Nr. 162.
Marburg, Sonnabend, 13. Juli 1878
xm. Jahrgang.
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Mropäischen Großmächte messen kann. Oesterreich hat im Vergleich zu Rußland einen großen Erfolg zu verzeichnen, denn es hat ohne Opfer zwei Provinzen gewonnen. Allein es hat damit auch ein schweres Stück Arbeit übernommen, Md Manche sind der Ansicht die zu bringenden Opfer,
Der Congreß hat seine Arbeiten so gut wie vollendet. Unser Reichskanzler darf mit Genugthnung auf diesen neuen siegreichen Feldzug seines diplomatischen Genies zurückblicken; denn es ist keine Frage, daß wesentlich Bismarcks geschickte und energische Leitung des Cvngresseö das rasche, im Ganzen befriedigende Resultat herbeigeführt hat, welches wenigstens beit Krieg zwischen England und Rußland verhütet und eine andere, von der Türkenherrschaft mehr oder weniger unabhängige Entwickelung der Balkanhalbinsel angebahnt hat. Daß ein solches Werk, bei welchem so entgegenstehende Interessen mitwirken, nicht ein Werk aus einem Gusse sein kann und deshalb auch nur bei Wenigen — um nicht zu sagen Keinem — volle, freubige Anerkennung und Befriedigung findet, ist natürlich. Und in der Thal ist man in
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Rußland wie in England, Frankreich, Italien, Oesterreich und in der Türkei selbst erst recht unzufrieden mit den Resultaten des Kongresses. Die Engländer zwar sind durch die Annexion vott Kypern, mit welcher sie Beaconsfield überrascht hat, wieder etwas besser gestiutmt, in Frankreich ist man aber recht unzufrieden mit der Rolle, welche der französische Bevollmächtigte, Waddington, gespielt hat. Man zieht dort unwillkürlich Vergleiche mit der Rolle, welche vohm Frankreich im Jahre 1856 auf dem Orientcongresse spielte — und daß da der alte Neid und Aerger über Deutschland in den französischen Blättern aller Farben hervorbricht, muß man ihnen schon zu Gute halten. In Rußland ist man wohl am unzufriedensten; denn im Verhältniß zu seinen Leistungen ist es eigentlich am schlechtesten weggekommen. Sein ganzer Friedensvertrag von San Stefano ist zerrissen. Aus dem großen Bulgarien, welches es schaffen wollte, ist ein kleines Fürstenthum geworden, und der größere und bessere Theil desselben ist der Pforte mit der Bedingung, zwei Provinzen (Ost- und West-Rurnelien) mit selbstständiger Verwaltung daraus zu machen, überlassen worden. In Asien werden sie zwar Kars, Ardahan und Saturn bekommen; allein an letzteres ist für das siegreiche Rußland die demüthigende Bedingung geknüpft, die Festungswerke zu schleifen und keine neuen zu errichten. Rußland muß daö jetzt hitmehmen, weil es sich zu schwach fühlt, noch einen Krieg mit noch größerer Ausdehnung zu führen. Es ist ein großer Koloß, aber er steht auf thönernen Füßen, und die innere Kraft ist zu gering. Rußland hat innerlich noch eine schwere Arbeit zu thun, ehe eS sich mit einer der
um den ruinirten Ländern anfznhelfen, würden mit dem Werthe des Besitzes in zu ungünstigem Verhältniß stehen. Die Pforte fügt sich in das Unvermeidliche. Die Haltung der Bevölkerung läßt sich noch nicht übersehen. — In Bosnien wollen die Muhamedaner sich der österreichischen Occu- pation widersetzen. In Rumelien dauert der Aufstand noch immer fort und es ist sehr leicht möglich, daß auch der Aufstand in den griechischen Provinzen anf's Neue ausbricht; denn dort wie in Griechenland selbst ist man am wenigsten zufrieden mit dem Kongreß, und man muß sagen mit Recht. Denn warum werden die Christen in Bulgarien und Rumelien von der Türkenherrschaft frei gemacht und bie Christen in Epirus unb Thessalien nicht? Wäre hier bie Befreiung durch den geforderten Anschluß an Griechenland nicht viel besser und leichter gewesen, als in den anderen Provinzen, wo man erst neue Ordnungen schaffen mußte? Die