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Rr. 71.

Marburg, Sonntag, 24. März 1878

xni. Zahrgiig.

-«zeigen nimmt entgegen: die Expedition d.Blatte», sowie d.AnnonceN'Bureauk von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln re.; Rudolf Messe in Berlin, Frank­furt a. M- ic.

OIikWschc jritmig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.vlatte», sowie d Annoncen-Bureaux von T L. Daube & Co in Frankfurt a. M.; Jager'iche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl- daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. TdieneS in Elberfeld; C Schlotte in Bremen

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Polilische Wocheu-Ueberfichl.

Die innere Frage beginnt sich zum Schluß der Woche zu klären. In unterrichteten Kreisen gilt es als feststehend, daß Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode sich nunmehr de- finitiv erklärt habe, die Vice-Präsidentschaft des preußischen Staatsministeriums und die Vice-Kanzlerschaft des Reiches zu übernehmen. Daß Graf Botho zu Eulenburg, der bis­herige Oberprästdent der Provinz Hannover, das Porte­feuille des Innen:, übernommen habe, ist nunmehr eben­falls bestimmt. In Betreff des Finanzministeriums liegt allerdings noch kein Definitivurn vor. Die Verhandlungen mit den Oberpräsidenten Günther scheinen abgebrochen zu sein; auch von Herrn Burghardt spricht man nicht mehr. Neuerdings nennt man.den Regierungspräsidenten Hof­mann aus Danzig, welcher in Berlin eingetroffen ist, als Candidat für den Finanzministerposten, Herr Hofmann war bekanntlich vor seiner Ernennung zum Regierungs» Präsidenten lange Zeit vortragender Rath im Finanzmi­nisterium, und hatte als solcher namentlich die Pflicht, den Etat vor dem Landtage zu vertreten. Er wird als tüch- ttger Finanzmann gerühmt. Im deutschen Auswärttgen Amte hält man nach wie vor an der Erwartung fest, daß der Congreß zu Stande kommen und etwa bis zum 2. April zusammentreten werde. Die Präliminarien von San Stefano sind inzwischen ratifizirt und den Großmächten mitgetheilt. Die Eröffnung des Congresses wird freilich noch keine Sicherheit für das Zustandekommen einer fried­lichen Verständigung bieten. Der neue Papst, Leo XIII., hat dem Deutschen Kaiser seine Thronbesteigung in einem Schreiben angezeigt und seinem Wunsche nach einer Ver­ständigung Ausdruck gegeben.

Der Budgetausschuß der österreichischen Delegir- ten hat nach langen Debatten, in denen Graf Andrassy mehrmals das Wort «chm>»a»f Anttv^Gchaup'S sich mit 11 gegen 9 Stimmen für die Bewilligung des Credits ausgesprochen. Dem gegebenen Beispiele folgte die Dele­gation selbst, die, nachdem sie bereits die Indemnität für das zweite Quartal ertheilt und den im Ausschuß abge­lehnten Verpflegungszuschuß bewilligt hatte, mit 39 gegen 20 Stimmen die Credilforderung genehmigte. Dasselbe that die ungarische Delegation unter Ablehnung eines An­trages vom Grasen Scesen, der gegenüber dem des Bericht­erstatters Falk eine andere Fassung vorschlug.

Am 13. März ist Seitens des schweizerischen Bun­despräsidenten so wie des deutschen und des italienischen Gesandten das Schlußprotokoll der Luzerner Coitferenz vom Juni vorigen Jahres und der darauf bezügliche Nachtrags- Vertrag zur Gotthardbahn-Eonventton von 1869 unterzeich­net worden.

Et« bis dahin wenig bekanntes Zeugnis von dem Edel­fink der heiligen Elisabeth während ihres Aufenthaltes t« Werda bet Marburg.

