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gir. 23».

Marburg, Freitag, 4. October 1878

xni Jahrgang.

Anreizen nimmt emgegen: bit Expedition d.Blattes, sowie d-Annvncen-Bureaur von Th- Dietrich L Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt aM.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Ksffe in Berlin, Frank- furt o. M- ic

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täalick außer an den Werktagen nach <eonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Kocy'sche Buchdruckerei) bezogen 2» Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (excl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

ür das vierte Quartal werden Bestellungen auf die

Bberhelfische Zettumi

nebst

Jllustrivtes Sonntagsblatt

von allen Postanstalten noch angenommen.

Tagesbericht.

Die „Prov.-Corresp." bemerkt zu dem letzten Schreiben des Papstes: Diese Kundgebung bestätigt von Neuem in erfreulicher Weise den ernsten Willen des Papstes für die Wiederherstellung des kirchlichen Friedens, sowie die Ucber- zeugung desselben, daß ein gleiches Streben auf Seiten der deutschen Regierung bestehe. Mit dieser Slellung aber siebt in schroffem, höchst auffallendem Widerspruche die Haltung der ultramontancn Presse gegenüber jenen fried­lichen Absichten und Aussichten. — Ueber die Dauer des Aufenthalls des Kaisers in Baden-Baden und den Zeit­punkt der Rückkehr nach Berlin sind dem halbamtlichen Blatte zufolge noch keinerlei Bestimmungen getroffen. — Ferner schreibt dasselbe bezüglich der Berathung des So­zialistengesetzes: Die Hoffnung auf weitere volle Verstän­digung in ver Commission des Reichstages darf nach den bisherigen Anzeichen ernsten Willens und Strebens für das Zustandekommen des Gesetzes innerhalb der Mehrheit der Commission, wie der gemäßigten Parteien des Hauses durchaus aufrecht erhalten werden. Bei der Beurthcilung des bisherigen Ergebnisses der Commissionsberathungen fällt in Betreff dec einzelnen noch streitigen Punkte die That- sache ins Gewicht, daß die betreffenden Beschlüsse nicht das Werk der Vereinbarung zwischen denjenigen Gruppen sind, welche das Zustandekommen des Gesetzes wirklich wollen und zu fördern bestrebt waren, der Nationalliberalen und Konservativen, sondern das Erzcbniß des Zusammenwirkens eines Theils der Nationalliberalcn mit den entschiedenen Gegnern des Gesetzes. So ist denn der Entwurs, wie er aus der ersten Lesung der Commission hervorgegangcn, noch nicht das Ergebniß einer wirklichen Verständigung zwischen den Freunden der Vorlage, welche die eigentliche Mehrheit der Commission bilden, vielmehr theilweise das Werk einer zufälligen Mehrheit, worin die Widersacher der Regierung, welche schließlich doch gegen das ganze Gesetz stimmen wollen, das Uebergewicht hatten. Dieser innere Widerspruch bedarf der Lösung und Ausgleichung und wird sie hoffentlich in den weiteren Berathungöstadien finden. Es muß zur vollen Verständigung unter denjenigen Grup-

Herodias.

Roman von W- Höffer.

(Fortsetzung.)

Ein Gedanke, schaurig und heimlich packend zugleich, ein Blendwerk der Hölle irrte vorüber an seiner ausge- schrccktcn Phantasie. Wenn jetzt Mathilde fortging und hinter sich diese Thür verschloß, nur auf einige wenige Stunden, wenn 'der besinnungslose Kranke allein blieb, un­bewacht, dem Fieberwahn überlassen, dann stand vielleicht zwischen ihm und dem Glücke kein Hinderniß mehr, — die Bandagen hatten sich verschoben, ein Bluistrom das Bett überrieselt und ein matischlagendes Herz zu pulsen aufgehört.

Nur fortgehen, fortgehen auf einige Stunden, mehr brauchte es nicht.

Fester und fester umgarnten ihn die bösen Mächte. Er sagte eö laut, was so verlockend seiner Seele vor­schwebte, er flehte sie an, er schwör ihr, nur für sie zu leben, sie auf Händen tragen zu wollen, seine Worte waren Beten und Lästern zugleich; er trat näher an das Bett heran, kaum bewußt dessen, was er that.

„Komm, Mathilde, komm, es ist eine Todtenhand, die Du hältst! Ihn rettest Du nicht mehr, — mach' eS barmherzig, nimm das Tuch fort, — laß ihn schneller sterben!" . .

Seine Hand streckte sich aus, die junge Frau schrie auf vor Entsetzen. Da drehte Georg den Kopf langsam von einer Seite zur anderen und öffnete weit die Augen. Es war ein leerer, seelenloser Blick, keine Spur des Be­wußtseins schimmerte darin, aber dennoch übte er erschüt­ternde Wirkung. Johannes taumelte, wie von einem Schlage getroffen; er sprach kein Wort weiter, sondern

pen kommen, welche mit der Regierung das Gesetz nach seinem Zweck in seinen wesentlichen Grundlagen als uner­läßlich erachten und deshalb zum Zustandekommen ernst und aufrichtig zusammen wirken wollen.

