Marburg, Dienstag, 10. September 1878
xni. Jahrgang
(Olicrl|cflil(l|c jfitmiii
Der neue Reichstag.
O>
ausführen können, was die Lage des
en
lUf
71
■rg-
kiliß
5»!
n y
HerodiaS.
Roman von W. Höffer.
(Fortsetzung.)
blos die socialdemokratische Agitation ist, sondern eben so sehr die Ausbreitung der naturalistischen Weltanschauung, wie sie in dem größten Theile der liberalen Presse betrieben wird, wodurch das sociale Leben geschädigt wird. Wenn der Mensch diese Anschauung hat, wonach er glaubt, daß Alles Natur ist und es keinen Gott und keine sittliche Weltordnung giebt, dann achtet er weder Autorität noch Pietät, fragt nur nach seinem Nutzen und nach Genuß. Die Zerrüttung der socialen und wirthschaftlichen Verhältnisse ist die nothwendige Folge davon, wie uns nanientlich die Gründerperiode gelehrt hat, wo diese Weltanschauung florirte und Alles um das goldene Kalb tanzte. Will man die socialen Schäden heilen, so muß man die frechen Ausbrüche des Bösen durch den Arm der Polizei im Zaume halten, aber man muß auch gleichzeittg — was die Polizei nicht kann — dafür sorgen, daß die Wahrheit in dm Herzen der Menschen gepflanzt und gepflegt werde, daß dem Vordringen der Selbstsucht int wirthschaftlichen Leben gewehrt werde, man darf nicht das Wohl und Wehe des Volkes auf das rollende Glücksrad der freien Cvncnrrenz des wuchernden, in Aktien spielenden Geldes setzen, unter welchem die Existenz von Tausende» von Familien ruinirt worden ist. — Es wird vorzugsweise die Aufgabe der conservativen Partei im Reichstage sein, diese Wahrheit zur Geltung zu bringen und ihre Zustimmung zu einem Ausnahme-Gesetz gegen die Agitation der Socialdemokratte nur unter der Bedingung zu geben, daß gleichzeitig eine Reform unserer wirthschaftlichen Gesetzgebung hi die Hand genommen und auch hierin die liberale Polittk verlassen werde. —
len Erwartung. _
E« ist, als sei ein Strom im vollen Laufe von schranken tmmt, als sei ein straff gespanntes Seil durchschnitten „Todt" — das Ende, das Aufhören.
Sv jäh und plötzlich hatte sich Georgs sanguinische tut die Katastrophe nicht denken können. Er war wie
Alles still — still.
Und dann schlich er herzu, geräuschlos mit starrem
Tagesbericht.
Der „Reichsanzeiger" meldet: In Folge des Auftretens der Reblaus in der Rebschule der Gebrüder Simon Louis in Plantieres bei Metz fanden die eingehendsten Ermittelungen über die Personen statt, welche aus erwähnter Reb- schnle Rebpfianzen erhielten. Die Untersuchung ergab eine erhebliche Juterfection der zum Hanmann'schen Garten in Sachsenhausen gehörigen Weinaulagen. Um der Verbreitung der Krankheit vorzubeugen, sind geeignete Maßregeln ergriffen worden.
Neueste Orient-Nachrichten:
Wien, 7. Sept. Die „Polit. Corresp." meldet aus Konstantinopel: Mehemed Ali zeigte der Pforte an, daß er seine Pacificationsversuche in Altserbien als gescheitert ansehen müsse und im Begriffe stehe, von Djakowa, wo sein Leben" in Gefahr gekommen und nach Skutari abzureisen. Mehemed Ali glaubt seine Mission in Albanien habe gleichfalls wenig Anssicht auf Erfolg. — Der „Pol. jüngeren Bruder umgaben; man hatte sie begrüßt, wie es der äußere Anstand erforderte, dann aber nicht weiter beachtet. Selbst Mathildens Vater und Brüder nahmen von ihr keine Notiz.
