Sir. 210.
Marburg, Sonnabend, 8. September 1877.
XII. ZahkMz.
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ObttMchk ZtitiiW.
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Lage-bericht.
Bei jeder Ankündigung einer bevorstehende» Staatsanleihe pflegen einzelne Blätter von „geläuterten" finanz- wilthjchaftlicheu Anschauungen auf das Versiegen des Mil« ltardensegrn wehmüthige Rückblicke zu werfen. Wir unserer- seiiS sind geradezu sroh, daß das süße Gift der Milliarden endlich verschwunden und unschädlich geworden, daß unser Staatswesen wieder völlig auf seine eigene Kraft angewiesen ist. Weit entfernt davon, die in Aussicht stehenden Anleihen sür ein Unglück zu halten, glauben wir vielmehr, daß der p.eußische Staat noch lange nicht so viele Schul den hat, als er vertragen kann. Ja, wie glauben behaup ten zu dürfen, daß ein modernes Staatswesen zu seiner Gesundheit auch ein entsprechendes Quantum Schulden braucht. Daß der preußische Staat bisher von seinem Credit einen unglaublich bescheidenen Gebrauch gemacht hat, beweisen folgende Zahlen. Zu Ende des Jahres 1874 betrug die verzinsliche Schuld des preußischen Staates 799,184,381 Mark, kaum 5 Millionen Mark mehr, als die verzinsliche Schuld des Königreichs Baiern. Die preußischen Schulden stiegen dann von Jahr zu Jahr in einer sehr mäßigen Progression. Ende 1875 betrugen bie- i selben 919,409,505 Mark; Ende März 1877 1,058,550.471 Mark. Unter dieser Summe stad mehr als die Hälfte, nämlich 552,653 987 Mark Eisinbahnschulden, die sich durchschnittlich mit 5 Prozent verzinsen. Die Domänen ' und Forsten, welche zur Deckung der Ausgaben des Staats- f schulvenetatS bestimmt sind, liefern einen Reinertrag von ' rund 47 Millionen.
Jnterestant ist, den Einfluß der HungcrSnoth in Indien ! auf Die Durchführung der Münzreform in Deutschland zu f verfolgen. Die Anleihen der indischen Regierung, welche I nothwcndig waren, um mehreren Millionen llaterthanen der englischen Krone in Bengalen das L.ben zu fristen, waren die Ursachen einer gesteigerten Silberaachfrage, welche der V:rwerihung deS aus Deutschland auf den Markt gebrachten SilberüberschusteS sehr zu Gute gekommen ist. Während die Silberverschtffungen von Southampton nach Asten im Jahre 1875 nur 74 Millionen Mark betrugen und tm Jahre 1876 den Betrag von über 188 Millionen Mark erreichten, sind dieselben im gegenwärtigen Jahre bis zum 9. August auf 195 Millionen Mark gestiegen. Voraus gesetzt, daß die Silberverschtffung sür den Rest des Jahres eine ähnliche Ausdehnung behält wie in den letzten vier Monaten 1876, und der direkte Silbecexport von der nordarnerikanischen Westküste nach Asten mit in Anschlag gebracht, wird der Silberabsatz nach Ostasten in den beiden I ihren 1876 und 1877 wahrscheinlich die Höhe von zu
Wor sieben Jahren.
Lazebuch eine» DreiurrdachtzigerS ans »em deutsch - fran- zöstschen Kriege 1870/71.
(Fortsetzung.)
Sofort wurde nun eine schwere Batterie und ein Bataillon vom 95. Regimerrte vorausgeschickt, um das Terrain zu säubern und es gelang auch, den Feind wenigstens aus den ersten Häusern sowie vom Bahnhof zu vertreiben. Hierauf wurde die ganze 43. Infanterie-Brigade näher an die etwas hochgelegene Stadt herangezogen und begann i damit der Angriff auf die Ost- und Nordseite der Stadt.
Gleichzeitig protzten auch vier Batterien rechts und links von der Straße ab und eröffneten sofort ein gutgezieltes und verheerendes Feuer gegen die Stadt.
