Marburg, Freitag, 8. März 1878.
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cherordentlich beliebt gemacht hat, erzählt der Kronprinz fai Folgende-: „ES war während der ersten Zeit meine» bhner UniversitätSbesucheS, als mir mein Vater einst in Briefe unter Anderem schrieb, daß ich zu einer Fest- hkeit in Köln, weiche hier im Jsabellensaale stattfinden St, ringelnden werden würde, und daß ich dieser Einla- *9 würde Folge leisten müssen. Nun ich kenne meinen btt und weiß, daß, wenn er in einem solchen Tone redet, s einem Befehl gleich kommt und er keinen Widerspruch ftet. Ich nahm daher, al« die Einladung kurz darauf i mich erging, dieselbe an und sagte mein Erscheinen bei Feste zu. ES war dies die erste Festlichkeit, welcher
I offiziell als Repräsentant meines Hauses beiwohnte, 6 da ich voraussichtlich als solcher von den Festgebern ^stützt werten würde, so setzte ich mir eine Rede auf, die
ich al« Antwort auf jene Begrüßung halten wollte. Ich lernte diese Rede auswendig, und bald konnte ich fie zu meiner Freude den Wänden meines StudirzimmerS ganz flott und ohne zu stocken vordeklamiren. So vollständig auf die Dinge, die da kommen sollten, gerüstet und vorbereitet, reiste ich am Tage de« Festes seelenvergnügt nach Köln, begab mich zur festgesetzten Stunde in den Jsabellen- saal und wurde hier mit Herzlichkeit empfangen. Da« Fest nahm seinen frohen Verlauf,' und als die erwartete feierliche Ansprache an mich vorüber war, erhob ich mich von meinem Platze {unb begann: „Meine Herren!" — Aber so ausgezeichnet ich auch vorher meine Rede konnte, so ohne Anstoß ich sie auch kurz vor dem Eintritt in den Jsabellensaal mir noch einmal rekapitulirt halte, jetzt, wo ich Aller Augen auf mich gerichtet sah, jetzt konnte ich den Anfang nicht finden. Vergeblich suchte ich mich in der Eile auf denselben zu besinnen — umsonst, umsonst! Der Faden war wie völlig abgeschnitten. „Meine Herren!" begann ich nochmal«, einen neuen Anlauf nehmend, hoffend, daß ich nunmehr den Anfang der Rede treffen würde — eitle- Bemühen! Denn auch jetzt wollte sich meine so schön ein- studirte Rede vor dem geistigen Ange nicht aufrollen. Unb boch hingen Aller Blicke an meinem Munbe, meiner Rebe erwartungsvoll entgegenschenb; Tobtenstille herrschte im ganzen Saale. Heiße Angst überfiel mich; biete Schweißtropfen perlten an meiner Stirn; tausende Gedanken flogen blitzschnell durch mein fieberndes Hirn: sollte ich, ein Hohen- zoller, mir da» Arrnuthszeugniß geben müssen, keine freie Rede halten zu können? Em Arrnuthszeugniß, mir selbst «»«gestellt vor Leuten, die womöglich meine Untertanen werten würden, wenn — was Gott noch recht lange Zett
hören dürfe; die Höhe feine« Tributs an die Pforte werde erst in zwei Jahrm bestimmt werden. Die Russen würden vom Marmarameer durch den Bo-poru« in ihre Heimath zurückkehren, ohne in Konstantinopel einzurücken. Die bulgarischen Festungen werden geschleift, türkische Truppen in Bulgarien nicht geduldet. — Die Dardanellenfrage ist also nicht berührt. Bezüglich der Donauschifffahrt soll der frühere Zustand wieder hergestellt werden. Die Dobmdscha wird abgetreten, um später anderweittg ausgetauscht zu werden. — Man sieht, eS ist ein ganzes Stück Arbeit, daS in ber Vereinbarung dieser Dinge fertig gebracht worden ist. Gem hätte der Großfürst Nikolaus den Abschluß de- Vertrages am 2. März herbeigeführt, dem Tage der Thronbesteigung Alexanders II., dem Tage, an welchem vor gerade 20 Zähren die Abschaffung der Leibeigenschaft beere» tirt würbe. Der Abschluß hat sich inbeß um 24 Stunden verzögert, wohl aber knüpfte der Großfürst in seinem Telegramm nach Petersburg an diese denkwürdigen Ereignisse in der russischen Geschichte an. Derselbe wird übrigens, wie verlautet, dem Sultan nunmehr einen Besuch in Konstantinopel abstatten.
