«
■>
•*
SÄ L«
ui iZ <oi
Xi
Nr. 236.
JRarßurg, Dienstag, 8. October 1878
xm. Jahrgang.
Sr.jeigen nimmt emgegen: He Expedition d.Blatte-, >omie d.Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in tkasiel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a M., Berlin. Leipzig, Cöln re.; Rudolf ilteffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.
GllhksWt ZtitllW.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie d. Annoneen-Bureaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfurt a.M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllustrirtes Sountansblatt" durch die Ervedition (ff nck'lck, Buchdruckerei) bezogen 2k Mark, durch die Postämter des Deutsche» Reiches 2 Mark 50 Wg. (eycl. BeMfleM^l S b" gefJSel Sdle1? «£
Für m der Expedition zu erthe,lende Auskunft und Annahme von Adreflen werden 25 Pf», berechnet.
i -i £kür das vierte Quartal werden Bestellungen 1 V auf die
Bberhesstsche Zeitung
nebst
l 1 Illustrirtcs Sonntagsblatt
j von allen Postanstalten noch angenommen.
Der englisch-afghauische Lonflict.
r-, e wo
e
Die englische Regierung hat den Fehdehandschuh, welchen ihr der Emir von Afghanistan durch die drohende Zurückweisung der englischen Gesandtschaft hingeworfen hat, ausgenommen. Die Rüstungen werden mit großem Eifer betrieben; aber der Emir thut ein Gleiches; er zieht auS allen Theilen seines Reiches Truppen zusammen, um den Engländern den Einfall in sein Land zu verwehren. Bekanntlich ist den Engländern im Jahre 1842 ein solcher Einfall in das unwirthliche Afghanistan sehr übel bekom- mm. Es wird auch jetzt sehr viel darauf ankommen, auf
iS
S
X
<31 «5
wessen Seite sich die unabhängigen Gebirgsstämme schlagen werden. Wenn diese als Feinde der Engländer auftreten, dann wird die Aufgabe derselben eine sehr schwierige. Sie
werden also zunächst Alles aufbieten müssen, diese Gebirgs- dölker zu gewinnen und sich der Pässe zu bemächtigen, welche durch das wilde Gebirge nach Afghanistan führen.
Für England ist die Sache überdies um so unange- nchmer, als immerhin zu fürchten ist, daß dieselbe auch einen Rückschlag auf Indien ausüben kann, denn dort steht die englische Herrschaft schon lange wie auf einem Vulkan Aid die muhammedanische Welt enthält jetzt so viel Zündstoff, daß leicht ein Krieg Englands mit dem muhammeda- mschen Emir wie ein Funken in die Pulvertonne wirken kann. Englands Plan geht darauf hinaus, sich das Pro- tectorat über die ganze muhammedanische Welt in Asien iu enverben. Es wollte mit dem Emir einen ähnlichen Vertrag abschließen, wie es ihn mit dem Sultan abgeschlossen hat. Der Emir sollte mit England ein Defcnsiv- iündniß gegen Rußland eingehen, in seinem Lande Refor- wen einführen, deren Handhabung ein englischer Agent, welcher in Kabul seinen Wohnsitz zu nehmen hätte, überwachen sollte, außerdem sollte der Emir bewilligen, daß die Engländer verschiedene militärische wichtige Plätze des Landes besetzen dürften. Beaconsfield, dessen Lieblingsgedanke dieses Protektorat über die muhammedanische Welt ist, um mit . Hülfe desselben Rußland erfolgreichen Widerstand in Asien g leisten zu können, hoffte nach dem Abschluß des Vertrages 3 mit der Pforte sein Ziel bald erreichen zu können. Hätte
Kam er
kstört.
dann nach kurzer Abwesenheit ins Zimmer '53 zurück, so hatte ihm Mathilde den Hausrock und die Schuhe ^Urwärmt, eine Cigarre heimlich an seinen Platz gelegt und «Mn Kaffee für ihn,fertig; ja sie verstand es sogar immer, eine oder andere Tageöblatt herbeizuschaffen und nähte ewiß in dieser Stunde, die er besonders liebte, nicht an er Maschine, sondern mit ihren eigenen flinken Händen, «nn wenn er irgend etwas besonders Anregendes fand, so flegte er es ihr vorzulesen, — da hätte ja daS Rollen
Herodias.
