XIII. Zahrgaug
JUarßurg, Mittwoch, 13. Februar 1878
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I
Tagesbericht.
Lehnte» Kapitel.
ES war ein herrlicher Herbstmorgen. Die Sonne hatte nach und nach das Helle Grün der Bäume und der saftigen Wiesen so weich gefärbt, daß die Maler ihre THL-
bis Akbunar in die neutrale Zone. Die Russen halten Tschataldja besetzt und sichern ihre Verpflegung über Burgas und Midi«. Demnächst wird die Eröffnung der Donauschifffahrt erwartet. Die Pforte hat den hiesigen Botschaf- tern der Mächte die Aufhebung der Blokade des schwarzen Meeres nottficirt; die französischen Packetbote nehmen unverweilt ihre Fahrten von Konstanttnopel nach Odessa wieder aus. Zwei höhere russische Offiziere, die gestern in Konstanttnopel eintrafen und vom Sultan empfangen wurden, begeben sich heute nach Montenegro, um den Verhandlungen zwischen montenegrinischen und türkischen Offizieren bezüglich der Demarkationslinie beizuwohnen. — Die Serben Haden gemäß den Waffensüllstands-Bedingungen Uskup besetzt. — Server und Ramyk Pascha sind von Adrianopel hier eingetroffen; Ersterer nimmt seine Entlassung. Wie verlautet, wird sich Savfet Pascha mit anderen Delegirten nach Adrianopel begeben, um die Ver- handlungm über den Präliminarfrieden und den definitiven Friedensvertrag zu führen. Der Sultan hat den Großfürsten Nikolaus eingeladen, einige Tage in Konstanttnopel zu verweilen. Seitens der Kammer wurde die Regierung aufgefordert, Maßregeln gegen die Tscherkessen zu ergreifen, welche ihren Raub in Konstantinopel verkaufen. Die kriegsrechtliche Untersuchung gegen Mehemed Ali hat begonnen. Man glaubt, daß die Versuche, die Differenzen mit der griechischen Regierung auf diplomatischem Wege beizulegen, von Erfolg sein werden. Das türkische Geschwader ist nicht nach den griechischen Gewässern abgesegelt. Nedjib Pascha soll die Truppen in Thessalien com- mandiren.
Petersburg, 44. Febr. Ein officielles Telegramm aus Tiflis vom 10. d. meldet: Am 6. Februar, zwei Tage nach Bekanntwerden des Waffenstillstandes und Einstellung der Feindseligkeiten, wurde eine Abtheilung Kosaken im Dorfe Kichtschick von 300 mit Magazin-Gewehren bewaffneten Kurden und Tschetschenzen überfallen. Eine zu Hülfe herbeigekommene Escadron Rischninowgorodscher Dragoner sah sich gezwungen, Feuer zu geben. Der Feind wurde gegen das Dorf Teruitz zurückgeworfen. Ismail Redif Pascha wurde von diesem Vorgänge mit dem Ersuchen benachrichtigt, strenge Maßregeln zur Verhütung solcher Ueber- fälle zu treffen.
Petersburg, 11. Febr. Die „Agence Russe" hebt wiederhott hervor, daß das Einlaufen der fremden Flotten in den Bosporus in dem Momente, wo über den Frieden verhandelt werde, die volle Attionsfreiheit Rußlands in sich schließe, sei die Anwesenheit einer Flotte nvthwendig zum Schutze der christlichen Bevölkerung so liege die bezügliche Pflicht nicht minder den russischen Truppen ob.
Konstantinopel, 9. Febr. (via Bombay). Im
„ich werde Ihr Heft durchlesen, vom ersten bis zum letzten Gedicht. Es wird Zeit und Mühe kosten, aber ich übernehme sie gern für eine Dame, die mich so sehr an meine Frau erinnert."