Die junge Frau legte ihre Hand fester auf seinen Arm und sah unter Thränen lächelnd freundlich zu ihm auf, als wolle sie sagen: „Ich bin Dir treu!" — er bemerkte es nicht; ein leichtes, von Handbewegungen begleitetes Flüstern seiner Verwandten ließ ihn einen Plan erkennen, den er jedenfalls vereiteln wollte. Als die Rede des Geistlichen beendet war und nun das Gefolge den Sarg aufnahm, da traten Johannes und der Onkel mit schnellem Schritt hart hinter denselben, um so im Zuge die ersten zu sein nnd ihn selbst gewissermaßen auszuschließen. Das war es, was er erwartet halte. Gedankenschnell entzog sich sein Arm dem der jungen Frau, er schob mit höflicher aber zwingender Gewalt den Onkel zurück und ging nun neben seinem Bruder, es den Anderen überlassend, wie sie folgen wollten. Das alles vollzog sich rascher und unwiderstehlicher, wie eS irgend einer der Anwesenden für möglich gehalten haben mochte.
Kein Wort sprachen die Zwillingsbrüder, die beiden einzigen Kinder des tobten Mannes, der jetzt den letzten irdischen Weg ging, nur in den tiefliegenden Augen des jüngeren Sohnes loderten Haß und Triumph, — Georgs Antlitz blieb vollkommen ruhig und ernft, seine Haltung aufrecht, ohne eine «spur von^ Verwirrung oder Aerger.
Als die üblichen drei «schaufeln voll Erde in daS Grab geworfen wurden, da traf es sich, daß Johannes einen Stein ergriffen hatte und daß dieser natürlich mit lautem Schall den Sargdeckel berührte, — der junge Mann ließ plötzlich die übrige Erde fallen und trat schaudernd in die Reihen der Leidtragenden zurück. Georg vertheilte nach Freimaurerart die drei Handvoll auf den ganzen Särg,
möglich wird, diesem geänderten Gesetze beizustimmen, i m Kissingen der Friede mit Rom resp. mit dem Centrum st zu Stande gekommen ist, so wird diese zahlreichste ncticn des Reichstages nach wie vor in der Opposition Sen, und damit ist das Zustandekommen des Sozialisten- iches freilich sehr in Frage gestellt. Ob dann die Regie- ig, falls das Gesetz nicht zu Stande kommt, den Reichs- » ton Steuern auflösen oder was sonst thun wird, das [2tr2 t sich bis zur Stunde noch nicht voraussehen. Nach »sjfl (tret Uebcrzeugung wird die Regierung mit dem neuen
Als drinnen die Augst der letzten Minuten den Sterben ergriff, als sich Röcheln und Rusen schauerlich mischte, > stieß er das Fenster'auf und ließ sich den Schnee über • Gesicht wehen. Wie im innigsten Flehen, in verzweif- dzsvoller Furcht klang es „Georg! — Georg!" — aber Humes rührte sich nicht vom Fleck, bis der letzte Ton Hallt war. Erst nach einer Viertelstunde drehte er den Hs; mit Schnee bedeckt, selbst blaß wie eine Leiche, horchte [ hinüber.
ÄWr nicht zu erreichen. — Es wäre ein großer, schwerer s2tHthum, wenn man sich einbildete, durch das Sozialisten- T7 ttz mürben alle Bedürfnisse erfüllt. Das Sozialistcn- ln* ktz hat der wüsten Agitation der Sozialdemokraten in »ffe und Versammlung Zügel anzulegen. Die Sozial-
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, s owie d. Annoneen-Bureaux von G- L. Daube & Co. in Frankfurt a.M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Herrnann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in
Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in
Bremen.
