Mr. 818.
Marburg, Mittwoch, 12. September 1877.
XII. Ii-kgaig.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.BlatteS, sowie d.Annoncen'Burcaux von Th. Dietrich & Co. in Gaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. UL, Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Rosse in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.Biattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl- daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C- Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. PrerS fitr daS Quarral mit der wöchentlichen Beilage „Jlußtrirtr« durch die «rvedittou l«o»'k»e
Buchdrucker er) bezogen U Kari, durch die Postämter des Deutsche» Reiches 2 Wert 50 Pf,. («jL Bestellgebühr). - JasertionSgebühr für di« gespaltene Zelle 10 «ft
' Für in der Expedition zu ertheilende Luäkur.st und Annahme von Adressen werde» 85 Psz. berechnet.
Lagerbericht.
Gutem Vernehmen nach unterliegt es jetzt keinem Zweifel mehr, daß eine Zusammenkunft des Grasen Aadrassy mit dem Fürsten Bismarck innerhalb der näbsten acht Tage stgttfindeu wird. Jndeß steht es noch nicht fest, ob die beiden Staatsmänner in Gastein oder Salzburg zusammea« tttffen werden.
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Die italienische Presse beschäftigt sich eifrig mit der Reise des Herrn Crispi, Präsidenten der Deputirtenkammer, nach Deutschland. Obwohl im Allgemeinen zugcstanden wird, daß Herr Crispi mit keiner bestimmten politischen oder diplomatischen Mission Seitens seiner Regierung betraut ser, so glaubt man doch an einen besonderen Zweck zur Reise. Die Florentiner „Nazione" und „Roma Capiiale" wollen ersahrrn haben, Herr Crispi sei ermächtigt worden, in Berlin zu erklären, daß man in Italien mit der Lösung der orientalischen Frage einverstanden sei, welche die Kaiser Wilhelm und Franz Joseph in Ischl verabredet hätten. Diese vage Vermuthuag ist indeß bereits von dem „Fan- fulla" demrntirt worden. Der „Gazzetta bei popolo* wird geschrieben: „Herr CriSpi nimmt in der politischen Welt eine zu hohe Stellung ein, als daß seine Reise nach Deutschland ohne Einfluß auf die Befestigung der guten Beziehungen der italienischen zur deutschen Regierung bleiben sollte. Und er ist ganz der rechte Mann, um nöthigenfalls gewisse Zweifel zu beseitigen, die eine Partei, welche sich über den Verlust der RezierungSgewalt noch nicht zufrieden geben kann, in Berlin zu erregen versucht hat." Wenn vaS Blatt im Weiteren auf die Fortführung des Kulturkampfes und die Verhandlungeu wegen der Gotthardbaha kommt, und die Reise deS Herrn Crispi damit in Verbindung bringt, so schießt eS entschieden über das Ziel hinaus. DaS Nächst- liegmde ist wohl, anzunehmen, daß die Reise des italienischen Parlamentariers keinen anderen Zw.ck hat, als den Besuch deS Herrn von Bennigsen in Rom zu erwidern Bekanntlich wurde auch Herrn von Bennigsen, als er vor einiger Z-it nach Italien reiste, eine offiziöse Mission bet- gewessen. UebrigenS hat die Reise deS Herrn Crispi nicht unter den besten Auspizien begonnen. Zwei Tage vor seiner Ankunft in Paris, am 4. September, brachte das Organ »es Herrn Gambetta („Republ que frartzrtse") eine Gotte-- sponvenz auS Rom, in welcher CrtSp! als eines der hervor rogendsten Mitglieder der parlamentarischen Gruppe bezeichnet wird, welche einen tiefen Haß gegen Frankreich und eine servile Bewunderung für Deutschland hegt Herr Crispi beeilte sich der „Rspubl que fransrise" M erklären, daß er niemals diese große „Bewunderung" für Deutschland ge hegt Habel
le Ior sieben Jahren.
»ei Tagebuch eines Dreinndachtztgers ans dem deutsch - frans zöfifchen Kriege 1870/71.