„Das ist schön gesprochen, Mynheer van der Moolen," sagte das Fräulein triumphirend. Wir sehen schon wieder einmal: Schöne Seelen finden sich. Lesen Sie, streichen Sie, verbessern Sie, verändern Sie, thun Sie damit, als ob es Ihr Eigenthum wäre, nur machen Sie mir die Freude, daß ich mein Gedichtbuch, die einzige Hoffnung meines Lebens, bald Wiedersehen kann!"
Van der Moolen hatte sich erhoben. Ein unheimliches Feuer leuchtete aus seinen Augen und während er das Heft Manuskripte in die Tasche steckte, blieb sein Blick fest auf dem Fräulein ruhen. Dann streckte er ihr hastig die Hand entgegen und sagte: „Gnädiges Fräulein, wir sind Kunstgenossen, lassen Sie mich Ihnen also die Hand der Freundschaft darbieten."
Das Fräulein nahm die Hand und erröthete so sittsam wie eine Braut am Hochzeitstage. Sie murmelte ein Danke, empfahl nochmals chre Gedichte seiner Fürsorge und klingelte der alten Magd, um Mynheer herauszulassen.
„Gerade wie meine Frau," seufzte der Dichter noch einmal, als er auf dem Hausflur war.
Als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte, ließ das Fräulein sich in eine Canseuse niedersinken, und mit einem fragenden Blick in den Spiegel, der ihr eine günstige Antwort zu geben schien, flüsterte sie leise: „Sollte es wirtlich möglich sein?"
tikel der „Nowoje Wremja" einen deutlichen Beweis, banne man weiß, dieses Blatt den russischen politischen Kreisen nahe steht. Dasselbe schreibt: „Graf Andrassy schlage Wien als Ort zum Zusammentritt der Conserenz vor. Die Wahl dieses Ortes wäre die ungeschickteste. Dem rnsstschen Gefühl ist die Erinnerung an die Zeit des Krimkrieges, der gerade in Wien seinen Ursprung gefunden hat und an die damalige heuchlerische österreichische Polittk unangenehm. Ist es dem Grafen Andrassy genehm, diese Erinnerung mit Hülfe eines solchen unserer „Freunde" wie Sir Elliod aufzufrischen, der jetzt die Herzen der Wiener und Pester Staatsmänner bezaubert und der sich die stärksten Ausfälle gegen Rußland erlaubt hat, als er noch Botschafter in Konstantinopel war? bann liegt wohl kaum eine Veranlassung zur Theilnahme Rußlands an bet Conserenz vor. Rußland kann dieselbe ganz beiseite lassen und sich vorbereiten, und zwar stark vorbereiten, um den Entscheidungen der Konferenz mit der Beredsamkeit entgegen zu treten, die weder in Parlamenten noch in Departements der Ministerien der auswärtigen Angelegenheiten geübt wird. Doch diese Beredsamkeit ist um so wirksamer, je mehr die Stellung und die Kraft unserer Armeen an der Donau und hinter dem Balkan sicher gestellt ist. Wenn es wahr ist, daß der Waffenstillstand auf zwei Monate geschlossen ist, so ist dieser Zeitraum zur Aeußerung der Wünsche der Staaten und zur Beurtheilung der Frage über die Durchfahrt durch die türkischen Meerengen vollständig genügend. Zu langen Verhandlungen liege keine Veranlassung vor. Zur Genüge haben wir und gaitz Europa auf der Konstantinopeler Konferenz verhandelt. Ihre Beschlüsse sind mit russischen Siegen angefüllt. Das ist eine gute, beredte Grundlage für Beurtheilungen Europas. So lange die russische Armee die Balkanhalbinsel inne hat, halten wir uns für Alles überflüssige Nachgeben für sichergestellt. England verlegt uns den Weg nach Konstantinopel. Wir werden vor der türkischen Hauptstadt nicht stehen bleiben, wir werden unsererseits die Bedingung stellen, daß die slavischen Länder, und unter diesen auch Bulgarien vollständig unabhängig gemacht werden.
die
Qtjäblung von Johann Gram.
fe Serfafftr antorisirte Uebertrogung ans dem Holländischen I von Joseph Schrattenholz.
