht viel, so ist sie wieder nach allen Seiten in Krieg verwickelt. Sie hat trotz aller Rathschläge des Berliner Congresses den Griechen jede Gebietsabtretung verweigert und konnte dies thun, weil sie wohl wußte, daß bei den modernen Hellenen die Vorsicht der Tapferkeit besserer Theil ist und weil keine europäische Macht Lust bezeigte, für das industrieritterliche Volk in die Schranken zu treten. Gegen Oesterreich aber ist die Politik des Widerstandes sicherlich schlecht angebracht. Man mag über die von Oesterreich in der bosnischen Frage eingeschlagene Politik noch so abfällig urthellen, nachdem einmal die Oesterreicher die Grenze überschritten hatten, gebot die Klugheit der Pforte, um jeden Preis so schnell als möglich eine Convention mit Oesterreich abzuschließen. Statt dessen verzögerten die türkischen Bevollmächtigten den Abschluß der Convention und zuletzt kam die Pforte auf den unbegreist lichen Einfall, die Oesterreicher vor den europäischen Mächten der unerhörtesten Barbarei anzuklagen. Diese Protestnote ist natürlich von den Mächten einfad) bei Seite gelegt worden und hat selbst in den englischen Blättern nur spöttische Abweisung erfahren. Während auf solche Weise die Türkei Oesterreich erbittert und die Kräfte ihres Freundes England durch die Afghanen in Anspruch genommen werden,
HerodiaS.
Roman von W. Höffer.
(Fortsetzung.)
Hoffmann nahm aus der Brusttasche ein Briefcouvert. .Herr," stammelte er, während bei jedem Wort daS Blut über seine Lippen drang, »Herr Georg, daS ist das Couvert deS Briefes vbn Dormann und Compagnie aus Bremen, deS Briefes, den Sie nie gesehen, nie empfangen haben, den Herr Johannes unter Ihre Papiere schob, nachdem er ihn geöffnet und die Kassenscheine heraus genommen. Ich —"
Johannes ergriff den nächsten Stuhl und schwang ihn über den Kopf deS Knieenden. „Bestie!" knirschte er, „ich will Dich unschädlich machen!"
Georg war blaß geworden. WaS sprach der Mann dort? — ES fiel ihm in diesem Augenblick wieder ein, daß daS derselbe Mensch sei, welcher am Abend jener letzten Zusammenkunft mit Daschka so dringend um Gehör gebeten; sein Interesse wuchs von Minute zu Minute, er hob den Arm und wehrte gerade rechtzeitig von Hoff- mannS Haupt den tödtenden Schlag, so daß die Splitter des zerschellenden Stuhles an die Wand flogen. „Ich will hören, was dieser Mann von dem bewußten Geldbrief zu berichten hat!" rief er in befehlenden Tone „und ich kann nicht gestatten, daß Du chu am Sprechen hinderst Johannes. Hüte Dich! — Dein Auftreten ist verdächtig."
„Und Du? knirschte der jüngere Bruder, „mit welchem Recht befindest Du Dich überhaupt hier? Geh fort, mein HauS ist Dir verboten!"
Hofsmann streckte die Hand aus. „Herr Georg, Sie haben mir das Leben gerettet, mir, der ich Sie betrog und bestahl, ich will Ihne« Alles sagen, auch wenn dafür das
wen sollte es da wundern, daß die Russen sich die günstige Situation zu nutze machen? Sie haben sich zwar von Konstantinopel zurückgezogen, sind aber zwischen dort und Adrianopel auf halbem Wege stehen geblieben. Sie wollen sich nich weiter zurückziehen, wenn die Pforte nicht dafür einsteht, daß den „Grausamkeiten" ein Ende gemacht wird, die jetzt wieder in lieblicher Abwechselung von den Muha- mcdanern an den Bulgaren in den occupirt gewesenen Landstrichen verübt werden sollen. Die Russen erklären ferner, Adrianopel würden sie erst räumen, wenn die durch den Berliner Vertrag nicht berührten Bestimmungen des Friedens von tsait Stefano ihre Erledigung gefunden hätten. Sollte die Pforte, wie es unter dem Druck des aufgeregten muhamedanischen Fanatismus nicht unwahrscheinlich ist, die Sache wieder in die Länge ziehen, sollte Oesterreich zu weiterer Ausdehnung seines Angriffes gereizt werden und der Krieg zwischen Indien und Afghanistan größere Dimensionen annehmen, dann kann man noch schönere Dinge erleben. Die Russen werdeil dann plötzlich erklären, die Constituirung Ostrumelienö sei unmöglich; die Organisirung eines großartigen Aufstandes der südbalkanischen Bulgaren wird den nöthigen Beleg dazu leicht liefern u. s. w. Es scheint eben, das Verhängniß soll im Orient seinen Lauf nehmen.