Fragt man sich nun, welche Aussichten sich au« der Situation, so weit sie bisher sich überblicken läßt, ergeben, so kann man nicht läuguen, daß immer noch genug Brennstoff da ist, der von muthwilliger Hand mit Leichttgkeit entzündet werden könnte — man denke nur an Oesterreichs Lage gegenüber einem neuen großen bulgarischen Staatswesen —; indessen will e« un« beb unten, daß England bei dem Aussehen der russtschm Bedingungen kaum den Muth finden wird, wegen derselben einen Krieg anzuzetteln, dessen Verurtheilung durch Europa sicher wäre, und Oesterreich allein wird schon wegen dieser Zsolirung sich hüten, da« Schwert zu ziehen, wenn eö auch vielleicht" genötbigt fein sollte, neben einer länger dauernden Besetzung Bulgarien« durch die Rusten zu einer Occupatton von Bosnien und der Herzegowina zu schreiten. Deswegen dürfte auch die wohl ohnedies durch die Ereignisse überholte Nachricht von einer Mobilistrnng von 3 österreichischen Armeekorps nicht tragisch zu nehmen sein. Im großen Ganzen ist also die Lage ber Dinge augenblicklich dazu angethan, um auf bie Erhaltung des Friedens etwas sicherer rechnen zu können, als es noch vor ganz kurzer Zeit möglich erschien.
ieden-schluß hie unb da Bedenken über die Zweckmäßig- it eine« Kongresses und zwar nicht' etwa — bisher westen» — von russischer, sondern von ftanzöstscher Seite.
n man nicht die erste Geige dabei spielen könne, solle sich auf ein derartige» Concert gar nicht eintaffen, iren die Leutchen da. Lassen wir ihnen ihre Beklem- gen, eS wird nöthigensalls auch ohne sie gehen. — die zwischen den beiden Eantrahenteu vereinbarten ingungen betrifft, so scheinen dieselben — der Wortlaut Frieden-instrumen« ist noch nicht bekannt — bei Weitem iger hart zu sein, al- die türkenftenndlichen Kreise aller en auSsprengten, obwohl man eben nur Gerüchte zur dlage von Kombinationen hatte. Die Tante Voß in tin z. B. hatte klipp und klar neulich herauSgerechnet,
Tagesbericht.
Die „Prov. Corr." betratet den Besuch de- österreichischen Kronprinzen Rudolf als ein neues Zeugniß der innigen Beziehungen der beiden Kaiserhöfe. — In Bezug auf da- Entlassungsgesuch de« Finanzminister« Camphausen, meldet baS offiziöse Blatt, daß der Kaiser „einftroeilen Anstand genommen hat, dem Anträge Folge zu geben."
lieber die Frage des Rücktritts des Finanzminister«
hinawSschieben möge — ich einst König geworden? Nein, da- konnte, da« durfte nicht sein, und mit einer Verzweiflung, die nur derjenige kennt, der sich in ähnlicher Lage befunden, erhaschte ich ein Wort, welche« al« m der Mitte meiner Rede stehend, mir einfiel, sprach e» au«, erinnerte mich der nächstfolgenden Worte und — ich hatte den Faden meiner Rede. Zwar hatte ich diesen nur von ber Mitte an, allein ich würbe jetzt sicher, verflocht gelegentlich die Gedanken de« ersten TheileS der Rede mit denen des zweiten Theiles, damit „Logik" sowie der richtige Sinn der Rede herauSkäme, und schloß dieselbe sodann mit den Worten, die ich mir als effektvolle Schlußworte in dem Concept meiner Rede niedergeschrieben hatte. Wie froh, wie glücklich war ich, al« ich mich wieder niedergesetzt hatte! Unb mit hellerem Sinne, wie ihn nur innere Selbstzufriedenheit zu schaffen vermag, wohnte ich sodann dem Feste bis nahe zum Schlüsse bei. Sehen Sie, lieber Herr Oberbürgermeister, das war meine Jungfernrede, und nun glauben Sie bei ben biefetbe begleitenden Umständen mir wohl, wenn ich vorhin sagte, baß ich bamal« „Blut geschwitzt"." Und lachenb zeigte er Dr. Becker nochmals bie Stelle, von welcher au« er damals die Rede gehallen und an der er „Blut geschwitzt" hatte — letztere- vielleicht zum ersten und letzten Male in seinem Leben, trotz ber vielen Schlachten, bie er später siegreich schlug unb in benen er oft sein Leben ben feinblichen Kugeln au-setzte, wo also minber Tapfere al« er wieberholl Gelegenheit zum „Blutschwitzen" gehabt hätten. Welcher Redner erinnerte sich bei dieser Erzählung nicht an seine eigene Jungfernrede, bei der er vielleicht, gleichwie ber künftige deutsche Kaiser, ebenfalls „Blut geschwitzt" hat?