Unzufriedenheit der Griechen wird um so größer sein, als England nun auch das meist von Griechen he- wohnte Cypern besetzt und zwar aus Grund eines Vertrages znm Schutze der Türkei. Wird nun das kleine Griechenland bei seinen nationalen Bestrebungen nicht auch das mächtige England zu seinem Gegner haben? Der griechische Gesandte sagte in seiner Denkschrift, welche er am 29. Juni dem Congreß vorlaS: Griechenland bedürfe zu feiner Lebensfähigkeit der eigentlich wie die Glieder zum Körper ihm zugehörigen griechischen Provinzen. Allein es scheint eben in der Absicht der Mächte zn liegen, auf der Balkan- Halbinsel lauter unlebensfähige Staaten zu schaffen. Jede Macht fürchtet, durch einen starken Staat einer anderen Macht eilten starken Bundesgenossen zu schaffen; so macht man lauter Staaten, welche nicht stützen können, aber die Unterstützung der Mächte erbetteln müssen. Rumänien hat man wieder geschwächt, statt es zu stärken, Serbien und Montenegro sind unwesentlich verstärkt, das neue Bulgarien ist von vornherein auf die Unterstützung Rußlands angeroiefett, aber auch die Pforte ist auf der Balkanh Abinsel nicht mehr lebensfähig. Die einzige Macht, welche hier noch eine Zukunft haben könnte, wäre Oesterreich. Allein es ist wenig Aussicht vorhanden, daß die österreichische Politik Weisheit und Energie genug besitzen wird, sich auf der Balkanhalbinsel eine Zukunft zu erwerben. Es ist also sehr fraglich, ob durch die geschanene Kleinstaaterei die Balkanhalbinsel wirklich einer besseren Zukunft entgegen gehen wird. Wenn kleine Staaten ihre Aufgabe recht verstehen, sich von der großen Politik fern halten und alle ihre Kraft auf die Cultivirung des Landes und Volkes legen durch Hebung von Kirche, Schule und Gewerbe, so können sie für die Cultur mehr leisten, als große Staaten, wenn sie alle Kraft auf den zum Großmachtspiele nöthigen kriegerischen Apparat legen. Wenn die Kleinen freilich Großmacht spielen woll
ten und sich einander in die Haare fielen und die groß- mächtlichen Patrone ihre Schützlinge gegeneinander im Geheimen unterstütztm, bann freilich wäre es mit aller Kulturarbeit vorbei. Das beste Geschäft bei dem orientalischen Handel hat England gemacht durch seinen Vertrag mit der Türkei bezüglich der Insel Kypern. England gewinnt durch die Besetzung dieser 172 Quadrat-Meilen großen, außerordentlich fruchtbaren Insel neben Gibraltar und Malta ein neues mächtiges Bollwerk für seine Herrschaft im Mittelmeer und in Asien. Von Cypern aus kann es den Russen jederzeit leicht entgegentreten, wenn sie Eroberungsgelüste in Asien haben. Die Bedingung, welche an die Oceupation geknüpft ist, daß England die Türkei gegen russische Angriffe in Asien schützen soll, ist gar kein Opfer für England; denn wenn England die Türkei vor Rußland schützt, so schützt es sich selbst, weil jedes weitere Vordringen Rußlands in Asien für die Herrschaft Englands in diesem Erdtheil gefährlich ist. Durch diesen Vertrag hat so gut England an der Türkei einen ständigen Bundesgenossen gewonnen, als die Türkei an England. — Von Cypern aus wird England auch die Türkei beherrschen, und in Konstantinopel wird man tanzen müssen, wie die Engländer in Cypern aufspielen. Wenn das zum Heile des türkischen Volkes gereicht, so können wir unö nur darüber freuen. Ob dieser fette Bissen nicht auch den Appetit Frankreichs und Italiens nach einem Stück Türkei, wie es in Tripolis und Tunis so einladend für beide Länder daliegt, erregt hat, muß man abwarten. Jedenfalls scheint der Congreß nur die Bedeutung einer ersten Theilung der Türkei gehabt zu haben. Die zweite wird vielleicht bald nachfolgen. Zunächst freuen wir uns, daß die erste ohne einen großen europäischen Krieg vorüber gegangen ist. — Und das dankt die Welt großentheils der konservativen deutschen Politik.
