Marburg, Mittwoch, 5. Juni 1878
180
1. Mr-aug.
GnheßHe ZeitW
lit je
m Berlin, Frank.
urt 6. M- ic.
gen,
nuich
vti
Anzeigen nimmt entgegen: Me Expedition ».Blattei, sowie dÄnnoncen-Bureanx von S L. Daube & Co in Frankfurt a. M.; JSger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl- ♦ daselbst; Jnvalidendank in
Berlin; W. Thienes in Slberseld: C- Schlotte in
Bremen.
rscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „tzlustrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Ä e ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2', Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (ejccL Bestellgebühr). — Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
•en nimmt entgegen: pe»ition ».Blattes, uAnnoncen-Bureaux aßen h. Dietrich & Co. in nud Hannover; Th. hin Frankfurt a.M.; Kein & Bögler in urt a. M., Berlin, eichh« |, sein rc.; Rudolf
11
IK
M
-----Schiffs-Unglücke Geretteten beträgt nach am 1. Juni
bei
e jetzt in Paris aufhält. — Das verbreitete Gerücht tut erfolgten Tode des Attentäters Nobiling entbehrt Begründung. Die in Posen wohnenden Schwestern en sind vernommen worden. — Die Zahl der bei
tschlafen und etwas Nahrung zu sich genommen. — Karl von Preußen und die Großherzogin von Baut Vormittag um 10 Uhr eingetroffen. Das kron- iche Paar trifft Abends um 10 Uhr, der Großherzog oben morgen früh ein. — Der Schah von Persien m 6' 2 Uhr Abends nach Paris. — Die Aussagen Bediensteten in dem Hause, wo Nobiling wohnte, er-
wmmener Zählung 218. Möglicher Weise wurden !eute in und um Folkestone durch Fischerboote gerettet; rutsche Consul in Dover ist deßhalb befragt worden, die Auffindung einer jeden Leiche ist eine bestimmte nune als Prämie gesetzt.
m einem unserer Berliner Correspondenten erhatten wch folgende Mittheilung über da« Attentat: Eine liche Aufregung bemächtigte sich Sonntag Nachmittags 3 Uhr aller Einwohner der Residenzstadt Berlin, i haben sie wirklich unfern guten Kaiser erschossen." r Jammer-Ruf durcheilte mit Flügeln des Windes die Stadt, überall mit starrem Entsetzen aufgenommen, waren bereits unterwegs, um die Vorfahrt des Herr- von Persien vor dem kaiserlichett Palais mitanzu- — sie erhielten die Kunde von der unglaublichen «baren Thal, während sie zu Fuß oder Wagen nach eben ritten. „Verschwörung," „Belagerungszustand," Kit das Stichwort der erregten Bewohner Berlins. Eitb kamen wir nach den Linden, — wir sahen die arte des Kaisers von dem Gipfel seines Hauses flat- wie sonst an ruhigen Tagen. Gott sei Dank! Der lebt. Unser guter, guter Kaiser, für den wir mit «t unser Herzblut geben würden, er lebt. Von allen
rleaF daß derselbe wärend der letzten Zeit stets in frühester Intftunbe Personen in Arbeitskleidung bei sich empfing, taut« chelffy still gingen wie sie gekommen waren. No- »nenj unterhält auch intimen Verkehr mit einem eifrigen " der Sozial-Demokratie aus den besseren Ständen,
8 beji
- von s Tage-bericht.
