Einzelbild herunterladen
 

während sie sich einem behaglichen Nichtsthun Hingaben. Der Skandal war bald so arg, daß die Nationalversamm­lung schon nach zwei Monaten die Aufhebung der Natio­nalwerkstätten beschloß. Die Arbeiter hatten sich aber so sehr in ihre Utopien verrannt, daß deshalb der Juni-Auf- stand ausbrach, in welchem Bürger gegen Bürger kämpften und nicht weniger als 10,000 Mann das Leben verloren. Daß trotz dieser Erfahrung 23 Jahre später noch die Pariser Commune möglich war, ist ein Warnungszeichen, daß die besitzenden und gebildeten Klassen die Sache nicht leicht nehmen, nicht die Hände in den Schooß legen dürfen. Denn sonst kann, wie das Beispiel in Frankreich zeigt, doch schließlich der Augenblick kommen, wo sie zu ihrer Vertheidigung zu den Waffen greifen müssen; dann kostet es aber hundert- und tausendmal mehr Opfer als rechtzei- tige Vorsichtsmaßregeln und strammes Zusammenhalten er­fordert hätten.

Tagesbericht, x

Die Behauptung, daß am Sonntag die englischen und österreichischen Congreßdelegirten mit Pression den Rückzug der russischen Truppen von San Stefano nach Adrianvpel gefordert hätten, ist schon deshalb unrichtig, weit am Sonntag keinerlei Besprechungen zwischen den genannten Delegirtcn stattgefunden haben. Die Einladungen zur Congreß- sitzung für Montag Nachmittag 2 Uhr sind vom Sonntag datirt. Italien hat durchaus nichts bisher geäußert, was sich gegen Anttvaris Besitznahme durch die Montenegriner richtet. Bei der erst später bevorstehenden Verhandlung dieser Frage im Congresse wird Oesterreich seinen Stand- ipunft geltend machen.

Von einer bestimmt feftgestellten gedruckten Tagesord­nung für die Congreßsitzungen kann nicht die Rede sein, da die bezüglichen Punkte der Discussion sich vorher nicht genau feststellen lassen, auch den Congreßmitglieden: .keinerlei Beschränkung bezüglich der von ihnen vorzu­bringenden Gesichtspunkte und Beziehungen auferlegt werden kann.

DieNordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Zeitungsnach­richten über ein angebliches Programm für die Montags- fitznng des CongresseS und über eine angeblich den Con- greßmitgliedern zugegangene gedruckte Vorlage des Fürsten Bismarck auf Grund zuverlässiger Mtttheilung als erfunden eS zugleich für rathsam erklärend, allen Mittheilungen über den Gang der Congreßverhandlungen vollständiges Mißtrauen entgegenzusetzen. Bei den» an die Versamm­lung gerichteten Gebot strengster Discretton hieße es die Loyalität der Congreßinitglieder wie der mit dem Congreß in Verbindung stehenden Beamten in Frage stellen, wenn

von der alten Haushälterin geweckt, mit der Aeußerung mein Vormund sei heftig erkrankt, er sei am Sterben. Rasch warf ich mich in die Kleider und eilte an das Bett desselben. Welch ein Anblick ward mir! Er lag mit den heftigsten Krämpfen auf seinem Lager, seine Hände krallten sich in die Bettdecke, während seine vergrößerten Augen wild in ihren Höhlen rollten. Er ächzte und stöhnte, daß ich, die ich den Onkel doch sonst sehr wenig liebte, ein grenzenloses Mitleid mit ihm zu fühlen begann. Ich schickte die Köchin mit der Mahnung fort, so rasch als möglich einen Arzt herbei zu rufen. Jetzt befand ich mich allein in dem Zimmer eines Sterbenden; eine furchtbare Augst kam über mich, als sich die rollende» Augen meines Vormunds jetzt wie Hülfe suchend »ach mir wanvten. Ich bezwang da» Grauen und trat an sein Bett, ich beugte mich über ihn, da schlugen die Worte aus seinem Munde an mein Ohr:Ich bin vergiftet, Mary!" Was dann weiter geschah, weih ich nicht, ich kam erst wieder zum Be­wußtsein, als die Wirthschasterin in Begleitung eines Arztes zurückkehrte. Mein Onkel-war bereits verschieden.

