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Alarkurg, Donnerstag, 14. März 1878

xiil. Jahrgang

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ES ist eine nicht zn leugnende Thatsache, daß alle Men­schen, die mehr als Lesen und L-ckreiben gelernt haben und gerade in Geldverlegenheit sind, sich darauf verlegen, Plötz­lich zu schriftstellern, in der thörichlen Hoffnung, auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege sich einen „lohnenden Mebenerroerb" zu schaffen. Auch Dr. Härtel war es eines Tages klar geworden, daß eS doch sehr unrecht sei, sein literarisches Talent so ganz und gar zu vergraben und kurz entschlossen hatte er sich darüber her gemacht ein Feuilleton zu schreiben; „der Wald in der Poesie der Alten" hieß dasselbe. Er vollendete es mit einer gewissen Fröhlichkeit, denn er war überzeugt, daß er mit seiner Ar­beit wirklich etwas geleistet und dann schickte er das Feuil­leton an die Redaktion einer Zeitung, in der Provinzial-

werde auch die Amtsgerichtssitze zweckmäßig feststellen, und zwar um so weniger, als, sobald die Bezirke der Amts­gerichte gebildet seien, der Sitz des Amtsgerichts und die Zahl der an diesem Orte anzustellenden Amtsrichter sich fast überall von selbst ergeben würden. Freilich sollen die von dem Justizminister gebildeten Amtsgerichtsbezirke nach dem 1. Oktober 1881 nur durch Gesetz verändert werden können, das hieße aber doch, daß die vor dem 1. Oktober 1881 von dem Justizminister bezüglich der Amtsgerichts­bezirke getroffenen Anordnungen vom 1. Oktober 1881 ab Gesetzkraft erlangten. Dieser Vorgang könne als ein kor­rekter nicht angesehen werden. Wenn nun ein proviso­rischer Zustand nicht zu vermeiden sei, dann scheine es doch angemessen, der gesetzlichen Anordnung eine Anord­nung in derjenigen Form zu substituiren, die sonst für die in Nothständen getroffenen Anordnungen gebräuchlich sei, die Form der Königlichen Verordnung. Weiter scheine die Frist, in welcher nach Maßgabe der gemachten Erfahrungen eine Aenderung der ersten Anordnnngen im Verwaltungs­wege vorgenommen werden könnten, zu kurz bemessen und jedenfalls bis zum 1. Oktober 1882 zu erstrecken zu sein.

Der „Courrier d'Jtalie" schreibt: „Nach den Telegram­men, die uns zugegangen sind, hat die Demission des ehren- werthen Crispi und nach den Ursachen, denen man allge­mein diese Demission zufchreibt, einen tiefen und bekla- genswerthen Eindruck am Hofe sowie in den hohen poli­tischen und parlamentarischen Kreisen von Berlin gemacht. Man fühlt sich nahezu erniedrigt (humilie) ihm bei seiner Reise in Deutschland einen so freundlichen und glänzenden Empfang bereitet zu baben."

In der Orientsrage stehen jetzt die Erklärungen des Grasen Andrassy im Vordergründe des Interesses; die neuesten, über welche der Telegraph berichtete, entbehren zwar nicht des friedlichen,'versöhnlichen Charakters, zeugen aber von großer Entschlossenheit für den Fall eines Ein­tritts der Eventualität, über die noch das Geheimniß ge­wahrt wird. Andrassy hofft, daß der Congreß den Frieden bringt, und deshalb wird in Oesterreich noch nicht mobili- sirt oder wenigstens sollen die verlangten 60 Millionen noch nicht verausgabt werden. — Den Delegationen ist auch ein Rothbuch vorgelegt worden, welches aber kein aktuelles, sondern nur ein historisches Interesse hat; die darin mitgetheilten Depeschen reichen bis zum Beginn deS russisch-türkischen Krieges.

„So menschenscheu, Herr Kollege?" weckte ihn die tone Wernitz's aus seinem Brüten.

„Menschenscheu? Wieso?"

