Nr. 16S
Marburg, Mittwoch, 17. Juli 1878
XIII. Jahrgang.
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Anzeigen nimmt entgegen: tit Expedition d.Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in grantfutt a.M.; Laasenstein L Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig. Cöln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. M- rc.
OnhcWk grillig.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d Blattes, sowied. Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & Co- in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.
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Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adrefsen werden 25 Pfg. berechnet.
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Tagesbericht.
Aus Berlin wird telegraphisch gemeldet vom 15. d. Mts.: Gortschakofs wird heute um 1 Uhr von der Kaiserin, um 2 Uhr vom Kronprinzen empfangen; derselbe wird voraussichtlich Mittwoch nach Wildbad abreisen. Fürst Bismarck reist heute Abend nach Kissingen ab. Gestern Nachmittag 3 Uhr fand eine Sitzung des Staatsministeriunis statt. Waddington verläßt heute Abend Berlin. Rnsscl ist lmit seiner Familie heute Vormittag nach Potsdam über- gesiedelt. Der englische Botschafter in Wien, Elliot, ist gestern dahin zurückgereist. Der französische Botschafter in Wien, Vogue, ist gestern hier eingetroffen.
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Die nach Unterzeichnung des Friedensvertrags vom Fürsten Bismarck gehaltene Rede, welche wir gestem im ftanzösischen Text mittheilten, lautet in deutscher Ueber- setzung:
„Ich konftatire, daß die Arbeiten des Congresses beendet sind. Ich betrachte es als die letzte Pflicht des Präsidenten, den Dank des Congresses auszusprechen für diejenigen der Bevollmächtigten, welche an den Commissionen Theil nahmen, besonders Herrn Deöprez und Herrn Fürst Hohenlohe. Ich danke fernerhin im Namen der hohen Versammlung dem Secretariat für den Eifer, von dem es Beweis lieferte und der die Arbeiten des Congresses zu erleichtern beitrug. Ich schließe in den Ausdruck dieser Erkenntlichkeit die Beamten und Offiziere ein, die an den Spccialstudien der hohen Versammlung Theil nahmen. Meine Herren! Im Augenblick unserer Trennung fürchte ich die Behauptung nicht, daß der Congrcß sich um Europa wohl verdient gemacht hat. Wenn es unmöglich war, alle Aspirationen der öffentlichen Meinung zu verwirklichen, so wird doch die Geschichte in allen Fällen unseren guten Absichten unseren: Werke Gerechtigkeit zu Theil werden zu lassen und die Bevollmächtigten werden das Bewußtsein haben, in den Grenzen des Möglichen Europa die große Wohlthat des Friedens, der so schwer bedroht war, verschafft und gesichert zu haben. Dieses Ergebniß kann nicht verringert werden durch irgend welche Kritik, durch welche der Parteigeist die Publicität inspiriren könnte. Ich hege die bestimmte»Hoffnung, daß die Einigkeit Europas mit Gottes Hülfe dauerhaft seiu wird und daß die persönlichen und herzlichen Beziehungen unter uns, die während unserer Arbeiten sich entwickelten, die guten Beziehungen zwischen unseren Regierungen befestigen und consolidircn werden. Ich danke nochmals meinen Collegcn für ihr Wohlwollen in Bezug auf mich und dieses Gefühl hoher Dankbarkeit bewahrend schließe ich hiermit die letzte Sitzung des Congresses."