- J-l em 3. Juni meldet der Telegraph noch aus Berlin:
;a» Befinden des Kaisers ist fortdauernd befriedigend. I, Majestät ist bei leutseligster Laune und nimmt vollen n, il an de zahllosen von auswärts eingehenden Kunden der Sympathie. — Bulletin über das Befinden Majestät des Kaisers von 4 Uhr 30 Min. Nachmit- Der Gesundheitszustand ist befriedigend, der Kaiser
Seiten, aus allen Straßenwinkeln strömt die erregte Menge herbei, vor dem Palais des Königs staut sich die Masse: tiefe Stille, stille Trauer in allen Gesichtern. Die Diener der öffentlichen Ordnung haben leichte Arbeit, die Tausende von Menschen gehorchen willig jeder Weisung des Schutzpersonals. Der Eindruck, den dir fortwährend zuströmenden Nachrichten machten, läßt sich nur nachfühlen, aber nicht beschreiben. Die von einzelnen Blättern abgegebenen Extrablätter werden zerrissen, ehe sie gelesen werden. Der einzige Trost, den die auf's höchste erregte Menge erhält, ist die Kunde, daß keine Verwundung unseres Monarchen dem theuren Leben Gefahr droht. Wiederum hat sich also der feige, im Finstern schleichende Meuchelmord an die Person des Kaisers gewagt, des Kaisers, weicherem Liebling des Volks, das Musterbild eines Fürsten genannt werden muß. Und der vorliegende Fall hat das Eigenthümliche psychologisch ganz und gar unerklärbar zu sein. Ein junger Mensch, mittelmäßig befähigt, in Ritten Gesellschaftskreisen heimisch, der fein Fortkommen in" Kreisen suchte, für welche er nicht die nöthige Befähigung mitbrachte, der angesteckt von dem Größen- wahnstnn, der Pest des 19. Jahrhunderts, sich schämte, einige Stufen tiefer zu steigen, machte einen Mordversuch auf die geheiligte Majestät, ehe er feiner erbärmlichen Existenz ein Ziel setzte. Hödel-Nobiling, ein seltsames Paar! der eine der Hefe des Volks angehörend, der andere auf der Oberfläche schwimmend, aber beide die Produkte .ihrer Zeit und ihrer Umgebung. Eine furchtbare Mahnung an das deutsche Volk! Der deutsche Namen ist stinkend geworden int Auslande. Keine Nation hätte einem so hvchwürdigen Herrscher, wie Kaiser Wilhelm ein ähnliches Loos bereitet. Wir haben es nicht mit der Rohheit Einzelner, sondern mtt einer moralischen Krankheit der Natton zu thun, die sich in einzelnen Personen in einer erschrecklichen Nacktheit zeigt. Beugen wir unser Haupt in Demuth. Der 2. Juni muß der deutschen Nation ein Mene tckel upharsin fein, wenn nicht die Weltgeschichte ein vernichtendes Urtheil über unsere Generation fällen soll.
Von einem Augenzeugen des Attentats wird berichtet, daß der Anblick des Wagens mit dem blutenden, wie ohnmächtig zusammen gebrochenen Kaiftr ein herzzerreißender war. Während der Wagen langsam dem Kaiserlichen Palais zufuhr, sprang ein höherer Offizier in den Wagen, Major Freiherr von Rosenberg, der Führer der marottanischen Gesandtschaft, um den Kaiser zu unterstützen. Seine Handschuhe waren über und über mit dem theuren Blute ge- träntt, als er den Kaiserlichen Herrn aus dem Wagen hob.
Als oer Kaiser in's Palais zurückgebracht worden war, fragte er u. 31.: „Ich begreife nicht, warum immer auf
[bat. - bwt»
Auf eigene» Wege«. Novelle von E. BendhauS»
(Fortsetzung.)
ine
er.
ni
Mitt. .86.
dächte Rosa, Sie wären längst zu Bett gegangen, mit jungen Männern mitternächtliche Unterhal- zu pflegen!" Emil Mersenburg schlug bei diesen des Prinzipals das Blut in das Gesicht mühsam ■ beherrschend, trat er einen Schritt er höflich erwiderte: „Verzeihen Sie, Herr
, wenn Jemands zu verdammen ist, so bin ich eS, ch habe meine Braut zu dieser für mich sehr wichtigen ftbung gebeten. Es wird das letzte Mal sein, daß
, , es war lym unmogucy |ra) mu oem iviujtucy«*- tu ec flxir, er fürchtete, fein Groll gegen denselben würde
l weit führen. „Es scheint, als wolle er sie bald .murmelte er, „aber ohne Geld?" Er lächelte, r an dem Sekretär vorüberschritt, „eine kleine Summe Inhalts würde genügen, um sie zusammenzuführen! es ihm nicht aus der Luft zufällt, dann hat es mit beten Herrn gute Wege." Er hörte noch, wie das sich mit leisen Worten draußen verabschiedete und sich bann selber zur Ruhe. —
' e Tage später ging Moritz FlauS — es mochte gegen 11 Uhr Vormittags fein — mit großen in feinem Zimmer auf und ab. Seine Gedanken mit Wichtigem beschäftigt zu sein; zuweilen blieb $en um abgerissene Sätze vor sich hinzumurmeln. iS gerathen ist, wenn ich mich heute schon erkläre.
