Neueste Orient-Nachrichten:
Wien, 1. März. Der Abgeordnete Kuranda hat heute Graf Andrassy über die gestrige Delegirten-Conferenz Bericht erstattet. Danach sei die Majorität der Delegirten gegen die Eredit-Forderung angenommen. Andrassy beharrt jedoch auf Einbringung der Vorlage. Jndeß verlautet vielfach, die Regierung werde die Forderung des Extra- credits fallen lassen. Ungarische Blätter erklären, wenn der Zweck deS Credits eine bloße Demonstration sei, so erscheine derselbe überflüssig.
Wien, 1. Marz. Eine nicht öffentliche Versammlung einer Anzahl von Mitgliedern der österreichischen Delegation berieth über die eventuelle Creditforderung, ohne Beschluß zu fassen. Die Meldungen der Blätter über die Anschauungen der Delegirten sind widersprechend. Soviel scheint jedoch aus denselben hervorzugehen, daß die Eredit- Forderung wohl bekämpft, schließlich aber doch angenommen werden würde.
London, 1. März. Der „Daily Telegraph" läßt sich melden: Die britische Regierung informirte den Fürsten Gortschakoff, sie werde ihren Botschafter Lord Loftus abberufen, wenn die Russen mit oder ohne Zustimmung der Pforte in Konstantinopel einrücken sollten. Eine andeweite Bestätigung dieser Meldung liegt nicht vor.
Petersburg, 1. März. Eine Depesche des „GoloS" aus Jassy vom 28. Febr. meldet: Unter den im Laufe des Januar und Februar durch Jassy transportirten Verwundeten hat sich die Zahl der Typhuskranken stark vermehrt und ist auf 19 pCt. gestiegen, während dieselbe früher nur 5 pCt. war. Sämmtliche Waggons aus der Eisenbahn-Linie Fratesti-Jassy sind inficirt; DeSinfection ist nur in geringem Maße angewendet und schafft keine Abhülfe. Auf der ganzen Linie Simnitza-Fratesti verwesen massenhaft unbegrabene Leichen. Es ist unbedingt noth- wendig, daß die aus Bulgarien und Rumelien zurückkehrenden russischen Truppen nicht über Simnitza-Fratesti-Jassy, sondem über das schwarze Meer transportirt werden. Die in Jassy befindliche Sanitäts-Commission bleibt un- thätig.
Paris, 1. März. Unter den hiesigen Besitzern türkischer Staatspapiere herrscht große Aufregung: dieselben erklären, da die Türkei notorisch zahlungsfähig sei, so habe Rußland nicht das Stecht, eine Kriegs-Entschädigung zu fordern, welche in Wahrheit auf Kosten der türkischen L-taats-Gläubiger erhoben werden würde; es werden entsprechende Vorstellungen an die Conferenz vorbereitet. — Der Prinz von Wales ist hier eingetroffen. — Der Kronprinz von Oesterreich wird morgen früh nach Berlin ab- t elfen.
Bukarest, 1. März. Der diplomatische Agent Rumäniens in Wien Balaceanu hat sich auf seinen Posten zurückbegeben. Zum diplomatischen Agenten in Berlin ist Georg Litcanu an Stelle von Degre ernannt worden.
Bukarest, 1. März. Der Kammer ist ein Grünbuch vorgelegl, welches diplomatische Documente über die Lage Rumänien« vor und während dem Kriege enthält. Es geht daraus hervor, daß sämmtliche Mächte wie auch der damalige türkische Botschafter in Paris, Sadik Pascha die Anwendung des im Artikel 7 der türkischen Verfassung gebrauchten Ausdruckes „Privilegirte Provinzen" auf Rumänien im Ganzen als unrichtig erkannten. Betreffend die Garantie der Neutralität Rumäniens und die etwaige Zurückforderung des Donau - Delta'S Seitens Rußlands hat Salisbury noch der Konstan- ttnopler Conferenz erklärt, daß England aus dem Eiumarsch in Rumänien einen Kriegsfall machen würde; England wünsche die Proclamirung der Neutralität Rumäniens, wisse aber nicht, wie die Sanction derselben sicher zn stellen sei. England versprach, die Frage der Conferenz zu unterbreiten. Die damals aufgelauchten dringenden Fragen und die schließliche Erfolglosigkeit der Konferenz verhinderten eS, die genannte Angelegenheit zur Sprache zu bringen. Die rumänische Regierung wendete sich hierauf in der Absicht, den Status quo hinsichtlich der Individualität und Institutionen Rumäniens zu erhalten, an die Mächte, welche indeß in unbestimmter Weise antworteten. Angesichts dieser Lage ergriff die rumänische Regierung die Jnttattve, um den Durchzug der Russen durch eine Convention zu regeln.
