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Marburg, Sonntag. 5. Mai 1878

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8 im Hinblick auf das Weltwunder, das sich auf dem rrsfelde begibt. Zur Eröffnungsfeier wurde ein groß- es Recept aufgesetzt und seit Wochen in der Presse rochen. Den 1. Mai zu einemNationalfeste" zu er- wie anfangs geplant worden, ward schließlich aufge- da nur die Republikaner mit dem Herzen dabei sind, die anderen Blätter über die Gottlosigkeit eifern, die Eröffnung ohne geistlichen Beistand erfolgen durste, die legiümistischen der Welt verkünden:Die Repu-

gewordene Wirkung ekstattscher Seelenzustände, fanattscher Wahnvorstellungen gewesen ist und noch im 15. Jahrhun­dert hier und dort grassirte, z. B. im Elsaß. Die Aeuße- rungen dieser Seuche gehörten gewiß mit zu den abenteuer­lichsten Erscheinungen des Zeitatters der Romantik. Auf Landstraßen und in Stadtgasien, auf Kirchhöfen und in Kirchen selber gaben sich Scharen von Männern und Wei­bern jedes Alters, halbnackt, die Schläfen mit Blumen be­kränzt, die Hände in einander verflechtend, stundenlang, halbe Tage lang einer rasenden Tauzlust hin, Schreie ausstoßend, Lieder brüllend, bis sie halb oder ganz be­sinnungslos zu Boden stürzten. Weiterhin ist auch der wüthende Judenhaß, welcher die entsetzlichen Judenschläch­tereien im 14. Jahrhundert zur Folge hatte, als eine durch die Drangsale desgroßen Sterbent" veranlaßte oder wenigstens mitveranlaßte Volkskrankheit unserer Alt­vorderen zu bezeichnen. Der mittelalterliche Christ in in seiner Begriffsverwirrung glaubte sich nicht nur berechttgt, sondern auch verpflichtet, die Juden zu hassen, maßenft den Herrn Jesum umgebracht", und die Juden, vom Grundbesitz- und Haudwerksbetrieb ausgeschlossen, auf Schacher und Wucher angewiesen, in ihre Ghetto'S eingepfercht, mußten ihrerseits in jedem Chri­sten einen Feind sehen. Dazu kam, daß genau in demsel­ben Verhältniß, in welchem das Finanzgenic unb daS weite Finanzgewissen der Kinder Israel in den Judengassen Reich- thümer anhäuften, auch der Christenneid wuchs. Zu ver­schiedenen Zeiten schon hatten die Bekenner der Religion der Liebe ihrem Haß und Reid durch massenhafte Juden­mord« Lust gemacht. Auch in Deutschland. Aber das große Judenschlachten und Judenbrennen ging erst zur Zeit des Schwarzen Todes los, den man ja auf Brunnen- vergistung durch die Juden zurückführte. Dieses Märchen war gerade so blödsinnig, wie das andere von den ermor-

DieNordd. Allg. Z." erklärt die Zeitungs-Nottz von der angeblich bestehenden Absicht, die Verwaltung der Berg­werke, Hütten und Salinen vom Handels-Ministerium abzuzweigen, für jedes thatsächlichen Anhalts entbehrend. Ebenso seien die Nachrichten, welche verschiedene Spezial­gesetze als noch in Vorbereitung für den Reichstag bestnd- lich darstellen, unrichtig; außer einigen kleineren durch die Verhältnisse gebotenen Finanz-Gesetzentwürfen würden dem Reichstage nach den jetzigen Bestimmungen weitere Vor­tagen nicht zugehen.

In der Orientfrage wird von neuen Schritten Ruß­lands zur Erlangung eines Einverständnisses mit England und mit Oesterreich gemeldet; Rußland habe England neue Coneessionen angeboten, lieber daö Wesen derselben ist noch nichts bekannt geworden. Die Verhandlungen über den militärischen Compromiß sind von General Totleben wieder ausgenommen worden. Von hervorragender Wich­tigkeit sind die Verhandlungen mit der Türkei wegen Räu­mung der Festungen Varna, Schumla und Saturn.