Tagesbericht.
Die Aerzte Sr. Maj. des Kaisers, v. Lauer, v. Laugeu- beck und Wilms, veröffentlichen Folgendes: Obgleich die Bulletins von einem fast stetigen allmählichen Fortschritte in der Genesung des Kaisers berichten konnten, geben dieselben doch als fragmentarische Auseinaiiderreihungen kein volles Bild von dem Gesammtznstande des hohen Patienten wie man aus Mittheilungen selbst sonst zuverlässiger Zeitungen ersieht. Wir halten es daher an der Zeit, wiederum eine Ergänzung unserer Berichte zu veröffentlichen. Daß die Genesung verhältnißmäßig nur langsam fortschreitet wird denjenigen nicht überraschen, welcher den nicht unerheblichen Blutverlust, den tief erschütternden Eindruck auf das Ge- müth und somit auf die Nerven, den damit in Verbindung
Im Forsthaus.
"Novelle von Heinrich HenSler.
«Fortsetzung.)
I. Juli.
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„Unb Ihr laßt Euren Kameraden, — Euren Anführer im Stich?" rief Stellmann. „Ihr ergreift die Flucht ohne geschlagen zu sein? Ihr könnt ruhig mitansehen, Euer Herr, Euer Freund, der Wohlthäter der ganzen Gegend von den Söldlingen des fremden Usurpators, der Mser Vaterland unterjochte, der uns hohnlachend mit üüßen tritt und ihuner neue Steuern einführt, bis Euch °fr letzte Kreutzer aus der Tasche genommen ist, — daß "kser Ehrenmann von diesen Schurken fortgeschleppt wird, um — wie nicht zu zweifeln ist — auf dem Schaffet blutigen Lohn dafür zu erhalten, daß er seine und toer Familie ganze Zukunft auf das Spiel gesetzt und Ine Rücksicht auf seine Familie zu nehmen, sich an Eure bltze stellte, um Euch die ersehnte Befreiung von dem auf lastenden Drucke erringen zu helfen? Ich will keinen
*. öf an dieser entehrenden Schmach haben und wer so ^ult, wie ich, der folgt mir nach, um den Gefangenen zu 100- n" Vorwärts, Freunde! Ich kann nicht glauben, 103'1' M auch nur Einer von Euch zurückbleibt. Vorwärts! 101,~et ein braver Hesse ist und wem das Herz auf dem rech- 93.10 ten Flecke sitzt, der folge wir nach!"
, »Vorwärts! Vorwärts! Wir bleiben nicht zurück!" 100,- 1° riefen Alle unb eilten bem jungen Manne nach, iubem looi bie Richtung einschlugen, welche als biejenige bezeich-
J"n worden war, auf welcher bie Gefangenen fortgeschleppt re. _ ^Urden.
Valb war eine Abtheilimg des westfälischen Militärs __C — bie Hessen stürzten sich mit außerordentlichem
39'75. knfleftüm auf den Feind, der diesem unerwarteten unb
heftigem Anläufe nicht zu widerstehen vermochte und nach kurzer fruchtloser Gegenwehr auseinander gesprengt wurde.
Hier waren die Gefangenen aber nicht, darum ging es ohne Aufenthalt weiter, bis sie auf eine zweite Athei- lung stießen, welcher es ebenso erging.