Deutsches Reich.
** Berlin, 1. März. Die Mittheilung, daß der Finanzminister Camphauscu nunmehr sein Entlassungsgesuch tingereichl habe, bestätigt sich. Es ist da« am 27. Februar
xm. Jahrgang.
Marburg, Sonntag. 3. März 1878
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wir auch nur einen Finger zu ihrer Vertheidigung lhrt. So sind wir denn in eine beinah vollkommen fite Stellung gedrängt worden, und bleibt uns nur ) übrig, nach Mitteln zu suchen, durch welche sich die ttigen Consequenzen derselben in Etwas abschwächen to, denen unsere Apathie uns ausgesetzt hat. Wir ifen wenigstens auf dem Europäischen Congreß, — so t das überhaupt möglich sein wird, — den Schaden ber abzuwenden suchen, den uns die Russophile Polittk ;r Fraktion zugefügt hat. Die englische Regierung und englische Nation scheinen endlich so weit erwacht zu sein, 1 sie einsehen, wie ernst diese Lage ist, in welcher wir !befinden. Wir sind noch nicht schachmatt, aber wir !sru leider zugestrhen, daß die letzten Züge Rußlands
Anzeigen nimmt entgegen: die Expeditien b.BlatteS, sowie » Annoncen-Burenux »en k E. Lende & 4» in Frankfurt a. M.; Jtger'fche Buchhandlung daselbst; Hcrmann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in «Hersel»; 4. Schlotte in Bremen.
d Charakteristisch für die augenblickliche und auch wohl — hste Lage der Dinge, ist dir kleinlaute Stimmung ftin bisher so drohenden, verbietenden und herausfordernden schen Zeitungen. Auch die „Naval and Military
na -Expedition d.BlatteS
B ü-Annoncen-Bureauz , " , LH, Dietrich <t Co. iv «el und Hannover; Th, " ünchin Frankfurt a.M.;
,s,nstein * Vogler in mtfurt a. M., Berlin, ft», ijig, 661n »c.; Rudolf yv®e in Berlin, Franko
e", die eS bisher in keiner Nummer an dem bekanten: hierher und nicht weiter" des britischen Leoparden Rußland fehlen ließ, sagt in ihrer letzten Nummer : „Es scheint auch nicht der geringste Zweifel mehr ig, daß wir durch die Jntriguen Rußlands aurmanö- worden sind, und erndten wir, in der Besorgniß Gefahr, denen England jetzt ausgesetzt ist, sowie die drohende Lage, in welcher britische Interessen der Friede Europas sich befinden, nur die Früchte Polittk, welche seit einem Jahre die unpatriotische tion Gladstone'S und seiner lärmenden Anhänger er Regierung aufgezwungen. DaS Resultat dieser l^Wtik liegt deutlich vor uns. Die Türkei ist unS 5 indig entfremdet und scheint bedingungslos bereit, Offensiv- und Defensiv-Allianz mit ihrem alten Feinde gegenwärtigen Besieger abzuschließen. Der Pariser at von 1856 ist faktisch vernichtet. Constantinopel wenn auch noch nicht im konkreten Sinne deS Wortes, so doch der Sache nach, in den Händen der russischen ec. Die Dardanellenstraße steht ihnen offen, ob mit 0 imrnung der Türlei, oder in dem Gefühl ihrer Un- dsGgkeit, noch weiteren Widerstand leisten zu können, ist ge- Beurtheilung der faktischen Lage ganz gleichgülttg. ilci t Sache bleibt ganz dieselbe! Unsere Flotte „oder viel- ikei r einige Schiffe derselben" irren