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Marburg, Dienstag, 2. Juli 1878
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ObklWstzk jritmig
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrtrteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckereil bezogen L« Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf,, jexcl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
«zeigen nimmt emgegen: dte Expedition d.vlattrs, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Meirich in Frankfurt a.M-; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Lipzig, Cvln re.; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d BlaiteS, sowie d- Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a- M.; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in
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Dberhesstschkn Zeitung mit deren Gratisbeilage JllustrirtcS TountagSblatt bitten wir bei der Post baldigst machen zu wollen, damit in der Uebersendung keine Unterbrechung stattfindet.
Die Gxped. d. Obcrh. Zeitung.
Zur iuuereu Lage.
Der Reichstag ist aufgelöst und die Auflösung hat diesmal eine ganz besondere Bedeutung. Bei dem Volke sowohl als bei der Regierung ist sie der Ausdruck der allgemeinen Ueberzeugung: „So kann es nicht weiter gehen." Die Mordversuche auf das Leben unseres Kaisers haben dieser Ueberzeugung, welche schon lange in den Herzen lebt, zum thatkrästigen Ausdruck verholfen. Zunächst drückt dies Wort nur eine negative Ueberzeugung aus. Das weiß man jetzt, daß es sowie bisher nicht weiter gehen darf. Es wird aber Alles davon abhängen, daß man nun auch die rechte positive Antwort findet, wie eS denn in Zukunft gehen soll. Wie ist es denn geworden, daß es nicht so weiter gehen kann? Ja, wie ist eS geworden! Blicke man doch । Hf,, auf die verschiedenen Gebiete des Volkslebens: wie liegt 'Handel und Gewerbe von den größten Fabriken bis zum »Heinen Handwerk darnieder, wie viele der ältesten solidesten ^Geschäfte sind nicht im Stande, die Jahre lang dauernde Krisis zu überstehen! In den großen Industrie-Gegenden sind Tausende von Arbeitern ganz oder halb arbeits- und verdienftloS und die Socialdemokratie sammelt die unzufriedenen Arbeiter um ihre Fahnen, erfüllt sie mit ihrem Haß gegen die bestehende Ordnung und gegen die Religion. Denn der Atheismus und die Verachtung des Christen- thums ist schon längst in den oberen Regionen der Gesellschaft verbreitet. Die liberale Presse und Literatur hat die Ideen des Naturalismus und Materialismus schon seit Jahrzehnten in« Volk getragen. Damit ist die Hauptgrundlage unserer Verhältnisse zerstört; denn auf der christlichen Weltanschauung beruht nicht bloS unsere staatliche Ordnung, sondern vor allem unsere sittlichen und soeialen Anschauungen und Grundsätze, unser Familienleben, Erziehung, , unsere Begriffe von Stecht und Unrecht re. In Folge dessen ist Alles ins Schwanken gekommen. Alle Autorität und Pietät sinkt dahin, göttliche Gesetze läßt man nicht mehr gelten, also folgt man nur den natürlichen Antrieben und . ■■ 1 1
dem Nutzen. Die Selbstsucht in ihren verschiedenen Gestalten als Geld- und Genußsucht zerstört Alles. Die Weltgeschichte hat es bestätigt, daß die Religion die stärkste Grundlage für das Leben der Völker ist. Wo sie zerstört wurde, zerfiel das Volksleben, und erst eine Erneuerung und Kräftigung der Religion war im Stande, frisches Leben in den Volkskörper zu bringen. Man denke nur an die Zeit vorder Reformation und auf den Einfluß derselben auf das deutsche Volksleben. Die Zerstörung der Religiosität in unserem Volke ist der tiefste Schaden und dieser Schaden ist hauptsächlich das Werk der liberalen Presse, welches die Socialdemokraüe nur fortsetzt. In Folge dessen ist denn auch die Sittlichkeit außerordentlich gesunken, und zwar ^nicht bloö in den niederen Volksklassen, sondern ebenso in den höheren, wenn auch die Unsittlichkeit dort in weniger derber und für bett Strafrichter weniger erreichbarer Form auftritt. So jäh wie in den letzten 7 Jahren ist wohl noch nie die Sittlichkeit gesunken, und so colossal haben die Verbrechen wohl noch nie zugenommen. Die Socialdemokratie, welche unter diesen Verhältnissen aufgewachsen, ist ein Produkt der Gründerei und der materialistischen Weltanschauung, welche in alle Poren unseres Volkskörpers hinein getrieben wurde. Man denke doch an den widerwärtigen Affenspektakel, der in Berlin mit dem Orang-Outaug aufgeführt wurde, über dessen Befinden liberale Berliner Blätter wochenlang tägliche Bulletins brachten! Kann man tiefer