Sir. an.
Marburg, Sonntag, 9. September 1877.
xii. ^airgeij.
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WMW ZritW.
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PslUische W.chm. Urtkrsicht
Mit freudiger Bewunderung, aber auch nicht ganz ohne Besorguiß vernimmt das deutsche Volk von der Ausdauer, mit weicher sich sein Kaiser den ungemein gehäuften Anstrengungen im Manöverfelde Westfalens und des Rhein« laadeS, wie bei den ihm dargebotenen Ehrenfesten unterzieht, und um so mehr, al« das sp.üchwörtliche Kaiserwetter während der letzten Tage die westfälischen Manöver bei Düffeldorf leider nicht begünstigt hat. Die Nationalfeier des SedantageS erwies sich in diesem Jahre als beim Volke bereits durchaus lebenskräftig eingewurzelt, wobei Hinsicht lich der Allgemeinheit der Theilnahme aller Stände der Umstand, daß diesmal der 2. September auf einen Sonn tag fiel, günstig mitwirkte. Aus Gastein lauten die Berichte über das Befinden des Fürsten Reichskanzlers sehr befriedigend. Der so plötzliche Tod des greisen ThierS macht auch in Deutschland einen tiefen Eindruck, da mau sich nicht verhehlt, daß derselbe verhäagnißvolle Folgen für die Zukunft Frankeeichs und mittelbar auch für Deutschland nach sich ziehen könnte. Die BuudeSrathSarbeiten soll u jetzt so gefördert werden, daß das Plenum des BuntesrathS Ende dieses Monats oder Anfang des October zufammrn- treten und sich mit den ElatS- und sonstigen Gesetzvorlagen für den Reichstag sofort und dann unausgesetzt beschäftigen kann. Für den preußischen Landtag hofft man das Unterrichtsgesetz, welches jetzt wegen seiner finanziellen Seite das Finanzministerium beschäftigt, noch in der nächsten Seiston .vorgelegt zu sehen, wenn auch erst gegen Eide derselben, | damit cS wenigstens die erste Lesung bestehe und über seine GeschäfiSbehaadlung noch emschieden werde.
Die Weisung, welche Graf Andraffy an den österreichischen Botschafter in Konstantinopel ergehen ließ, sich den Schri ten der deutschen Regierung in Betreff einer an die Pforte wegen der besseren BeobachAng der Bestimmungen der Genfer Convention gerichteterr ^Mahnung an- zuschließea, hat in Ungarn wenig Billigung gesunden; auch tn deutsch österreichischen Kreisen find laute Klagen wegen .einet solchen „Parteilichkeit* der Regierung vorgekommen; 'e6 ist nicht unwahrscheinlich, daß in dem Reichsrath, welcher am 4. September wieder eröffnet wurde, die Angelegenheit zu einer Jnteipellatiou benutzt werden wird.
In Frankreich treten vor dem am Montag (3. i Sipr.), 6 Uhr Abends, in Saint Germain en Lahe erfolg ten p'ötzlichen Tode des Führers der großen republikanischen Partei, des Nestor» der Liberalen, Thiers', alle anderen Ereigutffe des Tages in den Hintergrund. Die Nachricht wirkte wie ein Blitz aus heiterem Himmel auf die republikanische Partei, die gerade in den Vorbereitungen zu dem großen Wahlkampfe steht, der unter der Last der organi
Kor sieben Iayre«.
Tagebuch eine» DreiunöachtzigerS aus »em deutsch - französische» Kriege 1870/71.
(Fortsetzung.)
Ich empfing nun von ihm mündlich die rückwärts zu bringende Meldung und zugleich den Befehl, dem zunächst an dem Bahnhofe mit einem Zuge Infanterie stehenden Officiere zu sagen, daß er durch seine Leute alle noch nicht brennenden Gebäude in seiner nächsten Umgebung anzün- jben lasse. —
Ich kam glücklich bis an den Bahnhof, entledigte mich dort des letzteren Befehles, dem auf der Stelle und mit solchem Erfolge Folge geleistet wurde, daß die Flammen eines brennenden Hauses, deren Aufflackern einer meiner Begleiter mit dem in seiner oberhessifchen Heimath üblichen Bcrwunderungsausrufe „Feuervisitation!" anstaunte, noch einen guten Theil unseres Weges auf dem Bahndamm beleuchteten, und gelangte dann ohne weiteren Unfall wieder bei dem Bataillone an, wo ich meine Rückmeldung abstattete.