„Sie ziehen sich zurück, stehen außerhalb dieses Kreises, die strahlende Herrin des Hauses umgibt und scheinen iefe Berechnungen versunken; mit welchen Zahlen rechnen eigentlich?"

Härtel zuckte zusammen. Wie kapr Wernitz zu dieser ge, die ihn so lebhaft an den erst Nachmittags em- lgenen Mahnbrief erinnerte; er wußte im ersten Äugen­de gar nicht zu antworten.

„Sollten es constante Zahlen sein?" frug Wernitz ttr und betonte dabei in auffälligster Weise das Wort lfUnte.

Härtel wurde noch verblüffter; er merkte die Anspie- ! auf Frau Konstanze sehr gut. Er wurde aber der he überhoben zu antworten, denn wie von den Furien Verzweiflung gepeitscht erschien der „schöne Wilhelm", Wernitz mit den hastig hervorgestoßenen Worten: „Doctor! Noch auf ein Wort!" bei Seite zog.

„Härtel athmete erleichtert aus und verließ schleunigst t gefährliche exponirte Stellung.

»Horen Sie, Doctor," sagte Scharff fast athemlos zu

Leutsches Reich.

## Berlin, 12. März. Die -Ltellvertretungsvorlage ist gestern mit einer erheblichen Majorität unter geschlos-

Tagesdericht.

Die Meldung verschiedener Blätter, daß Fürst Bismarck s Friedrichsruh abreisen werde oder abgereist sei, wird ; für unbegründet bezeichnet. — Im Reichstage wurde trn die vorgestrige Audienz des Finanzministers Camp- sin bei S. M dem Kaiser privatim vielfach besprochen, m will wissen, daß die Audienz mit dem Entlassungs- che des Ministers in Verbindung steht.

Der neue diplomatische Vertreter des Fürstenthnms mnien in Berlin, Georg Vernaw Liteano, hat dem illtsfekretär des auswärtigen Amtes, Staatsulinisters v. stow, sein Beglaubigungsschreiben überreicht.

Der von dem Grafen zur Lippe erstattete Bericht der fizkommisston des Herrenhauses spricht sich über die ige, betr. die Bildung der Amtsgerichte, folgendermaßen I: „Unleugbar stellen sich der gesetzlichen Anordnung Amtsgerichtsbezirke und Amtsgerichtssitze thatsächliche ßere Schwierigkeiten entgegen, als dies bei Feststellung Landgerichtsbezirke und Landgerichtssitze der Fall ge- m sei. ES könne anerkannt werden, daß die Frist bis i 1. Oktober 1879 eine zu kurze sei, als daß sich in- hrlb derselben alle Schwierigkeiten überwinden ließen, se Erwägung dürfe aber nicht zu einem Aufgeben des ncips, sondern nur dahin führen, zunächst einen provi- schen Zustand eintreten zu lassen, der später in einen nititien durch Gesetz übergeleitet werden müsse. Von er Grundanschanung gehen auch die Beschlüsse des ffes der Abgeordneten aus. Jndeß das Richtige schiene nicht getroffen zu sein. Der erste Satz spreche aller­es auS, daß die Sitze der Amtsgerichte durch Gesetz mmt werden sollten, er spreche aber nicht dasselbe be- äch der Amtsgerichlsbezirke aus. Beides müsse doch ch behandelt werden. Demnächst habe das Haus der ^ordneten beschlossen, daß die erste Feststellung der Isgerichtssitze auf Grund einer gesetzlichen Ermächtigung ch den Justizminister erfolgen könne, daß der Jnstiz- lister die Bezirke der Amtsgerichte bilden solle. In i letzteren werde also in Betreff der Bildung der Amts- chtsdezirke die Ermächtigung dem Justizminister bereits teilt, während die Ermächtigung bezüglich der Amtsgc- tSsitze noch vorenthalten werde, wie es schiene, bis dxr pzminister eine Uebersicht über die nach seinen Jnten- len zu fixirenden Amtsgerichtssitze vorgelegt haben würde. r sei doch nicht abzusehen, warum, wenn man dem Kzminister das Vertrauen schenke, er werde die Amts- chtsbezirke zweckmäßig abgrenzen, man dem Jnstizmi- er nicht auch sogleich das Vertrauen schenken solle, er

Der Leonberger.