in den dortigen ba vaßern umher. Erst vor einem Verbote der Pforte iga ickgewichen; dann ohne Erlaubnih durch die Enge ge- t a ten; dann vor den Prinzen-Jnseln vorüber bis in die Mdanja-Bai zurückgedampft, bleibt ihr nichts mehr ng, als entweder wieder nach der Besika-Bai zurückzu- uer. iem, oder sich ihren Weg vorwärts gegen den Willen \lai > den Widerstand der Türkei und Rußland« zu erzwingen, be r machen Herrn Gladstone allein und zwar per- »«Eich für diesen Krieg verantwortlich. Verantwortlich • Mr, daß die Gefahr für britische Interessen nicht . Bkn während des Durchmarsches der Russischen Armee mlWh Rumelien erkannt, und Rußland dadurch ermuthigt iTWrben ist, den Entschluß deS britischen Volkes, welches “u Ehre und seine Interessen vertheidigt wissen will, zu pachten, und Friedensbedingungen für die Türkei zu fiten, welche auch England mit dem Verluste von Jn- rffen bedrohen, welche jeder Engländer bis jetzt von der fisten Wichtigkeit und hoch gehalten hat. In der That i die Lage, in welcher sich Großbritannien gegenwärtig jnibet, keine beneidenswerthe. Dank der eigensinnigen
Nt-JnterventtonSpolittk And der höckernden (hucksherring) dtzipien auf einander folgender liberaler Miuisterien, dhe seit Jahren einen Frieden um jeden Preis und indelSvortheile der nationalen Ehre und der geschichtlichen Itwickelung England- vorgezogen. So ist denn England seinem kostbarsten Interesse bedroht und von seinen iw werthvoflen Alliirten getrennt. Wir dürsten unS ftmalS einem Kampfe gegenüber befinden, den wir alliirt |tn alle Mächte Europas durchzuführen haben, und die Bbe Behaglichkeit/ in welcher wir uns während der letzten i Jahre befunden, könnte leicht mit so ungeheueren Opfern »Aut und Geld bezahlt werden müssen, wie sie bis jetzt |e Beispiel in der Geschichte sind. Während der Periode Itter Untätigkeit haben wir zugegeben, daß Dänemark Mckelt worden ist und haben dieses Land mit Verätzungen zum Widerstand aufgestachelt, die nie erfüllt fiden sind. Frankreich wird unter dem eisernen Fuße ftischland« zertreten, ohne daß England auch nur mit knt Worte dagegen remonstrirt hätte. Jetzt ist nun 6 die Türkei von der Karte Europas fast verlöscht, ohne
«scheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JluftrirteS GanntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 31 Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf-, («xcl. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf-.
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unS Schach geboten haben. Allerdings glauben wir aber, daß jeder Engländer auch jetzt noch bereit fein wird, fein Leben oder fein Vermögen für die Wohlfahrt seines Landes und für die Ehre seiner Königin einzusetzen."
In einer russischen Zeitung würde diese Auffassung und Darstellung der Lage nicht auffallen. In einem englischen und obendrein militärischen Fachblatt ist sie aber an sich merkwürdig und beachtenswerth genug, um noch eines Kommentar« zu bedürfen.
Tagesbericht.
