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Marburg, Mittwoch, 8. Mai 1878

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Der General-Adjutant des Kaisers, Graf Lehndorf, sich am Sonnabend Nachmittag nach Friedrichsruh Reichskanzler begeben. — Die Kaiserin reifte Montag d 10 Uhr nach Baden-Baden ab.

Die englische Regierung soll — wie man sagt auf das Drängen der ministeriellen Partei des Parlaments — im letzten Ministerrathe beschlossen haben, in den nächsten Tagen die Pariser Declaration betreffend die Kaperei auf­zukündigen.

Nach den Informationen des „Memorial diplomatique" machen die Anhänger einer friedlichen Politik in St. Petersburg die größten Anstrengungen, um über die Mannöver derjenigen zu triumphiren, die sich nicht scheuen, Rußland in einen neuen Krieg zu stürzen. Fürst Gort- schakoff ist einem Arrangement mit England auf der Grund­lage der bestehenden Verträge und einer Umgestaltung des Vertrages von San Stefano günstig gesinnt. Alle „bons esprets" in Rußland verurtheilen das Auftreten des General Jgnatieff auf das strengste, und betrachten denselben als den hauptsächlichen Urheber des Kriegs, von dem sie für die Zukunft unglückselige Folgen befürchten. Die Entfernung des diplomatischen Generals werde als daL einzige Mittel betrachtet, um Rußland vor drohenden Ge­fahren zu bewahren.

Wie in der Orientftage die letzten Anerbietungen Ruß­lands in London ausgenommen wurden, weiß man noch nicht; vielleicht ist noch keine Entscheidung erfolgt. Von mehreren Seiten verlautet, daß Deutschland die Annahme der letzten russischen Anerbietungen in London lebhaft un­terstütze. Wie immer in Zeiten von denen man eine end­gültige Entscheidung in der schwebenden Frage erwartet, so werden auch jetzt Nachrichten von einem Briefwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Alexander verbreitet. Daß ein solcher Briefwechsel anläßlich des Geburtstags des Czaren stattgefunden, ist nicht zu bestreiten; ob der Inhalt des Briefes des Czaren aber ein solcher ist, wie ihn das N. W. Tagebl. angiebt, müsse» wir dahin gestellt sein lassen. Dieses Blatt spricht sogar von einem Briefe des Czaren, welcher das Datum des 28. April trage, also von einem Briefe, der nicht als Antwort auf das Gratulations- Schreiben des Kaisers Wilhelm zu dem am 29. April statt­gehabten Geburtstag des Czaren betrachtet werden kann. „In biefem Briefe — so weiß das N. Wiener Tgbl. zu berichten — setzte Kaiser Alexander seinem kaiserlichen Oheim die Beweggründe auseinander, welche seine Regie­rung veranlaßten, weitgehende Konzessionen an den Stand- puntt Englands zu machen und erklärte gleichzeitig, daß er ein weiteres Nachgeben vor seinem Volke und seinem Ge­wissen nicht rechtfertigen könnte. Der Czar bat schließlich, die deutsche Regierung möge in London versöhnlich wirken, damit der Kongreß auf Grund der letzten russischen Kon­zessionen zu Stande komme. Auch ersuchte Kaiser Alexan­

der, das Berliner Kabinet möge in Wien Schritte thun, damit Oesterreich die russischen Eröffnungen bei der groß- britanischen Regierung unterstütze."

dankenblitz, die Holzschneiderei zur Vervielfältigung von Handschriften zu benützen. Mit aus Holz geschnitzten Pettern druckte Gutenberg im Jahre 1456 die Kirchenbibel („Vul­gata"). Dann hat er mit Beihülfe des Metallgießers Peter Schöffer und des Goldschmiedes Johann Faust die hölzernen Settern in metallene umgewandelt. Damit war ein Kultur­mittel von unermeßlicher Wirksamkeit geschaffen und hatte sich der schlichte Bürger von Mainz in die Reihe der ehr­würdigsten Kulturhelden gestellt. Vom Jahre 1462 an ging von Deutschland die Buchdruckerkunst aus in die Welt. Als im Jahre 1464 der deutsche Buchdrucker Ulrich Hahn aus Ingolstadt in Rom einwanderte und seine „Schwarzkunst" auszuüben begann, schwante es dem Papste Paul II. nicht, daß die menschliche Vernunft in ihrem Kampfe gegen das Papstthum die furchtbarste aller Bundesgenossinnen gefunden und der Mann von jenseits der Berge in seinem Letternkasten Blitze und Donner mit­gebracht hätte, mit denen verglichen alle Bannblitze und Jnterdiktsdonner des Vatikans bloßes Kinderspielzeug wären.....