Unser Regiment, das sich nun inzwischen ganz gesammelt hatte, stellte sich links der Straße gefechtsbereit auf; die Gewehre wurden zusammengesetzt; wir waren aber noch Ächt damit fertig, als der Feind, und zwar aus einer Entfernung von mindestens 2000 Schritt, sein Chassepotfeuer auch aus uns richtete; wenigstens flogen einzelne Kugeln in unsere Stellung hinein. Gin Mann aus der 2. Compagnie erhielt mitten in den Gewehren einen schweren Schuß in den Hinterkopf und wenige Augenblicke darauf fiel (wie verlautete mit einer Wallbüchsenkugel) durch den Kopf geschossen, unser braver Divisionspfarrer Schwabe; er war eben an unseren Brigadecommandeur Oberst Marschall v. Bieberstein herangeritten, als die Kugel ihn traf; ich sah ihn, wie er die Hände bis in die Höhe ber Schultern em- Pvrhob und dann langsam um- und vom Pferde herabsank. (Er wurde bei einer in der Nähe befindlichen Ferme beerdigt und daö später coursirende Gerücht, als hätten die Franzosen sein Grab entweiht, bewies sich bei angestellter Untersuchung als Unwahrheit.)
sammen 500 blö 600 Millionen Mark elreichen, welcher Betrag derjenigen Summe ziemlich nahe kommen dürfte, welche Deutschland 1876 und 1877 von seinem überschüssigen Silbervorrath an den Londoner Edelmetallmarkt ge- brccht hat und noch bringen wird.
Aus Paris wird telegraphisch gemeldet: In einem unter dem Vorsitze des Marschallprästdenten stattgehabten Minister konseil wurde beschloffen, daß die auf Staatskosten zu berirkende BeerbigungSfeierlickkeit Thiers' im Invaliden dom stattfinden soll. Marschall Mac Mahon hat seine Abreise nach den südwestlichen Departements auf nächsten Sonntag verschoben. Die Beerdigungsfeierlichkeit Thiers' im Jnvalidendom soll nach dem vorn Mivistercovseil gefaßten Beschlufle am Sonnabend statlfinden. Thiers ist bis j-tzt die erste Civilperson deren Beerdigungsfeier im Jnvalidendom begangen wird Diese Auszeichnung war bisher allein militärischen Norabilitätcn Vorbehalten. Zur Errichtung einer Statue Thiers' ist eine Subskription eröffnet. — Ein seitens der Linken des Senats an die Nation gerichtetes Manifest läßt den Verdiensten Thiers' lobende Würdigung zu Theil werden und fordert Frankreich auf, aus Anlaß dieses Todesfalles bei den bevorstehenden Wahlen mit Einigkeit und Festigkeit seinen souveränen Willen kund zu geben. Das Manifest schließt, indem eS die liberale und zugleich konservative Republik empfi-hlt.
CS wird unS geschrieben: Im Verlaufe deS gegenwärtigen Krieges dürste vermuthlich eine FriedenSblokade behufs der I letvention wieder in Anwendung kommen. Dieses völkerrechtliche Institut ist freilich sehr jung — eS ist eine Erfindung unseres humanen Jahrhunderts — und hat ni mals eine allgemeine Anerkennung gefunden. Die un- betheiligten Mächte haben in der Regel gegen die Rechts Verbindlichkeit der FriedenSblokade Einspruch erhoben. Auch die Lehrer des Völkerrechts sind nicht einig. Während der Franzose Hauieseu lle sehr heftig gegen daS Institut pole- mifiit, plaidirt der Deutsche Hcffter für die Zulässigkeit desselben; der letztere hält die Rechtmäßigkeit der Friedens blokade und ihre Verbindlichkeit für dritte Mächte für durchaus unbedenklich und hebt hervor, dch man vom Standpankte der Humanität aus das neue Ji sti ut nur billigen könne. In der That kann es doch nicht bestritten werden, daß selbst harte Repreffalien in der Regel ein geringeres Uebel sind, als der ÄJeg. Nach der englischen Praxis wäre auch bei der FriedenSblokade ConfiScation von Schiffen statthaft. Gegen diesen Grundsatz hat fich indeß ein llrtheil deS französischen StaatSrathS vom 1. März 1848 sehr entschieden ausgesprochen. Diese Blokade außerhalb deS KriegSzustindes wurde zum Zweck der Jn-
Der Kampf an den Ausgängen der Straßen und an den krenelirten Gartenmauern, wo das 94. und 32. Regiment anstürmten, nahm von Minute zu Minute an Heftigkeit zu. Obgleich die Franzosen keine Geschütze hatten, so hatten sie doch eine ausgezeichnete Stellung, namentlich boten ihnen die Gartenmauern viel Schutz und jedes einzelne Haus mußte im Sturme genommen werden; daß unter solchen Umständen jeder Schritt vorwärts von den Unsrigen mit großen Opfern erkauft werden mußte, ist klar.
