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-Marburg, Mittwoch, ll. September 1878

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Herodias.

Roman von W. Höffer.

(Fortsetzung.)

„Nun, Georg? — Nun?"

lern Reich und der ganzen bürgerlichen Gesellschaft drohende Kfahr mehr und mehr zum allgemeinen Bewußtsein ge­rächt hat, werden Sie, geehrte Werten, durch Neuwahlen ir Mitwirkung an der Gesetzgebung berufen, aufs Neue i prüfen haben, ob das bestehende Recht genügende Hand­lien zur Unschädlichkeit jener Bestrebungen bietet.

Die verbündeten Regierungen haben ihre Ueberzcugung icht geändert. Sie sind nach wie vor der Ansicht, daß t außerordentlicher Maßregeln bedarf, um der weiteren dsbrcitung des cingerissenen Uebels Einhalt zu thun und

rundlagen unseres staatlichen und Culturlebenö bedroht, in von diesen Gesichtspunkten aus aufgestellter Gesetzent- vrf wird ihnen unverzüglich vorgelegt werden. Die ver­ödeten Regierungen hegen die Zuversicht, daß die neu­wählten Vertreter der Nation ihnen die Mittel nicht ver- zen werden, welche nothwendig sind, um die friedliche

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Tagesbericht.

> Der Reichstag ist mit folgender Thronrede Montag Wag 2 Uhr eröffnet worden: Geehrte Herren! Im Aller- ßchsten Auftrage haben Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz des Deutschen Reichs und von Preußen «ich zu ermächtigen geruht, im Namen der verbündeten i Regierungen die Sitzungen des Reichstages zu eröffnen. — : Ns die letzte Session geschlossen wurde, befand sich das I wüsche Volk noch unter dem Eindrücke der tiefen Erregung, »eiche ein gegen die Person Sr. Maj. des Kaisers gerich­teter Mordversuch hervorgerufcn hatte. Schon wenige Tage urauf hat sich abermals und mit unheilvollerem Erfolge die Hand eines Verbrechers gegen das Oberhaupt des Reiches erhoben. Gottes Gnade bewahrte zwar auch dies- «al das Leben des Kaisers, aber die erlittenen schweren Verwundungen haben Se. Majestät genöthigt, bis zur rilligen Genesung sich der Regierungsgeschäfte zu enthalten mb die Wahrnehmung derselben Sr. Kaiserlichen Hoheit lern Kronprinzen zu übertragen. — Schon nach dem ersten Kordanfall waren die verbündeten Regierungen überzeugt, »ß die Frevelthat unter dem Einstusse der Gesinnungen Händen sei, welche durch eine auf Untergrabung der be­sehenden Staats- und Gesellschaftsordnung gerichtete Agi- latien in weiten Kreisen erzeugt und genährt werden. Sie

Erscheint täglich anher an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der toöd>entlid>en SBeilnn» <\<r,,. ."T”777" Buchdruckerei. bezogen 2>, Mark durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 »Ä (eS«

___________________________________________'n der Expedition zu ertbeilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 ^ berechnet g-Ip-lt-n- Zeile 10 Pfg.

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üben deshalb dem Reichstage den Entwurf eines Gesetzes »jw. ^gelegt, welches diesen gemeingefährlichen Bestrebungen mscht. ül Ziel zu setzen bestimmt war. Die Vorlage wurde ab- rlchnt. Jetzt, wo der Nation ein erneutes Verbrechen die

Von Seiten der deutsch-conservativen Fraktion wird für die Besetzung einer Präsidentenstelle im Reichstage Herr voll Seydewitz in Vorschlag gebracht. Daß die Ultramon­tanen von der Besetzung des Präsidiums ausgeschlossen bleiben, darüber herrscht unter den beiden konservativen Fraktionen und den Nationalliberalen Einverständniß.

