Marburg, Sonntag, 28. April 1878
xiii. Jahrgang
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r Kern meines Lebens gewesen war, das konnte nicht it einem Mal durch einen äußeren Schicksalsschlag hin- itzgetilgt sein. Ich schwur mir, auch über das Grab »aus jeden Gedanken, jedes Gefühl meines Herzens ihr,
der Einzigen zu weihen, um derentwillen ich gelebt und gerungen hatte. Die Vorstellung, daß ihr Geist mich umschwebe, daß auch ste die Neigung, die uns verband, in ein besseres Sein hinübergerettet habe, steigerte sich bei mir nach und nach zu einer süßen, wehmüthigen Schwärmerei, und weit schneller, als ich dies jemals sür möglich gehalten hätte, fand ich einen stillen, schmerzlich beglückenden Frieden wieder. Ja, wenn ich erwog, daß Pyl sich vielleicht doch getäuscht, daß der Keim eines schweren Leidens vielleicht doch in ihrer zarten Brust geschlummert hatte, so fühlte ich etwas wie Dank gegen die Vorsehung, die in ihrem unerforschlichen Rathschluß das holde Wesen diesem Thal der Thränen entrückte und ihr so die Schrecken eines qualvollen Dahinsiechens und den Kampf der Verzweifelung ersparte. Fern von meinem sehnenden Herzen war sie gestorben, aber die Liebe kennt weder Raum noch Zeit, die Liebe überwindet Alles, selbst das Herbste, den Tod.
Virginie war in aller Stille auf dem Friedhof von Fohrenstadt begraben worden. Was hätte ich nicht daraum gegeben, auch nur für eine Minute lang an ihre Gruft treten und an der Stätte, wo sie schlief ihren theuren Namen flüstern zu können! Aber die Pflicht hielt mich mit eisernen Banden zurück. Wir hatten bereits vor Wochen die ersten Symptome einer hereinbrechendeu Epi-, demie zu verzeichnen gehabt, und jetzt hatte das Nebel einen Umfang erreicht, der alle nur irgend verfügbaren Hände in Anspruch nahm. Auch war mir andererseits der Gedanke gekommen, eine zu frühzeitige Pilgerschaft ein das Grab der Heimgegangenen könne den schönen Traum, den sich meine gläubige Phantasie zusammengesponnen, beeinträchtigen. Ein beglückender Wahn, wie der meinige, fühlt ein dunkles Bangen vor dem Anblick des Hügels, der ihm zuzurufen scheint: Und sie ist doch dahin, dahin für ewig!
die Möglichkeit eines kriegerischen Zusammenstoßes für mindestens nicht unwahrscheinlich erachtet. Die Beurthei- lung dieser neuen Maßregel in der Oeffentlichkeit hat deutlich erwiesen, daß die Mehrheit des Landes auf Seiten der Regierung steht und deren energische Politik billigt. Neuerdings wird nun auch gemeldet, daß Vorbereitungen getroffen werden, um auch aus Canada ein Truppencorps von 25,000 Mann heranzuziehen, und die Arbeiten auf den Wersten und Arsenalen werden mit fast fieberhaftem Eifer fortgesetzt. Die Einstellung der Reserven ist beendigt und die Berichte aus Indien berechtigen zu der Annahme daß man von dort wohl 200,000 Mann für einen europäischen Krieg verfügbar machen kann. Während man so auf den Ausbruch eines Krieges rechnen könnte, ist eS in erster Linie die deutsche Vermittlung, welche zu Gunsten des schwer bedrohten Friedens auftritt: ob ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden, steht noch dahin, denn bis jetzt ist es noch nicht gelungen, Rußland zur rückhaltS- losen Anerkennung des von England aufgestellten Grundsatzes zu bewegen, wonach es alle Friedensbedingungen vorbehaltslos dem europäischen Areopag zur Bestätigung oder Verwerfung vorlegen soll.