Als am anderen Tage mein Bräutigam auf die Trauer­nachricht zu mir geeilt kam, befand ich mich wie in einem wirren Traum. Die Worte des Sterbenden kamen mir nicht aus dem Sinn. Als ich später Warton den Vorfall erzählte, erschrack ich, denn mit fürchterlicher.Stimme ver­bot er mir, bei irgend Jemand davon zu sprechen, bei keiner Menschenseele dürfe ich diese Worte des Sterbenden ver- rathen. Als er mein Erschrecken bemerkte, sagte er, nur deshalb verbiete er mir das, da wahrscheinlich der Onkel vor seinem Ende «ahltsinnig geworden sei und gewiß im Delirium gesprochen habe, seine Aeußerung sei ja auch ganz unwichtig und das Beste wäre, alles unriöthige Auf­sehen zu vermeiden. Eine entsetzliche Ahnung stieg in mir auf und verließ mich seither nie wieder. Wenn ich wirt

man annehmen wollte, daß diesem Ehrengebote entgegen so genaue Mittheilungen in die Oeffentlichkeit bringen könnten, als einzelne Blätter zur Befriedigung ungedul­diger Neugier ihren Lesern bringen zu müssen glaubten. Zeitungen von ernsthaften polttischem Ruf, die auf die Wahrung desselben Werth legten, würden sich gewiß mit richtigem Tactgcfühl der Wiedergabe der Congreßmythen eitthalten, mit denen die auf den Geschmack eines unpoliti­schen Publikums berechnete TageSpreffe ihre Spalten fülle.

DasMarine-VewrdnungSblatt" veröffentlicht folgenden Nachruf:

Berlin, den 6. Juni 1878.

Unsere Marine ist am 31. Mai d. I. von einem großen Unglück betroffen worden. Wenige Tage nach dem Auslaufen des Uebungsgeschwaders von Wilhelmshaven führte ein Zu­sammenstoß mit S. M. S.KönigWilhelm" unweit Folkestone im englischen Kanal, den Untergang S. M. S.Großer Kurfürst" herbei und überantwortete mchr als die Hälfte der Besatzung des Schiffes dem Tode, lieber 200 wurden Dank der Anstrengungen S. M. SchiffeKönig Wilhelm" undPreußen", sowie der hülsreich herbeieilenden englischen Lootsen und Fischerboote gerettet. Große Trauer geht durch das ganze Vaterland um den Verlust seiner braven Söhne, unserer theureu Kameraden, um die Einbuße an unserer Wehrkraft zur See durch den Untergang des stolzen Schiffes. Ein unsichtbarer aber unvergänglicher Denkstein ist an jenem Unglückstage aufgerichlet worden. So lange unsere Schiffe jene Wasserstraße ziehen werden und so oft sie über jene Stelle zu fahren haben wird derer gedacht werden, die dort ihren Eid bekräftigten, ihrer Pflicht eingedenk und getreu bis in den Tod. Wir Ändern aber wollen in steter Erinnerung an jenes traurige Ereigniß und seine schmerzlichen Verluste das Gelöbniß thnn und heilig halten, in Eifer und treuer Hingebung Alles zu versuchen, um die große Lücke auszufüllen, die uns das Mißgeschick und der Tod geriffen haben.

Wie wir hören ist im Justizministerium in diesem Jahre jedes Urlaubsgesuch kurzer Hand zurückgewiesen worden. Es hängt dies mit den Arbeiten zusammen die für die kommende außerordentliche Reichstagssession vor- bereitet werden müssen.

DiePost" hört von einer Verordnung des CultuS- ministers, wonach mit Rücksicht auf die Reichstagöwahlen die Sommerferien der Schulen am 29. Juni beginnen und artt 28. Juli endigen sollen.

