Nr. 240
Marburg, Sonnabend, 12. October 1878
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O fort, fort von hier! Nur Eins blieb ihm zu thun noch übrig und der Brief in feiner Tvfche hatte dazu den Weg geebnet. Er wollte nicht lesen, was Johannes schrieb, aber er wollte ihn selbst aufsuchen und ihn bitten, über MachildenS Glück zu wachen, ihm sagen, daß er Alle- wisse, alles billige. /“ .;r *
Das war ein verzweiflungsvoller Schritt, aber dennoch mußte er ihn gehen. Jahre, lange Jahre würden verstießen, ehe er selbst so viel erworben hatte, um hierher
HerodiaS.
Roman von W- Höffer.
(Fortsetzung.)
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^ Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JIluftrtrteS SonntagSblatt" durch die Ervedition lKoL'fck« Buchdrucker«t) bezogen S', Mark, durch bie Postämter des Deutschen Reiches i Mark 50 Pf«, (excl. Bestellgebühr» -Jnsertionsgebühr für di- gespalle« Zeile 10 Pf«
Für ui der Expedition zu ertheitende Auskunft und Annahme von Adressen werden LS Pf«, berechnet. *’*"
Tagesbericht. „
Das Socialistengesetz ist nun nach längeren Berathungen aus der IV. Commission des Reichstags in das Plenum zurückgckehrt imb ist in die zweite Berathung genommen worden. Das positive Ergebniß der vorgestrigen Sitzung war im Hinblick auf die Vorlage selbst ein sehr geringes. Die Debatte hatte einen Maßstab angenommen, welcher die Beendigung dieser Berathung kaum äbsehen läßt. DaS hohe Interesse und die weittragende Bedeutung aber dieser Sitzung liegt in der großen Rede des Fürsten Bismarck, die nicht verfehlen wird im ganzen Lande einen tiefgehenden Eindnick zu machen. Die Rede war zunächst veranlaßt, durch eine unqualificirbare Auslassung des Abg. Sonnemann, der sich berufen fühlte, allen nicht oppositionellen Parteien des Hauses den Text zu lesen. Au diesen Vortrag anknüpfend wies Fürst Bismarck darauf hin, daß ebensowohl ein französischer Revanche-Politiker denselben hätte halten können. In mehr humoristischer Weise bemerkte der Reichskanzler, daß er auf Grund seiner Erfah- mng gewohnt sei, die Anschauungen der französischen Regierung über unsere Verhältnisse aus dem Blatte des Herrn Sonnemann, der „Franks Ztg.", zu entnehmen. Er verbreitete sich sodann Über die Frage wie es gekommen sei, daß das Evangelium der Negation gerade in Deutschland einen solchen Anklang gefunden hat. Die Ausführung des Reichskanzlers war reich an wahren und packenden Schilderungen. Am interessantesten waren die Auslassungen des Reichskanzlers über das bei uns herrschende Fractionsunwesen. „Wir haben von der Fortschrittspartei, dem Centrum, wir haben von den circa 150 Abgeordneten die sich mit diesen beiden Parteien halten, unter keinen Umständen und für keine Vorlage Unterstützung zu erwarten. Unsere Operationsbasis beschränkt sich auf vier Siebentel des Reichstags, welche durch die drei Fraktionen, die Nattonalliberalen und die beiden conservativen Parteien gebildet werden. In jedem anderen Lande würde die That- sache, daß drei Siebentel der Landesvertretung überhaupt die Existenzbafis, auf der sich eine Regierung ohne Verfall des Ganzen allein halten tarnt ne» Sitten, den strengsten Zusammenschluß der Uebrigen, die überhaupt die Institution halten wollen, wie sie ist und sie vertreten wollen — zur Folge haben. Bei uns ist aber der Korpsgeist derselbe, der ja veranlaßt, daß zwei Regimenter in einer Garnison, die aus denselben Orten refrutirt werden, gar nicht ohne Sticheleien ausrücken können, ohne im Manöver auf einander einzuhauen, blos weil sie verschiedene Farben, verschiedene Namen tragen, schwarzes oder weißes Lederzeug — wer von Ihnen Soldat gewesen ist, wird dies erfahren haben — feindet sich an und will dem
