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Marburg, Dienstag, 30. Juli 1878

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Es ist doch vielleicht möglich," versetzte Ferdinand, muß die Hoffnung nicht so leicht aufgeben, wenn es

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Novelle von Heinrich HenSler.

(Fortsetzung.^

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Aus zur Wahl!

Die Wahlen stehen vor der Thür. Es ist eine ernste idungSvolle Stunde für Deutschland. Die Regierung mtter der Wucht entsetzlicher Ereignisse den Reichstag gelöst, weil ihr derselbe die gesetzlichen Mittel verweigerte, che sie zur Abwehr gefährlicher Bestrebungen nöthig zu n erklärte; sie hat an das Volk appellirt. Was wird Volk für eine Antwort geben? Das ist die Frage, e jetzt auf allen Lippen schwebt. Der morgende wird die Antwort bringen. Ueberblicken wir noch ein« ml die Lage des Vaterlandes, um den ganzen Ernst der len zu ermessen. Die Mordversuche auf den Kaiser n wie Blitzstrahlen die Nacht unserer inneren Zustände rett beleuchtet, so daß auch denen, welche im gewöhnlichen »s der Dinge für das Emporwuchern des Bösen kein Bge hatten, jetzt plötzlich die Augen aufgerissen wurden, ß sie erschreckt auöriefen:Wo soll das hinaus? So 'S nicht fortgehen I" Das Gefühl hatte man schon , daß man auf falschen Wegen wandele, die zum Der­en führen. Wenn auch die liberale Presse erst in der ründerzeit und dann in der Kulturkampf-Periode sich alle che gab, durch den Lärm ihrer Phrasen die Gewissens- nken des Volkes nicht aufkommen zu lassen, so hat man doch in ernsteren lichteren Stunden gesagt:Aus dieser nach Geld und Genuß, ohne jede Rücksicht auf Recht Unrecht, Gut oder Böse, aus dieser Verfolgung und rdächtigung von Christenthum und Kirche und Zurück- gung ihres Einflusses und in dieser verpesteten Atmosphäre ialdemokratischer Volksversammlungen kann unmöglich eS entstehen. Wehe, wenn die Saaten aufgehen, welche der Zeit der Gründerei, des Kulturkampfes und der emokratischen Agitation mit vollen Händen auSge- t worden sind!" So hat mancher manchmal gedacht. Aber dann kam wieder die Macht der liberalen Schlag­er und Phrasen, nannte die GründereiHebung des ionalwohlstandes", die Hetzjagd gegen Kirche und Christen- ,Kulturkampf" und die Socialdemokratie, dasUeber- iumen des allgemeinen Menschengefühls", auf welches

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ür die Monate August und September nehmen die Postanstalten (auf dem Lande die dpostboten) Bestellungen entgegen auf die Dberhesstsche Zeitung und deren Gratisbeilage

ustrirtes Sonntagsblatt.

Die Exped. d. Oberh. Zeitung.

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ihm pafstrt?"

Ich mußte es übertreiben," antwortete der Kutscher. | waren zwar nur Awa zweiundzwanzig Stunden, die i an einem Tage machen mußte, was für so zwei Pferde : dHaus nicht zu viel ist und was ich schon mehr als ein« ! dl ausgeführt habe meine Pferde sind an das Laufen , döhnt und ich hatte nur zwei Personen zu fahren; ich

igett nimmt entgegen: Expedition d.vlatteS, ied-Annoncen-Bureaur i Dietrich & Co. in ifel und Hannover; Th.

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fenjtein & Vogler in Hiqurt o. M., Berlin, jttiig, Cvln rc.; Rudolf

e in Berlin, Frank- furt a. M- rc.

te aber zwei Stunden lang ohne auch nur einen Augen- anzuhalten, Galopp fahren, und das gab ihnen den rtftB, fi. Das Eine erholte sich wieder das Andere ist und - kbt buglahm, dem hilft kein Doctor!"

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[19i» k nicht zu lange her ist. Wann ist denn der Schaden

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie d. Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; SB. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

itatini i,Am Dienstag waren eS acht Tage," antwortete der st dtscher,es ist zu spät und anstatt besser zu werden, es immer schlimmer."

4VU. -Da habt Ihr wahrscheinlich einen Flüchtling trans« -j-"' ^tt, den die hohe Polizei verfolgt hat," sagte Ferdinand, ^tüchtig einschenkte und jetzt die dritte Flasche kommen tt.O'j 6-Ja, ja, wer der Polizei entgehen will, der muß sich Seit, die hat einen langen Arm, aber auch lange Beine, der entgeht man nicht so leicht!"

