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Marburg, Dienstag, 24. September 1878.
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Aber sie unterbrach ihn, jäh emporschnellend, saft wir in plötzlicher Flucht, sie streckte beide Hände aus und schien größer zu werden jm stolzen Abwehren dieses Vorschlages. „Schweig, Sahib," bebte es von chren Lippen, „schweig? Weißt Du nicht, wo Worte anfangen, wie tödllicheS Gift zu wirken?"
.. Sie trat zum Fenster und wehrte ihm, al« er ihr nacheilen wollte. Es schien, daß die Bezeichnung „meine Frau" in ihr einen unerträglichen seelischen Sturm hervorgerufen hatte, daß sie unfähig war, diesen Gedanken zu ertragen. Und doch sagte er die beiden Worte mit. voller Absicht, mit dem Plan, ihr jetzt auseinander zu setzen, welchem Zwange er bei seiner Heirath gehorcht, wie sich das Alles entwickelt habe und daß ihr sein Herz leinen Augenblick untreu geworden. Sie sollte die vermeintliche Nebenbuhlerin kennen lernen, sollte von Mathildens eigenen Lippen alle diese Einzelheiten erfahren. _
, war zu schnell, zu unvorbereitet gekommen, Daschka zitterte am ganzen ficrper, so daß es ihm leid that, die Worte gesagt zu haben. Er ging ihr nach und begütigte sie, ohne jedoch den Abstand, welche chm ihre Handbewe- gung gebieterisch vorzeichnete, zu überschreiten. „Laß daS Alles, Sahib," klang es abgewandt zu ihm herüber, „ich weiß von dem Familiengesetz und der Erbfolge im Geschäft, das hat nur einen anderen Namen, sonst ist es dasselbe wie meine eigene Verlobung mit Akbar-Selim, damals, als ich drei Jahre zählte. Ich kenne alle Deine Verhältnisse, wozu wären sonst die vielen Wochen vergangen? Du brauchst mir nichts mehr zu erzählen."
Er führte sie zum Divan zurück und sah jetzt, daß sie entsetzlich blaß geworden war. Späterhin also, — für heute schien es grausam, auf alle diese Dinge weiter ein* zugehen. Ihre Hand zitterte so stark, daß sie das Taschen- Mch fallen Keß; Daschka hätte jedenfalls als Europäerin
von Mechanik der Zellen, ist daS geistige Leben nur eine Function besonders fein gebildeter Organe, in Nichts verweht, wenn die Gehirnzellen zerfallm, giebt es keine Fortdauer der Seele nach dem Tode, kein Weltgericht, an dem wir für Alles, was wir gedacht, gethan und unterlaßen, Rechenschaft ablegen müssen, dann ist auch das göttliche Recht eine Fabel, der Kampf um's Dasein ist berechtigt, die Sozialdemokratie „die einzige Partei, die noch Ideale hat", wie Bebel im Reichstage behauptete.
Wenn aber Häckel nachweift, daß es eine objective Wissenschaft, d. h. also absolut Wahres überhaupt nicht gebe, weder in der Mathematik, noch in der Physik, weder win der Chemie noch in den historischen Wissenschaften, weder in der Geologie noch in der Anthropologie, wenn überall die Wissenschaft mit Theorien, mit Hypothesen, für beren objective Wahrheit sie keinen absolut zuverlässigen Beweis bringen kann, arbeiten muß, wie kann er es wagen, den bald zweitausendjährigen Glauben der Kirche, auf dem unsere ganze moderne Bildung, unser Staats-, Gemeinde- und Gesellschaftsleben ruht, durch seine „Descendenz-Religion" ersetzen zu wollen und damit Alles, was auf Grund unseres alten Christenglaubens sich gebildet, entwickelt und gestaltet hat, in Frage zu stellen und frivoler Agitation preiSzu- geben? Auf der Descendenz-Religion läßt sich nur der Zu- kunstSstaat der Sozialdemvkratm aufbauen. -
Professor Häckel und die Sozialdemokratie.
Auf der Münchener Naturforscherversammlung im vorigen ehre hielt Häckel einen Vortrag über seine Entwicklungs- fte oder Evolutions-Theorie, und verlangte, daß beren ksultate als Theil ber Gesammtwissenschaft in unserm Jenfen unb Handeln, in unserer Erziehung und gesell- haftlichen Thätigkeit mehr als bisher ber Fall sei, berück htigt werben müßten. Nach ihm sprach Virchow über 6 Freiheit ber Wissenschaft im modernen Staat, erklärte je Häckel'sche Descenbenz-Theorie für unbewiesen, verlangte, ß in ber Schule nichts gelehrt werden dürfe, was nicht folut sicher fei, riech seinem Collegen wissenschaftliche «lbstbeschränkung an, erklärte jeden Versuch, die Probleme i Wissenschaft als Grundlagen des Unterrichts einzuführen, ® Versuch insbesondere, die Kirche einfach zu depossediren |b ihr Dogma durch eine Descedenz-Religion zu ersetzen t vergeblich und für die Stellung ber Wissenschaft über« wpt gefährlich, unb behauptete, baß bie Descenbenz-Theorie t Sozialdemokratie Vorschub leisten werde.