Meigen nimmt em gegen: tae Expedition d.Blattes, Sowie d.Ännvncen-Bureaux von Xb. Dietrich & Co. in gaffe und Hannover; LH. $iet" ch in Frankfurt a M.; Haalenst n & Vogler in |tenlfur‘ a. M., Berlin, Seipps An re.; Rudolf Masse <n Berlin, Frank- urt a. M. ic
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d-Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jägerische Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in
Berlin; W. Thienes in Elberfeld- C. Schlotte in Bremen-
anderen nichts gönnen. Der Geist ist es, den wir alle von der Universität einigermaßen mitbringen. Aber diese Erinnerungen von dort dürfen sie doch nicht auf das politische Leben übertragen, und ich kann nur die Bitte an diese drei Fraktionen richten, daß die Herren nicht der Regierung, sondern dem Laude und ihren Landsleuten den Dienst erweisen, sich unter einander zu verständigen und i daß alle diejenigen, welche überhaupt die staatliche Entwickelung auf der jetzigen Basis wollen, sich näher an einander anschließen und sich nur übersichtlich ganz unabweiS» liche Differenzen aber niemals über die Frage einer Priorität, einer Rivalität trennen."
Diese Aeußerung des Reichskanzlers hat auch in der nationalliberalen Partei sehr angenehm berührt. Man scheint bereit, das alte gute Verhältniß zum Reichskanzler wieder herzustelleu und es gewährt besondere Genugthuung, daß der Reichskanzler es ist, der die Hand zum Frieden und zur Versöhnung gereicht hat.
Der vstbeklagte Uebelstaud, daß die deutsche Waaren- statistik für die Einfuhr und AuSftihr nur Gewichtsmengen ohne Werthangabe enthält, verhindert eine zuverlässige Bestimmung des Verhältnisses der Einfuhr zur Ausfuhr. Aus diesem Grunde läßt sich, was die Handelsbilanz für daS erste Halbjahr 1878 betrifft, nur ein ganz allgemeines Bild der Waarenbewegung geben. Nach Durcharbeitung der Statistik ergiebt sich, daß von 239 Positionen der Einfuhr 88 ah- und 151 zugenommen haben. Dagegen sind von . 201 Positionen der Ausfuhr 127 gestiegen und 74 gesunken. Am stärksten hat die Einfuhr in unbearbeiteten Tabaksblättern zugenommen (92,5 °,o). Die Einfuhr von hartem Holz hat um 55,7 % zu-, von weichem Holz um 26,5 “Io abgenommen. Unter den Waaren mit verringerter Einfuhr steht obenan Leinewand (Zwillig und Drillich ungefärbt) mit Abnahme um 62 pCt., in der Textilbranche ferner noch undichte baumwollene Waaren mit 30,7 pCt., wollene Zeug- und Filzwaaren mit 13,2 pCt., Flachs mit 18,3 pCt., Flachsgarn mit 17,7 pCt. Unter den Metallen haben rohes Zink um 40,9 und rohes Blei und Kupfer um 29,6 pCt. sich vermindert. Daß endlich Petroleum um 19,4 pCt. in der Einfuhr abgenommeu hat, freilich gegenüber einer Zunahme im Vorjahr ist auffallend und wird die Mindereinfuhr um 541,132 Ctr. auch nur zu einem Drittel, nämlich zu 172,949 Ctr. durch verminderte Ausfuhr wieder ausgeglichen.
Die gestrige Berliner Börse war durch die Gerüchte über englisch-französische Differenzen nicht wenig beunruhigt. Das Bureau Hirsch hatte behauptet, daß die bisherigen Verhandlungen der beiden Mächte über die egyptische Frage zurückkehren und für sie sorgen zu können, ehe er im Stande war, das Testament des Vaters erfolgreich zu bekämpfen, sollte sie bis dahkit der Gnade Anderer überlassen bleiben?
Nein, — o Gott, nein. Wenigstens ihre Achtung wollte er sich erhalten. ' t.