Die Erwiderung des Fürsten Bismarck auf die Rede Andrassy's in der Schlußsitzung des Congresses lautet deutsch: „Ich bin lebhaft erkenntlich für die Worte, welche der Graf Andraffy Namens dieser hohen Versammlung soeben ausgesprochen hat. Ich danke dem Kongreß lebhaft daß er sich denselben anzuschließen die Güte hatte und ich drücke alle meine Erkenntlichkeit meinen Collegen für die Nachsicht uild die guten Gesinnungen aus, die sie mir während des Verlaufs unserer Arbeiten bezeugten. Der Geist der Versöhnlichkeit und des gegenseitigen Wohlwollens von dem alle Bevollmächtigten beseelt waren, haben mir meine Aufgabe erleichtert, die ich bei dem Zustand meiner Gesundheit kaum bis zu Ende zu führen hoffen konnte. In diesem Moment, wo der Congreß zur Befriedigung der vertretenen Negierungen und ganz Europa's zu dem gehofften Ergebniß gelangt, bitte ich Sie mir ein gutes Andenken zu bewahren. Soviel mich betrifft, wird die bedeutende Epoche, die eben zu Ende ging, unauSlöschbar in meinem Gedächtuiß bleiben."
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: die vom Reichskanzler bei Schluß des Congresses gesprochenen Worte werden überall in Europa, wo man irgend Werth auf Erhaltung des Friedens legt, mit aufrichtiger Genugthuung gelesen werden. Das mehrwöchcntliche persönliche Zusammenwirken der europäischen Staatsmänner, der zwischen ihnen bestandene, den Congreß überdauernde freundschaftliche Verkehr gewähren so außerordentliche Bürgschaften, wie sie dem Welttheile in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wohl noch nicht geboten sind. In ganz besonderer Weise haben neben Schuwalvff die Vertreter der im Orient nicht unmittelbar betheiligteu Mächte Frankreich und Italien, Waddington und Corti, ein hohes Verdienst um die erzielte Vereinbarung erworben, ein Verdienst, welches bosicntlich in ihren Heimathsländern und seitens der politischen Parteien derselben ebenso gewürdigt werden wird, wie es seitens der Vertreter aller anderen europäischen Mächte aufrichtig dankbar anerkannt worden ist.
Aus Paris war kürzlich die Nachricht gekommen, daß die italienische Regierung ihre Grenze gegen Oesterreich in auffallender Weise in Vertheidigungszustand setze. Nun erhalten wir aus Wien gewisse Nachrichten, die eine ernstliche Verstimmung zwischen Rom und Wien zu bestätigeu scheinen. Mehr die italienische Nation als die Negierung fei es, welche sich durch die Beschlüsse des Congresses hintangesetzt erachtet. Die Regierung würde gern von Europa ein ähnliches Mandat für Albanien 'gefordert haben, wie dasjenige, welches Oesterreich für Bosnien und die Herzegowina ertheilt wurde, aber sie wurde mit dem Veto Oesterreichs bedroht, welches jüngst dem römischen Cabinet zu
verstehen gab, daß es die Anwesenheit italienischer Truppen auf der rechten Seite des adriatischen Meeres nicht dulden würde. Daher die neulich auö Venedig und anderwärts gemeldeten Volkökundgebungen gegen Oesterreich. Diese feindselige Stimmung gegen Oesterreich ist in ganz Italien allgemein, und steht nicht ganz dem Verzüge fern, der in der Ausführung des Occupationsplanes eingetreten ist. Jndeß wird die österreichische Regierung sich durch die Empfindlichkeit Italiens wohl kaum beirren lassen, denn alle Gründe, welche für die Occupation Bosniens und der Herzegowina durch.Oesterreich sprechen, sind gerade der Occupation Albaniens durch Italien entgegen.
Deutsches Reich.