Rußland seinerseits rüstet ebenfalls und die Bildung von drei neuen Reserve-Divisionen und drei Flotten-Equi- pagen macht eben keinen friedlichen Eindruck. Vor Kon- stauttnopel befestigen die Russen ihre Stellungen und die Türken thun trotz russischer Einsprache dasselbe. Das englisch gesinnte Ministerium in der Türkei ist gestürzt worden, welche Politik daS neu ernannte aber befolgen wird, dafür fehlt es noch an sicheren Anzeichen. Während in Thessalien der griechische Aufstand fortwüthet, sind jetzt in Rnmelien die Mohamedaner gegen die bulgarische Regierung aufgestanden, ein Vorfall, der vielleicht den Keim zu neuen Verwicklungen in sich trägt.
Rumänien ist jetzt zum größten Theil von den Ruffen besetzt, die dort wie in Feindesland sich benehmen. Die rumänische Armee ist vor der drohenden Entwaffnung in die kleine Wallachei zurückgezogen worden und die Proteste des Landes werden von den Russen verlacht und bleiben auch bei bett Mächten erfolglos.
bie Zuneigung unseres Kaisers wie auch beS Kronprinzen in hohem Maaße erworben. Vor seiner Abreise nahm ber schwedische Gast noch im kaiserlichen Palais im engsten Familienfeste das Souper ein, nachdem derselbe zuvor in Begleitung deS Kronprinzen der Vorstellung im Wallner- Theater beigewohnt hatte.
ES ist aufgefallen, daß „Agence Havas" neuerdings Telegramme über die englisch-russischen Verwickelungen in die Welt sendet, welche sie geflissentlich auS Berlin datirt, ohne daß daselbst für dieselben sich irgend welcher Anhalt findet. Man glaubt in Berlin, daß diese Agentur in besonderem Auftrage sich einer Handlung schuldig macht, welche mit der Wahrheit nicht im Einklang steht und daß diese Telegramme viel eher einen anderen Ausgangspunkt haben als von der Hauptstadt des Deutschen Reiches. Es wäre nicht das erste Mal, daß die „Ag. Havas" zu solchen Mitteln ihre Zuflucht nimmt, um die öffentliche Meinung irre zu leiten.
Die politische Lage zwischen England und Rußland nimmt immer mehr einen bedenklichen Charakter an, und die Hoffnung schwindet immer mehr, daß es der Vermittelung der deutschen Regierung gelingen werde, den üblen Absichten EnglattdS gegenüber den Frieden zwischen den beiden Mächten zu erhalten. Immer deutlicher tritt eS zu Tage, daß bie englischen Forderungen in demselben Maaße anwachsen, in welchem Rußland versucht, den englischen Ansprüchen entgegen zu kommen. Lord Beaconsfield scheint in animoser Weise gegen die Vermittelung des deutschen Reichskanzlers eingenommen zu sein und die Meinung zu hegen, Deutschland handle im Interesse Rußlands. Auch das kühle Verhalten Oesterreichs den englischen Anerbietungen gegenüber glaubt der edle Lord auf Rechnung des deutschen Reichskanzlers schreiben zu muffen. Auf alle Versuche der deutschen Regierung, eine Basis für eine friedliche Verhandlung zwischen den beiden feindlich gegenüber stehenden Mächten zu gewinnen, antwortet England immer mit neuen militärischen Rüstungen und es kann auch nicht Wunder nehmen, wenn Rußland unter solchen Umständen auch seinerseits sich militärisch vorbereitet, dem Gegner kampfbereit gegenüber zu treten. Der geringste Anstoß kann von den ernstesten Folgen begleitet sein. Die Sage ist heute viel bedenklicher geworden, als man sie noch vor wenigen Tagen ansah. England — das ist nicht zu verkennen, und verdient nicht oft genug hervor gehoben zu werden — spielt ein frevelhaftes Spiel, das nicht nur feinem augenblicklichen Gegner, sondern dem gejammten Europa ganz erheblichen Schaden zufügt. Ob unter solchen Umständen die übrigen europäischen Großstaaten ihre Neutralität voll und ganz
Clara nahm inzwischen die Hinterlassenschaft der Verstorbenen in liebevolle Verwahrung. Ich hatte sie ausdrücklich darum ersucht; bei meiner nächsten Reise nach Deutschland wollte ich die kostbaren Reliquien in Empfang nehmen.