Die Nacht verging schlaflos, ohne einen einzigen beglückenden oder auch nur tröftenben Gedanken. Am anderen Morgen vermied er es, die junge Frau anzusehen ober mehr als das Unvermeidliche mit ihr zu sprechen, und gegen Mittag ging er fort, um seinen Bruder aufzusuchen. Es war ja Sonntag heute, Niemand störte die kurze trostlose Unterhaltung der beiden Männer, die mit einander das Licht der Welt erblickt, mit einander zum ersten Bewußtsein erwacht waren und die gleiche Wiege theilten, der ZwillingS- brüber, die sich heimlich haßten, wie Todtseinde. Der Eine, der Enterbte, der, dem Alles geraubt worden — der ging nun hin, um dem Reichen auch noch bas theuerfte Kleinod bas Weib seines Herzens, zu schenken. Er mußte eS, wollte er sich selbst achten.
Vor Jahresfrist zog er ein als ber Erbe von Allem, als ber gefeierte, umschmeichelte Sohn deS Millionärs, vor dem sich Hunderte bückten, um dessen Gunst sich bie Angehörigen ber besseren Kreise stritten — und heute klopfte er an dieselbe Thür, ungewiß, ob eS ihm erlaubt werden würde, das Vaterhaus zu betreten. - £
Das ist das Leben, das find die Pläne und Wünsche des Menschenherzens, — kose flatternde Fäden in Atome zerriffen vom nächsten Hauch, Berechnungen ohne Facit, Kampf ohne Lohn.
Dreizehnte- Kapitel.
Während des ganzen Sonnabends hatte Johannes ge» hofft, daß ber ehemalige Comptoirbote, jetzt fein erbitterter
nicht sehr günstig verlaufen. Die französische Regierung beabsichtige baher durch Verstärkung ber Mittelmeer-Flotte einen Druck auSzuüben. Diese Behauptung wirb selbst gegenüber ber Ableugnung ber „Agence Havas" aufrecht erhalten. Wenn man berücksichtigt, baß auch Italien kürz- lick Schritte gcthan hat, um seine Interessen in Egypten gegenüber Englanb und Frankreich geltend zu machen, so muß man gestehen, daß die egypttsche Frage die Form eines gordischen Knotens anzunehmen beginnt, der auf diplomatischem Wege schwerlich eine Lösung finden wird.
....... Neueste Orient-NSchrichketi:
, , Wien, 10. October. Die „Wiener Abendpost" veröffentlicht nach der „Kölnischen Zeitung" die neueste türkische Circular-Depesche und fügt hierzu die Bemerkung, daß dieses Actenstück sicherlich weder eines Commentars noch einer Widerlegung bedürfe, sich vielmehr in jeder Beziehung selbst richte.
Wien, 10. October. Generalmajor Reinländer meldet aus dem Bivouac bei Peci vom 9. b.: bas Zusammentreffen mit ben Insurgenten am 6. b. geschah nicht unver- muthet, vielmehr war eS vorauszusehen, baß im nördlichen Theil der Krajna Widerstand zu erwarten sei. Es waren größtentheils Insurgenten aus Peci, Vernograc, Buzim und Jezerski, unterstützt durch Räuberbanden ans unwegsamen Berggegenden; sie wurden im Gefechte zersprengt und erlitten sehr große Verluste. In ber ganzen Umgebung von Peci unb Todorovo werden nunmehr bie Waffen nieder- gelegt. Gleiche Nachrichten kommen von Klabus unb Pod- Mzb; von Vernograc und Buzim ist noch keine Kunbe eingetroffen. Die bedeutenden Verluste ber österreichischen Truppen in bem erwähnten Gefechte, erklären sich durch die große Ausdehnung der von den Insurgenten besetzten Position und die äußerst schwierigen Bodenverhältnisse. Henle (9. d.) wird die Gegend bis Podzurzd und morgen bis Vernograc von den österreichischen Truppen durchstreift.
