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Marburg, Mittwoch. 29. Mai 1878

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Auf eigenen Wegen.

Rovrllr von E. BendhauS- (Fortsetzung.)

Galleric nieder; ja, eS dauert eine geraume Weile bis t von der ersten Violine bis zum großen Baß herab Plätze gefunden haben. Auf dem.Gange, der am vorbeiführt, vernehmen wir jetzt das Rauschen und etn von Seide und Tarlatane! ES sind die ersten

Selbstverständlich folgte diesen Worten stürmischer Beifall. Dann verlas der Vorsitzende, Schriftsetzer Greifenberg die folgende Resolution: Die heute bei Busse versammelten Bürger (sic/ Berlins erklären sich mit dem Vortrag des Abz. Motteler einverstanden und sprechen gleichzeitig sämmt- lichen socialistischeu Reichstagsabgeordneten für ihre Hal­tung ihren Dank aus, indem sie geloben, für die Verbrei­tung socialistischer Lehren immer kräftiger zu sorgen, damit in den nächsten Reichstag die doppelte Zahl von Social- demokrateu gewählt werde — die dann ohne jede Diskussion und natürlich einstimmig angenommen, denn die An­wesenden, welche etwa dagegen stimmen wollten, wagten eö nicht, aus Furcht vor den Fäusten der Socialdemokraten. — Rach ■ etwa 11 >. Stunden war der ganze Schwindel zu Ende und die Massen verließen, nachdem sie während dieser Zeit mehr als neun ganze Tonnen Bier vertilgt hatten, das Lokal. Jedenfalls hatte der Wirth hierbei das beste Geschäft gemacht.

. Menden Damen, die sich nach der Garderobe begeben, chreiten wir mit ihnen das Heiligthum, „Garderobe"

t, das kein männlicher Fuß entweihen darf. Aus unförmigen Umhüllungen, Kopftüchern und Shwals Damen beginnt sich jetzt der glänzende Kern heraus- . Die alten Damen in bauschig seidenen Kleidern hohen fpitzenverzierten Kopfputzen sind den jungen, gSvollcn Töchtern, denen oft hier und da ein wenig Mände zittern, beim Ordnen ihres Anzuges bchülflich! Jt ist tine Schleife zerdrückt, dort bemüht man sich, ein ’p enge weiße Handschuhe über die Finger zu ziehen, Jrrnb auf der anderen Seite ein Paar heruntergefallene fHt aufgesteckt werden. Dabei drängt sich Alles um

nimmt entgegen: »Expedition ».Blattes, dAnnoncen-Bureaux ib. Dietrich & Co. in

Tagesbericht.

In den politischen Kreisen der Reichshauptstadt herrscht t die feste Meinung vor, daß der Congreß nunmehr als kommen gesichert angesehen werden kann. Man erwartet i definitiven Zusammentritt desselben zu Mitte nächsten mats, glaubt jedoch, daß er nicht sobald seine Arbeiten Htben «erde.

interessanten Blick auf die Auwcseitden zu werfen. Die Musiker entlocken unterdessen ihren Instrumenten quickende und pustende Töne, worauf ein einleitendes Musikstück be­ginnt. Die Herrenwelt wagt sich jetzt offen aus ihren Ver­schanzungen hervor, um hier und da eine bekannte Dame zu begrüßen, oder ein Engagement zu treffen. Herr Moritz Flaus steht mit tadelloser Haltung unter der Thüre und sieht mit einem gleichgültigen Lächeln auf dem blassen An­gesicht dem Treiben zu. Jetzt öffnet sich die Saalthüre und Madame Rührig gefolgt von ihrer Tochter, tritt ein. Wie durch eine elektrische Berührung hervorgebracht, wandten sich die Blicke der meisten juilgeu Damen der Erscheinung zu, die sich chnen bot.

