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Rr. 78.

Marburg, Dienstag, 2. April 1878

xm. Jütirgaag.

Anzeigen nimmt entgegen: btt Expedition d.BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaul von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haafenstein & Vogler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Moffe in Berlin, Frank­furt a. 3)t. rc.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.Blattes, sowie d.Ännoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co- in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl- daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C- Schlotte in Bremen.

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England and Rußland.

England und Rußland oder Walfisch und Elephant bereiten zum Kampfe miteinander vor. Der Congreß kommt nicht zu Stande; denn England verlangte, daß auf dem­selben alle einzelnen Bestimmungen des Friedensvertrags ernstlich berathen werden sollen. Das will Rußland nicht; es sagt, die eiiyelnen Staaten mochten ihre Bedenken gegen diesen oder jenen Punkt des Vertrags vorbringen, allein es behält sich vor, dann selbst immer erst die Vorfrage zu erheben, ob der jeweilige Punkt auch wirklich allgemeine europäische Interessen berühre und also zur Vorlage für beit Congreß geeignet sei. Ueber diese Formfrage müßte dann wahrscheinlich abgestimmt werden, und wenn die Mehrheit dagegen wäre, so würde England seine Ansprüche auf dem Congreß nicht zur Geltung bringen können. Wenn aber von vornherein feststeht, daß ohne diese Vorfrage jeder Punkt sachlich geprüft werden muß, so kann England bei jedem Punkt seinen Widerspruch geltend machen und die Aufnahme desselben in das europäische Recht verhindern. Man sieht daraus, daß zwischen der Auffassung Englands und Rußlands über den Congreß allerdings ein wesent­licher Unterschied besteht.

DieAgence Russe" erklärt zwar die englische Auf­fassung der Antwort Gortschakoffs auf die englische Forde­rung für unrichtig. Der Reichskanzler habe nicht gasagt, daß er sich in Bezug auf die Discutirung der Bedingungen, welche Rußland als außerhalb der Jurisdiction Europas stehend betrachte, ein Veto Vorbehalten müsse, sondern der­selbe habe stets nur für jedes Mitglied des Congresses die absolute Freiheit der Discutirung für jeden Artikel ohne Ausnahme und damit auch die Freiheit der Ansicht und Entschließung aufrecht erhalten. Das Petersburger Cabinet habe sich von dieser Ansicht nicht entfernt. Wenn das aber richtig wäre, so wäre es unverständlich, was England dann weiter will. Rach allem aber, was man bis jetzt darüber gehört hat, ist das nicht der Fall ,unb liegt die Sache, wie bereits angedeutet, so: England verlangt, daß der ganze Vertrag dem Congreß unterbreitet werde, Ruß­land aber gewährt zwar den Mächten das Recht, zu den verschiedenen Punkten des Vertrages Stellung zu nehmen, behält sich aber das Recht vor, bei jedem einzelnen Punkt, welcher dem Congreß vorgelegt werden soll, sein Veto ein­zulegen.

Die österreichische Regierung soll zwar England vor­gehalten haben, seine Sache könne nur gewinnen, wenn es auf den Congreß ginge, es würde in vielen Fragen eine Mehrheit neben sich sehen. England aber scheint sich nicht darauf verlassen zu wollen. Kein Mensch aber weiß, was

