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Brief enthält Einzelheiten über den Londoner Scandal vor der deutschen Botschaft. Holtfeuer'S Befinden ist unverän­dert.

Das kronprinzliche Paar ward gestern von Tau­senden mit ernstem Schweigen empfangen. Der Verbrecher ist andauernd in Lebensgefahr, sein Aufkommen nahezu unmöglich. Nach demTageblatt" erhielt Moltte einen Drohbrief wegen seiner letztm NeichStags-Rede. Letzte Nacht warm in einigen Kasernen die Truppen consignirt. Gestern Abend erfolgte eine Haussuchung in der Redactton derBerliner freien Presse" und bei sämmtlichen Socia- listen-Führem; sie war resultatlos. Nobiling ist nach einem Dresdener Telegramm Mitarbeiter socialistischer Zeitungen. Er veranstaltete voriges Jahr Schießübungen, äußernd: Jeder Selbstmörder sei dumm, der zuvor nicht einen Großen mitnehme. Er äußerte fenter zu seiner WirthSmagd nach Hödels Attentat: Andere werden's besser machen! Die Polizei entsandte Rechercheure nach Sachsen Westphalen und der Rheinprovinz.

Gestern fand bei einer Geliebten Nobilings Haus­suchung statt. Eine Photographie ward vorgefunden, welche vielleicht die Entdeckung eines Complots bewirkt. Der Tod Nobilings wird nach Urtheil der Aerzte in spä­testens zwei Tagen erfolgen.

Ueber die Scene, welche sich beim Eintreffm der Nach­richt von dem Attentat in der Familie des Verbrechers er­eignete, wird Folgendes berichtet: Die in der Hinderstnstraße wohnhaften Eltern Nobllingö seine Mutter und der Stiefvater saßen am Sonntag Nachmittag beim Kaffee in höchster Seelenruhe und unterhielten sich von gleichgil- tigm Dingen, als ein Königlicher Wagm mit zwei Herren in Civil und zwei Offizierm vorüberjagte und daun in der Roonstraße 3 anhielt. Wenige Mimttm später fuhren die Herrm mtt dem Geheimrath Langenbeck, der in jenem Hause wohnt, wieder zurück. Herr v. G., Major a. D., der Stiefvater des Nobittng, der vom Fenster aus die Eilfer- ttgkeit mit angesehen hatte, sagte zu seiner Frau:Da muß wohl eine hohe Person plötzlich schwer erkrankt sein; sie haben's mit dem Geheimrath sehr eilig." Eine halbe Stunde später kam eine Droschke vor das Haus gefahren und eine schwarz gekleidete Dame mit todtenbleichem Antlitz stieg aus.Barmherziger Gott, was fehlt meiner Tochter!" rief die Majorin und stürzte der Kommenden schon aus der Treppe entgegen. Diese Tochter ist eine pflegende Schwester in einem Berliner Hospital. Sie bat im Flüsterton die Mutter zu schweigen und erst in die Wohnung zu kommen. Hier ließ sich die Tochter erschöpft in einen Lehnstuhl nieder, während die Mutter mit angsterMter Seele an ihrm Lippm hing. Endlich fragte die Tochter:War Karl heute

hier?"Nein," sagte der Major;gestern, am Sonn­abend hat er unö besucht."Und «ißt Ihr nicht, was heute Nachmittag Unter den Linden vorgefallen ist?" Nein," antwortete die Mutter;aber spanne uns nicht auf die Folter; was ist geschehen?"Man hat auf Kaiser Wilhelm geschossen." Der Major und seine Frau sprangen entsetzt aus und fragten zugleich:Wer?" Die Tochter holte erst tief Athem, dann antwortete sie mit tonloser Stimme:Der Mörder heißt Karl Nobiling, man schreit den Namen mit Verwünschungen begleitet durch alle Straßen der Stadt; ich hörte den Tumult von meinem Fenster aus, und fuhr, wie ich ging und stand, zu Euch, um zu hören, wo unser Karl ist." Der Major stand wie an den Boden gewurzelt, die Mutter fiel in Ohnmacht, die Tochter fing fie in ihren Armen auf. Wieder kam ein Wagen vorgesahren, zwei Herren stiegen die Treppe zur Wohnung des Majors hinauf, es warm höhere Polizei­beamte, die in sehr höflichem Tone den Herrn Major v. G. und seine Gemahlin ersuchten, zur Polizeiwache nach der Mittelstraße mitzukommen. Die Tochter fragte, ob sie ihre eitern begleiten dürfe, was ihr gestattet wurde. Die Majorin, die sich wieder erholt hatte, folgte, von der Tochter gestützt ihrem Manne und den beiden Herren, die mit den Damen dann nach dem Molkenmarkt fuhren. Auf dem Wege dorthin sprach die Mutter nicht eine Silbe, sie sah mit halb verworrenem Sinn das Gewoge der Menschen auf der Sttaße, hörte das Ausrufen der Extrablätter und das Verdammen des Mörders.