Utft dadurch Ihren Tadel zuzieht, denn so Gott will J |e bald einem anderen Herrn folgen", schloß er, die 18«» über das unerwartete Eintreten deS gereizten es gr tami6, erblaßten Rosa an sich ziehend.
*•) frt Rührig hatte sich schon bereits zum Gehen ge- . es war ihm unmöglich sich mit dem Musiklehrer
e Nr.
ier
:m n.
)rün
— Daß sie an den Referendar nicht mehr dentt, darauf möchte ich schwören, wenn sie mich auch neulich Abend so Wülhend bedachte, als ich ihr den Monsieur in das rechte Licht setzen wollte! — Was wollte sie auch an mir auszusetzen haben?" Er trat vor den Spiegel und betrachtete sich eine Zeit lang, um weiter zu denken: „Die Eltern sind ganz vernarrt in mich, was braucht es mehr, um auch der Tochter begehrenswerth zu erscheinen? Ein bischen jugendliche Sprödigkeit, die sie zeigt, trägt nur dazu bei, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um in ihren Besitz zu gelangen! Ich glücklicher Mensch! Ich werde eine Frau besitzen, um die mich Jeder beneiden muß und" — seine Augen erweiterten sich, während er einen tiefen Athemzug tijat, — „ich werde endlich daS Ziel erreichen, dem mein Ehrgeiz mit allen Kräften zustrebt; ich werde mit dieser Heirath reich, geachtet, gesucht; die Unbequemlichkeiten, die Kleinigkeiten des Lebens werde ich abschütteln, um dafür das Dasein in des Wortes vollster Bedeutung zu genießen. Ja, ich werde ihn besitzen, den Mammon, nachdem alle Well jagt, nicht länger mehr werde ich mich in diesem abfairen Laden plagen! — Aber wenn sie mir durch alle diese glänzenden Zukunststtäume einen Streich machte! Wenn sie mir mit eisiger Ruhe sagte, daß sie mich verachte ! Unmöglich! Der Angstschweiß stand bei diesen Worten auf der Stirn deS Sprechers. Ja, wenn es so wäre, dann — bei Gott, bann werde ich mein Ziel dennoch erreichen! Kenn ich nicht genau den Ort, wo die Papiere liegen? Ein Griff hinein und fort über alle Berge immer fort! Ich wäre reich und au Ihr — gerächt! Ja gerächt! Die verwöhnte stolze Erbin würde gedemüthigl, arm und verlassen von Allem, was das Leben schmückt, daftehen, während ich, — er vollendete den Satz nicht, denn der Gedanke, kam ihm, daß sein Unternehmen mißglücken, daß er als gemeiner Betrüger, als ein — Dieb zurückgebracht
Mich geschossen wird?" — DaS zu Ehren des Schah von Persien angesagt gewesene Gala-Diner kam natürlich in Fortfall. Der greife Monarch, der am Abend seine Ge- müthöruhe voll wieder gewonnen hatte, gedachte in der ihm eigenen Herzensgüte feines nunmehr vernachlässigten GafteS und meinte: „Der arme Schah kommt nun um fein Diner." — Als Graf Perponcher dem Kaiser meldete, daß auch die Gala-Vorstellung im Opernhause abbestellt worden fei, meinte Seine Majestät: „Es ist unrecht, daß Sie die Leute um ihr Vergnügen bringen." — Um neun Uhr las der Kaiser, mit verbundener Wange in einem Lehnstuhl sitzend, noch persönlich die zahlreich einlaufeuben Beileids-Depeschen. Den ersten Verband hat der Geheime SanitätSrath Dr. Lewin und nicht, wie gestern mitgetheilt, Dr. Fränkel dem Kaiser angelegt. Das Schrot, welches den Kaiser getroffen, war Schrot Nr. 3 und 4. Als er aus dem Wagen ins Palais zurücktrat, gab er Befehl, der Kaiserin zu telegraphiren, daß er durch einen Streifschuß verwundet sei.