Neueste Orient-Nachrichten:
Wien, 12. Okt. Offiziell. General Reinländer besetzte am 10. d. M. ohne Widerstand zu finden Verno- grac und beabsichtige, am 11. d. gegen Buzin zu rücken, dessen Unterwerfung von einer Deputation bereits ausgesprochen wurde. Zahlreiche verwundete Insurgenten aus dem Gefechte vom 6. d. sind zwischen Peci und Vernograc aufgefunden worden. Die Feste Kladus ist noch von den Insurgenten besetzt und wird durch das 1. Jägerbataillon cerairt .
Wien, 13. Ott Meldungen der „Pol.' Cörr." Die im Ministerium des Aeußeren in der Angelegenheit der Administration Bosniens und der Herzegowina tagende Commission hat die Berathung des Entwurfs der provisorischen Organisation der beiden Länder vollendet. Dieselbe Commission beschäftigte sich mit der Frage einer möglichst raschen Rcpatriirung der bosnischen und Herzegowiner Flüchtlinge. Die bezügliches Grundsätze sind bereits festgesetzt. Die Re- patriirung deuFlüchtlinge in die Herzegowina dürfte bereits im Werke seist.— Konstantinopel, 11. Oktober. Saufet Pascha konnte aus Besprechungen mit einigen Botschaftern vorläufig bereits entnehmen, welchen mißliebigen Eindruck die letzten diplomatischen Manifestationen der Pforte auf die Cabincte einiger Großmächte hervorgebracht haben. — Außer dem Anführer der Rhodope-Jnsurgenten, Saintclair,
Zuchthaus mein Lohn würde! Erinnern Sie sich des dreißigsten November, als Sie nur zur Poststunde in das Comptoir kamen, als Sie so zerstreut und gedankenlos schienen, daß man Ihnen jede Kleinigkeit zweimal mittheilen mußte? — Gott weiß, was Ihnen damals im Sinn lag, aber Sie sahen aus wie ein Kranker. Nun, und Mittags brachte der Postbote sechs oder sieben Geldbriefe zugleich, Sie hatten dieselben quittirt bis auf einen, da kam der Buchhalter und rief Sie ab, — es währte lange, bis die Angelegenheit draußen erledigt war, — Herr Johannes nahm den .leeren Postschein und ging in das große Comptoir, wo sich zur Mittagsstunde Niemand befand. „Ich will's meinem Bruder bringen," sagte er, „wer weiß, wenn der zurück kommt!" — nun, und darauf gab er dem Briefträger das unterschriebene Papier, welches dieser unbesehen unter die Menge der übrigen schob, — ich beobachtete daS Alles heimlich — und als dann Herr Johannes sich hier allein glaubte, nahm er aus dem Brief, der auf Ihrem Pult lag, das Geld; Couvert und Schreiben aber legte er in Ihre Mappe. Das war ein Spitzbubenstreich von einem Bruder gegen den anderen, eine Schändlichkeit sondergleichen, aber Herr Georg, so sehr es mich empörte, konnte ich armer Teufel hingehen und den Millionär des Diebstahls beschuldigen? DaS Irrenhaus wäre mir gewiß gewesen! — Ohnehin haben Sie sich in der ganzen Arglosigkeit Ihrer Seele ohne an das gemeine Verbrechen eines Anderen zu denken, sogleich zu der fraglichen Unterschrift bekannt; Herr Georg, da blieb mir also nur übrig, zu schweigen, was ich aber trotzdem thun konnte, das that ich sogleich. Ich stahl Brief und Couvert aus der Mappe wieder heraus, behielt letzteres und legte gelegentlich den Brief oben in Ihrem Privatzimmer auf den Tisch. Dachte mir, wenn es des lieben Gottes Wille ist, so wird dadurch Ihre Schuldlosigkeit in irgend einer Weise
trennte sich auch die Polenlegion von der Insurrektion- Saintclair ist nach Albanien gegangen. Den Oberbefehl Über die Insurgenten übernahm der Pomake Hadji Ismail. — Bukarest, 12. d. Die rumänische Tabaksmonopolgesellschaft hat der Regierung die Auflösung des ContractS mit der Erklärung notificirt, daß sie noch zwei Monate die Geschäfte fortzuführen bereit sei, damit die Regierung Zeit zur Uebeniahme habe. Nach dem Ablauf dieses Termins werde der Betrieb eingestellt
London, 12. Okt. „Times" meldet auS Pera vom 11. d.: der russische Botschafter Lobanoff erklärte dem Groß- vezir, die Russen würden in Adrianopel stehen bleiben, bis ein definitiver, alle vom Berliner Kongreß unberührt gelassenen Punkte einschließender Vertrag geschloffen sei. Der Correspondent der „Times" hat Grund zu glauben, daß der Botschafter hierdurch den Widerstand der Pforte betreffs eines Paragraphen des neuen Vertrages zu überwinden und die Unterzeichnung desselben zu beschleunigen bezwecke. — „Daily News" meldet aus Simla vom 11. d.: Die in Erwägung gezogene Ueberrumpelung von Ali- Musjid ist aufgegeben, weil ihre Ausführung noch im Lause des Oktobers nicht möglich ist. Der ursprüngliche Feld- zugsplan wird beibehalten, nämlich ein combinirteS Vorrücken an 3 Punkten im Anfang November. Zu diesem Zwecke werden energische Vorbereitungen getroffen. Von dem noch in Afghanistan weilenden Abgesandten deS Vice- königS von Indien ist nichts zu hören.