Als Landgraf Ludwig IV. von Thüringen im Begriffe war mit Kaiser Friedrich II. von Italien aus den Kreuz­zug anzutreten, überraschte ihn der Tod in der Stadt Otranto in Apulien am 11. September 1227. Die fürst­liche Leiche gelaugte im Anfänge des Jahres 1228 in Thüringen an und ward im Kloster Reinhardsbrunn bei­gefetzt. Des, Landgrafen Wittwe, Elisabeth, eilte, sobald ihre Witthumsangelegenheiteit geordnet waren, im Frühjahr 1229 in Begleitung ihres Beichtvaters Konrad von Mar­burg und ihrer Hofdamen zu ihrem stillen Wittwensitze Marburg. Hier wollte sie ihr Leben in einem Hospitale beschließen, welches sie aus eignen Mitteln am Fuße des Lützelberges erbauen ließ. Sie starb 24 Jahre alt am 19. November 1231. Da die Fürstin keine passende Wohnung in Marburg finden konnte, begab sie sich zu­nächst nach Werda auf ein Landgut, welches in ihr Leib- geding gehörte. Um Niemand daselbst zu belästigen, bezog sie ein einsames Haus, und weil sie keinen bequemeren Aufenthaltsort weiter da fand, so bewohnte sic unter kem Namen einer Kemnate, d. i. Herrenhaus. An die der Sonne entgegengesetzten Seite ihrer Wohnung erbaute die Fürstin eine Hütte aus Laubholz, in welcher sie die Speisen sirr ihre kleine Famllie bereitete. Rauch, Wind, Regen, Hitze und andere Unannehmlichkeiten, denen die Fürstin in dieser elenden Hütte ausgesetzt war, ertrug sie mtt größter Geduld und Ergebung, um dadurch zeitliche Strafen für Fehler und Sünden in menschlicher Schwachheit begangen zu sühnen. Diese und noch andere Bußübungen, denen sich die edle Fürstin auf Anrathen ihres Beichtvaters Konrad don Marburg willig unterwarf, well man in jener Zeit solche für besonders verdienstlich hielt, von denen aber einige

In Italien ist eS Herrn Cairoli endlich geglückt, fein neues Cabinet fertig zu stellen. Inzwischen ist auch ein bedeutsamer Schritt zur Besserung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche geschehen, insofern der Papst allen italienischen Bischöfen ohne Unterschied erlaubt hat, die gesetzliche Forderung zur Anecknnung der Regierung oder des Königs, wo diesem das Patronat zusteht, zu er­füllen. Leo XIII. scheint thatsächlich den Wunsch nach Frieden zu hegen, denn von den noch nicht bekannten Schritten abgesehen, die in dieser Hinsicht bei der deutschen und russischen Regierung geschehen sind, sollen auch alle jene Festlichkeiten und Ceremonien, die seit der Besitzergrei­fung Roms durch die Italiener eingestellt wurden, wieder aufgenommen werden.

Das Cabinet Dufaure und die gemäßigte französische Republik haben eine gute Woche gehabt: Frcycinet errang für seine großartigen Verkehrspläne den ersten glänzenden Sieg in dem Kampfe betreffend den Rückkauf der Neben­bahnen; auf Gambetta's Zuruf:die Kammer müsse jetzt Vertrauen zur Regierung zeigen", beschloß das Haus, am nächsten Donnerstag in die Berathung des Einnahmebud­gets zu treten; an demselben Tage begann der Senat die Berathung des Ausgabenbudgets, nachdem derselbe nach lebhaften Erörterungen in der Sitzung vom 18. mit 153 gegen 100 Stimmen das Garantiegesetz über den Belage­rungszustand so angenommen hatte, wie es aus der De- putirtenkammer hervorgegangen war; nur in Betreff Al­geriens setzte Chanzy ein Amendement durch, wonach der Generalgouverneur befähigt ist, wenn die Verbindung mit Frankreich unterbrochen, im Falle eines Aufstandes den Be­lagerungszustand erklären zu dürfe::.

Die englische Regierung beharrt auf der Forderung, daß Rußland den gesammten FriedenSvertrag dem Con- gresse zur Beurtheilung vorlege. Die Rüstungen werden mzwißhen mit dem größten Mer fortgesetzt und weitere Verstärkungen an Panzerschiffen sind zum Admiral Hornby beordert. Die kriegerische Stimmung gegen Rußland ist im Wachsen.

