Marburg, Dienstag, 28. Mai 1878
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Die Exped. d. Oberh. Zcituug.
Schluß des Reichstages
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gesellt, daran schuld. Sehen unsere Handwerker und Industrielle auf die verschiedenen Parteien und fragen sich: von welcher haben wir etwas zu erwarten und welche hat mit richtigem Griff die Reform unserer Gewerbeordnung angefaßt? so bleibt ihnen keine Wahl, als zu sagen: das ist die deutsch-conservative Partei. Sie ist es, welche auf dem von Minister Hofmann so treffend gezeichneten Boden steht: sie sieht in der sittlich-religiösen Erziehung des Volkes die Grundbedingung alles Volksglückes, aber sie will daneben auch die ernste Zucht des Staates und der Gesellschaft zur Bekämpfung der verderblichen Leidenschaften und Jrrthümer. Wie die verschiedenen Vrrsanimlungen in Süddeutschland, namentlich in Gießen und Stuttgart, in letzter Zeit gezeigt, wächst die Sympathie für diese Partei immer mehr und mehr.
Sich der Anlaß werden, daß in der nationalliberalcn ion der Krach ausbrechen werde. Eine große Anzahl lieber derselben soll sich nur widerwillig dem Terroriö- der Parteiführer gefügt haben, und die Herren Gneist und v. Treitschke haben diesen Riß, der die Partei geht, vor dem Reichstage bloß gelegt.
i liberale Zeitungen sagen, man habe Herr v. Ben- m bei seiner Donnerstags-Rede die Verstimmung über Versagung des Ministerportefeuiües deutlich abgcmerkt. wäre aber sehr begreiflich, wenn andere Leute nicht hätten, in so wichtigen Fragen sich zum schleppen- beleidigter Eitelkeit Einzelner zu machen. Es mögen gar manche ernste nationalliberale Männer einsehcn, man auf diese Weise nicht fortkommt, wenn man sich Vorlagen, welche den Nothständen der Zeit abzuhelfen 7-, einfach ablehnend gegenübergestellt, ohne für die ^lehnte Vorlage etwas Besseres vorzuschlagen. Auf
Weise bringt sich eine politische Partei um ihren irrst. Sie gesteht dadurch tatsächlich ihre Rathlosigkeit »nüber den Nothständen der Zeit zu. Die geschlossene hat aufs Neue gezeigt, daß die liberale Partei in
Prinzip des laisser faire (Gehenlassens) so festge- tzrn ist, daß sie daraus nicht loskommen kann. Die
Werden von allen Postanstalten entgegengenommen. t136 Im Feuilleton der Zeitung beginnt in den : Wien Tagen eine höchst spannende Novelle
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M Merhessische Zeitung
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eichen, während sich die unermüdliche Frau Rührig in 1 Ästrthschaft zurückzog.
Hermine hatte sich, um den erhaltenen Brief mit Muse Hn, auf ihr Zimmer zurückgezogen. Es war ein kleines, üblich ausgestattetes Gemach mit dem Blick auf den ^ktplatz. Der Thüre gegenüber stand ein kleiner tür- Divan; vor demselben ein rundes Tischchen, welches ständig mit Büchern bedeckt war. Zwischen den beiden, sichten weißen Gardinen bedeckten Fenstem stand ein gearbeitetes Nähtischchen; im Hintergrunds des Zim- i erhob sich ein mit dunkelblau-seidenen Vorhängen ver- W's Himmelbett. Die Vorhänge desselben jinb zurück- Dvbeu und lassen uns einen Fond von Tüll, Spitzen, rc. auf demselben erkennen. Es ist der Ballstaat F jungen Dame, der hier ausgebreitet liegt. Die Be-
Der Reichstag hat seine Session diesmal mit der Ab- hmng des Gesetzes gegen die Ausschreitungen der Social- dkratie abgeschlossen. Für die nationalliberale Fraction int das ein bedenklicher Sieg zu sein, welchen sie über Regierung errungen hat; denn wie das „Berl. Tagebl." andeutet, und wie auch wir hören, dürfte dieser Be-
Tagesbericht.