Häckel vertheidigte sich damals nicht unb brauchte fast \ Jahr zu seiner Vertheibigungöschrift, ba eine inzwischen 1 Wien gehaltene Vorlesung kaum als Vertheidigung beichtet werben darf. Offenbar hat ihn der Vorwurf irchowS, daß die Descenbenzlehre mit ber Sozialdemokratie sammenhänge, erst bann gepackt, als neuerdings auch die fmzzeitung bie beiden Attentate auf den Kaiser mit bem drwinismus in unmittelbare Verbindung brachte. In ®er kürzlich in Stuttgart erschienenen Entgegnung „Freie issenschaft unb freie Lehre" muß deshalb auch die eigent* |e Pointe in ber Vertheidigung seiner „ Evolutions-Theorie"
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HtN ZKaskenöaL König Jeromes", von E. Sch.
(IRarburgeriu.)
Die Gxpes. I. Oberh. Zeitung.
gegen den Vorwurf, eine Revolutions-Theorie zu fein, gesucht werden.
Häckel behauptet, baß seine Entwickelungs-Theorie eine aristokratische, keine demokratische Tendenz habe. Er sagt: „Die Selectionötheorie lehrt, baß im Menschenleben, wie im Thier- unb Pflanzenleben überall unb jederzeit nur eine kleine bevorzugte Minderzahl existiren unb blühen kann, während die übergroße Mehrzahl darbt und mehr ober minder frühzeitig elend zu Grunde geht." So sei es auch im Menschenleben ber Fall. „Deutlicher als jebe anbere wissenschaftliche Theorie predigt gerade bie Descenbenz- Theorie, baß bie vom Sozialismus erstrebte Gleichheit ber Individuen eine Unmöglichkeit ist, daß sie mit ber lhatfäch- lich überall bestehenden und nothwendigen Ungleichheit der Individuen in unlöslichem Widerspruch steht. Der Sozialismus fordert für alle Staatsbürger gleiche Rechte, gleiche Pflichten, gleiche Güter, gleiche Genüsse (??); die Descen- denz - Theorie gerade umgekehrt beweist, daß bie Verwirklichung dieser Forderung eine baare Unmöglichkeit ist, daß in den staatlichen Organisationsverbänden ber Menschen wie ber Thiere weder bie Rechte unb Pflichten, noch die Güter und Genüsse aller Staatsgüter jemals gleich fein werden, noch jemals gleich sein können."
In wieweit eö ihm geglückt ist, Virchow, bie Kreuzzeitung unb andere Gegner zu überzeugen, daß die Ent- wicklungs - Theorie so ganz und gar aristokratischer Natur sein soll unb deshalb mit ber Sozialdemokratie nichts gemein haben könne, wissen wir nicht.
Dagegen ist es Häckel nicht gelungen, seine eigenen Freunde unb bie ihm gegen seinen Willen octroyirten Bundesgenossen zu seiner Auffassung zu bekehren. Von Einem, der den Evolutionskreisen angehört, ist ihm cntgegengehal- ten, daß die geistige Entwicklung ber Menschheit nicht zur Blüthe einer geringen Minderzahl, sondern zu immer weiterer Ausdehnung des Wissens über immer größere Kreise strebe, unb „zur Erlangung ber Gleichheit in den wichtigsten Lebensbeziehungen schon recht bebeutenbe Stationen hinter sich habe". Unb am 16. b. M. hat Bebel im Reichstag erklärt: „Wir haben unsere Anhänger in allen Kreism, ja sogar die größten Koryphäen ber Naturwissenschaft arbeiten an unseren Werken mit Wenn ber Professor Häckel auch bie Virchow'sche Behauptung, daß ber Darwinismus ben Bestrebungen ber Sozialdemokratie nütze, bestritten hat, so hat er eben damit nur gezeigt, daß er gar nichts von der Sozialdemokratie versteht. Der auf Umgestaltung der Naturwissenschaft gerichtete Darwinismus ist wissenschaftlich ein& unserer wesentlichsten Förderungsmittel.
Der Grund ist klar genug. Unsere staatlichen unb gesellschaftlichen Einrichtungen bafiren auf dem Glauben an ein göttliches Recht. Ist dagegen das Leben nur eine Art
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| ‘ Herodias.
k .. . . Roman von W. Höffer.
| (Fortsetzung.) . '
t Er küßte die Worte von ihren Lippen. „Aber dennoch rließest Du mich meiner Verzweiflung, Daschka?" sagte im Tone leisen Vorwurfs, „dennoch riefst Du mich tzt, gabst mir kein Zeichen?"
„Konnte ich?" fragte sie leidenschaftlich. „Du hast st gesehen, daß ich bie Nägel in das eigene Fleisch .grub, tt hast nicht gesehen, daß ich schrie vor Schmerz — unb H nennst Du mich falt!"