Im 15. Jahrhundert durfte eine nicht geringe Zahl von deuffchen Städten für reich gelten. Nur darf man an den städtischen Reichthum des Mittelalters nicht den modernen Millionenmaßstab legen Bevor in Folge der Auffindung Amerika's die Gold- und Silberschätze der neuen Welt flüßig zu werden begannen, ist der Geld­werth in der allen ein so hoher gewesen, daß in dem reichen Augsburg als ein reicher Mann angesehen war, wer ein Jahreseinkommen von 200 bis 300 Gulden hatte. Wer aber eine Rente von 2000 Gulden oder drüber besaß, galt geradezu für einen Krösus. Die durch­schnittlich beträchtliche Wohlhabenheit, zu welcher die Städte mittels ihrer Industrie und ihres Handels gelangt waren, machte im späteren Mittelalter die deutschen Städte zu

«eigen nimmt entgegen: e Expedition d.Blattes, eie d.Ännoncen-Bureaux in Th. Dietrich & Co. in ■Sei und Hannover; Th.

Das strenggeregelte städtische Zünfte- oder Gildenwesen mag uns heutzutage wohl engherzig vorkommen, aber im Mittelalter war eS zeitgemäß und auf diesen festen Zunft­gesetzen und Jnnungsbräuchen beruhte vorzugsweise die Tüchtigkeit der gewerblichen und künstlerischen Leistungen. Am großarttgsten und erfolgreichsten kam dieser korporative Geist des deutschen Mittelalters zur Erscheinung in Gestalt der „Bauhütten", der fiädttschen Baubrüderschaften von Künstlern und Handwerkern, von Meistern, Gesellen und Lehrlingen, von Baugewerksleuten jeder Art und jeden Grades, welche durch feste Satzung und Ueberlieferung, durch Losung und Gelübde zu einem vielgegliederten Ganzen verbunden waren, das den Winken und Worten des Meisters gehorchte. Nur die Bauhütten ermöglichten der Kirche die Herstellung ihrer mittelalterlichen Riesenbauten, von welchen weiterhin noch die Rede sein wird. Ueberhaupt aber war die deutsche Gewerbthätigkeit im Mittelalter eine sehr beträcht­liche und auch in der Fremde hoch angesehene, ja eine dorten sogar höher angesehene als die heutzutägige. Un­sere Alworderen waren berühmt als Bergbauer, Erz­gießer, Waffenschmiede, Tischler, Tuch- und Leineweber, Scharlachfärber und Drahtzieher. Als Goldschmiede hatten namentlich die von Köln einen großen Ruf im Auslande. Nicht weniger anerkannt war die Erfindungsgabe der Deutschen im ganzen Umfange der Mechanik. Man ließ ihnen willig den Ruhm, die Taschenuhren, die Feuergewehre, die Mühlwerke, die Glasmalerei, die Kupserstecherei, die Holzschneidekunst, den Diamantenschliff, die Orgel und viele andere Instrumente erfunden oder wenigstens wesentlich ver- beffert zu haben. Die ruhmreichste Findung aber, welche jemals ein Deutscher auf mechanischem Gebiete gemacht, war die von dem Bürger von Mainz, Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, um 1436—40 gefundene Kunst des Bücherdruckes, erfiossen aus des Mannes genialem Ge-

Die deutsche Stadt im MittklaUer.

Bon Johannes Schere.

(Schluß.»

(Nachdruck verb., Bundesg. ». H. Juni 1870.)

1878.