Die Frage ob der Beschluß des Reichstages über das Gesetz gegen die Ausschreitungen der Socialbemokratie zu einer Auflösung dieser Körperschaft führen werde, wurde in den politischen Kreisen der Reichshauptstadt vielfach ventilirt. Wir glauben gut unterrichtet zu sein, wenn wir in Bezug hierauf melden, daß eine derartige Absicht dem Leiter der deutschen Regierung fern liegt.
Die christlich-sociale Arbeiterpartei ist in den letzten Tagen vielfach verdächtigt und angegriffen worden, in der liberalen, wie in der social-demokratischen Presse, ja auch in öffentlicher Reichstagssitzung. Der Letter der Partei, Hofprediger Stöcker, veröffentlicht diesen Angriffen gegenüber eine Erklärung, in welcher es u. A. heißt: Die christlich-sociale Arbeiterpartei ist von dem ersten Tage ihres Bestehens an völlig selbstständig und von dem Central-Verein für Social-Reform unabhängig gewesen. Sie kann deshalb redücher Weise nur für ihr eigenes Programm sowie für die in ihren Versammlungen gefaßten Beschlüsse verantwortlich gemacht werden. Es ist demnach, wenn aus Unwissenheit hervorgehend, eine Leichtfertigkeit, wenn aus Böswilligkeit entsprungen, eine Verläumdung, zu behaupten, daß die christlich-sociale Arbeiterpartei social-demokratische Tendenzen hege und Gegnerin des Privateigen- thums sei. Die christlich-sociale Arbeiterpartei steht auf dem Boden der gegenwärtigeu Wirthschafts-Ordnung und des producirenden Privateigenlhums; sie nimmt von hier ihren Ausgangspunkt zu der socialen Reform, welche sie erstrebt. Alle verehrlichen Redaktionen, denen die Sache oer Wahrheit und Gerechtigkeit am Herzen liegt, werden ersucht, zum Schutze einer Partei, welche in uneigennütziger Liebe dem Wohl des arbeitenden Volkes und damit dem besonderen Ideen hat, so darfst Du ihm das nicht übel nehmen." e
Hermine hatte in diesem Augenblick ihre Finger au« den sie umspannenden Mutterhänden gezogen und sagte in etwas schmollendem Ton: „Aber Mütterchen, wer denkt denn schon an Heirathen und an Schwiegersöhne!" Dabei wollte sie sich etwas vom Tisch entfernen; sie schien den Fortgang der Unterhaltung zu ahnen und suchte sich dem in der Fensternische hängenden Vogelkorb zu nähern, wo Hänschen zwitschernd von einer Sproße zur andern hüpfte. Aber die kleinen wohlgepflegteu Hände der Mama hatten bereits ihre schlanke Taille umspannt und sie wieder neben sich auf das Sopha gezogen.
„Ruhig bleiben, Kind" sagte sie, wer wird denn bei einer so wichtigen Unterredung fortlaufen wollen. Also, Dein Vater hak, wie gesagt, so seine ganz speziellen Pläne; daß natürlich Deine Wünsche hierbei berücksichtigt werden, versteht sich von selbst."
Hermine saß während dieser Rede in gezwungener Haltung und ohne sich zu rühren auf dem Sopha.
„Herr Moritz Flaus" fuhr mit einem energischen Entschluß Madame Rührig fort, „scheint nach dem Urtheil Deines Vaters alle Eigenschaften zu besitzen, die er einst an seinem Schwiegersohn zu sehen wünscht. Flaus ist solid, tüchtig, ein rechter Geschäftsmann, dabei auch ein recht angenehmer junger Mann." Die Sprecherin wurde immer wärmer. „Ja, er scheint Dich sehr zu lieben, was Du aber leider Gottes sehr kühl aufnimmst; auch mir würde er als Schwiegersohn nur erwünscht sein."