Wie bereits gesagt kam unser 83. Regiment, mit Ausnahme der 2. und 3. Compagnie, heute nicht mehr in's Feuer, sondern behielt seine Reservestellung bis zum Ende des Kampfes; ich kann also über den eigentlichen Kampf i« Chateaudun als Augenzeuge nicht berichten, will es jedoch wcht unterlassen, eine Episode aus demselben mit den schriftlich mir vorliegenden Worten meines Kameraden Hormel, wieroffttier von der 2. Compagnie, hier einzuschalten:
„Es war schon völlig dunkel geworden, so erzählt er, ein Adjutant des Generalmajors von Wittich an unser Regiment heransprengte und zwei Compagnieen verlangte, welche dm Versuch machen sollten aus einer, bis jetzt von den Unseren noch nicht in Angriff genommenen Sttaße in die Stadt einzudringen."
sirten Präfektenherrschaft ein hartes Stück Arbeit wird. Thiers war die Seele von Allem, der Vertrauensmann der gesummten republikanischen Mafien, der gefürchtete Gegner Mac Mahon's wie seiner Minister und ultramontanen Rathgeber. Die republikanischen Führer hatten ThierS am Montag zu einer Berathung in Paris erwartet und nicht geahnt, daß er im Sterben liege. Am Dienstag traten fie unter Garnbetta zusammen und beschlofien, Gisvy, dem früheren Kammcr-Prafttenten, die Führerschaft anzutragen. Am Sonnabend Mittag wird die Leichenfeier in Paris stattfinden, und sie wird großartig und würdig werden. Mac Mahon ist durch diesen Todesfall an einen Scheideweg gestellt: eine unvorhergesehene günstige Gelegenheit wird ihm geboten, sich der republikanischen Bewegung zu bemächtigen, indem er sich alö wirklicher republikanischer P ästdent der R publik an ihre Spitze stellt und sich mit einem Cabinet dcS linken CentrumS umgibt, besten auswärtige Politik etwa durch Äudifiret- P.Sguier, besten in iere durch Gröoy und Renault zu charakterisier« wäre. Wenn ein solches Ministerium die Wahlen leitete, so würden die selben allem Anscheine nach gemäßigter und in großer Ein- müthigkeit konservativ-liberaler ausfallen, als wenn der Kampfruf zwischen Mac Mahou und Garnbetta ertönen wird.
Die Reden der beiden englischen liberalen Parlamentsmitglieder Granville und Forster haben selbst den früheren Premier Gladstone befried gt. In einet Ansprache, welche er in Hawatben an mehrere liberale Vereine hielt, lobte er insbesondere die Worte Granville's und sprach seine höchste Bewunderung über deffen Mäßigung und klares Urthcil aus; im Ü brigen äußerte er sich In gewohnter ab- sprechender Weise über die türkische Regierung und deren Maßnahmen.
Die s ch w e d i s ch e UnivcrsttSt Upsala beging am 6. Sept, und in den folgenden Tagen daS Jubelfest ihres 400jährigen Bestehens. Der Internationale Astronomen Congteß hat in Stockholm am 1. und 2. d. seine diesjährige Tagsatzung gehabt.