Die Sozialistengesetz-Commission setzte gestern die zweite Lesung fort. Zu § 1 werden die Worte „Sozialdemokra­tische, sozialistische oder kommunistische Bestrebungen mit zwölf gegen sieben Stimmen aufrecht erhalten; die von der Regierung gewünschte Wiederherstellung des Wortes „Untergrabung" anstatt des Wortes „Umsturz" wurde mit 13 gegen 6 Stimmen abgelehnt, dagegen wurden dem Wunsche der Regierung entsprechend die Worte „die Ein­tracht der Bevölkerungsklaffen gefährdend" mit 13 gegen 7 Stimmen gestrichen. Der so abgeänderte §. 1 wurde dann im Ganzen mit 12 gegen 8 Stimmen angenommen. Zu §. 5 beantragte Abg. Bruel, den in erster Lesung zu §. 20 beschlossenen Zusatz einzufügen, wonach die Be­schränkung des Versammlungsrechtes auf Versammlungen zur Vorbereitung von Reichs- und Landlagswahlen sich nicht erstrecken soll. Der Minister Eulenburg trat lebhaft gegen den Bruel'schen Antrag auf, während Lasker für denselben sprach. Der Bruel'sche Antrag wuroe schließlich mit 10 gegen 10 Stimmen abgelehnt. Zu §. 6 sprach der Minister Eulenburg den lebhaften Wunsch aus, daß der Beschluß der ersten Lesung, wonach dem Verbote einer Druckschrift eine Verwarnung vorausgehen muß, wieder beseitigt werde. Nach längerer Debatte wurde bezüglich dieses Alinea des §. 6 folgende Fassung genehmigt: „Bei periodischen Druckschriften kann das Verbot sich auch auf das fernere Erscheinen erstrecken, sobald auf Grund dieses Gesetzes ein Verbot einer einzelnen Nummer erfolgt ist". Im Ganzen wurde sodann der Paragraph mit 12 gegen 8 Stimmen genehmigt. Die §§. 7 und 8 wurden mit unwesentlichen Aenderungen angenommen.

Die „Deutsche Gemeindeztg.", bereit Herausgeber Dr. Stolpe (ein Mitarbeiter des „Staatssozialist") vor Kurzem dem Fürsten Bismarck jede Bedeutung als Staatsmann ab­gesprochen hat, schreibt itunmehr über die letzte Rede des Reichskanzlers: „Wie fast niemals bei wichtigen Verhand­lungen ließ es auch diesmal Fürst Bismarck an großen Ueberraschungen nicht fehlen! Er hielt Laffalle eine Lob­rede, wie sie demselben glänzender kaum gehalten werden kann, erklärte, daß er ihn nicht zu den Sozialdemokraten rechne, auch die' Gewährung von Staatsmitteln zu Pro- duetiv-Associationen keineswegs für verderblich halte, ja das 100-Millionen-Projekt Lasfalles demselben seiner Zeit zu­gesagt habe, der ein „kluger und sehr geistreicher Mann war", was wir allerdings aus eigener Wissenschaft bestä- verließ das Zimmer und das Haus, als werde er von bösen Geistern verfolgt.

Draußen im Schneetreiben empfingen ihn Orgelklänge. Vielleicht ein armer Blinder oder Krüppel, der in dieser Nacht auf die Mildthätigkeit seiner Mitmenschen mehr als sonst zählen zu können glaubte; vielleicht ein Bettler, den die bittere Noth des Lebens auch am heiligen Abend hinauS- trieb in Sturm und Toben! Er drehte die Walzen und neben ihm stand ein weinendes, vor Kälte zitterndes Weib, das flehend die Hand ausstreckte.

Johannes sah cs nicht. Vor den Blicken seiner Seele schwebten jene weit offenen, dunkeln Augen, die Augen seines Bruders — und tief im Herzen flüsterte es laut und immer lauter, wohin er sich wenden mochte, immer lauter: „Kain!"

Hinter ihm sang die Orgel ihr tröstliches, herzerwecken­des „Christ ist erstanden!" — er floh, es klang ihm wie eisiges Hohnlachen.

* *

Und noch an eilt anderes Fenster drangen in dieser Nacht die stillen gehaltenen Weisen. Ein Lichtmeer um- fluthete im Mittelpunkt des reichgeschmückten, von Blumen­dust durchzogenen SaaleS den offenen Sarg, auf dessen weißen atlaSnen Kiffen Daschka's Todtenantlitz lag. Von Rosen und Lilien umgeben, das schwarze Haar geordnet wie im Leben, in ein weißes fürstliches Sterbekleid gehüllt, so hatte Haydöe die Herrin zum letzten Schlummer ge­bettet. Kein Geistlicher wachte an dieser Bahre, kein Leid­tragender würde morgen dem Sarge das Geleit geben, fern von ihrer schönen, sonnigen Heimath sollte die junge Jn- bierin in kalter Erbe ausruheu bis zum Werderuf des letzten Gerichts, — nur die Sclavin kauerte auf ihren Kuieen am Sarge und hielt die Hände gefaltet in bitterer Qual.

tigen können. Nach diesen Aeußerungen des Reichskanzlers müssen wir gestehen, daß er jedenfalls viel „sozialistischer" ist, als wir selbst sind, beim auf dem Wege der Staats- hülfe für Productiv-Associationen können wir ihm nicht folgen. Wohl aber würden wir nach seinen unergründ­lichen Auslassungen den Regierungs-Gesetzentwurf unbe­anstandet lassen können, wenn er selbst und allein denselben zur Ausführung bringen würde, was aber eben unmöglich ist."