Wien, 10. October. Meldungen der „Polit Corr" Aus Konstantinopel, 10. d. Der russiche Botschafter ersuchte gestern in einer Audienz ben Sultan um Ergreifung ausrelchender Maßregeln zum Schutze ber christlichen Bewohner gegen Ausschreitungen und Gewaltthäligkeiten der Mohamedaner in allen von den Russen geräumten Gebiets- iheilen. — Der Engländer Sinclair, ber bis jetzt die Insurgenten im Rhodopegebirge befehligte, ist von diesen verjagt worden und in Konstantinopel eingetroffen. Die Pforte erhielt Nachricht, daß der Führer des Aufstandes in Kozan, Achmet Pascha, sich unterworfen habe. — Von ber Drina- grenze, 10. b. Trotz ber Verstärkungen, welche die Insurgenten in Sandschak Novibazar durch Arnautenschaaren von Ipek, Prischtina und Kalkandelen erhalten haben, ist Feind kommen und mit ihm über bie Sache weiter unter» handeln werbe; bei jedem Klang der Thürglocke zuckte er bei jedem Fußtritt auf dem Eorridor horchte er, aber immer vergeblich. Hoffmann hielt also Wort, er drängte m die Stunde des morgigen Mittags alle Entscheidung hinein, er hatte bas „Entweder! — Oder!" im bittersten vollkommensten Ernst ausgesprochen.
Johannes konnte nicht arbeiten, seine Gedanken wanderten ziellos. Einmal fiel es ihm ein, ob auch Georg das nöthige Reisegeld wirklich besitzen möge, und sofort schob er eine namhafte Summe ohne Begleitschreiben in das Couvert und schickte damit den Lehrling zu seinem Bruder. Dies Hinderniß brauchte er also nicht mehr zu fürchten, er wußte auch, baß Manches eingekauft worden war, und daß Georg in mehreren Häusern Abschiedsbesuche gemacht hatte, — gewiß, er würde nach Indien gehen und dort, nicht allein nie die Mittel finden, überhaupt wieder hierher zu kommen, sondern wahrscheinlich sogar andere Bande knüpfen und höchstens hier oder da versuchen Geld zu erlangen, — im Uebrigen war er unschädlich gemacht.
Rur Hoffmann — Hoffmann mußte zum Schweigen gebracht werden um jeden Preis.
Am Sonntag Morgen wußte es Johannes so einzu- sädeln, daß er ganz allein im Hause blieb. Den jüngsten Lehrling, der sonst aufräumte, bie Briefe von der Post holte unb etwaige Bestellungen ausrichtete, hatte er unter einem Vorwand fortgeschickt. Die Magd war zur Kirche und konnte vor halb zwei Uhr nicht zurück sein; der Hausknecht arbeitete im Garten. Es befand sich also Niemand nahe genug, um zu hören oder zu sehen, was vorging. Johannes fühlte, wie ein kaltes Grauen durch seine Adern kroch. Möglicherweise gestaltete sich ja die Unterredung so, daß kein Zeuge ste kennen lernen durfte.
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„Gute Nacht, Tillie," sagte er herzlich, ohne ihr die _ Hand zu geben, „gute Nacht zum letzten Male. Es wird Iches!""" Alles besser, namentlich für Dich, Du Gute, Liebe, sehr Gott^segne Dich tausendfach, wie ich es thue!" zum ®“ne Ha"d ergriff bie Thür, — es schien, als könne t bie.«1 sich nicht losreißen.
} „Georg," sagte sie mit erstickter Stimme, „willst Du nichts offen? — es ist noch zu ftüh um zu schlafen."
Aber er schüttelte stumm den Kopf. Waö er ihr vielleicht in der nächsten Minute gesagt haben würde: „Tillie, geh' mit mir, weil ich Dich liebe, weil ich den Gedanken iend an Trennung nicht ertrage!' — das wünschte sie nicht zu hören, das verbot ihm die Ehre, auszusprechen. Er wußte es mit schmerzlicher Sicherheit, Mathilde konnte nur einmal, nur ganz und für immer ihr Herz verschenken.
Aber doch verbrachte er qnalrolle Stunden, so allein im dunklen Zimmer, doch trieb es ihn mehr als einmal, bie Thür zu öffnen und drinnen die Weinende an seine Brust zu ziehen. Er hörte es ja, — Mathilde schluchzte leise.