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt:DaS nationalliberale lich glaubte mit allen Vernunftgrüilden sie abgewehrt zu haben, so erschien sie mir bald darauf wieder als ein Ge­spenst, das mich Tag und Nacht verfolgte. Es flüsterte mir zu, daß kein Anderer als Warton meinen armen Onkel an jenem Abend vergiftet habe, daß er es gethan habe, um desto rascher in den Besitz meines Vermögend zu gelangen, das er verwaltete. Daß eS Warton um mein Erbe zu thnn gewesen, das wurde mir erst später klar, denn in der ersten Zeit nach jenem Todesfall, war ich noch zu harmlos um zu wissen, daß nur der Besitz des Geldes allein War­ton veranlaßt haben könnte, um meine Hand zu bitten und meinen Vormund aus dem Wege zu schaffen.

Damals stand die Ueberzeugnng in mir fest, daß mein Onkel nicht im Wahnsinn, gesprochen, daß er wirklich ver­giftet worden. Der letzte Abend, an dem mein Bräu­tigam so oft das Glas desselben gefüllt hatte trat vor meine Seele, dazu sein auffallendes Betragen, als ich ihm jene Nachricht brachte wenn Jemand der Mörder war, so mußte er eS fein. Ich vertrante ihm nicht mehr, mein Herz wandte sich scheu von ihm ab. Doch ich stand in feiner Gewalt; jung, ohne Verwandte, die mir rathend zur Seite hätten stehen können, ohne jegliche Lebenserfahrung, wie hätte ich es wagen können, ohne alle gravirenden Be­weise meinen Bräutigam des Giftmordes auzuklagen? Ich schauderte selbst bei dem Gedanken ich mußte mich ge­irrt haben, es konnte ja nicht sein, daß Warton so schlecht sei, welcher Grund föuiite ihn auch zu einem so scheuslichen Verbrechen getrieben haben?

Mein Onkel lag im Grab, seine Lippen waren für immer geschlossen, o warum hatte ich ihn nicht in jener entsetzlichen Sterbestunde gefragt, wer sein Mörder fei? Es war zu spät. Mein kummervolles Aussehn, mein scheues Wesen ihm gegenüber mußte meinem Bräutigam natürlich auffallen. Er behandelte mich mit der größten

: Marburg, Mittwoch, 19. Juni 1878

xin. Jahrgang

I

AnIlksW Jritmiii

tag.

«ns«, Hs mag vielleicht Mancher, der die Natur und das

r

hew-

junt

«ni

Mit

[reute eben!

yi»

fi 3

atln

Itti

In. ]

«urt a. M., Berlin, PU Cöln ic.; Rudolf ( m Berlin, Frank» fgrt a. M. ic.

I gepredigt wurden. Schon zur Zeit der Februar-Re- ktwn glaubten die Sozialisten die Zeit gekommen, um >tTheorien durch den Staat in's Leben zu führen, und *tr Zusammensetzung der provisorischen Regierung wurde k Richtung Rechnung getragen; denn unter den sieben

uuen nimmt entgegen: Hrvedttio« d.vlattes, pd.Ännoncen<Bureaux ü. Dietrich & So. in 1,1 und Hannover; Th.

Die Vor- ihre

ze eines CompromisseS, in den Augen der Sozialisten I nur ein schwächliches Auskunftsmittel, da die Aus­teig weitergehender Pläne natürlich unmöglich war. Ach hatte matt Zeit, während der nur zweimonatlichen fo dieser Staatsarbeitswerkstätten Beobachtungen zu K welche die Luft «ach solchen Experimenten für immer Steten. Diese Jo genannten Nationalwerkstätten waren kch Sammelplätze der Müßiggänger geworben, welche dl auf ihrRecht auf Arbeit" pochten, aber darunter Recht verstanden, vom Staat ernährt zu werden,

»liebem derselben befand sich der Arbeiter Albert und ^Wortführer der Sozialisten Louis Blanc. Die damalige Mhtung von Nationalwerkstätten war übrigens nur die

Mchemt täglich außer an den Werktagen nach S,nn> und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS SouutagSblatt" durch die Expedition (Äod>'f*e Buchdruckerei) bezogen S, Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 * *

Für m der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Der Sozialismus. '

«ach dem Maße der prcchuctiven Arbeitsleistung eines vornehmen würde." Aus diesem Princip wird em ferner gefolgert: die Beseitigung aller Leihkapitalien,