Die Nachricht von dem Aufstellen eines russischen Korps an der Grenze von Siebenbürgen und von der dadurch veranlaßten Aufstellung eines österreichischen Korps wird im Allgemeinen für unglaubwürdig gehalten; im Großen und Ganzen hat sich die Ucberzeugung verbreitet, daß Oesterreich und Rußland wohl über diePolitik der Aequivalente" einig werden dürften.

begraben, jede Stadt zu einem Pestherde machte. Der Anblick des unermeßlichen Jammers um sie her trieb die Menschen aus den regelmäßigen Bahnen und Geleisen des Lebens hinaus. Eine Art moralischer Trunkenheit machte ihnen die Köpfe wirr und wüst. Die Einen tobten in wilder Sinnenlust, in lännenden Orgien ihre Todesangst aus, bei beit Andern schlug diese in krankhafte Zerknirschung um und rief die toll asketische Erscheinung des Flagellan- tiSmus ober ber Geißlerfahrten hervor, welche allerbingS in Italien schon ein Jahrhundert früher in kleinerem Stile bemerkbar gewesen, jetzt aber, unter den Schrecknissen des »schwarzen Todes, auch in Deutschland im großen und größten Maßstabe ihr geräuschvoll' fanatisches Wesen trieb. Der schwärmerische Einsall, mittels Pilgerfahrten voll Selbst­qual den Zorn Gottes zu beschwichtigen, wurde zu einer geistigen Pest, zu einer wahren Raserei, die, wie scheint, zuerst in Oesterreich zum Ausbruche kam. Bald aber wieber- hallte ganz Deutschland von den Geißelschlägen und Buß- gesängen der Flagellanten. Zu Hunderten, zu Tausenden kamen sie in langen Processionen in die Dörfer und Städte gezogen, entweder mit der härenen Büßerkntte oder auch nur mit einem Hemde bekleidet, schwere Kreuze schleppend, dreischwänzige Geißeln in der Rechten haltend. So wanderten sie Paar an Paar in die Kirchen, warfen sich vor den Wären nieder, thaten ihre Kutten oder Hemden aus, geißelten sich, daß ihr Blut die Kirchenwände bespritzte und sangen dazu ihr:Nu trete he, wer büßen wölle! So fliehen wir die heiße Hölle. Lncifer ist ein böser Geselle". Der Taumel ergriff auch die Kinderwett, wie er sie zur Zeit der Kreuz­züge ergriffen hatte: aus der Stadt Speyer z. B. machte sich mit Kreiq und Fahnen ein Geißelbrüderzug von 200 Knaben auf, deren älteste zwölfjährig waren. Mit ber Volkskrankheit ber Geißlern berührte sich vielfach eine an­dere, die Tanzwuth, die zweifelsohne ebenfalls die epidemisch

blik ist der Krieg, wird und muß zum Kriege führen und mit Abenteuern und Katastrophen enden." Die Eröffnung erfolgte am Mittwoch unter Heller Begeisterung und mit glänzendem Erfolge.

England beharrt allen russischen Anforderungen gegen­über auf seinem sattsam bekannten Standpuntt, fährt aber ununterbrochen in seinen Rüstungen fort. Die Anstellung der Reserven ist beendigt und hat derartig befriedigt, daß der Herzog von Cambridge in einem Tagesbefehl den Re­servisten Namenö der Königin feine größte Anerkennung ausgesprochen hat. Die für Europa bestimmten indischen Truppen sind von dort bereits abgegangen, und heißt, daß ihr directes Reiseziel Malta sei. Auch in der Ostsee soll Englands Flagge sich in achtunggebietender Weise zeigen, und es ist der Befehl ergangen, eine starke Panzer­flotte zu diesem Bchufe auszurüsten und segelferttg zu machen.