Seine Liebkosungen überschütteten sie. „Warum konntest l mich nicht zu.Dir rufen, Geliebte?" fragte er. „Ich l eS wissen, — ich kann vielleicht von Deiner Seele Kn Bann nehmen durch Das, was Du von mir erfahren kst!" ... ,
Sie sah ihn an, wie träumend, in Sinnen verloren, to ersten Male, seit er sie kannte, schimmerte ihm die« karge Auge im feuchten Glanz entgegen, zum ersten Male süß bestrickend ber Zauber wehmüthiger Milde auf ben Izen Zügen. „Einen Bann wolltest Du von mir neh- *, Sahib? — Still, Du müßtest sonst lügen, Du — #, nein, laß bas, — ich habe ihn selbst abgeftreift, ben «n, ich will nichts hören, als baß Du mich liebst. Daß unb nur ich es war, bie Du immer geliebt hast!" .„Nur Du!" antwortete, er mit festem Tone. „Unb tzDir zu zeigen, daß zwischen uns niemals die Lüge irgend einer Gestalt Platz hatte, will ich, wenn Du es utteft, späterhin meine Frau hierher bringen, eben tit Ihr Beide Euch gegen einander aussprecht unb Du : richtigen Erkenntniß kommst. Späterhin, sage ich, wenn Hilde und ich —"
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Dre Nordd. Allg. Ztg. bementirt die wiederholte Behauptung ber Germania, baß bie Jnititattve zu ben tzl Kissingm zwischen bem Herrn Reichskanzler und dem Nuntius Masella gepflogenen Verhandlungen von dem Ersteren ausgegangen sei. Dieselbe sei, wie dies auch von den Organen des Vatikans im Gegensatz zu der Germania ausdrücklich anerkannt, von dem versöhnlich gesinnten Papste ergriffen worben unb so hecht e« weiter:
»Der Reichskanzler würbe, wenn er auf diesen Ruhm Anspruch hätte, denselben gewiß ebenso wenig ablehnen; Thaffache ist jedoch, daß er dem Papst gebührt und daß Anfang Juni bereits Verhandlungen über die Einleitung unmittelbarer Besprechungen geführt worden sind."
Die neue Erkrankung des Fürsten Bismarck an einem Nesselfieber, wie cs ihn ähnlich bereits im April d. I in Friedrichsruhe heimgesucht, wird mit den Anstrengungen in Zusammhang gebracht, denen sich der Reichskanzler in oratorischer Beziehung in der Socialisten-Debatte unter* jogen hatte. Das Uebel begann mit einem galligen Erbrechen, kurz nachdem er am letzten Dienstag aus der Reichs- tagSsitznng in seine Wohnung zurückgekehrt war. — Der mit völlig ausgebildeten Salonnerven in diesem Augenblick ohnmächtig werben müssen, so aber, ein Kind ber Wilbniß, bezwang sie sich, unb lächelte ihm roieber entgegen, obwohl ihr Athem wie im Fieber flog.
„Laß uns effen, Sahib, Haydse hat Dir Dein Lieb- lmgsgericht zubereitet! Komm, ich möchte Wein trinken!"
Er füllte chr Glas unb sie leerte es beinahe wie auS brennenbem Durst, als fei ber Inhalt Wasser.
Dann glitt sie plötzlich vom Sopha und legte ben Kopf auf fern Knie. „Habe ich Dir weh gethan, Sahib? — Du meintest es gut, gewiß, Du meintest es gut, aber — dafür ist es ja nun doch zu spät — zu spät.--“
Ihr Schluchzen drang ihm ins Herz. Daschka weinend, Daschka auf ben Knieen liegenb, er glaubte zu träumen unb bennoch fühlte er sich grenzenlos beglückt. War baS nicht in bem ganzen reizenden Bilde ber eine Zu», ben er bisher so schmerzlich vermißt hatte?
Die Hand, welche ben Tiger getöbtet , zitterte in ber seinen, bie Augen, vor deren dämonischem Glanz sich das Raubthier angstvoll flüchtete, sahen jetzt bittend schüchtern fast zu ihm auf. Er hob bie Änieenbe empor' er gab ihr alle Schmeichelnamen zärtlichster Liebe unb gelobte ihr, nie, nie wieder von ber Vergangenheit zu sprechen. „Mit diesem Tage beginnt für uns das Leben, nicht wahr, Geliebte? Seit beute rechnen wir unb denken wir, feit heute geht Dein Schicksal auf in dem meinen, weil Du mich liebst unb mir vertraust! Komm, msie mich, mein Liebling, Du darfst nicht weinen. Willst Du mir das versprechen?"
Und wieder sagte sie so seltsam bestimmt: „Nie mehr, Sahib, nie mehr! Das war ein Abschied, diese Thränen — ein letzter Abschied von Dem, was hinter uns liegt"
Sie hielt feinen Kopf zwischen ihren beiden Händen
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