"Roman »on SB. Hösfep^;^^^^
- (Fortsetzung.)
<N
m -t drei
Georg trat ihm näher. Noch eine Sekunde und er itte ein versöhnendes Wort gesprochen, hätte ihm gesagt: Sei ruhig, Dein TheuersteS ist bei mir in sicherer Hut!" t- aber Johannes wandte sich ab, als sei ihm ein Geist
Er sah aber auch oft, daß sie während seines Spazier- »nges geweint hatte.
Dieser bleiche Mann mit den tiefliegenden Augen und -Itm gramvollen Gesicht war sein einziger näherer Ver- kmbter, sein Zwillingsbruder; war Der, dessen ganze Le- mshoffnung er durch sein Erscheinen zerstört, dem er Alles troubt, — schien es nicht verzeihlich, menschlich, daß ihn fvhannes haßte?
Eines Tages gegen Ende Februar begegnete ihm, als t aus bet Gartenpforte trat, auf dem Trottoir gerade der Rann, den er unter Allen am wenigsten zu sehen oder zu l «ffen wünschte, — sein Bruder Johannes. Beide standen ill, Beider Blicke wurzelten in einander, — es war, als 5* chne sich die Minute zur Ewigkeit.
QO
der Emir von Afghanistan eingewilligt, so hätte sich der Schah von Persien, eingeklemmt zwischen der Türkei und Afghanistan, ebenfalls dem Willen Englands fügen müssen. Schon int August hatten die Engländer einen ehemaligen Afghanen, der noch dazu mit dem Emir verwandt ist, welcher aber seit längeren Jahren in Indien lebt und von der englischen Regierung für frühere Dienste mit Wohlthaten überhäuft ist, nach Kabul gesendet, damit er den Emir für jmes englische Bündniß gewinnen solle. Auch der Sultan hatte vor einiger Zeit einen Abgesandten dorthin geschickt, allein dem letzteren sagte der Emir, er sei schon feit längerer Zeit mit Rußland befreundet und könne gegen dasselbe nichts unternehmen. Dem englischen Abgesandten wird er eine ähnliche Antwort gegeben haben; die Engländer hatten das jedenfalls schon erfahren, und deshalb suchten sie wahrscheinlich die Sache zur Entscheidung zu 6ringen. Denn der bisherige Zustand war für England ein gefährlicher. Seit August schon weilte in Kabul ein mit großen Ehren empfangener russischer Gesandter, welcher gleich nach Abschluß des Berliner Friedensvertrages aus Turkestan, wo die Russen unter General Kaufmann stehen, dorthin gesandt wurde. Dagegen hat der Emir seit 5 Jahren keinen Engländer sein Gebiet betreten lassen und mehrere Briefe des VicekönigS unbeantwortet gelassen. Für die Engländer handelte eS sich darum, diesen Zuständen, unter welchen Rußland in Afghanistan festen Fuß zu fassen drohte, ein Ende zu machen. Denn das ist für Englands Herrschaft in Asien eine Lebensfrage, daß Rußland feilte Herrschaft nicht wie einen Keil zwischen Indien und die asiatische Türkei nach Afghanistan bis hart an die Grenze Indiens hineintreibt. Nach einer schon vor 4 Jahren geschehenen Verabredung zwischen England und Rußland sollten Persien und Afghanistan neutrales Land bleiben, in welches weder England noch Rußland feine Herrschaft hineintragen sollte. Aber schon bald nach Abschluß dieser Uebereinkunft hatte Rußland das Khanat Khiwa unter dem Vorwand, die Khiwaner wegen ihrer Räubereien zu züchtigen, annectirt. AlS Rußland also seine Herrschaft weiter nach Mittelasien vorschob, suchte England ein Gleiches durch die Vertrags-Anbietungeu mit Afghanistan zu thun. Allein cs konnte damit nicht zum Ziele gelangen, mußte vielmehr scheu, wie Rußland festen Fnß in Kabul faßte, und so entschloß sich der Vicekönig von Indien, eine Gesandtschaft an den Emir nach Kabul zu senden, obwohl er sicherlich recht gut wußte, daß derselbe die Gesandtschaft nicht annehmen würde, hatte er doch bereits einem früheren Gesandten den Eintritt ins Land verwehrt und ihn an der Grenze fragen lassen, was der Wunsch Englands sei. Die neue Gesandtschaft war mit großem Pomp ausgerüstet, führte auch große Geschenke für den Emir mit sich und erschienen. Sein Blick voll unvcrsöhnltchen Haffes streifte bett Bruder, dann verschwand er hinter der nächsten Hecke.