Die Angriffe Suleiman Pascha'S auf den Schipkapaß scheinen nicht mehr in der anfänglichen Heftigkeit fortgesetzt zu werden; augenscheinlich beschränkt sich der türkische Feldherr darauf, die von ihm eroberten Stellungen, welche den Paß selbst flankiren und die Verbindung der russischen Besatzung mit Gabrowa-Tirnowa bedrohen, zu befestigen; verschiedene S-ürme der Rusten, welche bezweckten, Suleiman auS jenen bedrohlichen Positionen zu vervrängm, sind unter großen Verlusten für die Angreifer zniückgeschlagen worden. Andererseits verschanzen sich die Rusten so stark, daß fie hoffen dürfen, den Paß behaupten zu können, falls es dem Feinde nicht gelingen sollte, die Straße Gabrowa Tirnowa
„Sofort wurde die 2. und 3. Compagnie in Marsch gesetzt und gelangten beide in dem nächtlichen Dunkel von dem Feinde unbemerkt über den hohen Eisenbahndamm, den wir eine kleine Strecke der Länge nach passirten, auf die Straße, welche am Friedhöfe vorbei in die Stadt führt. Unangefochten kamen wir so bis an die ersten Häuser der Sttaße. Wir waren sehr vorsichtig vormarschirt, allein bei einer solchen Truppenmasse, die auf unbekanntem Wege in nächtlichem Dunkel in Bewegung sich befindet, ist es natürlich nicht zu ermöglichen, daß alles geräuschlos abgeht, und so muß auch der Feind von unserem Anschleichen Wind bekommen haben, denn auf einmal sandte er uns von einer nahestehenden Barrikade eine solche Lage Kugeln entgegen, daß, wenn dieselben nicht zu hoch gegangen wären, wtt sicher ganz bedeutende Verluste gehabt hätten."
„Wir verhielten uns auf diese erste Begrüßung Seitens des Feindes ganz ruhig und stellte derselbe, wohl in dem Glauben stehend, er habe sich getäuscht, sein Feuer ein; daraufhin avancirten wir wieder — und wiederum erhielten wir eine, diesmal besser gezielte Salve; hageldicht prasselten die Kugeln in uns herein und 14 Mann von uns wurden in diesem Augenblicke verwundet. Bei dem Aufblitzen der Schüsse gewahrtm wir indessen, daß wir fast unmittelbar vor einer hohen Barrikade uns befanden; zu wievielt wtt übrigens in der Straße standen, weiß ich nicht, da man bei der herrschenden Dunkelheit kaum den Nebenmann erkennen konnte."
„Ob es auf Befehl geschah, ist mir auch unbewußt, aber wtt gingen darauf etwas zurück, um Deckung vor ben Kugeln zu suchen, die ohne Aufhören nunmehr von der Barrikade aus die Sttaße ihrer Länge nach durchsausten. Ich glaube nicht, daß wir bis dahin einen Schuß gethan hatten, weiß aber gewiß, daß unsere Lage eine sehr kritische war. Jeder suchte soviel als möglich an den Häusern
durch eine Umgehung des SchlpkapafieS zu erreichen, um so die russische RückzugSlinie zu bedrohen. Die bereits seit längerer Zeit erwarteten Vorpöße der beiden anderen türkischen Armeen unter Osman und Mehemed Ali sind endlich erfolgt. Wie eS scheint, ist daS westbulgarische He.r nicht glücklich gewesen. Hinzu kommt noch die Nachricht, daß die Rusten unter der Führung der Generäle Jmeretinsky und Skobelew am 3. Septtmber Lowatz erstürmt haben. Sollte sich diese Nachricht bestätigen, so wäre die Vereint, gnng der Armem Osman'S und Suleiman’« wieder in weitere Ferne gerückt und auch bewiesen, daß die türkische Westarmee nicht stark genug ist, um auS eigener Kraft einen kräftigen und erfolgreichen Vorstoß gegen Tirnowa zu machen. Glücklicher war Mchemed Ali am Lorn. Hier ist es am 30. August zu einem überaus heftigen und blutigen Treffen gekommen, in dem die Türken Sieger blieben. Die Russen, welche unter den Generälen Leonow und Hahn standen, wurden nach hartnäckigem Wioerstand aus den Stellungen von Jaslar, Popkoi, Haidarkoi und Karahastanköi heraus- und auf das linke Ufer des Lorn zurückgeworfen.
ragesbecicht.