„Ah, Hermine Rührig", rief sichtlich erfreut der junge Backfisch von vorhin, „wie reizend sie aussieht." Und mit den Worten „ich muß sie begrüßen" verließ sie einen jugendlichen Herrn, mit dem sie sich bisher unterhalten und railschte an dem etwas verblüfft Dreinschauenden vorbei, auf Hermine zu.

„Schön sähe sie aus", flüsterte eine Freundin der an­deren zu; „ich finde die Rosen kleiden sie nicht." „Nein", entgegnete die Angeredete, „das kann ich nicht bemerken, aber sieh nur, wie kokett sie aussieht, wie sie lächelt, und was für einen Knix sie macht!" Die Schleppe ist fzu lang", flüsterte eine dritte, indem sie sich vor Neid schier gelb färbte, da ihre eigne L-chleppe ihr viel zu kurz erschien. Hermine sah aber auch heute Abend hinreißend schön aus so daß dies wohl den Neid ihrer Bekannten herausfordern mußte.

Ein weißes Tüllkleid, mit unzähligen Rüschen und Tollen besetzt, ließ die wohlgeformlen Arme und Hals vortheilhaft hervortreten; hier und da erschien das Kleid von dunklen feurigen Blüthen emporgezogen, während rothe Korallen, um Hals und Arme geschlungen, den Anzug

TrntscheS Reich.

** Berlin, 27. Mai. Der Kaiser hat dem Cultus- minister Falk wiederholt den Allerhöchsten Wunsch zu er­kennen gegeben, daß der Minister in seinem Amt verbleiben möge. Tie definitive Erledigung dieser Angelegenheit wird bei dem anscheinend nahe bevorstehenden Hierherkommen des Fürsten Bismarck und des Grafen Stolberg erfolgen. Einstweilen tritt der Minister eine amtliche Reise nach Schlesien an. — Im Verfolg der Erörterungen im Reichs­tag über die unnachsichtige Handhabung der bestehenden gesetzlichen Bestimmungen über das Vereinsrecht gegenüber den Sozialdemokraten werden seitens der Minister des In­nern und der Justiz neue Weisungen an die betreffenden Behörden ergehen. Das „Berliner Tageblatt" behauptet, die Regierung und namentlich der Fürst Bismarck sei über die Aussicht, daß ein Theil der nationalliberalen Partei gegen die bloße Ablehnung des Sozialistengesetzes stimmen werde, tendenziös und falsch unterrichtet worden. Wenn dies so wäre, so hätte das Tageblatt jedenfalls mit zu den tendenziösen Berichterstattern gehört; denn in der Nummer dieses Blattes vom 22. Mai ist zu lesen, eine nicht uner­hebliche Anzahl von Mitgliedern der nationalliberalen Partei sei entschlossen, sich nicht unter allen Umständen ablehnend zu verhalten; zwar wäre dies nicht so zu verstehen, als beabsichtige man, die Vorlage, wie sie ist, anzunehmen, aber man rechne auf die Zustimmung der Regierung zur Ab­schwächung des Gesetzentwurfs u. s. w. Das Tageblatt schließt diesen Artikel sogar mit den Worten: „daß gestern in nationalliberalen Kreisen von diesen Eveniualitäten die Rede gewesen, wird uns als zuverlässig verbürgt". — Die

Merhessische Zrilung mit deren Gratisbeilage llrrstrirtes Somrtagsblatt den von allen Postanstalten entgegengenommen.

Im Feuilleton der Zeitung beginnt in den sten Tagen eine höchst spannende Novelle

Auf eignen Wegen

von einer Marburger Verfasserin.

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Die Exped. d. Oberh. Zeitung.