Kein Wort, kein Gruß war gewechselt worden.
Georg sah unwillkürlich hinauf zum Fenster. Da stand Mathilde und hielt die Hände gefaltet wie in großer Furcht, ihre ganze Haltung zeigte deutlich das heftigste Erschrecken. Er drehte dm Kopf, als sei seine frühere Bewegung Zufall gewesen, und dann ging er rasch in entgegmgcfctzter Richtung fort, diesmal mehrere Stunden ausblcibcnd, um ihr Zeit zu laffen, — wenn auch nur für ein ungehindertes schmerzerpreßtes Weinen.
Und der Versuch gelang über Erwarten. Er konnte weitere Wege unternehmen, ohne sich ermattet zu fühlen, konnte frühere Bckanntschaftm erneuern und geschäftliche Versuche einleitcn; vorher aber brachte er einmal einige Tage, angeblich arbettmd, ganz in seinem Zimmer zu und beobachtete verstohlm die Straße. Johannes ging viermal vorüber.
Ob im vorderen Zimmer die junge Frau am Fenster stand? Es brannte ihn, das zu erfahren, er wußte freilich selbst nicht, aus welchem Grunde, aber heimlich belauschen wollte er sie nicht. Die arme unglückliche Mathilde, sollte er ihr auch dies letzte karge Glück noch schmälern?
Seine Versuche, eine größere elegante Wohnung zu miethen, scheiterten sämmtlich an dem Verlangen der Vorausbezahlung. Er konnte auch in der ganzen Stadt keinen Advocaten finden, der ohne Bürgen den Prozeß gegen das väterliche Testament hätte führen wollen; mehr als ein Brief blieb unbeantwortet, andere enthielten Phrasen, und je zuweilen geschah cs, baß man ihn deutlich an frühere Verpflichtungen gemahnte; genug, auch der angestrengteste Tag verging ohne Resultat und Abend für Abend kehrte er verstimmt nach Hause zurück, hoffuungsarm und in allen seinen Voraussetzungen getäuscht. Es gab Leute, die ihn
war von zwei indischen Vasallen-Fürsten begleitet. Außerdem führte sie eine Bedeckung von 1000 Mann mit sich und ein noch größeres Corps sollte ihr in der Nähe an der Grenze bleiben. Der Emir ließ aber durch einen Offizier in einer Grenzstation der Gesandtschaft erklären, daß er derselben den Eintritt in sein Gebiet nicht gestatte, er habe dieselbe nicht verlangt, und ließ zugleich tatsächlich anbeuten, daß er ihr den Eintritt, nöthigenfallö mit Waffengewalt verwehren werde. — Diese schroffe Zurückweisung mußte England als eine schwere Beleidigung empfinden, die es freilich provocirt hatte, zu welcher Provokation es aber durch die Beziehungen zwischen dem Emir und Rußland sich gcnöthigt sah, weil es eben aus Gründen der Selbst- erhaltung unter keinen Umständen dulden kann, daß sich Rußland in Afghanistan festsetzt. Nach den neueren Nachrichten ist der Vicekönig von Indien entschlossen, sofort gegen Afghanistan vorzugehen. Die Rüstungen werben von Englanb, aber auch von bem Emir eifrig betrieben. Seine ordentliche Militärmacht wirb auf 20—30,000 Mann geschätzt, außerdem steht ihm aber noch ein Landsturm von etwa 100,000 Mann zu Gebote.