Vor kurzer Zeit soll NobUing zu dem Dienstmädchen seiner Wirthsleute, welches ihm den Kaffee brachte, wört­lich geäußert haben:Wenn Hödel kein rechter Schütze gewesen, so wird sich schon noch einer finden." Am Mor­gen des Attentat» zeigte er sich sehr vergnügt, bat, recht früh das Zimmer zu reinigen, und außergewöhnlich viel zum zweiten Frühstück. Gegen 10 Uhr, als die Wirthin den Korridor betrat, riß er plötzlich die Thür aus und rief heftig, erhitzt und roth auSsehend:Was wollen Sie!" Als die Dame erwiderte, daß sie Gäste erwarte, warf No­biling die Thür wieder zu und schloß sich ein. Der Schuß erfolgte in dem Augenblick, als sich im Nebenzimmer die Gesellschaft des Herrn Levy zu Tische setzte. Der Wirth kam in dem Moment hinzu, als der Offizier Nobiling ent­waffnet und gepackt hatte.

Nack einer anderen Mittheilung hat Nobiling auf die Aeußerung des Dienstmädchens:Ja, Herr Doktor, wenn der Kaiser erschossen wird, so kommt ja der Kronprinz an die Reihe", geantwortet:Nun, so schießt man immer zu so Zehne nach einander dann haben wir die Re­publik." Da« Mädchen dachte damals, das sei blos im

mittag näherte sich bereits dem Wend; auS dm StaatS- zimmern des Rührig'schen HauseS schallte ftohes Plaudern und Lachen. Es rührte von den Freundinnen und Be­kannten Herminens her, die erschienen waren, um ihre Glückwünsche darzubringcn und dm Nachmittag dortselbst fröhlich zu verleben. Die kostbaren Geschenke des Geburts- tagsttnbes waren bereits hinlänglich bewundert und bekrit- tett worden. Die junge« Mädchen saßen und standen in Gruppen zusammen; hier wurde über die Langeweile dieses Winters geklagt, die erst einen Ball gebracht hatte, dorten ein angehendes Brautpaar dm verschiedenarttgsten Betrach­tungen unterworfen, während Aridere sich.die neuesten Nach­richten auf dem Gebiet der Mode mittheiltm.

Der Kaffee war bereits eingenommen, und Hermine, die liebenswürdige Wirthin, war eben damit beschäftigt, die schweren silbernen Kuchmkörbe vom Tische zu nehmen.Ich meinte liebe Hermine," begann ein junges hübsches Mäd­chen, ein großes Album, in dem sie seither geblättert, zur Seite legerrd,ich dachte immer, Du würdest diesen Winter verreisen! Sprachst Du nicht von einer Hochzeit oder so Etwas, die Du in der Residenz mitfeiern werdest?"

Gewiß," entgegnete die Tochter des Hauses,ich hatte mich schon recht darauf gefreut, an dem Hochzeitstag meiner lieben Emma zugegen zu fein; wie sie mir jedoch heute schreibt, ist ihre Verheirathung bis zum Sommer verschoben worden, das ist aber noch eine lange Zeit, ich habe also noch viele Tage der Freude vor mir," meinte sie lächelnd.