1 (Fortsetzung.)
L»Auf gutes Gelingen, gnädiges Fräulein," sagte er mit senden Augen.
ff. "Danke Ihnen,'Mynheer van der Moolen! Zch darf W von Ihrer Güte erwarten, daß sie meine Gedichte jgtl gehörig nachsehen und sie für den Druck vorbe- L"Das habe ich nicht gesagt, Fräulein," versetzte der W» lachend und legte seine Hand auf die der beinahe MÄ^hrigen Jungfrau, „das habe ich nicht gesagt. Es 'Wtt kolossale, zeitraubende Arbeit . . ."
Jfcag Fräulein sah ihn fteundlich, ja innig an; sie nicht daran, ihre Hand zurückzuziehen, aber wie eine ^vtzigjährige lispelte sie sanft:
«Würden Sie das nicht für eine Schwester in Apollo haben ?"
»Gnädiges Fräulein, ich scheue mich —"
„Vor der Verpflichtung, die ich gegen Sie haben werde.
> Aynheer, wer weiß, ob die Gelegenheit sich nicht ' bieten wird, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen. Mxn Kummer; Sie haben Ihre Stütze, Ihr Alles Sie werden im Corrigiren dieser Verse Zer- finden ..."
"Gnädiges Fräulein, Sie sprechen wie ein tröstender
®itt leichtes Errötben überzog des Fräuleins Gesicht, v* Worte hatte sie noch nie ans eines Mannes Munde Brunen. Sie sah den Sprecher schmachtend an und
Anzeigen nimmt entgegen: Hie Expedition ».Blatte», sowie o Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Eo- in Frankfurt a. M.; Jäger'» che Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Bnchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; W. TbieneS in Elberfeld: S- Schlotte in Bremen.
Men nimmt entgegen: Mbttio* ».Blatte», lUnnoncen-Bureaux 5). Dietrich & Co. in a «tb Hannover; Th. Aid in Frankfurt a.M.; taftein & Vogler in jfurt a- UL, Berlin, gy Evin tc.; Rudolf r*in Berlin, Frank» fort a. UL rc.
Neueste Orient-Nachrichten:
Konstantinopel, 8. Febr. (Indirekt.) Gemäß den Bestimmungen des Waffenstillstandes haben die Türken heute Widdin, Rustschuk, Silistria, Belgradschik und Erzerum geräumt. Die Truppen von Rasgrad und die Behörden von Rustschuk haben sich nach Schumla zurückgezogen. Ebenso wurde von den Türken die Defenfivlinie Konftan- nopels geräumt, die sich von Bujuk-Tschekmedje und Hastem- koer bis Derkoei erstreckt; diese Positionen fallen in einer Breite von 12 Meilen, und zwar von Kuschak-Tschemdje schlug dann die Augen so sittsam nieder, als ob fie sich erst achtzehn Jahre in der Welt umgesehen hätte.
„Gerade wie meine Frau!" seufzte van der Moolen, während seine Hand die ihrige noch inniger drückte.
Das gnädige Fräulein war gerührt, als es diesen Seufzer hörte. Dennoch zog die Dame jetzt ihre Hand, welche der Dichter noch immer mtt Beschlag belegt hatte, zurück und sagte bann zu Lady, bie ben Kopf auf ihren Schooß gelegt hatte unb sie fragend» anstarrte: „Ja, ja, Lady, nun werden der Frau ihre Verse gedruckt, hörst Du? Ja, ja, Lady! Und dann kommt auch, ein Gulden in Deine Sparbüchse!"
„In seine Sparbüchse?" frug van der Moolen unwillkürlich. „Hat der Hund eine Sparbüchse?"
„Ganz gewiß, Mynheer, gewiß! Und bei festlichen Gelegenheiten wirb etwas hineingethan und dann kaust die Frau Kuchen und Brezelchen für das Hündchen davon, nicht war Lady? Und in dem Manuskript befindet sich auch ein Gedicht: „An meine Lady!" nicht wahr, liebes Thier?"