** Berlin, 15. Juli. Der Ministerrath hatte gestem Nachmittag eine vertrauliche Besprechung bei dem Fürsten Bismarck, welcher letztere vorher in längerer Audienz vom Kronprinzen empfangen war. Heute tritt das Staatsministerium unter dem Vorsitze des Grafen Stolberg zu einer Berathung zusammen, deren Gegenstand der Entwurf des Sozialistengesetzes sein wird. Wir erwähnten bereits, daß zu diesem Gesetzentwurf inzwischen die Gutachten der einzelnen Minister eingegangen sind, welche demnach bei der Berathung mit zur Unterlage dienen. Wir können melden, daß von anderen Vorlagen für die außerordentliche Session des Reichstags nicht die Rede ist. Man darf daher annehmen, daß die Dauer derselben eine sehr kurze sein wird, umsomehr, als die allgemeine Stimmung erwarten läßt, daß die Vereinbarung über jene Vorlagen keinen großen Schwierigkeiten begegnen wird. — In einigen Blättem, an deren Spitze die Vossische und neuerdings auch die Magdebnrgische Zeitung steht, wird mit Vorliebe die Behauptung von früheren Beziehungen des Fürsten Bismarck zu der sozialdemokratischen Partei in allen Tonarten wiederholt. Als Hauptbeweisstück wird die weiterzählte Angelegenheit der schlesischen Weber aus dem Jahre 1864 immer wieder hervorgeholt. Jene Blätter scheinen darauf zu rechnen, daß der Leser über die Breite der Erzählung übersehen wird, daß in dem ganzen Inhalt nicht das geringste Indizium für eine wirkliche Begünstigung der sozialdemokratischen Bestrebungen zu entdecken ist. Alles, was vorliegt. reducirt sich darauf, daß Fürst Bismarck einer Weber- Deputation, welche ihre gedrückte Lage an den Stufen des Thrones niederzulegen wünschte, zu einer Audienz verhelfen und weiter die Einsetzung einer Uutersuchungskommission herbcigeführt hat, nach deren Ergebnissen der Fürst selbst die Grundlosigkeit der meisten Beschwerden der Weber im Abgeordnetenhause darlegte. Die Ausbeutung dieses Vorganges, welche Laffalle nachher versuchte, hat nichts gemein
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Im Aorsthtms.
Novelle von Heinrich Heusler.
I Fortsetzung.)
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Dabei blieb es, immer und oft verging ein ganzes Jahr und mehr, bis die Unterhaltung wieder einmal auf dieses Kapitel kam.
Bald nach Casimirs Abgang auf die Forstschule wurde eine seit vielen Jahren kränkliche Mutter noch kränker und tarb nach wenigen Monaten. Der Forstmeister nahm eine Haushälterin an; es war dieses ein in jeder Hinsicht vor- tteffliches Frauenzimmer, was allseitig anerkannt wurde, aber sie traf bald da, bald dort Aenderungen nach ihrer Ansicht, die sie für Verbefferungen hielt, was sie vielleicht nicht waren. Das geschah auch in dcr'Küche und obschon sie dabei mit möglichster Schonung zu Werke ging, so fand sich doch Marianne dadurch vielfach verletzt, denn bei der beständigen Kränklichkeit der Hausfrau hatte sie seit Jahren das Regiment in der Küche selbstständig ganz allein geführt und es waren bei aller Nachsicht der Haushälterin unan-
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; L So sagte Stellmann öfter, wenn er gerade guter Laune ü «ar, Marianne lachte dazu und erwiederte:
„Auf einen solchen Antrag zu antworten, habe ich ja .0 noch Zeit, es ist wenigstens gut, daß ich nicht gedrängt f - «erde, da kann ich mir auch Alles wohl überlegen!"
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genehme Conflikte nicht zu vermeiven.
Marianne klagte dieses wiederholt ihrem langjährigen Men Freunde, dem Förster, und erklärte, das könne unmöglich so bleiben, das werde ihr Tod sein, wenn nicht ^ine Aenderung eintrete. Der Haushälterin sei auch ge- । Wju nichts recht, was doch bisher immer gut und nach dem Willen der Herrschaft gewesen wäre und jeden Tag würden neue Aenccrungen befohlen.
„Ich bin jetzt auf Johanni achtzehn Jahre im Hause," sagte sie, „und habe Freud und Leid milgemacht, wie cs in einer Familie vorkommt. Ich bin mit der jungen Frau in's Haus gezogen und habe sie bedient und verpflegt, in gesunden und kranken Tagen."
