i Nr. 70.
JUarßurg, Sonnabend, 23. März 1878
XIII. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: He Expedition d.Blattes, sowie d-Annoncen-Bureaux oon Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a- M., Berlin, Le^zjg, Cöln rc.; Rudolf
£ in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
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(OliflilClW jfitimii
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.Blatt es, sowie d.Annoncen-Bureauk von ®. L. Daube & So in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl- daselbst; Jnoalidendank in Berlin; W. Tdienes in Elberfeld; C- Schlotte in Bremen.
V. Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition lKoch'sche j Buchdruckerei) bezogen 2'r Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (e$d. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.
Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet.
Konservative Anträge znr Gewerbeordnung.
t Bekanntlich war es in der vorigen Session des deutschen : Reichstages die Fraction der deutschen Konservativen, welche j durchdrungen von der Unhaltbarkeit der jetzigen Lage des Handwerks, durch eine» selbstständigen Antrag die Frage einer Revision der bestehenden Gewerbeordnung anregte. Die Folge dieses Vorgehens, das im ganzen Lande ja freudig begrüßt wurde, ist gewesen, daß die Regierung jetzt dem Reichstage zwei Vorlagen über Gewerbegerichte und die Lehrlings- und Arbeitsbücherfrage rc. gemacht hat. Die Vorschläge der Reichsregierung gehen indeß nicht weit genug, um von ihnen eine gründliche Besserung der Verhältnisse zu erwarten und so haben sich denn die in der vorberathen- den Commission befindlichen Mitglieder der deutsch-konservativen Fraction veranlaßt gesehen, weitergehende Anträge zu stellen, bezw. für die Berathung im Plenum in Aussicht zu nehmen. Sie fordern so vor Allem die Einführung von Arbeitsbüchern, nicht nur für Arbeiter unter 18 Jahren, sondern obligatorisch für alle Lehrlinge, Gesellen, Gehülfen 'unb Fabrikarbeiter. — Sie fordern für Lehrlinge unter allen Umständen die schriftliche Abfassung des Lehr-Vertrages und wollen, daß der Wechsel des Berufs, der so oft als Vorwand dient, die Verträge zu brechen, an die i sZustimmung einer zur Prüfung des Falles befähigten Instanz geknüpft wird. — Als Schutz gegen den Bruch des Lehrvertrages wollen sie nicht nur eine vielfach praktisch nicht durchzuführende Entschädigungs-Forderung, sondern angemessene Strafen statuiren. — Die Ertheilung eines Lehrzeugnisses soll nicht in das Belieben gestellt, sondern vorgeschrieben und in dem Arbeitsbuch eingetragen werden. — Vor allem aber verlangen sie, daß wenigstens einige , Gewähr dafür gegeben wird, daß der Lehrherr, der für die ?lusbildung des Lehrlings einstehe, der über ihn die väter- üche Zucht üben soll, eine dazu geeignete Person sei. Sie fordern daher eine Bestimmung, nach welcher nur derjenige Lehrlinge halten und ausbilden darf, der in seinem oder einem verwandten Gewerbe mindestens 3 Jahre als Geselle oder Gehülfe gearbeitet hat. — Die Bestimmungen, welche die Vorlage der Regierung zum Schutz der Sonntagsruhe verschlägt, erscheinen nicht als genügend. Die Regierung , will nur, daß zu Arbeiten an Sonntagen und Festtagen ! die Gewerbetreibenden die Arbeiter — vorbehaltlich der । naturgemäßen Ausnahmen — nicht verpflichten können, | was im Wesentlichen schon in der geltenden Gewerbrord- ji imng ausgesprochen ist. — Von konservativer Seite glaubt b man, in Uebereinstimmung mit vielen Stimmen aus anderen Parteien, fordern zu müssen — daß im öffentlichen Interesse, im Interesse des ganzen Gewerbe- und des Ar- beilerstandes, die gewerbliche Arbeit an Sonn- und Fest
tagen in Fabriken, gewerblichen Anlagen und Arbeitsplätzen so weit zu untersagen ist — als nicht die Natur des Gewerbebetriebs und die Forderungen des Verkehrs Ausnahmen erheischen. — Zum Schutz der jugendlichen Arbeiter in Fabriken endlich, glaubt man daran festhalten zu müssen, daß die ausnahmsweise Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren für jeden Tag den Zeitraum von 6 Stunden nicht übersteigt.
Die Fraction beabsichtigt ferner im Reichstage zwei weitere Fragen durch besondere Anträge anzuregen, die Fragen der Schankconcessionen und der Wanderlager und Wanderauctionen, welche unstreitig mit zu den brennendsten in der traurigen Entwickelung unserer Zustände gehören. Möge das rüstige Vorgehen der Fraction von allen Seiten im Lande die nöthige Unterstützung finden; dann wird der Erfolg nicht ausbleiben. Die betreffenden Kreise selber müssen nicht müde werden, sich nicht damit begnügen, ihre Klagen in den Bart zu brummen, sondern dafür sorgen, daß alle Welt höre, auch die Regierung, wo und wie sie der Schuh drückt!