Bukarest, 12. Oct. Die heutige Sitzung der Kammer war sehr stürmisch. Die Minorität entwickelte durch Ionesco eine Motion auf Zurückweisung der Dobrudscha, welche ein Zankapfel werden würde. Cogalniceano erklärte, Europa habe Rumänien die Dobrudscha zugedacht, um den russischen Einfluß zu restringiren, Rußland beide Donau- Ufer wegzunehmen und Bulgarien zu verkleinern. Ferner Jheilte Cogalniceano verschiedene Documente mit, darunter einen vertraulichen Bericht Ghikas und SturdzaS, welch' Letzterer heute opponire. Es gehe aus diesem Bericht hervor, daß Bessarabien für Rumänien seit der Reichstädter Zusammenkunft verloren gewesen sei. Bezüglich der Judenfrage schließe er sich der Ansicht Ionescos an, dieselbe zu vertagen. Majoresco verlangte die soforttge Einberufting einer constituirenden Versammlung. Holban trat diesem Verlangen entgegen. Bratiano brachte die im Senate entwickelten Argumente vor und sagte, man müsse den Vertrag ratifidren, wenn man das rumänische Gebiet von russischer Seite geräumt sehen wolle. Die Debatte wurde unter lärmenden Zwischenfällen geschlossen und die Motion der Minorität mit 78 gegen 20 Stimmen verworfen, dagegen die Motton der Majorität mit 83 gegen 17 Stimmen angenommen. Der Präsident der Kammer erklärte, bewiesen werden. Das trog mich nun freilich, die unglücklichen Ereignisse folgten einander auf dem Fuße, und endlich, als das Schlimmste geschehen war, da — hab' ich mich selbst vom Teufel verlocken lassen und bin auf die Seite Ihrer Feinde übergetreten, ich nahm für mein Schweigen Geld, ich kam heute hierher, um den Handel abzuschließen, der Sie ganz ins Elend stürzen mußte, und anstatt dessen schickt Gott gerade Sie hierher, um mir das Leben zu retten, als es schon mehr als halb verloren war. Herr Georg, Sie können mir nicht verzeihen, daS weiß ich, aber wenigstens verfluchen Sie mich nicht!"
Er umklammerte immer noch den Arm des jungen Mannes, der ihn längst vom Boden aufgehoben und in jeder Weise ermutigt hatte. „Herr Georg", sagte er schaudernd, „wenn ich überhaupt mit dem Leben davon komme, so will ich gern mein Vergehen büßen, — daß ich ein Lump geworden sei, ja Du lieber Gott, das wußte ich immer."
Georg hatte mit keinem Wort die lange Auseinandersetzung unterbrochen, er hatte sogar nicht einmal seinen Bruder angesehen. Konnte er in Gegenwart des Dritten den Unglücklichen an die Schmach, welche auf seinem Haupt brannte, erinnern ?
„Hoffmann," sagte er nach langer Pause, „gehen Sie in das Comptoir und legen Sie sich aufs Sopha, wickeln Sie auch ein Tuch um den Hals, ich schicke Ihnen später einen Wagen. Das Alles wird sich ruhig und gütlich ordnen lassen."
Er öffnete und schloß die vordere Thür, um sich dann nach seinem Bruder umzusehen. Johannes war fort, — der Platz, auf dem er gestanden, leer.
Georg ging die Treppen hinauf, zum ersten Male wieder, feit er an dem Unglückstage der Briefgeschichte im bittersten Zorne daS Haus seiner Kindheit verließ. Jetzt stand er gerechtfertigt da — und auch — aber mein Gott, wie hatte