nun eigentlich England an dem Friedensvertrag auszusetzen hat und wie- es denselben geändert haben will. Daß es mit demselben nicht zufrieden ist, kann man sich zwar leicht denken, da Rußland gar keine Bestimmungen zu Gunsten der türkischen L-taatsgläubiger gemacht hat und die Türkei durch den Vertrag so gut wie bankerott ist, so daß also England alles Geld, welches es der Türkei geliehen, so gut wie ganz verlieren würde. Man denke sich nur die Lage der Türkei. Sie verliert Bulgarien und erst nach 2 Jahren wird sie einen Tribut von demselben bekommen. In Bos­nien und Herzegowina sollen die Steuern 2 Jahre lang zur Verbesserung der Lage der Unterthanen benutzt werden. Ebenso verliert sie den Tribut Rumäniens und Serbiens, und aus den aufständischen griechischen Provinzen und dem ihr noch verbleibenden Theil von Rumelien wird sie auch nicht viel Steuern herausschlagen können. Dazu hat sie aber auch die Kriegsentschädigung zu zahlen und die Ver­luste im eigenen Lande, namentlich in der Ausrüstung der Armee wieder einigermaßen zu ersetzen. Daß sie da nicht im Stande, den Engländern Zinsen zu zahlen, liegt auf der Hand, zumal der Tribut von Aegypten und die Steuern aus Asien auch immer unsicherer werden. Aber mehr noch als. seinen Capital- und Zinsverlust fürchtet England die Uebermacht Rußlands im Mittelmeer, die daraus entspringende Gefahr für den Suez-Canal und den Weg nach Indien. Was wollen aber nun Rußland und England gegen einander machen? Rußland kann Eng­land gar nicht angreifen, denn Indien ist zu weit und auf dem Meere ist die englische Flotte der russischen überlegen. England geht's aber mit Rußland ziemlich ebenso, weil seine Landtruppen den russischen nicht gewachsen sind; beide müßten also sich so lange gerüstet gegenüber stellen, bis ihre Kräfte erschöpft wären. Wer das am längsten aus- halten könnte, der hätte gewonnen. Das dürfte frellich dem reichen England leichter fallen, als dem ärmeren er­schöpften Rußland. Außerdem könnte die englische Flotte die auf der ausgesogenen Ballanhalbinsel stehende russische Armee, wenn sie ihr die Zufuhr durch das Schwarze Meer und über die Donau abschneiden oder stören würde, in eine recht fatale Lage bringen; soll die russische Armee doch jetzt schon durch Krankheiten sehr bedeutend decimirt sein. Will aber Rußland noch weitere Strecken occupiren, so dürste es sehr leicht den Widerspruch Oesterreichs, Griechen­lands und vielleicht auch wieder der Türkei, wo eine rus­senfeindliche Partei bereits an der Arbeit ist, bervorrufen und seine Lage verschlimmern, die Lage Englands aber verbessern. Man darf sich deshalb die Lage Rußlands nicht zu günstig und die Englands nicht zu ungünstig vor­stellen. Der vorige Sommer hat bewiesen, daß Rußland mit seiner Armee nicht allzuviel prästiren kann; es hat

schließlich mehr durch die Fehler der Türkei, als durch die Ueberlegenheit seiner Armee gesiegt.

Ein russisches Blatt, dieNowoje Wremja" denkt sich zwar die Eroberung Indiens wie einen russischen Spazier­gang nach Indien, und die englische Handesflotte könne man dadurch zerstören, daß man aus andern Staaten, na­mentlich aus Amerika Privatkrcuzer kommen lasse und den­selben gestatte, unter russischer Flagge überall englische Handelsschiffe zu kapern und zu vernichten. Das würde die englischen Krämer zur Nachgiebigkeit willig machen. Dann würde die Reihe an Rußland sein, England zum Congreß zu citiren und zwar nicht bloß der europäischen Mächte allein, sondern auch Amerikas, Persiens, Chinas, Indiens und anderer Staaten, um die vielen wirklichen Weltfragen zu lösen. Dann würde es sich um die Annexion Gibraltars, Maltas, des Suezcanals, vieler Besitzungen in Asien und Afrika handeln, um die Vergiftung Chinas mit Opium u. s. w.So bald die Macht Englands erschüttert ist, werden alle Nationen begeistert gegen dasselbe auftrcten, um es für alle Sünden büßen zu lassen."