Äiueigen nimmt entgegen: die Expedition ».Blatte«, sowie» RnuOmeu-Aureaux Mn 9.8. Lande 4 •». in Frankfurt a. M.; Jäger') che Buchdandlung »afelbft; Hermann'fche Huchhandl daselbst; Javalidendank in Berlin; W. Ldienes in Ilberfeld: T- Schlotte in Bremen
Camphausen liegt noch keine Entscheidung vor. So viel steht bi- jetzt fest, daß das augenblickliche Verbleiben de» Mimsters nur al« ein Jntermisticum anzusehen ist, welche« sein Ende erreichen wird, sobald erst eine Entscheidung über die Reichsfinanzfrage und über die Stellvertretung de« Reichskanzler- getroffen ist. In letzterer Beziehung hat die vorgestrige Debatte de« Reichstags noch keine Klärung geschaffen und sie wurde eigenllich ftüher abgebrochen «l« man ursprünglich erwartete. Grund hierzu war zum Theil die Ermüdung, welche die bei der sechsstündigen Diskussion bei vielen Mitgliedern hervorgerufen und welche auch sichtlich auf den Reichskaryler eingewirkt hatte, denn während seiner »tzstündigen Rede mußte Letzterer sich wiederholt setzen und trotz mehrmaliger Stärkung mit Wein war sein Organ so angegriffen, daß feine Worte zum Theil unverständlich blieben. In der Freitag-Debatte werden nun wahrscheinlich noch die Redner da« Wort nehmen, welche hierzu in der ersten Lesung nicht gelangten, und eS steht wohl zu erwarten, daß dieser Gegenstand die ganze Sitzung in Anspruch nehmen wird, wenn nicht noch eine Vertagung auf den Sonnabend erfolgt. Der Gesetzentwurf selbst wird voraussichtlich im Princip zur Annahme gelangen und nur einige formelle Aenderungen erfahren. Was die Nachfolger de« Herrn Camphausen anlangt, so hat die Candidatur des General-Steuer-Director Burghardt jetzt wohl keine Aussicht mehr, dagegen spricht man immer noch in unterrichteten Kreisen, daß der Ober» rrästdent Günther Aussicht habe die Verwaltung der Reichsinanzen zu übernehmen. Wenn neuerdings der Oberprä- ident der Provinz Hannover Graf zu Eulenburg als Nach- olger de« Herrn Canlphausen genannt wird, so möchten wir diese (Kombination doch in Zweifel ziehen. Wenn Graf Eulenburg für irgend einen Sitz im Staatsministerium in AuSstchi genommen ist, was wir bei der bekannten Tüchtigkeit dieses Beamten gai nicht bestreiten wollen, so meinen wir, daß em anderes Ressort demselben zugedacht ist. Seine augenblickliche Anwesenheit in Berlin ist nur die Folge eine« Familienfestes.
Anderweitigen Meldungen gegenüber erfährt die „Na- üonal-Zeitung", daß der Rücktritt Camphausen'« feststehe. Derselbe führe die Geschäfte nur bi« zur Ernennung eine« Nachfolger« fort E« sei deßhalb auch zweifelhaft, ob der Minister noch vor dem Landtage erscheinen und die Vorlage, betreffend die Uebernahme der Nordbahn durch den Staat, einbringen und vertheidigen werbe.