In Betteff der Berändemng von Bornamm in den Geburtsregistern hat stch das Reichsjustizamt in Ueberrin- stimmung mit einem früheren Erlasse des Ministers des Innern dahin ausgesprochen, daß eine Aendernng der in einer Geburtsurkunde eingetragenen Vornahmen auch inner, halb der durch da« Reichsgesitz vom 6. Februar 1875 eingeräumten Frist für ausgeschlossen zu erachten ist, insofern nicht der Fall einer Berichtigung vorliegt, daß ferner insbesondere der von einem Obergericht aufgestellte Satz: „e« bestehe zufolge jenes Gesetzes ein Recht auf die nachtrSg- licht Eintragung der in der Taufe gegebenen Vornamen", mit dem Grundgedanken de« Gesetzes völlig unvereinbar erscheine, und daß mdlich vom Standpunkte des Gesetze» <m» auch von einer Berichtigung bann nicht die Rebe sein könne, wenn die von dem Vater be» Kinde» bei bet Geburtsanzeige angegebenen Vornamen von den Standesbeamten richtig eingettagen sind, und bei dem Vater nur ein Jrrthum in den Motiven vorhanden war. Auch das königliche Kammergericht hat stch dahin ausgesprochen, daß eingetragene Vornamen auch innerhalb der zweimonatlichen Frist weder durch Zufügung weiterer Vornamen noch durch Eintragung anderer Vornamen geändert werden könne, es müßte denn die Eintragung von vornherein unrichtig bewirkt sein.
Die Florentiner „Nazione" bringt heute einen ausführlichen Bericht über einen Akt häuslicher Strenge, den der Papst dieser Tage vollzogen hat, und zwar, wie man durch- Deckung, die aber bei der Nähe der Barrikade (kaum 20 Schritte Entfernung) nur eine sehr geringe sein konnte. Ich tastete mich an der Wand her und fühlte, worauf mich übrigens vorher schon einige dort stehende Kameraden aufmerksam gemacht hattm, daß ich vor einem verschlofienen Hofthore mich befand; wenn wir dasselbe erbrechen und in den Hofraum bringen konnten, bann hatten wir doch wenigstens etwas Schutz unb konnten bem Feinde von ber gehockteren Stellung aus, bie das naheliegende Haus darbot schon tüchtig zusetzen."
„Bereits hatten mehrere neben mir Stehende versucht, baS Hofthor zu sprengen — (übrigens ein komischer Conttast: zehn bis zwölf Mann, von denen keiner laut zu athmen wagt, ^erarbeiten sich aus Leibeskräften, ein eisernes Hos- ihvr in aller Stille aus ben Angeln zu brechen!) aber es wollte nicht weichen. Da probate ich es noch einmal allein unb stemmte mich mit Ausbietung aller meiner Kräfte fest bawiber, aber — das Thor wich und wankte nicht, dafür schlug aber eine Kugel, die aus meinem Mantelärmel ein Stück Tuch mitgenommen hatte, hart über bem Knöchel meines linken Zeigefingers an bie eiserne Thorstange an. Sa« Feuer aus ber Barrikade. wurde immer heftiger und mir mußten uns abermals unb zwar auf ben Todtenhof, pmter bie bort befindliche kleine Capelle zurückziehen."
"Hier standen wir nun zwar in Sicherheit, desto mehr aber mußte uns das Loos unserer armen verwundeten Kameraden, deren einige noch hülflos draußen vor ber Barri- labe aus ber Sttaße lagen, ben feindlichen Kugeln, die von Zett zu Zeit wie Windstöße bie Sttaße durchsausten, ausgesetzt, zu Herzen gehen. Jeber dis bahin gemachte Versuch, sie wegzuholen, schlug fehl, beim sobald bie Fran- jolen auch nur das geringste Geräusch von Tritten in ber bunkelen Sttaße vernahmen, klatschte ein wahrer Kugeligen an bie Wände unb auf das Pflaster." (Forts, s.)