sinken? Was kann Menschen, welche auf dieser Stufe des Affenthums stehen, noch heilig sein, als Essen und Trinken, Geld und Gut? Aber die enffesselte Selbstsucht, welche man in die Rennbahn der freien Concurrenz gestellt, greift natürlich auch dies letzte „Heiligthum", das Eigenthum, an. Wann ist je gegen das Eigenthum mehr und schändlicher gesündigt worden, als in der Gründerzeit? Darf man sich wundern, wenn dieses Extrem des Manchesterthums das andere, die Socialdemokratte hervorrief? — Auch unsere Literatttr ist durch diese Zerstörung der Religion als Grundlage unserer Anschauungen in Zerüttung gekommen. Wir haben keinen wirklich bedeutenden Schriftsteller, die große Masse kitzelt die Sinnlichkeit mit ihren Romanen und Novellen! Selbst aus den Schulen dringen die Klagen der Lehrer über die Verlotterung der Zucht, des ernsten Fleißes und idealen Strebens der Jugend. Kurzum von aMn Gebieten tönt der Ruf: So kann's nicht weitergehen. In Folge dessen sind denn auch die politischen Parteien in der Auflösung begriffen. Wir haben neulich erst hinge- wiesen auf bett Kampf zwischen Bismarck und der liberalen Partei. Ueberall herrscht im Volke die Ueberzeu- guug: Es muß anders werden! Allein die liberale Presse sucht dem Volke das auszureden; die Socialdemokraten sollen allein an dem Unheil schuld sein. Deshalb
hilft man die Meinung verbreiten: Wenn die Socialdemokratte unterdrückt ist, dann ist Alles gut, deshalb wird jemehr und mehr bei den Wahlen der Kampf gegen die Socialdemokratie so in den Vordergrund gedrängt, daß alles Andere vergessen wird. Gegen die Socialdemokratie bieten auch die Liberalen ihre Hülfe an und unter dieser Firma: „Kampf gegen die Socialdemokratie", sucht sich diese Partei wieder zu rehabilitiren. Was wird die Folge sein? Die alten Uebelstände werden weiter um sich fressen und die Socialdemokratie wird als ein im Verborgenen schleichendes Gift um sich greifen und bald stärker als je auf den Schauplatz treten. Das Volk würde sich ihr dann in Masse zuwenden, wenn die Mißstände nicht beseitigt worden wären. Deshalb darf eine gesunde Politik jetzt bei dem Kampf gegen die Socialdemokratte die so dringend nöthigen Reformen nicht aus den Augen verlieren. Gute Reformen sind die besten Waffen gegen die Socialdemokratie. Wollen wir aber zu guten Reformen kommen, so müssen wir mit den falschen Gnindsätzen des liberalen Manchesterthums brechen und gesunde aus einer christlichen und konservativen, d. h. die Natur und Entwicklung der Dinge berücksichtigenden Weltanschauung erwachsene Grunb- sätze an bereit Stelle setzen. So lange man benselben bösen Samen säet, wirb man auch keine bessere Ernte zu hoffen haben!
T«ge-bericht.
Der „Reichsanzeiger" melbet: Bei der vorübergehenden Einführung der Paßpflichtigkcit für Berlin handle es sich nicht um Einrichtung einer Paßeontrole auf den Bahnhöfen, sondern darum, eine Paßeontrole in Verbindung mit einem zweckmäßig zu regelnden Meldewesen auszuüben und gegen hierbei ermittelte legitimattonslose Personen nach maßgebenden Vorschriften und Grundsätzen zu verfahren. — Der „Reichsanzeiger" publicirt eine kaiserliche Verordnung, welche den elsaß-lothringischen Landesausschuß zum 8. Juli nach Straßburg einberuft.
Telegraphische Nachrichten aus Berlin vom 29. Juni:
— Die heuttge (9.) Sitzung des Congresses, welcher alle Delegirten (auch Fürst Gortschakoff) beiwohnten, begann um 2 Uhr und schloß gegen Uhr.
— Wie gemeldet, ist in der gestrigen Sitzung von allen Großmächten ein Einschreiten Oesterreichs in Bosnien und der Herzegowina als wünschenswerth anerkannt worden. Einwendungen sind von den Türken erhoben. Weitere Schritte diesen gegenüber sind abzuwarten. Seitens keiner Großmacht erfolgt irgendwelcher Widerspruch. Deutschland bezeugt warmes Interesse für Oesterreich; England und
Ei« König als Gäusehirt.
Der König Maximilian Joseph von Bayern, ein milber von dem Volke geliebter Herr, der Urgroßvater des jetzigen Königs saß einmal im Sommer in einfacher, unscheinbarer Kleidung im Schloßgarten von Tegernsee und las. Die Hitze war so groß, im Garten war es so stille, daß dem König die Augen zufielen. Er legte das Buch neben sich auf die Bank, und schlummerte ein. Sein Schlummer währte indeß nicht sehr lange, und erwacht stand er auf, um noch einen Spaziergang zu machen. An das Buch aber dachte er nicht mehr, und ließ es fliegen. Immer weiter führte ihn sein Weg; bald lagen die Anlagen des Königliche Gartens hinter ihm, und er trat hinaus auf die Grasflächen welche sich hie und da gegen die Ufer deS See's neigten.