»Wie hast Du beim dieseEmma" kennen gelernt, wohl" In der Pension," fiel Hermine ein;ich fühlte mich gleich im Anfänge unserer Bekanntschaft lebhaft zu ihr hin- zezogen; ich glaube Jeder, der sie kennt, muß sie lieben. Ihre Mutter und zwei jüngere Schwestern von chr lernte ich ebenfalls, während sie der Pension einen Besuch ab­statteten, Hennen. Jetzt befiudm Sie sich Alle wieder in B,

wo sich vor etwa einem halben Jahre Emma verlobte. Ihren Briefen nach ist sie die glücklichste Braut, die es nur geben kann."

Während so die jungen Mädchm zusammen plauderten, saß unten im Wohnzimmer Frau Rührig in ziemlicher Aufregung. Draußen war es bereits längst finster ge­worden; die große Lampe vor ihr auf dem Tisch beleuchtete hell chr Gesicht, welches mit Spannung nach dem Neben- zimmer schaute, aus welchem sich abwechselnd heftige Worte und im Gegensätze zu diesen wieder beruhigende Reden ver- nchmen ließen. Frau Rührig wußte, daß sich nebenan ihr Gatte mit Moritz FlauS befand. Jetzt öffnete sich die Thüre, und der Erstere trat ein; Frau Rührig erkannte sofort durch einen Blick nach ihm, daß er erzürnt und unwillig sei.Nun was gibt es?" fragte sie angstvoll, ihre knisternde Seidenschürze streichend." Du siehst echauffirt aus, es ist Dir doch nichts Unangenehmes begegnet? WaS ist mit FlauS vor?" 1

Der Kaufmann war einige Male durch das Gemach geschritten.DaS solltest Du gleich wiffen! DaS Mädchen hat ihm heute Morgen, nachdem er ihr zum Geburtstag gratulirt und bei dieser Gelegenheit seine Liebe zu ihr er­klärt hat, in aller Form einen Korb gegeben, so daß et sich in den Kopf gesetzt hat, seine Entlassung zu nehmen. Denke Dir nur, um solch einer Weibergrille willen, denn werter ist'S ja doch nichts, sollen wir den tüchtigen treuen Menschen verlieren, eS ist zum Verrücktwerden! Ich habe ihm zugeredet, Versprechungen gemacht, getröstet, daß es nur eine Laune sei, nur eine solche sein könne Alle« vergebens! Er bestehl darauf, noch heute unser Haus zu verlassen; er hat bereits Abschied von mir genommen.

Frau Rührig schlug die Hände über dem Kopf zusam­men; daß es einst so kommen könne, hatte die gute Frau

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men nimmt dagegen: Spedition «.Blatte», eb-Ännoncen-SButeaui

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Dietrich L Co. in Wi und Hannover; Th. rich in Frankfurt a.M.; enftein & Bögler in stfutt o. M., Berlin, ;ic Cvln tc.; Rudolf len hW. in ve in, Frank­furt a. M. il

Marburg, Donnerstag, 6. Juni 1878

xni. Jahrgang.

WklMchr jritmig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.Blatte», sowie d Annoncen-Bureaux von L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'! che Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidenbank in Berlin; W. Thiene« in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

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Aus eigene» Wege». Rovelle von 6. Bendhau» (Fortsetzung.)

ige näher zu bezeichnen, lehnte er theils ab, theils er nicht dazu im Staude. ES läßt sich bis jetzt noch erkennen, ob da» Verbrecken ans einem größeren lot oder auS einer Art frevelhafter Improvisation Anzahl verbrecherischer Subjecte entsprungen ist.

Weste und der Rock, welche der Kaiser am Tage Attentats getragen, sind heute dem Untersuchungs- s zugestellt worden. Nobiling lebt noch, ist aber Hinungsunsähig.

und Euch danken."

rmine war an diesem Tage so weich gestimmt; ihr volles Gemüth lag in ihren seelenvollen Augen, e heute Vorsätze für die Zukunft gefaßt, ernftere, fröhlich leichtmüthiger Jugendsinn früher zugelassen; e, daß es anders mit ihr werden müsse, Seither sie nur immer das gelhan, was ihr gerade im Augen- Freude machte; von der Küche au», in der sie sich Milchen beschäftigte, war sie zu ihren Büchern geeilt, efeiben im nächsten Augenblick wieder mit etwas ttm zu vertauschen.