, »Das habt Ihr wieder nur halb errathen", entgegnete -*** Kutscher.ES war gerade das Gegentheil voil dem,

Buglahm ist freilich schlimmer als tobt bei so einem )e," entgegnete Ferdinand.Ist es denn gestürzt, habt Ihr es gar übertrieben, oder waS ist sonst mit

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen- Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllnstrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdrucker-,) bezogen 2', Mark, durch bte Postämter des Deutschen Reiche« 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 «fa

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet-

einmal klar und wahr die Lage ansahen, in welche wir ge« rathen sind. Die wirthschaftlichen Nothstände, die sittliche Verwilderung, welcher alle Gefängnisse zu eng sind, die religiöse Verkommenheit, die nichts mehr glaubt, als was sie mit den Zähnen zerkauen und mit den Händen in die Taschen-stecken kann, die den Menschen für ein Thier er­klärt und sich dabei mit den SchlagwörternAufklärung" undWissenschaft" herauSputzt sehen wir in dm beiden Kaisermördern verkörpert: in dem Einen die Gottlosigkeit, stinkend nach Schnaps und Käse, in dem Anderen dieselbe Gottlosigkeit, duftend nach dem Parfüm der Bildung und Wissenschaft.

WaS die unter uns aufgewachsene und groß gezogme Gottlosigkeit Böses zu thun gedachte, hat Gottes Hand gnädig abgewandt und ihr haben wir es zu verdankm, daß die furchtbare Blutschuld des Kaisermordes nicht unsere Natton und ihre Geschichte befleckt. Aber wollen wir nun in den alten Wogen weiter gehen? Rein, die Nation muß eS durch die Wahlen zu erkennm geben, daß sie nichts mehr zu thun haben will mit jener Richtung, welche durch ihr falsches naturalistisches Princip des Gehenlassens die sittliche Zuchtlosigkeit und dasFaustrecht" der schrankmlos freien Concurrenz etablirt, wodurch die ehrliche Arbeit ein Opfer des mit Capital ausgerüstetm Schwindels wird. Das deutsche Volk muß ferner unzweideutig zu erkennen geben, daß es den Wohlstand und die Macht deS deutschen Reiches nicht durch wirthschaftlichm Schwindel, durch gott­lose Hetzereien gegen alles, waS Gott und Gottesdienst heißt, und durch eine Wissenschaft bauen will, welche ihrm höchsten Ruhm darin sucht, im Kothe der Materie zu waten, Gott und Geist zu läugnen und den Menschen für ein Thier zu erklären.

Es muß einmal ein Ende gemacht werden mit diesem gottlosen Schwindel, der dem Volke den klaren Blick, das treue Herz, das gute Gewissen raubt und eS in die wirre Nacht des JrrthumS stößt, so daß man auch in den ge­wöhnlichen Dingen in Zoll- und Steuerfragen, den gesun­den Blick verloren hatte und zum Nachthette unserer In­dustrie und Landwirthschaft eine Finanzpolitik trieb, unter welcher wir jährlich für hundert von Millionen Maare mehr von dem Auslande gekauft haben, als dieses von uns, so daß sich unser Nationalwohlstand jährlich um solche coloffale Summe verminderte.

Wohin wir auch blicken: überall starren uns die wider­wärtigsten betrübendsten Nothstände entgegen und überall müssen wir sagen: So kann es nicht bleiben.

Nun denn, deutsches Volk, so ermanne dich wieder ein­mal in deiner allen sittlichen Kraft, besinne dich auf das, was dich stark und geehrt gemacht unter den Völkern, und streife ab die Fesseln und Netze der verderblichen wirch-

DaS versteht Ihr wieder nicht," schrie der Kutscher der ungemein lebhaft geworden war und beständig auf den Tisch schlug.Wir holten in Steinau ein Frauen­zimmer ab und mußten dann einen Herrn einholen, der eine große Strecke Weges voraus war. Wir fuhren den­selben Weg den dieser Herr vorangefahrcn war und mußten deshalb diesen Umweg nehmen und so rasch fahren. Der Bediente, welcher bei mir auf dem Bocke saß, trieb mich immer zu größerer Elle an und versprach mir ein gutes Trinkgeld."

Ich habe geglaubt, «Ihr hättet einen Polizeibeamten gefahren?"

»Ei freilich, der stieg aber in Steinau aus und ging zu Fuß weiter, ich weiß nicht weßhalb und wohin. Jetzt muß ick aber einmal nach meinen Pferden sehen, nachher können wir weiter sprechen."

Mit diesen Worten stand er auf und taumelte hinaus.

Ferdinand hatte genug gehört, er verließ das WirthShaus, ehe der Kutscher wieder zurückgekommen war.

Am Abend traf er in dem Foythanse ein und erregte durch seine Nachrichten die freudigsten Hoffnungen.

Sie sind ganz gewiß auf der richtigen Fährte," sagte der Forstmeister.Mein Sohn hat, wie er mir schrieb, gegründeten Verdacht, daß der Polizei-Commiffar Schalch in Cassel, wenn er auch nicht der Thäter sein sollte, doch eine hervorragende Rolle dabei spielte. Nun sehen wir ja ganz klar, entweder hat man sich erinnert, daß der Konrad hier in Diensten ist oder hat ihn gar, wenn da« Verbrechen, wie mein Sohn glaubt, schon früher beschlossen war, zu dem beabsichtigten Zwecke erst hierher geschafft, um bei der Entführung meiner Enkelin hülfreiche Hand zu leisten. Sein früherer Dienstherr ist, wie ich Ihnen schon sagte, der Bruder des Friedensrichters von Freien­stein und dieser der Schwager des Polizeikommissars;