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(Fortsetzung.)
Unsere Nachtruhe wurde durch Nichts gestört und wir waren herzlich froh, endlich einmal unsere müden Glieder eine Nacht hindurch ordentlich, ausruhen zu können.
Das 2. Bataillon hatte heute die Vorpostenstellung bezogen.
20. Oktober. Heute Morgen setzte sich die ganze 22. Infanterie - Division zum Vormarsch gegen Chartres (36 Kilometer von Marboue) in Bewegung, und bildete hierbei unser Regiment die Avantgarde. — Nach einem sicbenstündigen Marsche, aus welchem nichts vom Feinde bemerkt wurde, gelangten wir bis Vttray en Brauce, einer an der großen, von Bonneval nach Chartres in nördlicher und fast schnurgerader Richtung laufenden Straße, gelegenen Ortschaft. — Von dort aus wurden die Truppen in Quartiere gelegt und kam unser Bataillon nach dem Dorfe la Sourbiniere, wo die Quartiere ziemlich gut waren. Lebens- Mittel waren auch vorhanden, namentlich Hühner, die sich freilich nach unserer Ankunft nicht mehr lange des Lebens freuen konnten.
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In la Bourdiniöre waren die Einwohner nicht geflohen und vernahmen wir durch sie, daß Chartres stark vom Feinde besetzt sei — eine Äunbe, die uns für morgen einen gleichen Tag, wie ben vor Chateaubun, in Aussicht stellte. , - 21. Oktober. Sehr frühe würbe in ber Erwartung Mnes nahen Gefechtes der Weitermarsch auf Chartres an- gettetens; doch gelangten wir vom Feinde unbelästigt bis m die Nähe der Stadt, deren schönen und großen Dom Sfr schon aus der Ferne ragen sahen. Indessen hörten
Die „Agenzia Stefani" meldet: „Gestern (am 6. Sept.) waren wieder sehr bkuntuhigende Gerüchte über den Zustand des Papstes im Umlauf, aber sie haben sich wie in bet Regel als übertrieben herausgestellt. Der Gesundheitszustand des P'pstes hat sich nicht allein nicht verschlimmert, sondern seit einigen Tagen sogar merklich gebessert. Er leidet nur an großer Schwäche.
Die englischen HandelSausweise für August können, obwohl sie nicht so günstiger Natur sind, als die Ausweise deS vorhergehenden Monats, im Großen und Ganzen befriedigend genannt werden. Im AuSfuhrwerth zeigt sich gegen August 1876 eine Verminderung von IVs Prozent, nämlich 17,746,662 8. gegen 17,962,884 L. Im Vergleich mit August 1875 beträgt die Abnahme inveß 8Vi Prozent. In den ersten acht Monaten dieses Jahres betrug der AuSfuhrwerth 130,668.093 L. gegen 133,257,530 L. im Jahre 1876 und 149,571,844 L. im Jahre 1875. Die Abnahme in der Ausfuhr vertheilt sich auf folgende Artikel: Eisen und Stahl, Wollen- und Kammgarnfabrikate, Kohlen und Maschinen. Eine mäßige Zunahme in dem Export bekunden Baumwollfabrikate, Leinenstoffe, Leder- fabrikate, Kurzwaaren, Metallwaaren, Oele, Papiere, Tele- grap-endrähte u. s. w. Die Einfuhr verminderte sich im August gegen den entsprechenden Monat des vorhergehenden Jahres um 51/2 Prozent, nämlich von 33810,802 L. im Jahre 1876 aus 21,944,411 L. im Jahre 1877. In den ersten acht Monaten betrag der Gesammtwerth ber Einfuhr 264 293 634 L. gegen 251,547,806 L. im Jahre 1876 und 250,505,786 L. im Jahre 1875. Der Gesammtwetth deS Getreide Imports belief sich auf 3,129,951 L. gegen 2,282,626 L. im August 1876, d. i. eine Zunahme von beinahe 11 Prozent. Diese Zunahme deS Imports ist der mangelhaften Ernte in England zuzuschrctben. UeberdieS ist der Werth dcS Getreides in Folge der durch den Krieg bedingten Schließung der russischen Häfen um 57 Prozent gestiegen. Thee, Rohbaumwolle, Rum, Cognac, Weine und andere Artikel wurden in stark verminderten Quantitäten importirt.