Tagesbericht.

AuS Berlin wird vom 4. d. noch telegraphisch ge= tet:

Mittags 11 Uhr 45 Min. Dem Kaiser wird von

____ L-ämmtliche Cabinette haben die ihnen zugegangene Wung zum Congresse auf den 13. Juni angenommen. ,nert_ <£.et Verletzungen des Kaisers sind es ungefähr ' , theils mit, theils ohne Schrotköruer. Bei No-

von in keine Veränderung eingetreten. Die Rückkehr 6»^«DewußtseinS ist unwahrscheinlich; er hat in der Nacht phantasirt, doch ohne Zusammenhang und unverständ-

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petfl tung des Mörders ist durch dessen Zustand bis jetzt igepr ^rt- Phhsikus Dr. Arndt und Geheimrath Dr. Wilms

Aerzten soeben ein neuer Verband angelegt. Heute tag findet eine Sitzung des Staatsministeriums statt. Bulletin von Mittag« 12 Uhr. Im Befinden Sr. HI M des Kaisers ist seit gestern eine wesentliche Ver- mng nicht eingetreten; die Nacht war ruhig und ke größtentheils schlafend verbracht.

Der Kronprinz weilte geftent nach seinem Ein- i tn lange Zeit am Bette seines Vaters. Fürst Bis- «f hat sich, hier angekommen, zuerst über das Befinden jrk o genau erkundigt und sich dann über alle Einzel- ji genau Bericht erstatten lassen. Die weitere Ver-

>Nun sage mir einmal aufrichtig, Kind, waö hat Dir Anati am meisten Freude gemacht? Der Perlenschmuck lnn*- och hoffentlich nach Deinem Geschmack? Man ver- k mir, es sei, das Neueste in diesem Genre!"

sch« & er mir gefällt?oh gewiß, er ist ja wunderschön , zuh pl kostbar für mich! Ich war überhaupt über :ße 4! i über Eure Liebe zu mir, die Ihr mir

' wieder so recht gezeigt, so gerührt! Ich fühle, daß

-och hun muß, um Eure Güte einst annähernd ieiten." Sie reichte den Ettern über den Tisch tt derDHände. Jetzt tarnt ich nichts thun, als Euch lieben."

erscheint täglich außer an den Wetttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJSnftrtrteS SvnntaaSblatt" durch die Ervedition lKock'lcke Buchdruckere.) bezogen 2'4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf« (excl Bestellgebüh") -Znsertionsgebühr für die gespattem Zttle 10 Pf,

Für tn der Expedttton zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

au^ Ein Gewährsmann desBerl. Tageblatts" fand in dlgs Wohnung u. A. Dreyse'S Broschüre über dessen rersciAnadel-Revolver, worin die Stelle über daS Laden und

ygaJ - Nachmittags 2 Uhr 20 Min. Letzte Nacht sind l|)äisc Personen in öffentlichen Localen wegen Majestäts- ai, ibigung verhaftet worden. Der Helm, das Hemd,

-- tzt aber wollte sie sich nützlicher machen, eine geregelte 18,8- dingende Thätigkeit sollte sich entfalten; ihre Sieben

. j [ sie auf den Händen tragen, sie nie wieder durch ihre j A, ihre Heftigkeit betrüben. Mit diesen und ähn- Gedanken hatte sie ihren Geburtstag angetreten; frei» Äte sie dabei bald Gelegenheit erhalten, ihre guten

der Nachrichten über die Vernehmungen Nobilings Urust-soviel mit Sicherheit, daß er Anfangs zwar jede Ver- MittefW mit der Social-Demokratie geleugnet, später aber AucW mir den Zusammenhang mit derselben eingestanden, i co ®n auch hinzugesügt hat, die Ausführung der That C h getroffener Bestimmung auf ihn gefallen. Mit-

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