In Betreff deS Rückttitts des Finanzministers Camp- Hansen, schwirren auch heute mannigfache Gerüchte in der Lust. Die Thatsache, daß Herr Camphausen seine Entlassung definittv erbeten habe, wird von keiner Seite bestritten, vielmehr von der „Nordd. Allg. Ztg." mit der Bemerkung bestätigt, daß die Uebergabe des DemisstonS- gesucheS am Mittwoch erfolgt, eine Allerhöchste Entschließung darüber aber noch nicht gefaßt sei. Dem Finanzminister nahe stehende Personen sind der Meinung, Herr Camphausen werde bei seinem Gesuch fest beharren und auch für den Fall, daß der Kaiser demselben nicht willfahre, sofort ein erneutes Gesuch um Enthebung von seinem Posten einreichen. Somit wäre also die Finanzfrage auf ihrem Kulminationspunkt angelangt und eS fragt sich nun weiter, wer an die Stelle des Herrn Camphausen treten soll. In politischen Kreisen wird neuerdings der Oberpräsident der Provii^ Posen, frühere Seehandlungspräsident Günther, genannt und man meint, daß seine augenblickliche Anwesenheit in Berlin nicht nur den Verhandlungen über die @in» führung der Kreisordnung in die Provinz Posen gelte, sondern daß auch mit ihm bereits Verhandlungen gepflogen seien, welche auf eine eventuelle Uebemahme des Portefeuilles der Finanzen abzielen. Wie weit diese Meinungen begründet sind, wollen wir dahin gestellt fein lassen. Die Befähigung des Herrn Günther zu dem Poften dürfte wohl keinen Widerspruch finden. Jedenfalls wird die Angelegenheit baldigst ihre Erledigung finden, denn die Errichtung eines ReichsfinanzantteS, von der wir bereits Meldung machten, kann als beschlossene Thatsache betrachtet werden. Und da der Reichskanzler in seiner vielfach citirten Rede bestimmt den Wunsch ausgesprochen Hal, daß die Leitung der Reichsfinanzen und diejenigen der preußischen Finanzen mit den Funktionen des Reichsvicekanzlers sich in denselben Händen befinden sollen, so wird auch hier, wenn Herr Camphausen nicht weiter mitwirken will, oder nach seinen constttutionellen Ansichten nicht weiter mitwirken kann, Rath geschafft werden.
Wie wir hören, beabsichtigen die sozialdemokratischen Mitglieder deS Reichstages einen Antrag einzubringen dem ein Gesetzentwurf beigefügt ist, welcher die Bestimmnngeu des Hastpflichtgesetzes auch auf die Bauhandwerker ausdehnt. Dem Gesetzentwurf sollen von den Antragstellern eingehende Motive beigefügt werden. Um dem Anträge größeren Nachdruck zu verleihen, werden die Antragsteller unter den Bauarbeitern an allen größeren Orten Deutschland« Petitionen circuliren lassen, welche sich im Sinne des Antrages aussprechen.
Selten wohl dürste eine Commune in höherem Maaße mit Erbschaften bedacht worden sein^ als dies mit der Stadt Berlin der Fall ist. Die Summe der im verflossenen Jahre durch Legate u. s. w. zu humanitären Zwecken zugefallenen Gelder foll sich, wie wir aus unterrichteter Quelle erfahren auf mehr als 1 Million Mark belaufen. Auch in diesem Jahre sind schon mehrere erhebliche Legate der dastgen Gemeindeverwaltung zu gleichem Zwecke zugefallen.
ES dürfte int Interesse der betreffenden Personen an- gezeigt fein, darauf aufmerksam zu machen, daß diejenigen Militärpflichtigen, welche ihre Zurückstellung oder Befreiung vom Militärdienst wegen häuslicher Verhältnisse: als einzige Ernährer hütfslofer Familien, erwerbsunfähiger Eltern oder wegen unvollendeter Lehrzeit oder wegen Vorbereitung zu einem Lebensberuf gesetzlich begründen zu können glauben und beantragen wollen, diese Anträge spätestens innerhalb deS ersten Drittels des Monats März bei den Gemeinde- vorständen ihres Wohnorts anzubringen haben. Für den Fall daß derarttge Anträge bereits früher der betreffenden Ersatz-Commission Vorgelegen haben, sind dieselben jetzt wiederum in demselben Zeitraum zu erneuern. Später eingehende Anträge, oder solche, welche dem Gemeindevor- stände nicht vorgelegen haben, werden von den Ersatzeom- Missionen nicht berücksichttgt.