Die „Nat.-Ztg." äußert in einer Besprechung der Thron­rede: Der natioualliberalen Fraktion ist anscheinend in dem Gegensätze der Parteien die entscheidende Stimme vorbe- behalten. Die nationalliberale Wählerschaft hat — darüber ist kein Zweifel möglich — das Schuldig über die social- demokratische Agitation ausgesprochen und ihren Abgeord­neten die Aufgabe überlassen, das Urtheil zu sprechen, das darauf gebaut werden soll. Die in der Thrvlirede ausge­sprochene Hoffnung, daß die Vertreter der Nation die ge­eignetsten Mittel zur Sicherstellung des Reiches nicht ver­sagen würden, erscheint uns schon heute als eine wohlge- gründete. Die Haltung des ganzen Aktenstückes ist eine prägnante. Der Ton, in welchem die wenigen Sätze sich bewegen, nimmt nichts von der Reserve weg, welche die äußere Form der Eröffnung der ganzen Handlung schon von vornherein aufdrückt.

Die amtliche Feststellung deö Resultates der Nachwahl lin L Berliner Wahlbezirk fand am Sonnabend statt. Die Zahl der eingeschriebenen Wähler betrug 18429. Abgegeben 10772 Stimmen. Davon ungültig 54 St., es blieben so­mit 10718. Davon erhielten Fabrikbesitzer Ludwig Löwe (Fortschritt) 7465 St., Frhr. Schenk v. Stauffenbera (nat.-lib.) 1390 St., Redakteur Joh. Most (Soc.-Dem.) 1798 St.; cs zersplitterten sich 65 St. Gewählt ist dem­nach Fabrikbesitzer Ludwig Löwe.

Die amtliche Feststellung des Wahlresultats im II. Ber­liner Wahlkreise ergab: Eingeschriebene Wähler 36815, ab­gegebene Stimmen 24710. Davon ungültig 44, bleiben 24666 Stimmen. Davon erhielten Stadtgerichtsrath Hoff­mann (Fortschritt) 14148, Ober-Verwaltungs-Gerichtsrath Struckmann (nat.-lib.) 3063, Schriftsetzer Ang. Baumann (Soc.-Dem.) 7474 St. Die übrigen Stimmen zersplitterten sich. Stadtgerichtsrath Hoffmann ist mithin gewählt.

Die Kommission zur Berathung der ärztlichen Prüfungs­reform hat am Freitag ihre Arbeiten beendigt. Die Er­gebnisse derselben lehnen sich, im Wesentlichen an den ur­sprünglichen Entwurf des preußischen Kultusministeriums, an, welcher durch die Geheimen Räthe Göppert und Ker- sandt vertreten wurde. Von den Abänderungs-Vorschlägen des Reichs-Gesundheitsamts gelangten diejenigen zur An­nahme, welche eine Verlängerung der medicinischen Studien- — jetzt zeigt mir das Schicksal, wie sehr ich mich verrech­nete."

Mathilde antwortete ihm nicht. Erst nach einer Pause fragte sie mit völlig veränderter Stimme: „Georg wie lange wird es dauern, bis das Strafgericht die Untersuchung beendet hat?"

„Wie so das? Vielleicht in vier Wochen, wenn ich Glück habe. Aber es ist Wahnsinn, das Wort Glück über­haupt in Bezug auf mich nur zu denken. Die Sache wird sich Jahr und Tag hinschlcppen und endlich und zuletzt hat man heraus gefunden, daß eben gar kein Anderer als ich allein jenen Geldbrief gestohlen haben kann, — ich weiß es heute schon."

Er ging in sein Zimmer, um mehrere Briefe zu schrei­ben, und ließ, wie immer, die junge Frau allein.

Dämmerung umhüllte den kleinen wohnlichen Raum, draußen knirrschte der Schnee an den Fenstern und eins nach dem anderen erhellten sich die Scheiben der Nachbar­häuser. Hier eine kleine friedliche Familie um den Abmd- tisch versammelt, dort rothwangige Kinder im heiteren Spiel, und an jener Stelle eine Mutter mit dem Säug­ling in den Armen, — das Alles tauchte minutenlang herauf aus der nächtlichen Finsterniß, und dann fiel ein Vorhang herab, neidisch das Bild des geheiligten Familien- Mckes den Blicken der Welt entziehend. Mathilde sah hinab in den wirbelnden Schnee, thränenlos mit heißen Augen, nur beherrscht von einem einzigen Gedanken. Das Grab, an dem sie heute^gestanden, gähnte tief und dunkel und im verschlossenen Sarge lag sie selbst. Scholle nach Scholle fiel herab, aber seltsam, je weiter sie von der Oberwelt getrennt war, je weniger Klang und Schall zu ihr in die Gruft gelangte, desto wohler, desto seliger wurde ihr, und wieder und wieder fragte es in ihrem Her-