Besondere Dienste leistete uns auch heute wieder die Artillerie — und kaum hatte die bairische Batterie Olivier die Stadt mit Brandgranaten beworfen, so daß dieselbe an verschiedenen Orten zu brennen begann, so gewahrten wir schon deutlich, daß der Feind seine Positionen an der Außen- seite der Stadt aufzugeben und sich mehr und mehr in das Innere derselben zurückzuziehen begann, wo nun allerdings die hartnäckigen Barrikadenkämpfe entbrannten.
Man hat in jener Zeit in Deutschland viel Witze über „das Ausreißen der Franzosen" gemacht; sie mögen manchmal durch das Verhalten unserer Feinde gerechtferttgt gewesen sein — aus die Vertheidiger von Chateaudun paßten sie keinesfalls! Es waren Nationalgarden, Franc- tireurs und Bauern, die dort gegen uns kämpften, aber sie thatens mit einer solchen Hartnäckigkeit und Zähigkeit, daß wir, die Feinde und Sieger, ihnen unsere Achtung nicht vorenthalten konnten.
Es wurde Abend und Nacht und noch tobte der Kampf vor und in dem brennenden Chateaudun und zwar mit fast zunehmender Heftigkeit. Bis dahin war unser Regiment (die 2. und 3. Compagnie ausgenommen) noch nicht in Aktton gekommen und kam auch nicht mehr dazu; dafür wurde ich mit 3 Mann in eine nicht gerade angenehme Thätigkeit versetzt. Ich bekam nämlich den Auftrag, den Commandeur der 43. Brigade, Oberst v. Kontzky, anfzu-
iervention im Jahre 1827 von Frankreich, England und Rußland der Türkei gegenüber in'S Werk grsctzt. Ebenso wurde im Jahre 1836 über die Küsten von Nm Granada, im Jahre 1838 von Frankreich gegen Mexiko die Friedenö- blokade verhängt; letztere ging später in eine KriegSblokade über.