Hier fiel dem Könige fein Buch wieder ein, das er auf der Bank im Park hatte Hegen lassen. Kam da Einer quer, so war es fort, und er mochte sich nicht gerne davon trennen. Da er am See hin znm Schlosse zurückkehren wollte, so mochte er nicht wieder umkehren auf demselben Wege, und sah sich daher nach Jemandem um, der ihm daS Buch hole, und dem er den Ort genau bezeichnen konnte, wo er es hatte liegen lasten. Weit und breit Iah er aber keine Menschenseele, als einen Jungen, der eine Heerde Gänse hütete.
Der König ging also auf ihn zu, und sagte: Hörst' Seppe! n, Du kvunt'st mir wohl da und da ein Buch holen? Kmgst zwei Zwanziger dafür!
Der Junge, der den König nicht kannte, sah den dicken Herrn ungläubig an. Zwei Zwanziger für einen so kleinen Dienst! — das wollte ihm nicht recht eingehen.
kein Talk*) nit! sagte er sich abwendend. —
B>n kein duutm.r Narr, den man zum Besten hat.
Warum? glaubst' ich hielte Dich für einen Talk? fragte lächelnd der König, dem der frische, kecke Bube gefiel, und der wohl merkte, daß er ihn nicht kannte.
Weil Ihr für so a'n nixigen Dienst zwei Zwanziger bietet! erwiderte der Knabe. Das Geld wird so leicht nicht verdient.
Nun seh' ich, sagte der König lachend, daß Du doch ein Talk bist! Warum glaubst Du mir nicht?
Die da drinnen, sagte der Knabe, und deutete auf das ferne Schloß, halten unseranen gern für a'n Narren, und Ihr seid wohl auch Einer daher? —
Und wenn ich's wäre? sagte der König. Hier hast Du im Voraus die zwei Zwanziger! Nun geh' und hole mir das Buch! Des Knaben Augen blitzten als er das Geld in der Hand hielt! denn für nicht viel mehr hütete er das ganze Jahr die Gänse.
Er zauderte.
Nun? fragte der König. Warum geh'st Du nicht? —
Der Knabe schob sein Hütlein auf die Seite, und kratzte sich hinter dem Ohre. Ja, sagt er: I wolltt schon, — aber i darf nit! Wenn's die Bauern hörten, i hält' die sakrische Gänserln verlassen, so jagten'ö mi fort, und i hätt k» Brod nit mehr!
Talketer Kerl! rief der König aus, ich hüte sie so lange bis Du wieder kommst!
Ihr?! fragte der Junge gedehnt und spottend. — Ihr wärt mir auch der Rechte für a'n Gänshirt! Seid zu dick und zu steif! da soll'ts schöne Arbeit geb'n! die brächen alle aus, und gingen aus die fetten Wiesen, und i könnt' mehr zahl'n, als i im Jahr verdient! Und seht da bett Hofgärtner, cer mit dem schwarzen Kopf unb ben schwarzen Flügeln, ber ist a Desterteur, a sakrisch.Viech, a Spitzbub; et ist vom Hofgesinde!, das all' nix taugt, der sollt mir schöne G'schicht'n machen! 'S geht niti
Der König meinte bersten zu müssen vor Lachen. Er hielt indessen mit Macht an sich, und sagte: Warum sollt' ich denn nicht einmal die Gänse in Ordnung hallen können und muß es mit vielen Menschen thun?
„Ihr?" fragte wieder der Knabe, und maß ihn mit seinen Augen von oben bis unten. „Na, das müssen auch talkete Kerle sein, seid Ihr vielleicht a Schulmeister? I sag' Euch, solche Bub'n sind auch besser z' regieren, als d' Gäns."
„Mag sein," entgegnete der König; „aber mach's kurz! Willst Du das Buch holen?"
„Wollt' schon,--aber--!"
.Ich stehe Dir für Alles, und zahle den Schaden wenn der Flurschütze kommt."
DaS leuchtete denn doch dem Buben ein. Er empfahl nun dem Könige, genau auf den „Hofgärtner" einen stattlichen Gänserich Acht zu haben; denn ber breche immer aus, unb verführe die ganze Heerde. Der König versprach'S empfing die Peitsche und der Junge lief fort, kam aber als er eine Strecke gelaufen war, wieder zurück.
„Was deutet's?" rief ihm der König entgegen.
„Schnalze einmal!" gebot ber Knabe.
Der König holte ans (mit ber Peitsche), aber es klatschte nicht.
Hob mir's vorg'stellt! rief der Knabe au«. Will a Schulmeister nun gar a Gänshirt fein und kann nit schnalzen!
Run riß er dem Könige die Peitsche aus der Hand, und zeigte ihm, wie er schnalzen müsse. Der König konnte sich kaum mehr halten. Dennoch bemühte er sich, das Schnalzen fertig zu bringen, und als ihm das eben leidlich gelungen war, legte ihm der Knabe noch einmal die Pflicht des Hirten an's Herz, und lief bann fort.
Jetzt ließ ber König seinem Lachreiz vollen Paß. — ES war aber in der Thal, als merkte bas Gänjevieh,