Das russische Blatt läßt seiner Phantasie einen etwas zu großen Spielraum und denkt sich die Sache doch zu leicht. Wenn es wirklich zum Kriege kommt, so wird na­türlich sehr viel davon abhängen, wie sich die anderen Mächte dazu stellen: ob sie neutral bleiben oder sich auf die eine oder andere Seite schlagen. Davon wird es denn auch abhängen, ob der Krieg ein europäischer werden oder ein englisch-russischer bleiben wird. Sehr viel wird des­halb davon abhängen, was Jgnalieff in Wien für Geschäfte macht, wo er jetzt um die Freundschaft Oesterreichs wirbt, um England zu isoliren. Hierüber hängt vorläufig noch ein dichter Schleier, der sich erst lüften wird, wenn Eng­land und Rußland wirklich in Action treten.

Tagesbericht.

Die Pariser Mittheilung, angeblich aus Wien her­rührend, wonach Englands Entschließungen durch einen Brief des deutschen Kaisers an die Königin Victoria beeinflußt worden seien, ist tendenziös erfunden; der Kaiser hat kein Wort an die Königin geschrieben

Der Ministerwechsel hat nunmehr seinen definitiven Ab­schluß gefunden. DerStaatsanzeiger" vom Sonnabend publicirt in seinem amtlichen Theile, daß die nachgesuchte Dienstentlassung den Staalsministern Grafen zu Eulenburg und Dr. Achenbach unter der Belassung des Titels und Ranges eines Staatsministers ertheilt sei, sowie daß der Oberpräsident der Provinz Hannover Graf zu Eulenburg zum Minister des Innern, der Unterstaatssekretair Maybach

Der alte Schärtlia.»)

Novelle von Ernst Eckstein

Wenn ich als Knabe in dem botanischen Garten meiner Vaterstadt unter den ftemdländischen Riesenbäumen der Hauptallee spielte, oder auf einer der grün gestrichenen Bänke, die an der hohen, epheubewachsenen Mauer standen, Siesta hielt, so gewahrte ich oft in dem Mansardenfenster des anstoßenden Giebelhauses das ernste, fast unheimliche Gesicht eines' alten Herrn, der, beide Arme auf die Brust­wehr gestützt, zwischen seinen Blumentöpfen hervorlugte und den Blick bald über die Wipfel der Bäume hinaus in die blaue Ferne schweifen, bald auf den bunten Schaaren der Müßiggänger haften ließ, die gleich mir in den blühenden Gartenanlagen vor dem Lärm und Staub der Straße Schutz gesucht hatten. Der alte Herr gehörte gewissermaßen zur Staffage des Parkes. Jahr aus, Jahr ein war er um dieselbe Stunde aus seinem Posten, und wenn er sich lange genug an der frischen Luft und der schönen Aussicht erquickt hatte, so machte er sich an seinen Blumen zu schaffen, be­goß sie, entfernte die welken Blätter und band die wuchern­den Schößlinge fest. Für uns Kinder hatte diese schweig­same Regelmäßigkeit etwas Jmponirendes. Dabei flößte uns das seltsam unfreundliche Antlitz mit den buschigen Brauen und den fest aufeinander gepreßten Lippen eine gewisse Furcht ein, die durch mancherlei Gebilde unserer jugendlichen Phantasie und durch halbverstandene Geschichten, die wir aus dem Munde der Erwachsenen auftchnappten, gesteigert wurde und bei Einigen von uns in ein voll­ständiges Grausen ausartete. Jeden Nachmittag um fünf llhr, mocbte nun die herrlichste Sommersonne auf den

*) Nachdruck verboten. Mit Genehmigung der Berlagshandlung aus dem bei Richard Eckstein in Leipzig erschienenen WerkeSrurmnaH t", Nene No­vellen von § rrrtz S ckstein (L ftaite Lände. Preis s Mk.) entlehnt.