Für England kommt, wie gesagt, Alles darauf an, wie sich Indien zu der Sache stellt, bleibt dieses ruhig, so wird es ja mit dem trotzigen Emir fertig werden, erwachen dort aber Gelüste^ nach Abschüttelung der englischen Herrschaft, so kann die Sache für England sehr verhängnißvoll werden.
Tagesbericht.
Der Bundesrath wird nach dem Schluß der jetzigen Session wie die Rat. Ztg. vermuthet, wohl eine kurze Zeit pausiren, da die Arbeiten für die nächste Reichstagssession, deren Beginn vor bem Februar nicht zu erwarten ist, wohl erst gegen Schluß des Jahres in Angriff genommen werden. Die Vorarbeiten für den Reichshaushaltsetat sind übrigens bereits im Gange. Wider Erwarten ist das neue Reichsfinanzamt auch mit dem letzten Quartal d. I. noch nicht ins Leben getreten und eS wirb bis zum Beginn seiner Wirksamkeit nun wohl das neue Jahr herankommen; ob und in wie weit das Amt dann noch an dem Reichs- hauöhalts-Etat thätigen Antheil zu gewinnen hat, wird sich dann erst zu zeigen haben.
Aus den Entscheidungen des Ober-Handelsgerichts hebt die „Karlsruher Ztg." folgenden Fall hervor, der wohl geeignet ist, beherzigt zu werben. Bekanntlich üben die LebenS- verstcherungsgesellschaftcn häufig ihre Vertragsklauseln in sehr schroffer Weise auS. So hatte Jemand sein Leben für 60,000 M. versichert und nach seinem Tode erhob die Gesellschaft Anstände, erbot sich aber im Vergleichswege nicht grüßten, frühere Freunde, die ihn jetzt moralisch verleugneten. Georg mußte erkennen, daß die Welt eher alles Andere verzeiht, als leere Hände.
Wer nichts besitzt und keine hervorragende Stellung einnimmt, der halte sich bescheideN 'im Hindergrunde, wer aber einmal glänzen und mit seinem Ich, seinem Vermögen die Blicke der Menge auf sich ziehen konnte, ja dieser Vielbeneidete ist in die Acht erklärt, sobald ihm der Nimbus des Geldes fehlt, er wage nicht, auch noch mit leeren Taschen derselbe fein zu wollen, der er vordem war, ober Geißelhiebe der empfindlichsten Art harren seiner auf jedem Schritt.
Georg versuchte Alles, er bewarb sich sogar um eine Stellung als Buchhalter, aber auch das war vergeblich. Niemand wollte durch eine Verbindung mit ihm gewissermaßen öffentlich Partei nehmen gegen seinen Bruder; Niemand wollte zu thun haben mit einem so vielfach genannten, schon des gemeinen Diebstahls verdächtigten und der Insolvenz verfallenen Manne. Er fah sich überall höflich, aber bestimmt abgewiesen.
Nur Eine blieb dieselbe in guten wie in bösen Tagen. Mathilde empfing ihn freundlich, so oft er nach Hause kam; sie tröstete ihn und wußte seinen sinkenden Muth neu ZU beleben, sie war der Schutzgeist dieser ganzen trüben Periode. Einmal führte ihn fein Weg mehr zufällig als absichtlich auf den Gottesacker, wo Daschka begraben lag. DaS elegante Eisengitter und den Denkstein mit ihrem Namen in Goldbuchstaben hatte dcr Consul herstellen laffen. Die jetzt verwelkten Kränze aber tonnte nur Mathilde dem Sarge der Einsamen gespendet haben, das Schneeglöckchen, welches ihm entgegenblühte, hatte sie gepflanzt. Als er sie fragte, mehr mit Blicken als mit Worten, da wandte sich die junge Frau zu ihrem Nähtischchen und nahm aus dem verborgensten Fache desselben ein Blatt, das sie ihm zögernd