Ergeb

Plötzlich ertönt von der Straße herauf das Posthorn, und I-nggezogenen Töne des alten Postillonsliedes „Schier drei- _ _ Jahre bist Du» alt rc." klangen wohl in diesem Augenblicke tauben entzückender in das Ohr als dem Besitzer des 97 tels, der mit fliegenden Rockschößen hinaus an das gegen- 94= erliegende Postgebäüde stürzte, um dort seine lieben, schn- '0' st erwarteten Schellfische in Empfang zu nehmen! Der V der Uhr zeigt nur noch eine halbe Stunde vor 10'1 ginn des Balles. Jetzt erscheint die Capelle des Städt- 1A «s, bestehend aus sieben Mann; sie schreiten an dem :• ‘.2 «unzelnden Wirth vorüber die Treppe hinauf und lassen „42 ’ im Saal angelangt, mit ziemlich viel Geräusch auf

__V Zum Dank für die ihnen von den liberalen Parteien tauf? Biefene Unterstützung bei der Berathuug des Gesetzes len g-s tn die Sozialdemokratie hatten die Berliner Sozial- iL_[l »traten Sonntag Mittag eine Volksversammlung nach , . 6 Busftz'schen Saale aus dem Moritzplatz berufen. Ob» Hl i ich Tausende von Menschen sich dort zusammengefunden

hatten, verlief diese Sammlung doch äußerlich ganz ruhig, so daß Biele sich in ihrer Hoffnung betrogen sahen, bas Schauspiel ber Auflösung zu erleben. Allerdings trägt daran nicht Schuld die in Ton und Tendenz agitatorisch geschickt zugespitzte Rede des Reichstagsabg. Motteler über das Gesetz gegen die Ausschreitungen der Sozialdemokratie. Im Eingang seiner Phillippika bemerkt der im sächsischen Dialekt predigende Agitator elegisch: Nicht Kirchenglocken, sondern die Stimme des Parleigewiffens habe die werk- thätigen Männer Berlins hier zusammenberufeu, um in eine ernste Betrachtung über Dinge dieser Well einzutreten. Redner geht dann auf eine Krittk der Motive zur Regie­rungs-Vorlage ein, welche nichts Neues enthält, spendet der inustergülttgen Organisation der deutschen Polizei und ihrer Justiz seine Anerkennung für die unausgesetzten Ver­folgungen und ruft mit Emphase aus: Nur das Interesse der Gesammtheit verfolge die Sozialdemokratte und des­halb suche man sie zu zersprengen. (Stürmischer Beifall — Pfui, pfui!) Fordern wir politische Freiheit, so schimpft man uns Revolutinäre, fordern wir Brot, so heißts wir wolle» theilen, und rufen wir die Hülfe des Staats an, so stempeln uns die Liberalen zu Kapitalverbrechern. Daß die Sveialdemokraten aus der Landeskirche austreten, habe überall den größten Unwillen erregt, und doch hätten sie nur von einem Rechte Gebrauch gemacht, das die Liberalen sich erkämpft. Daß Frauen in öffentliche Versammluiigen gingen und Über Gott und Religion freie Unterhaltungen führten, sei lediglich der Ausfluß wirthschastlicher Miß­verhältnisse. Die Noth und das Elend risse sie aus ihrem natürlichen Wirkungskreis. So drehe sich der Kampf der Parteien nur um die Magenfrage, Unzufriedene kämpften gegen Zufriedene, Hungrige gegen Satte, und nicht eher werde es aufhören, bis Zustände geschaffen seien, unter deren Bedingungen ein Durchschnittsrad von Zufriedenheit ftattfindeu könne. Die Zunahme ber Verbrechen hänge nicht mit der Socialdemokratie zusammen, denn die Statistik beweise, daß nur Unzucht, Meineid, be­trügerische Bankerotte u- s. w. progressiv gewachsen sei. Was die Regierung darnach berechtigt, gegen die Socialdemokratie einzuschreiteir, sei unerfindlich, desto mehr aber müßten alle Gesinnungsgenossen nun um desto fester sich verbinden, um entweder auf ber Höhe zu bleiben ober in den Abgrund herabzustürzen. (Anhaltende stür­mische Bravos). Stürze herab, sagte ber Apostel, und ich werde meinen Engel senden, damit er dich am Fuße fest- halte. Wohlan Freunde — heißts zum Schluß, laßt uns geschickter werden zum Kampf gegen die Ausbeuten der Menschheit, dann wird kommen der Tag, wo auf der ganzen Linie der Ruf erschallt: Seht die Feinde fliehen! . . . Vorwärts, vorwärts! . . . Und sie bewegt sich doch!