Der Herr van der Moolen schien über das Gehörte ganz außer sich zu geraden. Seine Augen die unnatürlich zu glänzen anfingen, starrten das Fräulein unverwandt an und wieder seufzte er:
„Gerade wie meine Fran!"
„In der That?" lispelte sie.
„O, gnädiges Fräulein es ist unbeschreiblich, die Nase, der Mund, die Augen, die Stimme — ganz präcise!"
„Nun," versetzte das Fräulein sofort, „stellen Sie sich bann vor, daß es Gedichte Ihrer Fran sind, die Sie lesen und corrigiren und es wird Jhnm einen Hochgenuß bereiten, das Manuskript in Ordnung zu bringen."
Der Poet lächelte bedeutungsvoll und legte dann seine Hand auf das Heft. „Gnädiges Fräulein," sprach er,
2a Kaiser ertheitte Sonntag Nachmittag dem Präsi- des Reichstags Audienz. — Montag, Mittags 1
L hielt General Cialdini seine feierliche Auffahrt bei Hof, E Km Kaiser bie Thronbesteigung seines Souveräns an- Laat; hierauf würbe derselbe auch von der Kaiserin Engen. Um 4* a- Uhr wird das kronprinzliche Paar Ocneral in besonderer Audienz empfangen. Um 5 Uhr MLetzterem zu Ehren große Hof-Tafel statt, wozu Eere fürstliche Personen, die Minister und das Reichs- W-Präsidium Einladungen erhielten.
MDem Reichstag sind die Gesetzentwürfe über bie neuen Msstempelsteuern unb über die Tabakssteuer vorn Bun- Mch zugegangen. — Die Rechtsanwaltsordnung, über M der Reichstag Dienstag in die erste Lesung treten K wird nach einem Uebereintommen der Fractionen an M Commission zur Vorberathung überwiesen werben.
Mch den in Berlin eingegangenen Nachrichten hat der chsiand unter der Bevölkerung von Konstanttnopel eine Hörte Höhe erreicht. An hunderttausend Flüchtlinge, K Weiber und Kinder, sind obdach- und mittellos in (türkischen Hauptstadt zusammengcströmt und bei der feckchen Jahreszeit ben härtesten Entbehrungen preis- Mm. Se. Majestät ber Kaiser hat auf bie Kunde von Em Elend bet kaiserlichen Botschaft in Konstanttnopel KÖO Franken zur Verfügung gestellt, mit ber Bestim- )ssg, daß dieselbe zur Unterstützung der Nothleidenden Di Unterschied des Glaubens und der Nationalität ver- WM werden soll.
iDie Konferenzfrage wirb in allen politischen Kreisen Mch diskuttrt. Daß die Berathung zu Stande kommen fe unb über bie Nothwendigkeit einer solchen Konferenz, feer walten wohl nirgend» noch Zweifel ob. Ob aber UCvnferenzmächte, wie von anderer Seite schon behauptet fe bei der Berathung durch bie Leiter ihrer auswär- M Polittk persönlich vertreten sein werben, das wird Mach in Zweifel gezogen, und mit Hinweis auf die feeUigteit des telegraphischen Verkehrs auch für unnöthig Fiten. Ebenso ist man der Meinung, daß der Vorschlag N Grafen Andrassy, die Konferenz in Wien abzuhalten W zur Ausführung gelangen wird, und man spricht be- M davon, daß Dresden Aussicht habe, diesen wichtigen feschen Verhandlungen eine Zufluchtsstätte zu gewähren, tglonb wenigstens soll nicht gewillt sein, seinen Wider- Wh gegen Wien zurückzunehmen. Welche Ansichten da- 6tr in russischen Kreisen bestehen, davon giebt ein Ar-
fcf<b«nt täglich außer an ben Werktagen nach Sonn» unb Feiertagen. Preis für bas Quartal mit ber wöchentlichen Beilage „JllnftrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition («och'sche Buchdruckerei) bezogen 2j Mark, durch bie Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgedühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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