Neueste Orient-Nachrichten:

Wien, 2.Ott. Das hiesige „Telegraphen-Correspon- denzbureau" meldet aus Rom, 2. Oktober: Der Nunttus Jacobini, welcher Rom verließ, begab sich nicht direkt auf seinen Posten nach Wien. Er erhielt einige besondere Missionen und wird über Gens und München nach Wien reisen. In München wird Jacobini eine Unterredung mit Masella haben und demselben Jnstruttionen des Cardinal- Staatssekretärs Nina in Betreff der Verhandlungen mit Deutschland überbringen. Die Instruktionen, welche Ja­cobini für die Verhandlungen mit Rußland wegen der Kirche in Polen erhielt, sind keine endgültigen. Der Er­folg dieser Verhandlungen wird von der Aufnahme abhän­gen, welche seine Vorschläge zur Gewinnung eines Aus­gangspunktes für dieselben finden werden. Die gedachten Vorschläge zielen darauf hin, baldmöglichst für die zahlreichen vacanten bischöflichen Stühle und Seelsorgerposten Vorsorge zu treffen. — Ministerpräsident Cairoli wurde mit der interministifchen Leitung des Handels- und Ackerbau-Mi- nisteriums betraut. Derselbe wird heute hierher zurück- kehren.

Konstantinopel, 2. Okt. Der stühere tunesische Minister Khered din-Pascha ist zum Senator ernannt. — Die zweite Sitzung der ostrumelischen Commission findet am Donnerstag statt. Aus der Tagesordnung steht der Abstimmungsmodus. — Dem Vernehmen nach telegraphiere der Sultan an Hacki Pascha, er mache ihn für alle Grau­samkeiten verantwortlich.

Pera, 2. Okt. Der englische Botschafter Layard con- ferirte gestern fünf Stunden mit dem sultan. Die türki­schen Truppen besetzten Kademkoi wieder und marschireu nach Gallipoli. Es heißt, Mukhtar Pascha würde von Kreta wieder abberufen und durch eine andere Persönlichkeit ersetzt werden.

Es unterliegt heute wohl keinem Zweifel, daß die Schwierigkeiten mit Afghanistan von der englischen Regie­rung mit voller Berechnung herbeigeführt worden sind; auf der anderen Seite darf aber auch nicht verkannt werden, daß England gezwungen war, die Sache mit Afghanistan zum Bruche zu bringen. Die Gesinnungen der Emire von

Die da unten im Erdgeschoß, die deutschen Dienst­boten feierten ja heute ein Fest. Ein grüner licht- glänzender Baum stand auf dem Tisch, kleine Gaben gingen von Hand zu Hand, Thräuen schimmerten in den Augen der Mädchen und emfter waren die Blicke der Männer, — sie hatten sich Alle, Eins nach dem Anderen, hierhergeschlichen und von der tobten Herrin, ehe morgen früh der Sarg geschloffen würbe, einen wortlosen Abschieb genommen; sie waren so eigen still und durch die Luft wehte es so feierlich, so ernst, als sei dieser Abend ein Anderes, Höheres, als das Gewöhnliche.

Was wußte das arme Hindumädchen von der Mensch­werdung Gottes? — Aber doch zog durch ihre Seele ein Ahnen, doch ließ sie die Hände gefaltet im Schooße liegen, unv was sie dachte, war ein Gebet. Ob zu Brahma und Wischnu, ob zu dem Erlöser unserer Religion, das Gebet aus bekümmertem trostbedürftigem Herzen findet feinen Weg bis vor die Stufen des Weltenthrones, es übt auf den Flehenden selbst den ganzen Einfluß des Friedens.

Als von draußen her jenes „Christ ist erstanden" wie grüßend herauf schallte in den lichthellen blumengeschmück- ten Todtensaal, da lauschte Haydöe in unbewußter Andacht den frommen Klängen. „Meine arme Herrin hat den Sahib tobten wollen," dachte sie, „ich glaube es gewiß und weiß auch, daß das Niemand thun darf. Aber doch war es nur Liebe, Verzweiflung; doch hat sie gelitten wie eine Verdammte, ehe es zu dem letzten schrecklichen Entschluß kam, — das wissen die Götter, die Alles sehen, — sie werden meine arme Herrin keine Mörderin nennen."

Zwölftes Kapitel.

Wochen vergingen und Georgs schweres Siechthurn währte fort. Ein Nervenfieber hatte sich der ursprüng­lichen durch die Wunde hervorgebrachten Entzündung zuge-