Die Unterhandlungen zwischen den Kabinetten von London unb Petersburg haben noch keinen greifbaren Er­folg aufzuweifen, ja bei bett fortwährend zunehmenden Rü­stungen auf beiden Seiten scheint die Aufgabe ber Ver­mittlung für baö berliner Cabinet immer schwieriger zu werben. Die Vorschläge über Bildung einer neutralen Zone stoßen auf so viel Hindernisse, daß ihre Verwirkli­chung nachgerade angezweifett werden muß. Durch die Erkrankung der beiden Kanzler Bismarck und Gortschakoff werden die Unterhandlungen erschwert. Die Russen setzen sich immer mehr bei Konstantinopel fest, verstärken ihre Stellungen und ziehen jetzt sogar noch die kaukasische Gre­nadier-Division, welche bisher in Asten stand, nach Rn- ntelicn heran. Sie drängen immer ungestümer auf die Räumung von Schumla, Varna und Saturn, während die Türken gar keine Lust zeigen, ihrem Verlangen zu willfahren, worin sie angeblich durch englischen Einfluß bestärkt werden. Dabei befestigen sie immer mehr die Stellungen bei ihrer Hauptstadt und bei Gallipoli und wenden alle Sorgfalt auf Reorganisation ihres Heeres, welches bereits eine solche Stärke erreicht hat, daß eS bei künftigen Verwicklungen als ein wichtiger Faktor in Rech­nung zu ziehen ist. Um die Lage wo möglich noch ver­wickelter zu machen, als sie bisher schon ist, sind die Ans- stände in Thraciett, Macedvnien unb Rumelien nicht nur nicht niedergeworfen, sondent nehmen, besonders in Rume­lien, immer bedrohlicheren Umfang an, zumal sich auch griechische Elemente den mohamedanischen Aufständischen zugesellcn. Die dorthin entsandte russisch-türkische Militär- Commission wirb es schwer finben, bie Ruhe wieder her­zustellen.

estellsmge« auf die Vberhesstsche Zei» iuug und deren Gratisbeilage Altnstrirles «ntagsötatt werben für die Monate M a i Juni von allen Postanstalten angenommen dem Lande auch von den Landpoftboten).

Politische Wocheu-Ueberficht.

Unser Kaiser hat seinen gewohnten Frühlingsaufenthalt

Wiesbaden für dieses Jahr gänzlich aufgegeben. Der

Tagesbericht.

Die Sundesrathöausschüsse haben Bericht erstattet über den preußischen Antrag, betreffend die Eisen-Enquete; in demselben wird beantragt, von Reichswegen eine Unter­suchung der deutschen Eisenindustrie mit besonderer Rück­sicht auf die 1873 eingetretenen Tarifänderungen und ferner eine Untersuchung der Lage der deutschen Banm- wollen-Jndustrie, namentlich mit Beziehung auf Elsaß- Lothringen, durch je eine aus fünf Mitgliedern bestehende Kommission auf Grund eines von dem BundeSrathe zu billigenden Programmes zu veranstalten. Gestern berie­chen die Ausschüsse die Novelle zu dem Gesetze, betreffend den Unterstützungswohnsitz, welche, wie die Weser-Zeitung hört, voraussichtlich den Reichstag nicht mehr beschäftigen wird.

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Mai. Die Magdeburger Zeitung spricht sich über die Stimmung der zurückgekehrten Reichstags- abgeordnete» zu den Steuerprojekten der Regierung folgen­dermaßen aus:Im übrigen ist zu bemerken, daß sich

Die deutsche Stadt im Mittelalter.

Bon Johannes Scheer.

(Fortsetzung.)

(Nachdruck Verb., Bundcsg. v. II. Juni 1870.)

Erscheint täglich außer an den Werl agen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlustrirteS SonutugSblatt" durch die Expedition (Ikoch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertbeilenbe Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Psg. berechnet.