Der Sultan hat am 10. d. den Friedensvertrag unter­zeichnet, am 12. reiften Rens Pascha und Jgnatieff nach Petersburg, am 17. wurden dort die Ratifications-Urkunden ausgetauscht und am 19. sind von dort Cabinets-Couriere mit dem Friedensvertrag zu den Höfen der Vertragsmächte abgegangen. Fügen wir hinzu, daß Rußland noch fort­während rüstet, und daß der Aufstand der theffalisch-epiro- tischen Griechen in unverminderter Heftigkeit fortbauert, fo sind die wichtigsten Nachrichten aus den bisherigen Kriegs­ländern erschöpft. Der Schwerpunkt der augenblicklichen, hochgespannten Verhältnisse liegt in jenen geheimer: Ver­handlungen, die von Kabinet zu Kabinet hinüberspielen.

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wieder so beschaffen waren, daß sie Elisabeths zarten Körper seiner baldigen Auflösung entgegen führen mußten, werden von manchem ihrer Verehrer bitter beklagt und Konrad wird darüber scharf getadelt. Was dagegen der Fürstin aufopfernde Nächstenliebe, Demuth, Anspruchslosigkeit, Welt­verachtung und völlige Hingabe an den Erlöser betrifft, welche erhabene Tugenden zu allen Zeiten die Bewunde­rung der Christenheit aus sich gezogen haben, daran hat ihr geistlicher Zuchtmeister keinen Antheil; diese praktische Seite ihrer Frömmigkeit hatte sie in höchstem Maße schon geübt, bevor die Edle unter den Einfluß jenes Gestrengen gelangte. Daß Konrad bet hingebenden und aufopfern­den Nächstenliebe der Fürstin, besonders in den letzten Jahren ihres Lebens, zuweilen Schranken setzte, mag darin seinen Grund haben, daß die eingeschüchterte und geängstigte Frau in dieser edlen Frucht des Glaubens auch nichts mehr weiter sah, als ein verdienstliches Bußwerk, das sie steigern zu müssei: glaubte, um dadurch den Rest zeitlicher nicht erlassener Strafen, für welche sie nach ihrem Abschied aus dieser Welt in jenem schauerlichen Kerker jenseits des Grabes, der grausigen Schilderung ihres Beichtvaters zu­folge, etwa noch zu büßen habe, zu mildern beziehungsweise abzukürzen. Ward der Fürstin Wohlthätigkeit mit Un­dank gelohnt, so hinderte sie dieses nicht, ferner den Armen Gutes zu Ihm:; ja sie ließ cs die Undankbaren nicht ein­mal entgelten. Ein fchöner Beweis ihres edlen Charakters liefert uns nachstehende Handlung, welche sich während ihres Aufenthaltes auf dem Landgute zu Werda zugettagen hat.

Die fromme Fürstin war mit einer armen Frau be­kannt geworden, welche ihrer Niederkunft nahe war. Weil ihr Aufenthalt aber von dem der Fürstin zu weit entfernt lag, ließ letztere der Frau in der Nähe der bereits erwähn­ten Kemnate eine Scheune zu einer Wohnung Herrichten und mit dem Nothweudigsteu versehen. Als die Frau in

Tagesbericht.

Die Feier des Geburtstages Sr. Maj. des Kaisers wurde in der Reichshanptstadt durch Choral-Musik von der Kuppel der Schloßkapelle eröffnet. Kurz vor 10 Uhr begann die Auffahrt der Mitglieder des königlichen Hauses vor dem königlichen Palais zur Gratulation, denen sich bi» gegen 1 Uhr die Auffahrten der übrigen Glückwünschenden in der programmgemäßen Ordnung anschloffen. Bei dem Empfang der Generalität äußerte Se. Maj. der Kaiser: Ich danke Ihnen für den Ausdruck der Gefühle, die Sie heute zu mir geführt haben; ich danke Ihnen auch für diese Gefühle selbst. In meinem hohen Alter habe ich wohl Ursache, mit besonderem Ernst auf die Wiederkehr dieses Tages zu blicken, hoffe aber, daß Sie mich auch in dem für mich beginnenden Jahre mit derselben Umsicht und Thätigkeit in Allem unterstützen werden, was die Armee in den Stand gesetzt hat, zu erreichen, was jetzt erreicht worden ist. Die Festgottesdienste in den Kirchen waren zahlreich besucht, auch in allen Schulen wurde der Tag festlich begangen. Die Stadt ist allenthalben beflaggt, ins­besondere sind die Straßen der Friedrichsstadt und na­mentlich die Straße unter den Linden reich geschmückt. Letztere war schon vom frühen Morgen au von festlich ge­stimmten Volksmaffen durchwogt, die gegen Mittag so an­wuchsen, daß nur mit Mühe die Passage ermöglicht wer­den konnte. Se. Maj. der Kaiser wurde, sobald er der vor dem Palais versammelten Menge sich zeigte, mit ju­belnden Zurufen begrüßt. Um 4 Uhr fand Diner im kronprinzlichen Palais, Abends Soiree im weißen Saale des königlichen Schlosses statt.