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Die städtische Zeitbücherschreibung hatte sich, wie kölner Chronik des Gottfried Hagen ausweist, an- W noch der Reimform bedient, war aber dann zur ■ Henderen Form der Prosa übergegangen und in dieser 'V ‘ t das 14. Jahrhundert zwei für ihre Zett musterte Kge Chroniken ,geschaffen, die „Elsäßische und Straß- «mtt irgtt Chronik" de« Jacob £roinger, von Königshofen [12 id bie „Simpurger Chronik", deren Anfänge dem Johannes vlsbein zugeschrieben werden. In alledem offenbarte --- I eine thalkräftige Strebsamkeit der deutschen Städte, iche ja auch durch die Gründung von Siechenhäusern, imdenherbergen und Findelhäusern — Nürnberg hatte 1368, Ulm 1386 ein „funden kindlin hus" — Beu werkthätig-erbarmungsvollen Sinn betätigten und ch der Gesundheitspolizei im Mittelalter zuerst eine um- fcnbere unb folgenrichtigere Aufmerksamkeit unb Sorge eten. Schon in den ersten Decenien des 15. Jahr- rtS finden wir städtische Aerzte und Apothekerorbungen gesuchtesten Aerzte waren übrigens das ganze Mittel- hindurch die jüdischen und es mag als denkwürdig t vermerkt werden, daß es schon dazumal weibliche Arz- »nsller gab, jüdische Medicinfrauen. Im Jahre 1419 bie Jübin Sarah von bem Bischof von Würzburg Patentbrief, als Aerzttn, im Jahre 1428 war zu

*) Indem wir hier den Schluß des Scherr'schen Artikels bringen ‘Plebku wir nochmals die „Germania* (mit den schönsten Aern unserer ersten Künstler geschmückt; und machen wir daiaus daß sie in Lieferungen d M. 1.50 erscheint.

Deutsches Reich.

•* Berlin, 6. Mai. Es bestätigt sich, daß der viel­besprochene Beschluß der nationalliberalen Partei über die Tabaksenquete nicht eine so bindende und weitgehende Be­deutung hatte, wie zuerst angenommen worden war. Viel­mehr soll in der Frattion erst neuerdings eine formell bestimmte Stellung gegenüber jener Frage genommen wor­den sein. Es ist nunmehr abzuwarten, ob die Negation den Absichten der Regierung gegenüber so bestimmt unb ausdrücklich hervortritt, wie in bem ersten, wie es scheint, blos vorbereitenden Beschluß. Einstweilen findet der Um­stand, daß jener erste Beschluß kein definitiver gewesen, die heftigsten Angriffe in der Fortschrittspresse. An denselben Stellen, wo die Aeußerungen der „Prov.-Corr." über bett provisorischen unb blos taktischen Charakter bes ersten Be­schlusses als ein Attentat auf bie Ehre der nationalliberalen Partei behandelt wurden, finden sich jetzt die fchlimmsten Angriffe gegen diese Partei. Da ist nicht mehr von einem politischen Schachzug die Rede, sondern von der „Attitüde eines Fechters, der von Anfang an den Streich zu führen nicht Willens ist". Die Hoffnungen, welche die Fort- chrittspreffe an die Haltung der Rativnalliberalen geknüpft, cheinen demnach wieder in Abnahme, wozu der Rückschlag zegen das allzu maßlose Auftreten der Fortschrittspartei auf ihrem Parteitage in Frankfurt a. M. nicht wenig bei­tragen mag. Die „Magdeburger Zeitung" enthält einen fast spöttischen Artikel über diese Versammlung und na­mentlich über die lyrisch-angehauchte Rede Träger's, der wohl die innere Geschichte Deutschlands in den letzten zwölf Jahren verträumt haben müsse. Der bezeichnende Schluß dieses Artikels lautet: „Die Zeiten dcs politischen Sing­sangs sind für unser deutsches Volk dahin." — Die Nach­richt der „Magd. Zeitung", daß der Geheime Rath Her­mann seine Entlassung erhalten werde, bestätigt sich. Die Genehmigung des Entlassungsgesuchs ist durch den Kaiser am 3. Mai vollzogen worden. Man zweifelt nicht, daß die Ernennung des Ober - Conststorialraths Hermes zum Präsidenten des Oberkirchenraths in nächster Zeit erfolgen werde. Durch dieselbe wird die Ernennung eines juristischen Rathes für diese Behörde erforderlich. — Es ist von In­teresse darauf hinzuweism, daß bie Nachweisung ber Ein­nahme aus Zöllen unb gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern für bie Zeit vom April 1877 bis zum März 1878 eine Mehreinnahme von 5,416,280 Mark aufweist. Zu biefem Plus haben am meisten beigetragen bie Zölle aus Rüben-