Humoreske von A. Oskar Klaus mann.

(Fortsetzung)

Dr. Härtel sah auch sehr weltschmerzlich auS, itn theilwsise den Grund; er stand außerhalb ises, der Fran Konstanze umgab, mit verschränkten neu in malerischer Denker - Attitüde an ein Möbelstück

Wernitz. „Sie werden mich nicht umbringen wollen mit Ihrem „Tschernajeff Shlips". Es wäre mein Tod —" „Kein Wort mehr!" unterbrach ihn Wernitz; „kein Wort weiter, keine Macht der Erde, nicht die Schätze Gollondas sollen mich verhindern, morgen diesen Shlips zu tragen!"'

„Haben Sie Mitleid. Versprechen Sie mir wenigstens erst Abends mit dem Shlipse auszugehen. Erbarmen, Doctor!"

Wernitz besann sich einen Augenblick.

„Gut!" sagte er dann, „ich will Rücksicht nehmen, trotz­dem Sie es gerade nicht verdienen; Ich will den Shlips erst morgen Abend tragen!"

„Ich danke Ihnen!" sagte anfathmend Scharff. Wenn ich jetzt sofort depeschire, murmelte er, dann kann er morgen Nachmittag da sein; so wird eS gehen!"

Dann empfahl er sich mit allgemein auffallender Hast bei der Herrin der Hauses und stürmte nach dem Tele-

ttatn nimmt entgegen: Expedition d.BlatteS, ied.Annoncen-Bureaux Th. Dietrich & Co. in M und Hannover; Th. irich in Frankfurt a.M.; ifenftein & Vogler in ittfurt a. M., Berlin, ijig, Cöln ic.; Rudolf 8{ in Berlin, Frank­furt o. M. re.