Die „Times" veröffentlicht einen Brief des Herrn Thiers über die orientalische Frage an den englischen Historiker Henry Reewe, welchen der verstorbene Staatsmann am 8. August b. I., also wenige Wochen vor seinem Tode geschrieben hat. „Europa" — schreibt Thiers — „ist unbillig gegen die Türken gewesen, denn Gerechtigkeit und das wahre Interesse des allgemeinen Machtgleichgewichts war auf ihrer Seite. Man wird ernste Ursache haben, die Abandonnirung, in welcher sie gelassen wurden, zu bedauern. Ich sage dies zur Ehre der Vernunft und der weiten Voraussicht. Eine wir doch bald, etwa um 10 Uhr Morgens, vor uns Kanonendonner; die Cavalleriedivision von Hontheim war bei Coudray von Mobilgarden angegriffen worden und vertrieb dieselben mit Hülfe ber Artillerie. Die Straßen waren in nächster Nähe von Chartres vielfach vom Feinde durchschnitten und für den Moment unpassirbar gemacht worden, wurden aber.mit Hülfe der Pioniere rasch wieder hergestellt — und vollendeten wir so gefechtsbereit den Aufmarsch gegen die Süd- und Südwestfront der Stadt, während die Artillerie sich zum Bombardement geeignete Posittonen aussuchte und einnahm.
Kurz nach Mittag, als bereits Alles zum Sturme auf Chartres disponirt war, erschienen der Präfekt des Departements (Eure und Loire) und der Maire von Chartres vor unserem Divisions-Commandeur als Parlamentaire und wurden beide bedeutet, daß, wenn in zwei Stunden die feindlichen Truppen, die sich in Chartres befänden, sich nicht aus dem Staube gemacht hätten, die Stadt ohne Gnade bombardirt und mit stürmender Hand genommen toerben würde.
Es waren zwei peinliche Stunden von 1 bis 3 Uhr Nachmittags, um welch' letztere Zeit die der Stadt Chartres gestellte Frist abgelaufen sein mußte. — Vor uns lag, beleuchtet von dem hellen Sonnenlichte eines prächtigen Herbsttages, die Stadt, anscheinend so friedlich, als ob kein einziger Feind vor und in ihren Mauern sich befände. Und doch standen außer Cavallerie und Arttllerie, deren Geschütze schon gerichtet waren, 10,000 Mann Infanterie bereit, die Stadt im Sturme zu nehmen, koste es, was es wolle, „denn," hatte General von Wittich zu den beiden Parla- mentairen gesagt, „in Charttes muß und werde ich heute iwch einziehen!"
Tie Erinnerung an das unglückliche Chateaubun war uns Allen zu frisch uud lebhaft im Gedächtniß, als daß
baldig« Lösung ist im Interesse des Friedens wünschens- werth. Ich sehe noch nicht die Mittel dazu, denn die besiegten Russen werden mehr fordern als die siegreichen Russen. Ich fürchte sehr die Folgen eines zweiten Feldzuges, denn der diesjährige Feldzug scheint mir nicht für die allgemeine Pazifikation des Orients hinreichend zu sein."
Der russische Angriff auf Plewna hat am Freitag den 7. September begonnen. Am Sonntag Abend um 6 Uhr soll — bis jetzt freilich nut nach Privatberichten — Plewna in die Hände bet Russen gefallen fein. Das wäre ein großer Erfolg und würbe bie Kriegslage mit einem Schlage erheblich zu Gunsten ber Russen änbern. Fteuich genügt bie Besitznahme von Plewna noch nicht, das Heer Osman Paschas muß unschäbiich gemacht fein, ehe sich bie Russen mit ganzer Kraft Mehemed Ali entgegenwerfen können. Es ist nicht unwahrscheinlich, baß rumänischen und serbischen Truppen bie Aufgabe zufallen wird, ihm den Rückzug ab- zuschneiden und ihn zu vernichten. — Die Capttulation von Nikficz ist der zweite große Unfall, ber bte Türken betroffen. Dem tapferen moatenegrinischen Volke ist dieser Erfolg, ber schon lange ihr Ziel war, zu gönnen; jetzt, wo sie Nikstcz in Händen haben, werden sie mit größerem Rechc Anspruch auf den dauernde» Besitz der Festung erheben können.