„Also auch Dir, Mama" fiel die Tochter heftig ein, „ich bitte Dich um Gottes Willen, schlagt Euch diese Gedanken aus dem Kopf. Ich kann und werde diesen Menschen niemals heirathen. Ich fühle, daß ich dadurch zu Grunde gehen würde;
. seine Aufmerksamkeiten verabscheue ich, ja es gibt Momente,
inen nimmt entgegen: gtjebitien d.Blatte», ie d-Ännoncen-Dnreaux T». Dietrich & Co. in el und Hannover; Th. ieirich in Frankfurt a.M.; rienftein & Vogler in
rt a. M., Berlin, jjjig, Cöln ic.; Rudolf
in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Nothstände der Zeit haben aber auf allen Gebieten gerade in diesem Prinzip des Gehenlassens ihre Hauptquelle. Deshalb ist irgend eine Besserung gar nicht anzustreben, ohne daß man mit diesem Grundsätze entschieden bricht. Eine Partei, welche das nicht kann, ist unfähig, die Aufgaben der Zeit zu lösen. Die liberale Partei kann sich, aber wenn sie überhaupt liberal bleiben will, gar nicht von diesem Grundsätze los machen; denn der jetzige Liberalismus ist ja wesentlich nichts anderes, als dieser auf die verschiedenen politischen, socialen und kirchlichen Verhältnisse angewendetc Grundsatz. Dieser falsche, auflösende Grundsatz ruht wieder in der falschen religiös-naturalistischen Grundanschauung: man leugnet die göttliche sittliche Weltordnung, läßt nichts gelten als Naturgesetze und erklärt die Natur, auch die Menschennatur für gut. Deshalb müsse man sic nur sich frei entfalten lassen, dann werde sich alles von selbst aufs Beste reguliren. Diese durch und durch unwahre Anschauung führt zur Auflösung aller Sitte, Zucht, Sittlichkeit und Ordnung auf allen Gebieten und bringt schließlich das Böse, die Leidenschaften, zur Herrschaft. Wenn man das vor Jahren sagte, so glaubten es die Leute nicht, welche die Tragweite von Prinzipien oder Grundanschauungcn nicht zu beurtheilen vermögen. Jetzt sind aber die schlimmen Wirkungen dieser falschen naturalistischen liberalen Anschauungen auf allen Gebieten mit Händen zu greifen. Soll es besser werden, so muß mau mit denselben brechen und wieder zur christlichen sittlichen Weltanschauung zurückkehren, welche lehrt, daß man die zum Bösen geneigte Menschennatur nicht darf gehen lassen, sondern daß man sie . sittlich erziehen, ihre Leidenschaften und schlechten Neigungen zügeln und die Gesellschaft vor den Ausbrüchen derselben schützen und daß alle Gesetzgebung zur Ordnung der menschlichen Verhältnisse eine sittliche Grundlage haben muß! Insbesondere gilt das auch in wirthschaftlichcn Verhältnissen. Gerade da hat sich das Verderben recht greifbar gezeigt, welches die von dem naturalistisch-liberalen Gehenlassen des ManchesterthumS entfesselte Selbst- und Genußsucht anrichtet. Man denke an die Verwüstungen der Gründerei und des Wucherthums. Möchte der Rückblick auf die geschlossene Reichstagssession diese Erkenntniß in weiten Kreisen zum Durchbruch bringen; denn dieselbe ist die Grundvoraussetzung aller Besserung unserer Verhältnisse. Betrachtet man die Leistungen aller Parteien während der Session, so muß man sagen, daß die deutsch-conservative Partei diejenige ist, welche von allen am meisten positive Leistungen und Arbeiten aufzuweisen hat, und wenn nicht alle ihre Anträge zur Beseitigung der schlimmen Wirkungen des Gehenlassens aus wirthschaftlichem Gebiete durchgegangen sind, so sind eben die liberalen Parteien, zu denen ja mehr und mehr die Centrumspartei sich
sitzerin dieses freundlichen Zimmers hat bereits ihren mft so großer Freude empfangenen Brief, der aber zu ihrem Bedauern btt Aussicht auf die Hochzeit noch hinausschob, gelesen. — Sie steht jetzt vor einem großen Spiegel und versucht einen Tuff dunkelrother Rosen, den sie am heutigen Abend tragen will, in ihren dunklen Locken zu befestigen. Mit der der Jugend eigenen Eitelkeit geschah dies natürlich nur probeweise, und das Spiegelbild, das ihr entgegenstrahlte, schien ihr durchaus nicht zu mißfallen, denn ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Ah, schon bei der Toilette," sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr, und sich umwendend erblickte sie ihre Mama, welche geräuschlos eingetreten war.