sener Mitwirkung derjenigen Parteien angenommen wor­den, welche bisher an der positiven Entwickelung der Reichs­institutionen praktisch Theil genommen haben. Die Fort­schrittspattei hat auch bei dieser Gelegenheit mit den Geg- nem der Reichsentsaltung zusammengestimmt, wozu die „Nationalzeitung" mit Recht bemerkt, es sei dies der lei­tende Zug der fortschrittlichen Politik seit der Errichtung des norddeutschen Bundes. Dagegen hat sich die national­liberale Partei die Genugthuung erworben, zu einem ent­scheidenden Fortschritt des deutschen Verfassungslebens bei­getragen zu haben, denn abgesehen davon, daß durch das Gesetz die verantwortliche Leitung der Reichsgeschäste formell gesichert ist, liegt eine positive Garantie vor Allem in der Möglichkeit einer Regelung der Finanzverwaltung des Reichs im Zusammenhang mit derjenigen Preußens. — Gestern sand beim Fürsten Bismarck eine Sitzung des preußischen Staatsministeriums statt. Der Minister Fttedenthal, welcher sich zwar in der Besserung befindet, aber noch das Zimmer hüten muß, konnte an derselben nicht Theil nehmen. Dem preußischen Staatsministerium liegt gegenwärtig ein Ent­wurf vor, welcher bezweckt, mittels eines preußischen An­trags in den Bundesrath eine Gesetzesvorlage beim Reichs­tag einznbringen, welcher die Rcichsregierung ermächtigt, Ermittelungen in Betreff der verschiedenen Formen der Tabakssteuer (Monopol, amerikanische Fabttkatsteuer rc.) vvrznnehmen. — Die etwas pathetische Aeußerung des Abgeordneten Lasker, er müsse vor dem deutschen Volke als Verräther oder Schwachkopf dastehen, wenn er beschul­digt werde, die Einheit der Verwaltung dnrch ein even­tuelles Reichsministerium beeinträchtigen zu wollen, erinnert an eine Bemerkung, welche Fürst Bismarck vor einigen Jahren bei Berathung des allttterirten Bennigsen'schen An­trages gemacht hat, es sei ein Fehler, bei jedem Anders­denkenden entoebetgjeinen Verstand oder seinen guten Willen zu bezweifeln. — Die Knögs-Sanitätsordnung vom 18. Januar d. I. zerfällt in zwei Bände, deren erster folgende sechs Abtheilungen enthält: 1. Das Kriegs- und Sanitätswesen im Allgemeinen; 2. der Sanitätsdienst bei der Feldarmee; 3. der Sanitätsdienst bei dem Etappen- und Eisenbahnwesen; 4 der Sanitätsdienst bei der Be­satzungsarmee; d. specielle Dienstanweisungen für einzelne Dienststellen; 6. freiwillige Krankenpflege. Als Beilage ist dem ersten Band beigeben Sanitätswesen und Gesund­heitsdienst im Felde. Der zweite Band enthält Etats, Vorschriften u. s. w. Das^ umsangreiche Werk von 611 Drncksetten behandelt den Sanitätsdienst d. h. die Gesund­heitsfürsorge und den Krankendienst bei dem Heere, sowie alle dafür erforderlichen Einttchtungen in klarer allgemein verständlicher Weise unter Zugrundelegung früher bewähtter Einrichtungen und unter Benutzung aller bis in die Neu­stadl. Der betreffende Redakteur des Feuilleton war an dem Morgen, an dem Härtel'S Arbeit einging, durchaus nicht in guter Laune, er war gezwungen gewesen, am Abend vorher sich ein ganz unsinniges Machwerk von Theaterstück anzusehen; außerdem hatte er selbst schlecht geschlafen. Er öffnete den Brief und sah nach der Unterschrift: „Härtel, Gymnasiallehrer" la» er verwundert. Name mir gänzlich unbekannt. WaS sendet er denn ein? Aha ein Feuilleton; wie heißt eS: „Der Wald in der Poesie der Alten." „Es ist eine Unverschämtheit!" sagte der Redakteur ergrimmt „Eine furchtbare Unverschämtheit, einem mit solchem Un­sinn zu belästigen. Setzt sich in der Provinz irgend so ein nichtsnutziger Gymnasiallehrer, der nichts Besseres zu thun hat, hin und verbricht Feuilletons, mit denen er uuS dann incommoditt. Das könnte mir gerade fehlen, diesen Wald in der Poesie der Alten zu lesen, da müßte.ich wirk­lich ein Wald-Esel sein!"

Dann packte er das Hättel'sche Manuskript fein säuber­lich ein und schrieb einen Brief, in dem er sein Bedauern aussprach, den „höchst interessanten Artikel" wegen Raum­mangel nicht aufnehmen zu können.

ES war am Tage nach den im »origen Kapitel er­zählten Vorfällen, an einem Sonntag, als Dr. Härtel, wiederum die Böcke der Quintaner abschlachtend, in seinem Zimmer saß. Der Briefträger brachte ihm einen Brief mit dem zurückgesendeten Feuillelion. Härtel war ganz verplüfft über die Promptheit, mit der man in der be­treffenden Redaktion Manuskripte prüfte. Gleichzeitig fühlle er sich durch den Raummangel tief deprimirl. Er sagte sich, wenn das Manuskript wirklich ettvas werth gewesen wäre, hätte man es auch behalten trotz des Raummangel»; aber der Redakteur hatte eS geprüft und nicht für würdig befunden, denn der mußte es doch verstehen. Härtel fing an, an seiner schriftstellerischen Befähigung leise Zweifel zu

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.vlatte», sowie d.Annoncen-Bureaux von L. Daube & Co. in Frankfurt a. !UL; Jäger'sche Buchbandlung daselbst; Herrnann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Znvalidendank in

Berlin; W. TdieneS in Elberfeld; E. Schlotte in

Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS SountagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2b Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (ejcl. Bestellgebühr). — Pnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu eitheilende Auskunft und Annahme von Adreflen werden 25 Pfg. berechnet.