man, wie Herr Lasker sagte, stolz sei und der deutsche Bürger ließ feine Bedenken wieder fahren. Als die faulen Schöpfungen des Gründerschwindels zusammenkrachten, Tau­sende^ um ihr Vermögen kamen und ein wirthschaftlicher Nothstand ohne Gleichen eintrat, so hatte man auch dafür alsbald solche, die Sache verhüllende Schlagwörter zur Hand, man redete vonden vorübergehenden Folgen der Ucber- produktton und der Milliarden", und als andere Leute tarnen und auf den Lug und Trug und die Volksausbeu­tung hinwiesen, erfand man das Schlagwort von derVer- leumder-Aera". Als die Entkirchlichung und Gottlosigkeit in der Vermehrung der Verbrechen und Vergehen offenbar wurde, so half man dem erwachenden Volksgewissen auch darüber hinweg durch die Ausrede, das seiendie unver- meidlichen^ber vorübergehenden Folgen der vielen Kriege der letzten Zeit und des wirthschaftlichen Aufschwunges". Als aber vom Aufschwung nicht mehr geredet werden konnte, machte man ebenso leichten Herzens den Niedergang der wirthschaftlichen Verhältnisse dafür verantwortlich. So lange die Gründerei florirte, sagte man, mit der Socialdemokratie werde es ein Ende haben, wenn sich dieser Aufschwung ge­legt haben werde, die Arbeiter seien zu üppig geworden. Nun hat sich die Ueppigkeit bei Tausenden in Hunger und Noth verwandelt in Folge des Darniederliegens der In­dustrie, aber die Socialdemokratie ist statt zu schwinden ge­wachsen. Als die Regierung früher, z. B. 1871, gegen die socialdemokratische Agitation ernstlich einschreiten wollte, lärmten die liberalen Zeitungen überVerrath an der Frei­heit des Volkes" und sagten, man solle die Socialdemo­kraten nurihren Unsinn" in Versammlung und Presse aussprechen lassen, dann würde er am besten erkannt und die deutschen Arbeiter würden sich davon abwenden. Auch siervon ist das Gegentheil eingetreten und jetzt machen die- elben liberalen Blätter der Regierung den Vorwurf, sie ei Schuld, sie habe die Socialdemokraten gewähren lassen.

Auf diese Weise wurde jede bessere Erkenntniß im Volke niedcrgehalten, und wenn ja irgendwo sich eine Reaction gegen das daherfluthende Verderben regte, so stimmte die ganze liberale Presse ihr bekanntes Reactions - Geheul an und Niemand wagte weiter die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Wenn man jetzt fragt: Wie war's möglich, daß wir so weit herunterkommen konnten in sitt­licher, religiöser und wirthschaftlicher Beziehung? so wissen wir keine Antwort, als die angegebene: Der Libe­ralismus hat in seiner Presse wie in den Parlamenten jede bessere Erkenntniß niedergehalten. Die Macht seiner un­wahren Phrase hat wie betäubenbeö Gift auf Verstand und.Gewissen des Volkes gewirkt und erst der Knall der Schüsse auf das Haupt des geliebten Kaisers war im Stande, Viele anö ihrer Verblendung aufzurütteln, daß ste wieder was Ihr vermuthet habt. Ich habe vielmehr einen Herrn von der Polizei geführt und Niemand verfolgt."

Es wundert mich aber doch," fuhr Ferdinand in feinem Verhöre fort,daß die Pferde sich nicht bester gehalten haben, es sind doch lauter gute Wege, die Ihr zu passiren hattet, so viel mir bekannt ist"

Den Teufel auch!" schrie der Kutscher mit geröthetem Gesichte, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug, daß die Flasche und die Gläser klirrten,bis nach Steinau ist der Weg ganz gut, aber von da aus ging es, was die Pferde laufen konnten, wieder eine gute halbe Stunde weit zurück und dann um Steinau herum bis an das Jäger­haus, bas sind meistens schlechte holperige Waldwege."

,Wie weit rechnet Ihr beim von Steinau bis an das Jägerhaus?" fragte Ferdinand mit steigender Begierde.

Wißt Ihr denn, wo Steinau liegt ?" fragte Jener dagegen."

Allerdings weiß ich das," erwiderte Ferdinand."

Wie weit rechnet Ihr nun von Steinau nach Mell­richshausen?"

Das werben sechs Stunden sein."

Von dem Jägerhause nach Mellrichshaufen wirb nicht ganz eine Stunbe sein; wie viel bleibt ba übrig?"

Ei fünf, wenn ich recht rechnen kann."

Seht, bas habt Ihr einmal gut errathen," rief der Kutscher lachend, indem er das vor ihm stehende Glas mit einem Zug leerte.

Ich begreife aber nicht," sagte Ferdinand,warum Ihr den Umweg gemacht habt?" Erft fahrt Ihr nach Steinau, bann fahrt Ihr anstatt weiter, beit geraben Weg nach dem Jägerhause einzuschlagen, wieber eine halbe Stunde zurück und in einem großen Bogen um Steinau herum das waren doch unnöchige Weitläufigkeiten und Umstände."