Dächern liegen oder der eisigste Sturmwind heulen, wan­delte der alte Herr im langen, bis an den Hals zugeknöpften Paletot, den riesigen Calabreser fest in die Stirn gedrückt, dem Club zu, wo er eine Stunde lang Zeitungen las und eine Tasse Kaffee trank, die er nachher mit einem eben so alten und grämlichen Kanzleibeamlen im Sechsundsechzig herausspielte. Dann fuhr er wieder in seinen graubraunen Paletot, schritt dnrch die Hinterpforte des Gebäudes dem sogenannten Neuen Weg und dem Glacis zu, machte seinen Spaziergang durch die Stadt und kehrte präcis um drei Viertel auf Sieben in seine Wohnung zurück, wo er, wie das noch spät brennende Licht 'verrieth, bis kurz vor Mitter­nacht über seinen Studien aufsaß.

Was er eigentlich trieb, darüber herrschten die ver­schiedensten Meinungen. Einige sagten, er habe in seiner Jugend große Reisen gemacht, und allerlei Seltenheiten aus dem Pflanzen- und Thierreich mit nach Hause ge­bracht, die er jetzt in einem umfangreichen wissenschaftlichen Werke verarbeite. Andere behaupteten, er befasse sich mit Alchymie und suche den Stein der Weisen. Noch Andere meinten, er sei ein Dichter und bringe da droben in seiner Einsamkeit die schönsten Dinge zur Gestaltung, die er indeß keiner Menschenseele zu lesen gebe, sondern sorgfältig in seinem Pull verschließe. Was dem alten Herrn von die­sem Streit der Meinungen auch zu Gehör kommen mochte, er hielt es jedenfalls nicht der Mühe werth, die Neugie­rigen aufzuklären. Nach wie vor ging er seinen herge­brachten Gewohnheiten nach, gleich unempfindlich gegen indiskrete Aufdringlichkeiten wie gegen geheime Anfeindun­gen, an denen es meine lieben Landsleute natürlich nicht schien ließen. ,

Je älter ich wurde, um so mehr schwand die kindliche Furcht, die der Alle mir einflößte, um so entschiedener machte sich ein anderes Gefühl geltend, das sich weder durch

den Spott meiner Kameraden, noch durch die abenteuer­lichen Historien der Erwachsenen beirren ließ. Dem auf­merksamen und vorurthettslosen Blick konnte der geheime Zug von Trauer, der um diese scheinbar so schroff abwei­senden Lippen lagerte nicht entgehen, und so setzte ich mir denn unwiderruflich in den Kopf, Herr L-chärtlin so hieß der Alte müsse ein großes namenloses Weh erlebt haben, tiefer und gewaltiger denn Alles, was man unter gewöhnlichen VerhältnissenUnglück" zu nennen pflegt. Besteht das Vernichtende einer Schickung doch oft nicht sowohl in Dem, was uns heimsucht, als in der Form und Gestalt, ja vielleicht selbst in dem Zeitpunll, den es sich auswählt. Der Blitz, der aus heiterm Himmel trifft, wirkt ungleich zermalmender als der Strahl, den wir seil lange vorausgesehen; das Verhängniß, das uns in trüber, nieder­geschlagener Stimmung ereilt, quält uns minder hoffnungs­los als der Schmerz der die gläubige Seele mitten im Traum ihrer Liebe und ihres Vertrauens durchzuckt. Der alle Schärtlin mußte etwas der Art erduldet haben, bas stand bei mir fest, und je weniger Anklang meine Sympathie für den düstern Sonderling zu finden schien, um so mächtiger wuchs sie in meinem Innern.

Der Zufall führte mich mit dem alten Herrn zusam­men. Als er eines Morgens wieder an seinen Blumen beschäftigt war, stürzte ein Rosenstrauch, dessen widerspenstige Zweige er mit Gewalt zu bändigen suchte, über die Brüstung und fiel nur wenige Schritte von der Bank, wo ich meinen Virgil las, auf den weichen Grasboden. Ein Blick ge­nügte, um mich das Vortheilhafte der Situation durch­schauen zu lassen. Ich steckte mein Buch mit dem uner­ledigten Pensum in die Tasche, preßte die zersprungenen Scherben, so gut es gehn wollte, an das Erdreich, daö an den Wurzeln haftete, und trat freudestrahlend den Weg nach der geheimnißvollen Dachstube an.