Zu dem jetzt zwischen Rußland und der Türkei abgehobenen Frieden bemerkt die heutige „Prov. Corr.": „Die Bedingungen de« Frieden« sind im Einzelnen noch nicht genau bekannt Das Eine ist zunächst gewiß und darf als unwiderruflich feststehend gelten, daß da« ausgesprochene und von der Zustimmung Europa« begleitete Streben Rußlands, den Druck der türkischen Herrscher über
Kl» «nltigen nimmt entgegen: Zahl, ^Expedition b.Blatte«, ■tvit b.ilnnencen-löuteauf Mn Tb. Dietrich 4 Co. in ggfel unb Hannover; Tb. Hrttich in Frankfurt a.M.; haafenltein 4 Mogler in jiantfurt a. M., Brei in, jetzig, CBln ic.; Rudolf Lsffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.
P sch Die Jungfernrede de» deutschen Kronprinzen.
—A Bei seiner letzten Anwesenheit in dem altehrwürdigen rft/Wstn besuchte der deutsche Kronprinz in Begleitung de« luwpurbürgermäfter« Dr. Becker den bekannten Jsabellensaal ein W Gürzenich. Al« der Kronprinz in den Saal eintrat, «ute er sich um und auf eine Stelle hinweisend, wandte sich an Dr. Becker mit den Worten: „Sehen Sie, Herr ktbürgermeifter, an dieser Stelle habe ich einmal im Wersten Sinne des Worte« Blut geschwitzt." „Wie so, äserliche Hoheit?" fragte Dr. Becker, erstaunt darüber, & ein so hoher Herr gleich andern Sterblichen auch Shit schwitzen" könne, wie man so zu sagen pflegt, wenn bi sich in einer fürchterlichen Verlegenheit befindet und cgeblich alle« aufbietet, sich au« derselben zu befreien. In ber liebenswürdigen jovialen Weise, die ihn überall so
i Die orientalische Frage.
Am vergangenen Sonntag, den 3. März, ist zwischen Rufjlatib unb ber Türkei in San Stefano nun endlich Triebe geschlossen" worden. Da» ist die officielle AuS- ilCBj mickSweise für da« Zustandekommen einer Vereinbarung "iber die Friedenspräliminarien, die Grundlagen für den | hschluß deS künftigen definlliven Frieden-. E« soll mit tefer Richtigstellung de« Sachverhältnisses keineswegs die Bedeutung diese« stattgehabten „Friedensschlüsse-" herabge- j rückt werten, e« springt vielmehr in die Augen, daß da- tit ein weiterer gewichtiger Schritt in der Lösung jener girren geschehen ist, deren Entwickelung jetzt ganz Europa HCl i Spannung erhält. Er soll nur darauf hingewiesen erden, daß wir damit noch nicht am Ende sind. Ruß- a mb selbst hat ja rundweg zugestanden, daß es in dieser , rientalischen Angelegenheit Fragen gibt, deren endgültige Äscheidung vor da» Tribunal der europäischen Großmächte ---Hört; und so wirt nunmehr wohl die Congreßfrage bald sämaü intr Erledigung entgegensehen dürfen. Merkwürdigerweise üchaqcheben sich gleichzeittg mit der Nachricht vom vollzogenen
auch nicht mehr ein Faden von der Türkei übrig , daß Rußland binnen kürzester Frist ans dem auto« ~ tfiif—en Bulgarien (mit Adrianopel unb Salonichi) eine J“ -A4- Provinz machen werbe, um sich dann auch des Stella! ^pvruS zu bemächtigen und von Erzerum aus gleich- oi stig Kleinasien gänzlich zu verschlingen. Die russischen ,h -, tiebentbebingungen, um deren Billigung da- sehr sensible oediti Asche Parlament sich soviel Mühe gemacht hat, sind von ««selben, soweit sie durch den Minister vorläufig mitge« _L heilt werden konnten, mit Beifall ausgenommen worden. B il hieß ja bekanntlich, Rußland wolle: die türkische Flotte, Iren« 61 egyptischen Tribut, Adrianopel und Salonichi für en gi Marien, Erzerum für sich rc. Von allen diesen angeb* 93 (Hen Forderungen ist im Friedenstractat nickt bie Rebe irt l die Geldentschädigung ist von 40 auf 12 Millionen [6 funb (240 Millionen Mark) ermäßigt worden. Weiter —- 8 stipulirt worden fein, daß der künftige Fürst von n tiflptigarien keiner der regierenden Familien Europa» äuge»
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