Der zum Minister des Innern designirte Gras Botho zu Eulenberg ist der älteste Sohn des zeitigen Direktors der Hauptverwaltung der Staatsschulden, Landhofmeisters des Königreichs Preußen, Ekauimrrykrrn Grafen Botho zu Eulenburg-Wicken, welcher während der fünfziger Jahre Präsident des Abgeordnetenhauses war. Er wurde am 31. Juli 1831 geboren, war zu Anfang seiner öffentlichen Laufbahn Landrath in Deutsch-Krone und gehörte als Ver­treter des Wahlkreises Flatow-D.-Krone von 18631870 dem Abgeordnetenhause und 1867 dem norddeutschen Reichs­tage an. In der zweiten Session der neunten Legislatur- Periode des preußischen Landtages war er zweiler Vize- Präsident des Abgeordnetenhauses. Anfangs als Hülfs- arbeiter in das Ministerium des Innern berufen, wurde Graf Eulenburg bald Geheimer Negierungsrath und Vor­tragender Rath in demselben Ministerium. Er verließ diese Stellung, um Regierungs-Präsident in Wiesbaden zu werden, und vertauschte diesen Posten bann mit dem

die Wochen gekommen war und eines Mädchens genaß, trug die Fürstin das Kind selbst zur Taufe und ließ ihm ihren NamenElisabeth" beilegen. Die Fürstin besuchte die Wöchnerin täglich und versorgte sie 4 Wochen lang aus ihrer Küche. Als diese Zeit um war und die Frau wieder ihren täglichen Geschäften nachgehen konnte, beschenkte die Fürstin sie reichlich mit Mehl und Speck, gab ihr ihren eigenen Mantel, nebst den Schuhen von ihren Füßen und noch 12 kölnische Denare; für das Kind mußte die Kam­merfrau aus der Fürstin Pelz die Aermel trennen, um dasselbe hinein zu wickeln. Am andern Morgen, schon vor Beginn der Messe, begab sich die Fürstin in die Kirche und überreichte ihrer Hofdame Elisabeth einen Beutel mit den Worten:Ich habe hier noch einige Sachen in diesem Beutel, welche der armen Frau und ihrem Kinde wohl zur Stärkung dienen können; gehe hin und bringe sie ihr." Als die Hofdame die Wohnung betrat, fand sie nur noch das Kind; Mann und Frau waren eins geworden, davon zu gehen und das Kind im Stiche zu lassen. Die Hof­dame kehrte in die Kirche zurück und berichtete was ge­schehen. Darauf erroieberte die edle Frau:Nun so gehe geschwind hin und hole das Kind, damit das nicht darunter leide." Die Hofdame brachte das Kind und die Fürstin gab eS einer Soldatenfrau auf dem Landgute in Pfleg«. Hierauf ließ sie sogleich eine Gerichtsperson auS der Stadt kommen, welche auf alle Heerstraßen Bolen nach der Mittler des Kindes ausschicken mußte, allein diese kehrten nach einiger Zeit unverrichteter Sache zurück. Die Hofdame Elisabeth meldete dies der Fürstin und bat sie zugleich inständig, doch zu beten, daß Gott die Mutter dem Kinde wieder zuführen möchte, weil sie fürchtete Magister Konrad würde, wenn er solches erführe, sie darüber zur Rede setzen. Die Fürstin erwiedette vertrauensvoll:ich weiß weiter nichts von Gott zu erbitten, als daß sein Wille geschehe."