Der Herbst verstrich und der Winter. Endlich mit dem Beginn des Frühlings war die Epidemie im Wesentlichen erloschen. Ich durfte aufathmen und nahm einen mehrmonatlichen Urlaub.
Von Pyl hatte ich seit dem Tode VirginienS nur wenig gehört. Ein kurzes Schreiben unmittelbar nach dem Hinjcheiden der Verewigten war sein letztes Lebenszeichen Im Uebrigen schien seine angestrengte Thätigkeit ihm selbst für die nächstliegenden Pflichten der Freundschaft keine Zeit zu lassen.
Jetzt erhielt ich in Prag die Nachricht, daß Pyl sich aus Verzweiflung über seine gänzlich zerrütteten Vermögens- Verhältnisse erschossen habe. Clara schrieb wie eine Verzweifelte. Mein freundschaftlicher Trost, mein Beistand war die letzte Lebenshoffnung, an bie sie sich anklammerte.
Ich war tief erschüttert. Unverzüglich brach ich meinen Aufenthalt in Böhmen, ber ursprünglich acht Tage währen sollte, ab nnb eilte so schnell als möglich dem Ort bes Verhängnisses zu. Unter dem Fahre» hatte ich hinlänglich Zeit, zu überlegen, wie ich die unbestimmten Erwartungen, die Clara an mein Erscheinen knüpfte, rechtfertigen könne. Ich freute mich, in ber Sage zu sein, ihr wenigstens in materieller Beziehung beizustehen, benn bie Monate der Epidemie hatten mir große Summen eingebracht, was mir jetzt erst so recht zum Bewußtsein kam, da das tobte Metall anfing, für mich einen Werth zu erhalten. Nach Allem, was ich aus Clara's nur halbverstanbenen Andeutungen enträthseln konnte, hatte Pyl bie Heilanstalt bereits unter Bedingungen übernommen, die Nichts weniger als
Herrn näh
Der alle Schärtli«.*) Novelle von Ernst Eckstein. (Fortsetzung.)
Politische Wochen-Ueverficht.
Die Verhandlungen über die Bedingungen eines Con- ffeS ober Vorkongresses in Berlin ziehen sich noch feer hin unb ber Zusammentritt ist wohl noch nicht so he, wie biejenigen annehmen, welche bie Aufhebung ober Ttagung des Frühjahrsbesuchs unseres Kaisers in WieS- Litn, ber am 29. b. M. beginnen sollte, hierdurch veran-
Tagesdericht.
König Oskar von Schweben, welcher bem berliner Hofe auf feiner Durchreise einen kurzen Besuch abgeplattet, hat Donnerstag Abend Berkin wieder verlassen und sich über Stralsund nach seiner Residenz zurückbegeben. Der Verkehr zwischen unserer kaiserlichen Famllie und dem hohen Gaste war ein recht herzlicher und hat König Oskar sich
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von @. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung daselbst;
Hennann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in
Berlin; W. TbieneS in Elberfeld; C- Schlotte in
Bremen.
jt sehen wollen. Fürst Bismarck wurde zum Vorabend WiederzusammeutrittS des Reichstags, also zum 29.
M. von seinen lauenburgischen Besitzungen in Berlin Ft, nkfemartet. Mittwoch traf die Nachricht jedoch von einer t Bd krcurkung des Fürsten an der Gürtelrose ein, welche den käag seiner Rückkehr hinauSschieben wird. Die Bestim- mgen über die diesjährigen herbstlichen Truppenübungen »irb l vom Kaiser bereit« getroffen worden. — Im Großher- chum Hessen ist so eben der Bericht des vorberathende Hum sschusses ber Zweiten Kammer über das hessische Aus- «HH rungSgesetz zum deutschen Gerichtsgesetze veröffentlicht heru > man ersieht daraus mit Befriedigung, wie der Ausfi | im wesentlichen dieselben Verbesserungen beantragt, chr auch der preußische Landtag für das preußische Mührungsgesetz beschlossen hat.