m Boden für eine allmähliche Heilung zu bereiten. Sie lasse! >l!m ebenso an der Auffassung fest, daß die zu wählen- m Mittel die staatsbürgerliche Freiheit im Allgemeinen s schonen und nur dem Mißbrauch derselben entgegenzu- irken haben, mit dem eine verderbliche Agitation die

„Ich erinnere; mich dessen," antwortete Georg kalt. ,«* fc der Vater konnte nur in Betreff seiner eigenen Wegmheitm verfügen, über die meinigen nicht. Auch ein iler darf nicht ungestraft seinen Sohn beleidigen. Ich klänge jetzt die strengste, auf alle Einzelheiten ausgedehnte H Versuchung."

Entwickelung des Reiches gegen innere Angriffe ebenso sicher zu stellen, wie gegen äußere. Sie geben sich der Hoffnung hin, daß, wenn erst der öffentlichen Ausbreitung der un­heilvollen Bewegung ein Ziel gesetzt ist, die Zurückführung der Irregeleiteten auf den richtigen Weg gelingen wird. Auf allerhöchsten Befehl erkläre ich im Namen der verbün­deten Regierungen den Reichstag für eröffnet.

Bei der Eröffnung des Reichstages im Weißen Saale des königlichen Schlosses waren etwa 150 Abgeordnete, überwiegend neugewählle, meist in Civilkleidung, anwesend. In der Diplomatenloge wohnten nur der Gesandte der amerikanischen Union, Bayard Taylor, der japanesische Ge­schäftsträger und einige Attaches der Feierlichkeit bei. Die Tribüne war ziemlich gefüllt. Der Stellvertreter des Reichs­kanzlers, Graf Stolberg, trat bald nach 2 Uhr an der Spitze des Bundesraths ein, welcher sich 'links vom kaiser­lichen Thron aufstellte. Der Thronsessel unter dem Baldachin des Thrones war verhüllt. Alterspräsident v. Bonin brachte beim Eintreten des Bundesraths ein dreifaches Hoch auf den Kaiser aus. Nachdem Graf Stolberg die Eröffnungs­rede verlesen hatte, schloß die Feierlichkeit mit einem vom baierischen Gesandten v. Rudhardt ausgebrachten erneuten Hoch auf den Kaiser, in welches die Versammlung lebhaft einstimmte.

Die erste Sitzung des Reichstages wurde um 3 :/4 Uhr durch den Alterspräsidenten v. Bonin eröffnet; derselbe be­rief die Abgg. Graf Kleist, Weigel, Eysoldt iitib v. Sodon zu Schriftführern, gedachte darauf der Errettung Sr. Maj. des Kaisers aus Mörderhand und brachte ein dreifaches Hoch auf den Kaiser aus, in welches die Versammlung be­geistert einstimmte. Der Namensaufruf ergab 271 An­wesende, demnach die Beschlußfähigkeit des Hauses. Der Gesetzenttvurf bezüglich der Bestrebungen der Socialdemo­kratie ist eingegangen. Mit der Berloosung der Mitglieder in die Abtheilungen wurde das Bureau beauftragt. — Nächste Sitzung Mittwoch 12 Uhr. Tagesordnung: Präsi­dentenwahl.

Die deutsch-conservativen Reichstags-Abgeordneten hielten am Sonnabend Abend eine von etwa 50 Mitgliedern be­suchte Fraktionssitzung; wie in den früheren Sessionen, wurde dem Grafen Moltke das Ehrenpräsidium übertragen; in den provisorischen Vorstand wurden gewählt: v. Seydewitz, Ackermann, v. Helldorf und Graf Kleist. — Heber die Wahl des Reichstags-Prästbenten sind von den Fraktionen noch keine definitiven Beschlüsse gefaßt; die Nationalliberalen haben, falls das Cenrrum einen eigenen Candidaten auf­stellen und v. Forckenbeck nur bei sehr großer Majorität die Wahl annehmen sollte, eventuell v. Bennigsen ober Stephani als Präsidenten ins Auge gefaßt.

hängenben tncinanber gefalteten Hänben. „Siehst Du'" flüsterte sie kaum hörbar.