„Wie hübsch du auösiehst," sagte sie, „aber komm" fügte sie ernster hinzu, „ich möchte gern noch ein wenig mit Dir plaudern." Hiermit zog sie die Tochter mit sich auf den kleinen Divan.
„Du weißt, liebes Kind" begann sie, eine der kleinen Hände Herminens fest zwischen den ihrigen haltend, „daß wir, namentlich Dein Vater, keine Kosten gescheut haben, nm Dir eine gute, man kann sagen, ausgezeichnete Erziehung und Ausbildung zu geben und — Gott sei Dank" die kleine Frau nahm eine selbstbewußtere Miene an, denn ein Blick auf ihre und ihres Mannes große Photographie, die ihr an der gegenüber liegenden Wand in dicken Goldrahmen entgegen blickte; „wir konnten cs ja auch." Und sollten wir auch nicht Alles zu Deiner Erziehung aufbieten, nach dem herben Schicksalsschlag, den Gott uns sandte." Ihre Stimme brach in Rührung aus; sich jedoch rasch fassend, begann sie von Neuem: „Du weißt es, daß trotz Allem Dein Vater mehr auf einen gediegenen Grund sieht, als auf eine glänzende Außenseite. „Und wenn er daher," sic blickte bei diesen Worten der Tochter tiefer in die Augen, „bei der Wahl eines zukünftigen Schwiegersohnes so seine
Auf eigene« Wege«.
Novelle von E. Bendhaus-
(Fortsetzung.)
.,AH", rief diese freudig überrascht, als sie einen Blick M bett Post-Stempel des Couverts geworfen, „ein Brief R meiner Freundin Emma in Leipzig. Vielleicht enthält eine Einladung zu ihrer Hochzeit, die ja nun wohl W sein wird!" —
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b.Blatte», sowie d.Annoncen-Bureanx von G. L. Daube X Co in Frankfurt a. M.; Jäger'! che Buchdanblung daselbst; Hermann'sche Bucbhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Tdienes in Elberfeld; 6 Schlotte in Bremen
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition lSoch'scke Buchdruckerei) bezogen 2k Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). - Jnsertionsgebühr für die gefpaltene Zeile 10 Pf- Für in der Expedition zu ettbeilenbe Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
Auf eigne« Wege«
von einer Marburger Verfasserin. kkjM Neu zugehende Abonnenten erhalten die Zei- 1 ' ing vom Tage der Bestellung an gratis.
DU »Ich darf doch hin Väterchen?" rief sie aufspringend MM dem Papa zärtlich die Wange streichelnd.. „Nicht wahr Du legst ein gutes Wort für mich ein? Ihr mir ja doch eine Reise erlaubt."
^»Nun, nun, lese nur erst einmal, ob der Bries auch rafft! eine Einladung enthält, kleiner Weltenstürmer," der Papa mit einem wohlgefälligen Blick dem davon- ricre^ Töchterchen nachschauend. — Das Mittag - Essen ayi ^beendigt, und ein Jeder ging nun an seine gewohnte Mftigung. Der Prinzipal hielt sein gewohntes Mittags-