Marianne fuhr fort: „Bis Johanni ist mein Jahr aus und da suche ich mir einen andern Dienst."
„Mache keine Dummheiten, Marianne, sage ich Dir," entgegnete der Förster: „Du wirst es sonst später noch bereuen! Wenn Du in einen andern Dienst kommst, dann geht auch nicht Alles wie Du es haben willst, und Du mußt Dir dann noch viel mehr gefallen lassen, als bei der Jungfer Christel." 1
„Ihr versteht das nicht," unterbrach ihn Marianne, „das hab' ich Euch schon einmal gesagt und sage es so oft Ihr es hören wollt. Wenn ich in einen neuen Dienst komme, bann mache ich es, wie man es haben will und es geht mich nichts an, ob es gut oder nicht gut so ist. Woran ich mich aber auf Anordnung oder doch mit Bewilligung der Herrschaft seit achtzehn Jahren gewöhnt und wovon ich auch in dieser langen Zeit mich überzeugt habe, daß cs gut und recht so ist und nicht zum Nachthcilc der Herrschaft, — wenn daö jeden Tag anders gemacht werden soll, bald so, bald so, — versteht mich wohl, Marttn, anders, aber nicht besser — das geht mir wider die-Natur!"
Der Förster sprach noch lange mit Mariannen, er konnte sie aber nicht überreden, ihren Enffchluß aufzugeben, doch versprach sie ihm zuletzt, die Kündigung erst am folgenden Sonntage vorzunehmen.
Mehrere Tage ging Stellmann in tiefen Gedanken herum und überlegte, was unter solchen Umständen für ihn wohl das Beste sein möge. Es hatte sich allerdings auch für ihn gar Vieles in dem Forsthause geändert; — die Abreise seines Lieblings Casimir, mit dem er sich immer so
viel beschäftigt harte, war noch lange nicht überwunden, sie war ihm vielmehr erst recht fühlbar geworden, — der Tod der Fran Forstmeister, die ihn immer so freundlich und rücksichtsvoll behandelt halte, trat hinzu, und schmerzte ihn mehr, als er sehen ließ. Der Eintritt der Haushälterin war ihm auch nicht angenehm, besonders jetzt, nach der Unterredung mit Marianne fiel ihm so Manches ein, was er bisher übersehen halte und das ihm jetzt als lästig erschien. Aber — nun wollte auch noch Marianne fort, die einzige Vertraute, die langjährige Bekannte! Das wollte ihm durchaus nicht in den Kopf! Das konnte in keinem Falle so bleiben!
Nach einigen fast schlaflos durchwachten Nächten war er endlich zu einem festen Entschlüsse gekommen.
Am Sonntage in aller Frühe suchte er Marianne auf und sagte zu ihr:
„Wenn Du nicht mehr dableibst, dann bleibe ich auch nicht mehr da. Jetzt erst, wenn ich daran denke, daß Du fort willst, jetzt erst ist es mir klar, daß ich ohne Dich nicht sein kann, ich bin durch die langen Jahre viel zu sehr an Dich gewöhnt. Ist es Dir recht, so heirathen wir uns und gehen mit einander fort, denn ich will es Dir nur sagen, es gefällt mir auch nicht mehr hier."
„Was fällt Euch ein, Martin?" fragte Marianne lachend. „Meint Ihr denn, wir fänden einen Platz, wo man ein Ehepaar als Dienstboten ausnehmen würde? Und Euer Dienst trägt nicht so viel ein, daß Ihr auch noch eine Frau ernähren könnt, wenn ich auch noch in Taglohn gehen wollte."
„Wenn ich aber einen Dienst fände," entgegnete der Förster. „der so viel einträgt, daß es für eine Familie genug ist, — wie da?"
(Fortsetzung fo'ft.»