Die Erstürmung von Lowatsch durch die Rusten ist jetzt durch neue betailirte Telegramme bestätigt worden. Wie stch jetzt herauSstellt, war die Offensive von den Türken (20,000 Mann) auSgegangen, die einen Vorstoß nach Selvi unternehmen wollten. Von türkischer Seite liegt über den Kampf keine Nachricht vor. Uebrigens muß der Sieg der Rusten ein großer gewesen sein; die englischen Journale schlagen in Folge dcstm schon wieder eine Intervention Englands vor. — Uiber die Erstürmung von Lowtscha erhält die Presse folgendes Privattelegramm aus Gorni-Studen, 4. September: Lowtscha wurde gestern nach zwölfstündigem Kamps genommen. Die Türken, welche neunmal vorstürmteu, wurden in wilder Flucht nach enormen Verlusten zurückgetrieben und müßen Lowtscha räumen. RusstscherseitS waren lauter junge T upp-n im Kampfe: die Division EmeritinSki, die Brigade Davidvw, die Schützen- Brigade Dabrowolschi und die Kavall rie-Diviston Skobe- jew jun. Skodelew verfolgt heute die Fliehenden. Brigade-General Rosgildjejew wurde verwundet. — Die Preste meldet ferner, daß am nämlichen Tage (am 3 September) ein Angriff der Türken im Schipka-Passe vereitelt wurde. Die Meinung also, daß Suleiman Pascha von seinem Vorhaben abstehe, rechtfertigt stch nicht. — Kapitän ForbeS spricht in einem Schreiben vorn 31. August in dem Daily News noch einmal seine Ueberzeugung aus, daß der Schipka- Paß gesichert sei und fügt noch lolgcnde Notizen hinzu: „Fünf Tage lang ließ Suleiman Pascha seine Soldaten sich die Köp'e blutig rennen an den V.rtheidtgungswerken und deren Vertheidigern. Niemand soll nach Schipka sagen, die Türken seien nur gut in der Veriheidtgung hinter Ertwällen; der unbezähmbare Muth, mit Dem sie Tag für Tag die Verschanzungen bestürmt haben, flieht ihnen ein Anrecht auf Die besten soldatijchen Leistungen. Ihr Muth vermochte aber nichts. Suleiman Pascha hat Den Versuch auf- gegeben und zog stch aus der Nähe des Pvffts zurück. Einige sagen, et fei noch in Kasarriyk, andere, oaß er sich dnen anderen Paß auSjuche. Meiner Meinung nach wird er seine erschütterten Truppen wieDer orgamftren. Fünftausend Türkenleichen faulen in der glühenden Sonne zwischen dem Schipka-Paß und dem St. Nicolausberge. Die Ausdünstung der uabeerbigten Leichen und der vernachlässigte Zustand d.s Lager« verpestet die reine Gebirgs. atmosphäre. Alle Truppen bwomkiren. General Radetzky suchen, einerlei wo ich ihn fände und von ihm über bett Verlauf und Stand des Gefechtes Meldung zurückzubringen.
Um diesem Auftrag nachzukommen, wählte ich mir drei tüchttge und^umsichtige Leute aus der Compagnie und trat mit ihnen, natürlich in der Dunkelheit, den Marsch an; zunächst auf der Straße und bann auf bem Eisenbahndamm.
Wo ich nur, bei Mannschaften ber 43. Brigade angekommen, nach bem Obersten fragte — Niernanb hatte ihn gesehen: „keine Ahnung!" war bie gewöhnliche Antwort. Nach längerem Hin- und Herfragen kam ich enblich an den Bahnhof uttb erfuhr von einem bort mit einigen Leuten postirten Officier bie ungefähre Richtung, wohin ich mich zu toenben habe; während der Offizier mir dies explieirte, flogen rechts und links und über uns bie Kugeln hinweg. Nach einigem Suchen fanb ich dann glücklich bett Obersten von Kontzky, ber von einer halb in Trümmern liegenden Gartenmauer ben Sturm auf eine gegenüberliegende Barrikade leitete.
In betreiben Moment, als ich pfljchtmäßigst meine Meldung bei ihm abzustatten begann (das freundliche und doch so ernste Gesicht des braven, leider auch bald nachher den Heldentod gestorbenen Mannes, wie es von den Flammen eines nahe brennenden Hauses seltsam bestrahlt wurde, werde ich in meinem Leben nicht vergessen) gings auf einmal an meinem linken Ohre vorbei: Pfrrr!! — und das war Eine, die sich noch nicht ausgebrummt hatte. Kaum hatte ich wieder in Erstattung meiner Meldung fortgefahren, als weniger, ein Ton, als vielmehr ein Schlag an meinem H^nr sich fühlbar machte und ich in demselben Augenblick genau das Gefühl hatte, als ob mir Einer mit bem Schuppenbande meines Helms bie Kehle einschnüren wolle, ba bie Kugel, welche ben Messingbeschlag des Helms gestreift, ben letzteren mit aller Gewalt rückwärts gebogen hatte. — Ich rückte ihn sofort wieder gerade, mag aber doch bei bem