I bie schreckliche Seuche brS schwarzen Todes oder des ^ßen Sterbent", wie sie von unseren Altvorderen ge- 6tt wurde, ganz Asien, brach in Europa ein und suchte den Jahren 134850 auch unser Vaterland mit ihrer int Wuth heim. Die Zahl der von ihr weggerafften SnfW iftr ging m'S Ungeheuerliche: in Basel raffte der schwarze d 14,000, in Straßburg 16,000, in Lübeck 9000, in dlzig 13,000, in Weimar 5000, in Erfurt 16,000, in Lüster 11,000, in Trier 13,000, in Wien 40,000 Men- Jjul 18 weg. In letztgenannter Stadt tödtete diese Cholera

1 Mittelalters an einem Tage 960 Leute. Viele Städte iuudu die Hälfte ihrer Bewohnerschaft. Im Umfange

' deutschen Reiches verstarben nur von dem einen Orden _____ ' Barfüßer 124,434 Mönche an der Pest, welche im l 181t *jen nicht weniger als 25 Millionen Europäern das tu gekostet haben mag. Um das entsetzliche Wüthen der > Mr tzche zu begreifen, muß man den rohen Aberglauben der «l-A> ifltn im Auge hatten, welche in dieser Epidemie ein ttiches Strafgericht erblickten, gegen das es überhaupt gen. ! 1 Mittel gäbe; ferner den niedrigen Stand der Arznei- _____ und endlich den Umstand, daß der unsinnige Brauch, tobten in ben Kirchen und um dieselben herum zu

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.vlatteS, sowie b Aunoncen-Burcaux von @. L. Daube & 6o. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchbanblung daselbst; Hermann'sche Buck Handl- daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. TbieneS in Elberfeld; C- Schlotte in Bremen.

iT R öBtn Sterbent

Der Aufschwung dcS deutschen Stadtlebens zu der Nr. iOvtsfülle, welche dasselbe im späteren Mittelalter ent- leie, begann nach den ungeheuren Trübsalen, nach den 1 When und moralischen Pestilenzen desSchwarzen ft bitt tag, ber Geißlerfahrten und Judenschlachten, welche L 5. Jahrzehnt Pes 14. Jahrhunderts unser Land ver- 3^ U haben. Im fernen China zuerst ausgebrochen, durch-

icnbt ! Herzegowina hinzudeuten. Im Innern sind es die alten - üsgleichsschwierigkeiten, die nicht zur Ruhe kommen wollen;

! ungarischen Minister reiften nach Wien, doch ist es sind ti itn nicht gelungen, in dieser gänzlich verfahrenen Sache k Aenderung zum Bessern anzubahnen.

Die französischen Kammern haben sich seit ihrer ickkehr aus den Ferien um Politik und Gesetzgebung öliger gekümmert, als um die Wett-Ausstellung, welche o (j, lläufig die ganze Lage beherrscht. Die Blätter betheuern 't Friedfertigkeit der gemäßigten Republik, reden von Siegen " W Friedens, von den glänzenden Triumphen der ausgc- Nation, von Völkerfreundschaft und Bewunderung,

wen nimmt entgegen: bitten b.vlatteS, ie h Annoncen-Bureaux Th. Dietrich & Co. in unb Hannover; Th. rich in Frankfurt a.M.; fenftein & Bögler in a. M., Berlin, ig, 661 n tu; Rudolf i in Berlin, Frank­furt a. M. ic.

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uchstag ist am Dienstag aus den Ferien wieder zusammeu- |Hpt| steten, war aber nur zur Erledigung untergeordneter lut# yenstände im Stande, so lange eine Auszählung des mses seine Beschlußfähigkeit nicht herausstellte, was erst am itag geschah. Der Reichshaushalts-Etat für 1878 79 Saari am Montag vom Kaiser vollzogen und verkündet und * mit rechtzeitig zum 1. Mai in Geltung getreten. Die ' tig umstrittene Vorlage wegen der beabsichtigten Enquete m Betreff der einzuführenden Tabaksteuer-Erhöhung soll wu bald wie möglich im Reichstag zur Berathung gelangen,

«gleichen die zweite Lesung ber Novelle zur Gewerbeordnung.

In Oesterreich-Ungarn hat sich bie Lage auch in 88® Woche nicht klarer gestellt; freilich gewinnt es mehr - Rb mehr ben Anschein, als ob ein gesondertes Einver- mdniß mit Rußland erreicht sei, welches wohl auf eine u chabloshattungs-Politik hinauslaufen dürfte. Die officiösen |l*6 littet benutzen die Frage der bosnischen Flüchtlinge, um imer unverblümter auf einen Einmarsch in Bosnien unb