demokratie wird man dadurch so wenig aus der Welt schaffen können, wie durch die Bestrafung der Gotteslästerungen den Atheismus oder durch die Bestrafung der Majestäts- Verbrechen den Republikanismus. Man soll deshalb dieses Gesetz so einrichten, daß eS auch das trifft, was es treffen soll, und nicht ins Allgemeine schweift, nicht mit feinen Bestimmungen im Nebel unbestimmter Ausdrücke nmher- vagirt, ohne die eigentlichen Missethäter und Missethaten tressen zu können. Wer mit sozialdemokratischen Zeitungen bekannt ist, weiß, daß in denselben nur höchst selten Aufsätze über das sozialistische Programm vorkommen; ihre Hauptforce haben sie in kleinen Erzählungen von Beispielen von sittlichen Schlechtigkeiten, Ueppigkeit, Geiz, Lüsternheit, Hartherzigkeit, Gewinnsucht der Reichen, welche sie erzählen, um den Arbeitern zu sagen: Seht, so machen's die Reichen, für welche ihr mit saurem Schweiß die Mittel für ihr ausschweifendes Leben herbeischaffen müßt. Nun kann und darf man es freilich der Presse nicht wehren, die Schlechtigkeiten der Menschen zu strafen, im Gegentheil mußte man wünschen, wenn die Presse mehr eine ernste Wächterin über die Sittlichkeit des Volkes wäre, statt, wie es in dem größten Theile der Presse geschieht, solche Schlechttgkeiten, wie z. B. Ehebruchsgeschichten in pikanter witzelnder Weise zu erzählen, um die Leser zu amüsiren. Aber wenn solche Dinge in den Zeitungen so erzählt werden, daß dadurch entweder die schlechten Leidenschaften geschmeichelt und sie erregt werden, oder daß Haß und Erbitterung unter den verschiedenen Gesellschaftsklassen erweckt wird, so wird in beiden Fällen in schädlicher Weise auf daö soziale Leben eingewirkt, und wenn man der Erregung von Haß entgegen treten will, so muß man auch der Erregung von anderen schlechten Leidenschaften entgegen treten, sonst wird man nur selbst dazu beitragen, diese Erbitterung zu vermehren, und die Romane, die schlechten Feuilletons, die vermischten Nachrichten und unsittlichen Inserate so vieler liberaler Zeitungen, die Tingeltangel-Lieder, die unsittlichen Broschüren und Bilder, wie sie an fast allen Bahnhöfen und in so vielen Läden verkauft werden, würden fortfahren, das Volk zu vergiften. Dian sollte bei Erlaß des Socia- listengcsetzes es ja bedenken, daß Hödel und Nobiling mit unsittlichen Krankheiten behaftet und daß beide Atheisten waren, und namentlich bei Hödel erhebt sich die Frage, ob er nicht mindestens eben so sehr durch seine Gottlosigkeit und sittliche Schlechtigkeit zum Kaisennorde getrieben wurde, als durch seinen Socialismus. Jedenfalls ist das gewiß, daß er das Verbrechen nicht begangen hätte, wenn er ein gottesfürchtiger sittlicher Mensch gewesen wäre. Möchte man deshalb bei Erlaß des Socialisten-Gesetzes, b. h. eines Gesetzes, bnrch welches man boch bie Schädigungen der socialen Verhältnisse abwehren will, boch ja beachten, baß es nicht vom Blitz getroffen, besonbers als ihm Doktor Felbmann im Vertrauen sagte, baß währeub bes letzten Lebeustages ein Testament in aller Form Rechtens gemacht worden sei, welchen Inhaltes, das wußte er nicht, ober sprach wenigstens nicht darüber.
Aber mochte dem sein wie ihm wollte, Georgs edles Herz grollte nicht übet den Tob hinaus. Er blieb int verschlossenen Zimmer länger als eine Viertelstunde mit beut tobten Vater allein, uiib die ihn später sahen, sagten aus, daß auf seinem Antlitz mehr Ruhe und Frieden gelegen, mehr Milde als zu irgend einer anderen Zeit. Er versuchte auch nicht, dem jüngeren Bruder in den Weg zu treten, als dieser bie Anordnungen für das Begräbniß ganz allein traf, ohne ihm dabei eine Stimme zu gönnen. Ein Zusammenwirken, eine Einigkeit zwischen ihm und Johannes gab es auf keinen Fall, — die uralte Firma hatte zu bestehen aufgehört, sie theilte sich in zwei concnr- rirenbe Linien, deren eine jedoch Europas Boden so bald als nur möglich verlassen würde.
Schon während der wenigen Tage zwischen Tob und Begräbniß machte er iubessen bie verletzende Wahrnehmung, baß sich das Beileid der Familie sowohl als auch der weiteren befreundeten Kreise ausschließlich seinem Bruder zuwandte. Ihm selbst wurde kein Besuch abgestattet, er erhielt keine Briefe und auf der Straße sogar reoete ihn Niemand an; dagegen tarnen Rechnungen von allen Seiten, Klagedrohungen und unverblümte Grobheiten. Noch ehe der Vater zur Ruhe bestattet, liefen Avvocatenbriefe ein, trat das Wort „Jnsolvenzerklärung" zum ersten Male ihm entgegen. Es mußten bezüglich des Testaments sehr ungünstige Gerüchte in das Publikum gedrungen sein.