Neueste Kriegsnachrichten:
Konstantinopel, 9. Sept. Der deutsche Botschafter Prinz Reuß nebst Gemahlin machten gestern beim Sultan Besuch. Aus Bulgarien wird gemeldet: Die Russen sind nach drei Tage währenden ernsten Kämpfen über den Kara- Lorn zurückgegangen, haben Popkiöi geräumt und sich in ber Richtung nach Bjela zurückgezogen. — Achmet Muk- that Pascha berichtet über ein Gefecht auf beit Höhen von Kisilttpe zwischen türkischer Auxiliär - Cavallerie unter dem Sohne Schamyl’S und einer aus mehreren Dragoner-Regimentern , 2 Bataillonen Infanterie unv einer Batterie bestehend-» russischen Abtheilung. Letztere wurde nach mehrmaligem Avanciren und Reteriren mit 60 Mann Verlust geschlagen und zum Rückzug in ihr Lager genöihigt. Der tüikische Verlust war ganz unbedeutend. Für die Russen treffen von Alexandropol täglich Verstärkungen an Artillerie in Kurukdara ein.
Wien, 10. Sept. Das „Wiener Tagblatt" meldet aus Belgrad: Fürst Zeretleff tft am Sonntag von hier in das russische Hauptquartier abgereist; derselbe ist Ueber- bringer der Abmachnnzen mit der serbischen Regierung, Gleichzeitig hat sich auch Fadejeff nach Moskau zurückde- geben.
London, 10. Sept. Privatnachrichten aus Sistowa wir ohne Herzklopfen und bange Gedanken den Blick auf die vor uns liegende Stadt hätten richten können.
Eine Viertelstunde nach der anderen verrann in ängstlicher Spannung; kaum 15 Minuten waren noch übrig von der gesetzten Frist, und waren auch diese abgc- laufen und der Feind in Chartres bequemte sich nicht zu den gestellten Forderungen, dann war das Loos des unglücklichen Chartres entschieden; dann wurde auch dieser Tag für die Stadt und zugleich wieder für uns ein Tag, wie das Prophetenwort sagt, „voll Feuer, Blut und Rauchdampf."
Da endlich — es war 15 Minuten vor 3 — erschienen die beiden Abgesandten der Stadt Chartres wieder und erklärten, daß der Feind den gestellten Fordemngm gemäß aus der Stadt abgezogen fei.
Wir erhielten gegen 4 Uhr die offieielle Kenntniß von der Capitulatton von Charttes und begrüßten dieselbe natürlich mit lautem Jubel.
Wir wären nicht davor zurückgeschreckt, auch hier wiederum dem Feinde Stirne und Brust zu bieten aber eine feindliche Stadt zu erobern ohne Blut und Schwertstreich, ist auch für den muthigsten Krieger etwas Herrliches.
Die der Stadt Charttes fettens unseres Oberbefehlshabers auf erlegten Forderungen waren sehr mäßig: sie wurde^ mit Contributton und Requisition verschont und hatte nur für die Verpflegung der Truppen zu sorgen.
. ttm Va5 Uhr begann mit klingendem Spiele unser Einzug m .Charttes; mit Ausnahme einiger wüthenden und ver- brffenen Gesichter war die Bevölkerung ruhig und die Stadt, deren Häuser und Läden geöffnet waren, machte einen friedlichen und guten Eindruck auf uns.
Wir marfchirten bis auf den großen und schönen Platz Stt Maurice, wo wir bie Anweisung unserer Quartiere erwarten füllten. Es verstrich jedoch eine geraume Zeit,