Tagesbericht.
Aus Berlin wird telegraphisch berichtet: Die signali- sirte Vorlage, betreffend organische Aenderungen im preußischen Ministerium, ist dem Landtage bereits in der Form eines 'Nachtrag - Etats zugegangen, wonach der Etat der Central-Verwaltung der Domänen und Forsten unter den Etat des landwirthschastlichen Ministeriums eingestellt, ein eigenes Eisenbahn-Ministerium mit den aus dem Etat des Handelsministers darauf bezüglichen Positionen gebildet, der für den Ministerpräsidenten bisher ersparte Gehalt von 36,000 Mk. für einen als möglich in Aussicht zu nehmenden Minister-Dicepräsidenten verfügbar gemacht ist. — Aus parlamentarischen Kreisen wird mitgetheilt, die desinitive Besetzung des Ministeriums des Innern sei erfolgt, indem der seitherige Oberprästdent der Provinz Hannover, Graf Eulenburg, dieses Portefeuille übernommen habe. — Die Verhandlungen mit dem Grafen Stolberg wegen Ueber- nahme des Postens als Vicepräsident des Ministeriums dauern fort, haben bisher aber noch nicht zum Ziele geführt. Es heißt, wegen Uebernahme des Finanzministeriums seien mit dem hier eingetroffenen Regierungs-Präsidenten Hoffmann aus Danzig Verhandlungen im Gange. — Der „Reichs-Anzeiger" publicirt das Gesetz, betreffend die Stellvertretung deö Reichskanzlers.
Die „M. D. R. C." berichtet aus Berlin: In Betreff der inneren Lage liegt auch heute noch keine vollkommene Klärung vor. Heut Nachmittag um 3 Uhr hat wiederum
eine Staatsministerial - Sitzung unter dem Vorsitz des Fürsten Bismarck stattgefunden, in welcher, wie es scheint, auch noch nicht definitive Klärungen erfolgt sind. Soviel steht jetzt wohl fest, daß Graf Eulenburg, der bisherige Oberprästdent der Provinz Hannover, nunmehr bestimmt als Nachfolger seines Vetters die Leitung des Ministeriums des Innern übernehmen wird, und daß das Entlassungsgesuch des Herrn Camphausen in den nächsten Tagen schon die definitive Annahme durch den Kaiser erfahren wird. Die Verhandlungen mit dem Grafen Otto zu Stolberg- Wemigerode wegen Uebernahme des Amtes als Dice- Reichskanzler und Vice-Ministerpräsident befinden sich zwar noch in der Schwebe, jedoch sind eingeweihte Kreise entschieden der Meinung, daß sie zu einem günstigen Resultate führen werden, um so mehr, als der Kaiser dem Grafen ausdrücklich seinen Wunsch zu erkennen gegeben hat, daß er diese Funttionen übernehmen solle. In Betreff der Be- etzung des preußischen Finanzministeriums und des Reichschatzmeisters, wie der neue Reichsposten bezeichnet werden oll, — liegen noch keine definitive Nachrichten vor, jedoch glaubt man, daß auch hier schon in den allernächsten Tagen eine Entscheidung getroffen werden wird.
Wie die „Post" aus bester Quelle vernimmt, stnd die Verhandlungen mit dem Oberpräsidenten der Provinz Hannover, Grafen zu Eulenburg, betreffend die Uebernahme des Ministeriums des Innern, zu einem günstigen Abschluß gelangt.
Der Friedensvertrag von St. Stephans ist nun unter dem Titel „Friedenspräliminarien" von Rußland veröffentlicht worden; man kann daraus folgern, daß er jetzt nun auch — durch Vermittelung von Spezialcourrieren — zur Kenntniß der Großmächte gekommen ist. — Die Nachrichten über die Kongreßaussichten wiedersprechen sich sehr; irgend etwas authentisches ist nicht darüber zu berichten. — Nach einer der P. K. zugehenden Londoner Mittheilung würde die Frage der Betheiligung Englands am Kongresse insofern in eine entscheidende Phase eingetreten sein, als das Kabinet von St. James auf seine in kategorischer Weise nach St. Petersburg gerichteten Forderungen in Betreff der auf dem Kongresse einzuhaltenden Vorgangsweise eine vorbehaltlose Annahme oder Ablehnung derselben auS der russischen Hauptstadt erwartet.
Deutsches Reich.
** Berti«, 21. März. Die hiesigen Zeitungen und Correspondenzen haben in der letzten Zeit eine Fülle von Gerüchten ausgeschüttet, deren Gegenstand die Ministerfrage
Der Leonberger.
i: Humoreske von A. Oskar Klausmann.
r (Schluß.)
i Müller, unser lieber College, hatte lange geschwantt rfiuib sich fürchterlich gequält, wie er aus dem oben erwähnten KDuemna herauskommen sollte, bis er zu dem oben erwähn- Men Entschluß gekommen war, daß 52 Abonnenten mehr Kdetth seien, alp der nichtswürdige Dr. Wernitz und seine ö-vgne Ehre, und so hatte er sich denn zum Abdruck der Berichtigung entschlossen; denn erst kommt das Geschäft Md dann das Vergnügen.