Und dann kam die Stunde, wo der Sarg der Erde übergeben wurde. Georg und Mathilde standen auf dem Gottesacker abgesondert von den Uebrigen, die alle den
Ei» furchtbarer UrtheilSspruch in dem kurzen einsilbigen Mt „Todt!" — daS heißt zugleich bas Erlöschen jeber «ge, das Aufhören jeber Erbenzukunft und die gänzliche Hlostgkeit deS Forschen« und Suchens in Dem, was ber= *>n. Noch kurz zuvor vielleicht zerrissen von allen Qualen
Hoffnung und der Furcht daS leichtbewegte Menscheu- i. noch von Entschlüssen getragen, von Liebe und Freunb- ift erfüllt — unb nun tobt, tobt für immer. Am Sarge otigt alles, Glück unb Schmerz, Haß unb Milde, der. *0 schließt sich über jeder bangen Frage, jeder jubel-
Der Chef der Firma Hardenberg und Sohu war tobt.
:\iw* ___ ___ ___ ___ ___ •___ ___
en r
»>•212
C1I ! itkrlandes wirklich erfordert. Und das ist nicht blos der id tf kß eines Gesetzes gegen bie Sozialdemokratie, sondern maj Hauptsache ist eine gute Reform unserer Wirthschafts- b Kirchengesetzgebung. Ohne eine solche Reform, welche •tin tignet wäre, die wirthschaftlichen und religiös-sittlichen
- Wände zu beseitigen oder doch zu Vennindern, kommen Irtft k nicht weiter. Mit einem Reichstage, dessen Mehrheit 'Up »er noch dem Liberalismus huldigt, ist eine solche Reform
Heute, am 9. September, tritt der neue Reichstag zu- —~ »wen. Wie berichtet wird, soll ihm diesmal blos das » Halistengesetz vorgelegt werden. Aber dieses Gesetz ist - «htig genug, und wen» der Reichstag es versteht, das- = fte so zu gestalten, daß durch dasselbe der Zweck erreicht to, welchen man dabei im Auge hat, so hat er eine bat gethan. Aber nach den gemachten Erfahrungen ist Ul tVertrauen auf wirkliche Verbesserungen von Gesetzes- |\fl (lagen durch die Parlamente nur ein geringes. Die Be- pffe des Reichstages sind zu sehr Parteirücksichten und MWälligkeiten unterworfen. Wenn zwei ober brei Abgeorb- kit durch irgenb ein Bedürfnis; kurz vor der Abstimmung ' fabetn Saale gerufen werden, fo wird dadurch leicht ‘ fa schlechteste Gesetz angenommen, oder das beste abge- ‘ l.». Solchen eben so lächerlichen als gefährlichen Zu- » i Kg teilen sollte keine gesetzgebende Versammlung, welche ' n dqF Wohl und Wehe des Landes zu beschließen hat, ■ imvorfen sein. Der vorige Reichstag hat bas Sozialisten- 1 ttz abgelehnt. Ob bie Mehrheit bes neugewählten Reichs- 7" ts das neue Gesetz annehmen wird, erscheint immerhin x . ’ b fraglich. Im Allgemeinen ist auf liberaler Seite die 7 J mtwilligkeit dazu wohl größer, als früher, allein es r<26 igt sich doch sehr, ob die liberale unb ultramontane Mehr- i das Gesetz nicht berart änbert, daß es der Regierung
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SouutagSblatt" durch die Expedition (Äoch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'» Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
tun» nngen nimmt entgegen: rnnn »Expedition d.Blatte«, M «ed Annoneen-Bureaux
n Th. Dietrich & Co. in —- ifjel und Hannover; Th.
Üetrid) in Frankfurt a.M.; nsenstein & Vogler in »iitfurt a. M., Berlin, jyiig, Cöln ic.; Rudolf i>Ie in Berlin, Frankfurt a. M. ic