Die Mitglieder der Deputation, welche ber Reichstag H Kiel ntfenbet, finb, soweit ihre Wahl bis jetzt erfolgt jefdjäf ■ folgende Abgeordnete: Herz und Hofmann von der tstrast nffchrittspartei, v. Forcade de Biaix, l>r. Meyer (Donan- b csai M)/ v. Soden und Dr. Reichensperger (Crefeld) von cr । i Centrumsfraktion, Bolza, Pflüger, Schneegans, Dr. Hops ( V » Dr. v. Bunsen-Waldeck von ber nationalliberalen Fraktion 112 Fürst v. Pleß von ber deutschen Reichspartei. Die _L_ kutschen konservativen, welche zwei Mitglieder zu stellen •j sj bett, haben sich erst über den einen Deputirten in der der NMson des Abg. Ackermann (Dresden) schlüssig gemacht, igen Wahl des anderen Deputirten wird erst Dienstag statt- ,es ert

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Hgiig, Cöln ic.; Rudolf M I bffe in Berlin, Frank» futt a. M. ic.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition ».Blatte«, sowie d.Ännoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co in Frankfurt a. M.; Jägers che Buckdandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl- ♦ daselbst; Jnoalidendank in

Berlin; W. TbieneS in Elberfeld; C Schlotte in

Bremen

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ab.tf «uttfurt bie Jübin Zerlme als Angmärzttn berühmt.

Erscheint täglich außer an den Werkiagen nach Sonn« und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches ’i Mark 50 Pf», (exel. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

Der Reichs- und Staats-Anzeiger meldet: Se. Maj. IA. n Kaiser haben mit der Stellvettretung des Reichskanz- f $8 nach Maßgabe des Gesetzes vom 17. März b. I«. Bereiche des auswärtigen Amts: ben Staatssekretär . y auswärtigen Amts, Staatsminister v. Bülow; 2) im M8e streiche ber kaiserlichen Admiralität: den Chef der Admi- Reto« Et, Staatsminister v. Stosch; 3) im Bereiche der Post- Telegraphen-Verwaltung: den General-Postmeister, stklichen Geheimen Rath Dr. Stephan zu beauftragen

j)tagg| Heber das Schicksal der RechtsanwaltSorbnung hören wir, lß dieselbe voraussichtlich nicht zu großen Debatten im Reichs- IRftUl ig führen wirb. Der Bundesrath stimmt mit Ausnahme -----itr eines Punttes den Commissionsbeschlüssen zu. Nur ffon z> , Bezug auf die Frage des Sitzes ber Rechtsanwälte n iderspricht die Bundesregierung den Beschlüffen der Com- isfion und hält an chrer Ansicht fest, daß die Rechlsan- kge Hit an dem Orte ihren Sitz haben muffen, an welchem “3 ' ........

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ber Sitz be« Landgerichts befindet. Die Regierung irb von biefer Auffassung nicht lassen, selbst auf bie Ge- t hin, daß dadurch die ganze Vorlage zum Fall kommen 6te. Die RegiertWg würbe, falls bie Majorität des enhStagS sich den Beschlüssen ber Commission in biefem tfte anschließen sollte, auf jebe weitere Berathung be« etzes verzichten. Das Kostengesetz bürste vorn Reichs- en bloc angenommen werben. Man glaubt, baß bei r Voraussetzung ber Schluß des Reichstags schon - V7*m 25. d. Mts. erfolgen könnte, habil --------------- '•»'

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