Montag Morgen 10 Uhr 14 Minuten traf die Kaiserin mit ihrer Tochter, der Frau Großherzogin von Baden, in Berlin ein. Die Kunde vom Erscheinen Ihrer Majestät hatte sich mit WindeSelle durch die Stadt verbreitet und hatte Tausende von Menschen nach der Bchrenftraße geführt. Die Kaiserin saß tief gebeugt, vollständig in Schwarz gehüllt, im verschlossenen Wagen; ihr zu Linken die Frau Großherzogin von Baden, thränengesüllten AugeS auf die Menge schauend, die erfurchtsvoll vor dem von einem Vorreiter eröffneten Zuge auswich. In weiteren SBagen folgte die Begleitung der hohen Frau. Im Palais angekommen, begab sich Ihre Majestät, von der Tochter gestützt, wankenden Schrittes in das Krankenzimmer des Kaisers. Was sich hier zngettagen — entzieht sich den Blicken der Außenwelt!
Nach bett Erkunbigungen, ’ble bie Post gestern um 1 Uhr Mittags ans unmittelbarster Quelle schöpfte, befindet sich der Attentäter noch am Leben. Sein Zustand soll den Umständen angemessen fein. Seine Verwundung ist jedoch so schwer, daß daS Gehirn aus dem Schädel heraus- getreten ist. Nobiling hat, wie wir au« derselben Qelle erfahren, in der Nacht zugestanden, in Verbindung mit mehreren Pesonen gehandelt zu haben. Bis Mittag hatte der Verbrecher sein Bewußtsein noch nicht wiedererlangt.
Die Genehmigung zur Abgabe der Einladungen für den Kongreß, der in Berlin am 13. d. M. zusammentritt, soll die letzte ober eine ber letzten Handlungen Seiner Majestät des Kaisers vor dem gegen ihn verübten Attentat gewesen fein, " " - ' ~ 1 1 ~ ese i, i
werben könnte, um vor ihre Augen gestellt zu werden, all' feine Träume hin, all' seine Mühe vergebens! — Mit einem schrillen Lachen unterbrach er feinen Gedankengang. „Ich vertrödele die Zeit mit den Ausgeburten meiner Phantasie, anstatt zu handelnl" Mit ««er energischen Bewegung trat er an den Tisch, ergriff ein auf demselben liegendes prachtvolles Blumenbouquet, warf noch einen Blick in den Spiegel und schickte sich mit völlig verändertem GesichtSauSdruck, mit einem gewinnenden Lächeln auf den Lippen, an, das Zimmer zu verlassen, um der jugendlichen Tochter des Hauses zu ihrem heutigen achtzehnjährigen Geburtstag zu gratuliren.
Am Mittagstisch, an dem es heute festlich herging, waren bereits alle Hausbewohner versammelt, nur ber erste Commis fehlte. Auf den schönen regelmäßigen Zügen Herminens lag trotz des fröhlichen Tages, der ihr Glückwünsche und Geschenke in reichem Maße gebracht hatte, ein leichter Schatten. War ihr trotzdem etwas Unangenehmes begegnet? Rosa dagegen strahlte vor einem inneren Vergnügen, kaum schien sie den Jubel, der sie erfüllte, verbergen zu können.
„War Herr Flaus heute morgen nicht bei Dir, liebe« Kind? fragte Frau Rührig ihre Tochter.
„Ja, er gratulirte mir" war bie etwas beklommene Antwort.
„Und hast Du keine Vermnthung", begann ber Vater, „warum er nicht erscheint?" Seine bisher so heiteren Augen bohrten sich mit einem forschenden Blick in bie Ihrigen.
Hermine wollte hastig etwas erwibern, mtt eitlem Mick ' auf die Tischgesellschaft antwortete sie jedoch kühl: „Ich habe ihn wirklich nicht gefragt, ob er heute etwa« essen