1,11 B fetter) an allen Productions Mitteln eine einheitliche frana Mcoll ctive") Organisation der Nationalarbeit durch- emeuü Mgrde. Diesecollectivistische" Productionsweise N M

die eutige Concurrenz besestigen, indem sie die tckiv (sozial-woperativ) durchführbaren Theile der- nvorbringung unter gemeinschaftliche Leitung stellen ran« enter derselben Leitung auch die Vertheilung des ge-

j des Sozialismus nach seinen Früchten ganz richtig Heilt, doch keine nähere Kenntniß von demselben be- tm 'n i Es fragt sich also: Was wollen denn die Sozialisten

tzredits, des Pachter, der Methe, der Börse, des TT «mhandels, des WaarenmarkteS, des Annoncen- und ^^"^MsstellungSwesens; Abschaffung des Metallgeldes als »schmittel und Ersetzung desselben als Werthmaßes durch »feiten der gesellschaftlichen Arbeitszeit; endlich Einfüh- einer Werthtaxe des Sozialstaats an die Stelle des

1 tfamtn (gesellschaftlichen") Productes aller mr alle mbtch * ....."

er b« Mich? Der Naiioualökonom Schäffle hat dies in einer Unter ost näher nachgewiesen ohne bisher widerlegt worden en btt fän. Danach ist der sozialistische Grundgedanke im i m Umriß folgender:Ersetzung des Privatkapitals (d. ----; er privaten Pvoduettonöweise) durch das Collectivkapital, l$utr* h. durch eine Producttonsweffe, welche auf Grund fäm« Men Eigmchums der Gesammtheit aller Producenten

Mtpreises. Dieses System ist nur der Abklatsch sozia- »ekrtlE^ Theorien, wie sie Zis zum Jahre 1848 in Frank- uctiti er bcsoi >erzi >ä«i

«uf eigenen Wege»,

jfcsj- Novelle von E. BendhauS.

(Fortsetzung.)

Mt Erzählerin schwieg eine Weile, eS schien, als habe Se Anwesenheit des jungen MantteS, der mit Span- 8 und Interesse ihren Worten lauschte, vergessen. I fuhr sie mit weicher Stimme fort: So kam mein Minter Geburtstag heran; de- Nachmittags brachte Bormund einen jungen Mann, einen Herrn Warton S^en mit. Er war jung, elegant, von vornehmen Fiten. Ich war bald in eine lebhafte Unterhaltung Wt verwickelt. Alles was er sprach, erschien mir ttbar, interessant, erzählte er mir doch von einer un­steten Welt. Nach einigen Wochen hielt er bei meinem teund um meine Hand an und ich ich wußte ja »daß nur allein die Liebe eine Ehe heiligt, denn ich $ sie nicht, ich sehnte mich nur aus de« finstern Hort, ich willigte ein."

Me willigten ein," wiederholte seine tonlose Stimme, erschrocken die Augen zu dem Maler empor, er

jedoch ruhig:Fahren Sie fort, ich höre."

Rt leichter Schauder überflog ihren Körper, als sie Ftb jetzt fortfuhr:Eines Abends saßen der Onkel, mein !*%m und ich zusammen. Mein Vormund war an Abend äußerst gesprächig, ganz gegen seine sonstige Ödheit, er unterhielt sich lebhaft mit Warton, wobei tefsiel, daß er mehrere Gläser Wein, die ihm derselbe Mte, rasch leerte. Ich bekümmerte mich jedoch nicht darum, überließ die Beiden ihrer Unterhaltung, um N der glänzenden Zukunft zu träumen, die mir nach Rotten meines Bräutigams zu Theil werden sollte.

der Nacht werde ich plötzlich mit großem Geschrei

Anzeigen nimmt entgegen; die Expedition b.Blattei, sowie d.Annoncen-Bureaux von @. L. Daube L 6o. in Frankfurt a. M.; Jäger'! che vuchbandlung daselbst; Hermann'sche Kuchhandl. daselbst; Juoalidendank in

Berlin; W. Tbienes in Elberfeld: E. Schlotte in Bremen.

1U

1 . - - J w "Cf J ;4>