Und als er so dasaß, der starke, jugcndkräftige Mann wie gebrochen, als seine Zähne knirschten und die Augen so verzweifelt, trostlos ins Leere blickten, da legte sie schmeichelnd die Hand auf seine Schulter.

„Du mußt Dich nicht so ganz hingeben, Georg," sagte sie herzlich. „Niemand ist von Deiner Schuldlosigkeit besser überzeugt als ich, und eben darum glaube ich auch, daß Du früher oder später gerechtfertigt aus der Sache her­vorgehen wirst. Nur der- schuldige braucht zu verzweifeln."

Er sah sie an und die ruhige Sicherheit ihres Wesens brachte ihm einen schlimmen Gedanken: Mathilde zeigte keine Spur von Bestürzung — sie hatte wahrscheinlich den Inhalt des Testamentes längst vor ihm gekannt.

Eine Bewegung streifte ihre Hand von seiner Schulter. „Adressirst Du auch Deine Liebenswürdigkeit möglicherweise an dm Unrechten?" fragte er spöttisch. „Und noch Eins, Du kannst —"

„Georg!"

„O, es ist gut!" rief er. „Ich bin müde — müde auf so viel empörendes Gaukelspiel; ich möchte mir eine Kugel vor den Kopf schießen, nur weil ich Hardenberg heiße und in Hardenberg'sches Elend verwickelt bin. Ist es etwa Nichts, als Dieb und Betrüger dazustehen? Ist es Nichts, überhaupt ein Scheinleben dahinzuschleppen, ver­kauft und gefesselt, allen bösen Mächten verfallen?"

„Bist Du das, Georg?" fragte sie tonlos.

„Ja, das bin ich!" antwortete er, ihr mit grausamer Freude Schmerz bereitend, „das bin ich. Du auch — ich leugne es nicht; aber warum warst Du so wahnwitzig mich zu hcirathm, da Dir doch durch die Weigerung keine Millionen verloren gegangen wären? Ich that es deswegen,

"enterbt," sagte er leise, „gebrandmarkt als Dieb; es mir bemerklich gemacht wordm, daß nur väterliche ^«nung mich vor dem Zuchthause bewahrt hat."

Mathilde stand unbeweglich, immer noch mit herab-

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Anzeigen nimmt entgegen : Nr Expedition d.vlattes, a»ie d.Annoncen-Bureaux „n Tb- Dietrich & Co. in jUffel und Hannover; Th. Lutrich in Frankfurt a.M.; naafenftein & Bögler in Frankfurt a M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf iijefle in Berlin, Frank­furt a. i'l. ic.

£81« Er schleuderte Hut und Paletot auf den nächstm Stuhl, stützte er, sich setzend, dm Kopf in die Hand. „Ich

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatkeS, sowie d. Annoncen-Bureanx von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Herrnann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Er ging fort, ohne einen der Anwesenden zu grüßen. 55j fr Zorn erstickte ihn fast, sein Gesicht war ganz weiß dmrden. Ehe eine Stunde verging, hatte einer der rmom- M ittqten Advocaten der Stadt den Auftrag erhalten, dem t'4 Hgericht die Sache zur Untersuchung zu übergeben. 'M auch das machte ihn nicht ruhiger; immer H innerlich zitternd, kam er nach Hause, wo ihm Hilde ganz gegen ihre Gewohnheit schon auf dem frribor begegnete. Wäre er überhaupt im Stande ge- -jen, irgend etwas zu beobachten, so müßte er bemerkt *n, daß seine Frau nicht minder aufgeregt war, wie er st, und daß sie jedenfalls am Fenster nach ihm ausge- fri hatte. Mathilde öffnete die Thür des Wohnzimmers, ’ wolle sie ihn bitten, dort einzutrelm, und als er es 17*,*■ panisch that, sah sie ihn fragend mit gefalteten Händen