Jetzt sahen sie in nur geringer Entfernung einen Trupp Gefangene, umgeben von einer zahlreichen Eskorte.
„Seht Kameraden, das sind unsere Leute!" rief Stell- mann. „Vorwärts! Mir nach, Kameraden! Hurrah! Hurrah!" und mit hochgeschwungenem Schwerte stürzte er voran und ohne Aufenthalt mitten in den Haufen, beim er sah den Oberförster unter den Gefangenen. Bald hatte er ihn erreicht, es entspann sich eit; kurzer heftiger Kampf, die Gefangenen blieben ebenfalls keine ruhigen Zuschauer, als sie die ihnen so unvermnthet nahende Hülse sahen, — ste überfielen die ihnen zunächst stehenden Wächter, welche sich den nahenden Feinden entgegen umgedreht hatten und suchten ihnen die Waffen zu entreißen.
Die, auf solche Weise in der Fronte und im Rücken angegriffenen Soldaten gaben die Gefangenen bald auf und hatten die größte Anstrengung nöthig, sich selbst ihrer Gegner zu erwehren. Sie drängten sich zusammen und zogen sich unter Anführung eines Offiziers langsam zurück.
Stellmann eilte auf den Oberförster zu und überließ die Verfolgung des Feindes den Andern.
Der Kopf und der rechte Arm des Oberförsters waren verbunden.
„Sie sind verwundet?" fragte Stellmann rasch, „doch nicht gefährlich?" w
„Ich behalte mir vor, Ihnen später für die Rettung aus Feindes Hand zu danken," antwortete der Oberförster. „Der Säbelhieb auf meinem Kopse ist von keiner großen Bedeutung, aber der verdammte Bajonettstich in den rechten Arm hat mich leider kampfunfähig gemacht, sonst hätte»
mich die Schurken nicht übermannt, wiewohl meine Gefan- gennehmung ihnen theuer genug zu stehen kam. Aber — wie steht unsere Sache, mein junger Freund?"
„Alles ist verloren, Herr Oberförster," versetzte Stellmann hastig. ,MZir haben keine Minute Zeit zu verlieren, wenn wir nicht Alle gefangen werden wollen. Sehen Sie nur, da kommt wahrlich ein ganzes Bataillon auf uns zu. Jetzt nur so schnell als möglich zurück. Heda, Ihr Leute! Nehmt unfern Anführer in die Mitte, eilt mit ihm zurück unb laßt Euch nur durch nichts aufhalten. Wir übrigen bleiben hier und folgen Euch nur langsam nach, — wir decken den Rückzug und weichen nur. Schritt vor Schritt zurück, bis Ihr einen hinreichenden Vorsprung habt."
„O nein," versetzte der Oberförster, wir bleiben ebenfalls hier und verlassen unfern Posten nicht."
„ES würde nichts helfen," entgegnete Stellmann, „und Ihr Hierbleiben würde ein ganz nutzloses Opfer fein. Alle Verbündete sind schon zurück, Dörnberg selbst hat sich zurückgezogen, beßhM weigern Sie sich nicht ebenfalls zu kommen. Da Sie überdies kampfunfähig sind, so würden Sie uns doch nicht helfen können, vielmehr unsere Lage nur erschweren und hinderlich fein. Wir bleiben nicht hier unb ziehen uns ebenfalls zurück, nur nicht so schnell. Nur fort, fort! Alles Uebrige wird sich finden."
Ein Theil der Aufständischen nahm den Oberförster in bie Mitte unb eilte im Sturmschritte zurück, während die Andern unter Anführung Stellmanns sich ordneten unb bann langsam vorwärts marschirten.
Ihnen entgegen kam das Bataillon, welches sie schon früher bemerkt hatten. Mit diesem waren bereits die Soldaten der beiden kleinen Abtheilungen vereinigt, welche bei der Befreiung des Oberförsters versprengt worden waren. Auch zogen ihnen andere Soldaten zu, um sie zn unterstützen. (Forts, folgt.)