Diese Berichttgung rief bei denen, die sie verstanden, ebenso Freude und Spott, als bei den Unwissenden Veränderung und Unverständniß hervor.
Doch noch eine zweite Aufregung gab es im Anzeiger, s Da stand nämlich wörllich folgendes Inserat.
„Wenn Leute, die nichts als Schulden haben, sich große Hunde halte» wollen, so mögen sie daraus Acht geben, daß diese Bestien in ihrem Hunger nicht andern Leuten Schaden zufügen, den die gewissen Leute dann nicht ersetzen können, oder sie sollen sich lieber keine solche kostspielige Thiere I halten. Meyer,
Fleischermeister.
„Aber ich bitte Sie Herr Doktor!" sagte Frau von «tibberg, indem sie auf das Exemplar des Anzeigers beu= das vor ihr auf bem Tische lag, „ich bitte Sie, Herr ~ottor, sollte dieses Inserat wirklich gegen ihren Herrn Kollegen Dr. Härtel gerichtet sein?"
L „Jawohl gnädige Frau!" erneuerte schmunzelnd Dr. Zernitz, „gegen Dr. Härtel und gegen Niemand Anderem!"
„Wie kann dieser impertinente Fleischermeister sich aber unterstehen, dieses Inserat einzurücken?"
„Gnädige Frau ich kann es dem Manne nicht übel nehmen. Nero, der Hund des Herrn Kollegen hat in einem unbewachten Moment in dem Laden des Fleischermeisters Meyer ganz großartige Verheerungen unter Wurst und Fleischwaaren angerichtet und da Kollege Härtel diesen Schaden dem Manne nicht ersetzte, beschloß dieser sich in solch' roher Weise zu rächen. Wie gesagt, übel zu nehmen ist es dem Manne nicht, selbst Fleischermeister pflegen eine Galle zu besitzen."
„Allerdings war Dr. Härkdl verpflichtet den Schaden zu ersetzen," sagte Frau von Feldberg, „und ich finde es ganz sonderbar, daß er es nicht that und sich solchen Eventualitäten aussetzte!"
Dr. Wernitz lachte kurz auf.
„Weshalb er die Kleinigkeit von zwei Mark nicht bezahlte," sagte er dann, „und gnädige Frau aus dem einfachsten Grunde von der Welt: er hatte das Geld nicht!"
„Er hatte das Geld nicht?" klang es verwundert zurück.
„So ist es gnädige Frau. Sie scheinen es allerdings nicht zu wissen, daß Kollege Härtel so tief in Schulden steckt, daß er der Verzweiflung nahe ist, so tief, daß er, um seine Gläubiger nur einigermaßen zu befriedigen, sich die Entbehrung fast des Nothwendigsten auferlegen muß, so tief in Schulden, daß seine Stellung in Romslau bereits unhaltbar geworden ist."
Frau Konstanze erblaßte wendete sich jäh ab.
Da saß er nun auf den Trümmern seines Glückes und seines Lebens.
In dem Kopse, den Dr. Härtel, in seinem Zimmer sitzend, müde in die Hand gestützt hatte, jagten sich Ge
danken, so traurig und bitter, wie er sie bisher nicht gehabt.
Alles war verloren.
Es war, als ob. jenes unselige Rache-Inserat die Lawine des Unglücks in Rollen gebracht hätte.
In Romslau war Dr. Härtel unmöglich geworden. Vor wenigen Stunden hatte ihn der Direktor zu sich be- schieden und ihm den Rath gegeben, sich um eine andere Stelle zu bewerben und sein Amt in Romslau auszugeben, wolle er nicht, daß man ihn gehen heiße; seine Schulden wären der Grund, daß der größere Theil der Bürgerschaft auf seine Entfernung bestünde. Dazu käme das heutige Inserat, das eine Schädigung des ganzen Lehrer-Collegiums sei.
Soweit war er also gekommen. Seine Stelle, sein Rus verloren, öffentlich blosgestellt, seine Zukunft vernichtet. Seine Gläubiger drängten ihn mehr als je; nahm er an einem andern Otte eine Stelle an, so hatte er zu gewärtigen, daß sie chm wiederum wegen seiner Schulden gekündigt wurde. Was sollte er nun beginnen?
Es klopfte.
Der Diener der Frau v. Feldberg erschien und übergab einen Bries.
Dr. Hätte! bettachtete mit Verwunderung den Bries, der aus der Adresse die Handschttst Konstanze'S trug. Er wagte nicht, ihn zu öffnen. Er befand sich in so gedrückter - und verzweifelter Stimmung, daß er sich zu feig fühlte, das Couvert zu erbrechen; er fürchtete etwas Unangenehmes, etwas Kränkendes dann zu finden. War es doch so im höchsten Grade sonderbar und unerwartet, daß Fran von Feldberg an ihn schreibe, daß er nur an irgend ein neu eingetretenes, für ihn unglückbringende« Ereigniß denken konnte.