»Frankreich bereitet sich für die Welt-Ausstellung 1 die am 1. Mai zwar eröffnet, aber gegen Ende des-
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* hing und deren Gratisbeilage Ilkustrirtes mutagsökatt werden für die Monate Mai d Juni von allen Postanstalten angenommen tf dem Lande auch von den Landpostboten).
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r* 6 | mir damals wie Heller Wahnsinn durch das Gehirn w r te. Es war mir, als ob Alles um mich her zerbröckelte _ V > in Schutt fiele. Tage lang Janb ich teilte Thräne; -cn glaubte an dem Uebennaß meines Schmerzes buchftäb- Nä ersticken zu müffen. Die warmen Worte der Freund- r »st, mit denen sich Clara meiner erbarmte, schienen mir -—- c eisiger Hohn; jedes Wort ihres'Briefes grinste mich — falt und sinnlos an, daß ich nicht im Stande war, i zu Ende zu lesen.
Dieser Zustand währte fast eine Woche; dann endlich amt ich gerade in Dem einigen Trost zu finden, was Siten Schmerz verewigen zu sollen schien: in der Um Mchkeit meiner Siebe. WaS so im herrlichsten Sinne
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•eigen nimmt entgegen: Dxpedttion d.vlattes, ßed.Annoncen-Bureau; sich i Th. Dietrich & Co. ii aben Il-l und Hannover; A EN '' -x in »rnnfflirt n 'llt.
Erscheint täglich außer an den äßerteigen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllustrtrteö Sonntagsblatt" durch die Expedition (Ikoch'sche Buchdruckerei) bezogen 2\ Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (excl. Bestellgebühr). — "Jnsertionsgebühr sür die gespaltene Zeile 10 Pf».
Für in der Expedition zu ertbeilenbe Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf», berechnet.
& moglet u tretet ntffurt a. M., Berlin
>t #jig, Cöln ic.; Rudol, fe in Berlin, Frank-
Bier Wochen verflossen mir in ernster Thätigkeit. war frohen MutheS, denn der Mensch fühlte sich nie barscher, als wenn daS Unheil bereits zum Streich aus- “ olt hat. Es war am fünfzehnten August, als mich
lL t Kunde ereilte, die mich zu Boden schmetterte.
Virginie war tobt. Ein hitziges Fieber hatte sie —. tuen brei Tagen dahingerafft
ormI! Was soll ich Dir sagen, mein Junge? Wenn Du jt einmal lieben wirst, so wahr, so glühend, so namen- toie ich, dann, aber nur dann kannst Du begreifen,
ten erst in ihrem Vollglanze strahlen wird. Die Politik i, schläft aber nicht. Die auswärtigen Angelegenheiten then den Franzosen mehr Sorge, als sie haben wollen; Ganzen jedoch herrscht Vertrauen auf Wabdington's et und Umsicht in Betreff des Orients. In den inneren agen ist die Controverse: ob Schutzzoll, ob Freihandel? hr als je an der Tagesordnung, unb Commissionen, igeregifter u. s. w. bereiten Kämpfe vor, bie im nächsten . nter in den Kammern ausgefochten werben sollen. Die ) r sßon der Generalräthe ist ohne polittsche Zwischenfälle (2i Ende gegangen; in der Presse herrscht große Befriedi- ag über bie Mäßigung, bie sich überall im Lande zeigt.
Rur wenige Stunben nach Vertagung bes Parlaments in England ein weiterer und bedeutungsvoller Schritt hm und die Heranziehung indischer Truppen nach Malta eerbnet worben, eine Maßregel, welche die RegierungS- ller zwar nur als Vorsichtsmaßregel betrachten wollen, aber jedenfalls beweist, daß die englische Regierung