den einen großen Spiegel des Zimmers, von dem sich die Meisten nur sehr schwer und zögernd trennen können, um anderen Nachdrängenden Platz zu machen; überhaupt will das Ordnen, Corrigiren und Aendern kein Ende nehmen. Jede neu ankommende Dame wird mit einem mißtrauischen Blicke betrachtet, bis sie sich entweder zum Schrecken der Gesell­schaft als glänzender Phönix herausstellt, oder im andern Fall mit einem erleichterten Anfathmen begrüßt wird. Hier ermahnt eine Tiutter, die selbst in ihrer Jugend eine der Ausgelassendsten war, ihr Töchterchen, einem fünfzehnjährigen munteren Backfisch, doch heute Abend ja nicht zu lebhaft zu fein und sich nicht so rasch zu bewegen, während ein anderes mütterliches Herz ihrer etwas verblühten Tochter, die aber trotz ihres aller jugendlichen Formen entbehrenden Körpers als Ballzierde glänzen will, den Rath gibt, doch heute ja alle Schleusen ihrer Beredsamkeit zu öffnen, um ein vorüberflatternbes Herz in ewige Fesfeln zu schmieden. Die Garderobefrau bemüht sich unterdessen, das Chaos von Mänteln und Kapntzen zu ordnen und zu numeriren! — Der Saal hat sich mittlerweile gefüllt! Der Kronleuchter schaut strahlend herab auf einen Flor junger und alter Damen und er scheint bei der ziemlich allgemeinen Auf­regung der Gemüther als der einzig lächelnde Humorist, der mit Behagen feine Lichtstrahlen Über die Anwesenden schweifen läßt. Die älteren Damen haben geräuschvoll Platz genommen, während die jüngeren, um ihre Roben nicht zu zerknittern, an einem Ende des Saales plaudernd zusammen stehen, die neu Ankommenden scharf krilisirenb. lieber dem Ganzen ruht jetzt eine so zu sagen feierliche Stille, die durch das leise Geflüster der Damen nur wenig unterbrochen wird. In den anstoßenden Nebenzimmern sieht man die Herren­welt in Gruppen stehen, und zuweilen wagt sich einer ber Tänzer in Frack und weißer Halsbinbe bis in die Thüre des Saals, um durch den Kneiper einen gleichgültigen oder

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition » Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co in Ärantfurt a. M.; Jäger') che Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Tdienes in Elberfeld; C Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlustrirtcS SauntagSblatt" durch die Erp-dition (tkoch'sche Buchdruckerei) bezogen 2‘4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (ejel. Bestellgebühr). — Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Psg.

Für in der Expedition zu eitheileude Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet.

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Zn Berlin tauchte Montag Nachmittag plötzlich das flicht auf: aus London sei die Nachricht eingetroffen, i man dort auf den Kronprinzen des deutschen Striches hoffen habe. Diese Nachricht war plötzlich in allen eifert, namentlich in den höchsten Regierungskreisen, in i Ministerien rc. verbreitet, ohne daß es jedoch bis zum • hluß der Post gelingen wollte, den Ursprung dieses Ge- hts zu ermitteln, telegraphisch wird gemeldet, daß dasselbe ne jeden Anhalt sei.

Die Meldung auswärtiger Zeitungen von einer Stö- WW ig der freundlichen Beziehungen zwischen, Deutschland -—' b China wird von bestunterrichteter Seite für vollständig iete; vcchr erklärt; der deutsche Gesandte in Peking hat le- burch stlh eine Urlaubsreife »»getreten. •

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36,48 »ich in Frankfurt a.M.; •78 ä« wfenftein & Bögler in ' S idfurt a. M.. Berlin, r X®3 iiiia, Cöln ,c.; Rudolf 3 Anis 2je in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

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