Marburg, Donnerstag, 6. September 1877. ■
XII. Jahrgang
(Olirrlirffifilic ZeitW
*) »Daß ste Frankreich rette l-
(Fortsetzung folgt )
waren, zur Unterstützung kam.
sammelten uns und mochten etwa 1 Stunde lang, der Kampf noch immer vor Orleans fortdauerte, haben, als die Nachricht kam, daß der Feind Mann unter General de la Motterouge) aus
schlacht sein Wort an ihnen wahrgemacht: ob Tausend fallen zu deiner Seite und Zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen I schlossen wir unsere Augen zu stärkendem Schlafe.
Für die Verwundeten aus der heutigen Schlacht hatte natürlich, bei der Lage des Gefechtsfeldes in der Nähe der großen Stadt, in kürzerer Frist gesorgt werden können, als dies sonst bei den meisten Gefechten der Fall war.
12. Oktober. Heute Morgen um VtlO Uhr fand eigentlich erst unser Haupteinzug jin Orleans, und zwar mit klingendem Spiele, statt. Die Führung unseres Regiments hatte an diesem Tage Premier-Lieutenant v. Windisch, da der Regiments-Commandeur Oberstlieutenant v. Weber gestern, als sein ihm unter dem Leibe todtgeschossenes Pferd unter ihm zusammenstürzte, eine bedeutende Verletzung am Beine erlitten hatte; an Stelle des in Valenton erkrankten Hauptmanns v. Gröling führte Premier-Lieutenant v. Stamford das Bataillon und Reserve-Lieutenant Krümmer die 1. Compagnie.
Unsere 22. Infanterie-Division hatte sich mit den beiden bairischen Divisionen in die Quartiere von Orleans zu theilen, und erhielten wir den westlichen Stadttheil eingeräumt.
Bei der großen Truppenmasse — IV, Armeecorps war in Orleans concentrirt — und zumal da die Verwundeten fast alle in die Stadt geschafft worden waren, konnten die Quartierräume nur gar eng ausfallen.
Ich kam mit meiner ganzen Corporalschaft bei einer Wittwe ins Quartier und richteten wir uns in dem kleinen Häuschen, in welchem sie wohnte, so gut ein, als es der beschränkte Raum nur zuließ; wir wurdm indessen von ihr reichlich mit Esten und Trinken bewirthet.
Da für den Nachmittag kein Dienst angesetzt war, so benutzte ich meine freie Zeit, nachdem ich vorher meinem Vater brieflich Nachricht gegeben, wie es um mich stehe, um mir die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten ein wmig an- zuschen. Orleans, die Hauptstadt des Loiredepartements,
Anzeigen nimmt entgegen: »ie Expedition d.Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, «ipzig, Cöln rc.; Rudolf Rosse in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
mit S:urm .genommen. Belm Angriffe der zweiten soll ein türkisches Bataillon, welches in Sturmkolonne anrückte durch eine Mtneoexplofion beinahe vernichtet worden fein. Ruh diesem Zwischenfall, welcher in vielen Berichten stark übertrieben wurde, schritten die Rusten zum Angriff vor; ste verließen ihre Berschanzungen und stürmten mit dem Bajonette unter Deckung eine« von ihren Batterien lebhaft unterhaltenen Artilleriefeuers auf die decimirten türkischen Abtheilungen und warfen dieselben trotz ihrer aus dem Dorfe Schipka erhaltenen Berstärkungen mehrere Tausend Schritte zurück. Rach diesen Kämpfen sche nt Suleiman Pascha den Frontangriff vorläufiz ststtrt zu haben. Nach den neuesten Meldungen gewinnt es aber das Aussehen, daß er mit seinem rechten Flügel eine Umgehung der russi- scheu Stellung über Prohacka und Stozevci vorzunehmen dachte, da starke Truppenbewegungen in dieser Richtung bewirkt wurden. Wenn es den Tä.ken gelingen sollte, über den Trewna-Balkan ansehnliche Kräfte auf die nördlichen Abhänge deS Balkans zu werfen, während ste den Angriff auf Schipka auf ihrem linken Flügel und im Centrum wiederholen, ist es sehr möglich, daß die Rusten den Paß aufzugeben gezwungen werden. ES ist aber zu bezweifeln, daß die erwähnte UmzehungSoperation gelingt, denn die russische Kriegsleitung hat starke Masten bi» zum Balkan vorgeschoben, und die ungangbarsten PSste sind befestigt und stark beseht worden. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Forcirung deS Balkan- bei Schipka für die Türken fortan beinahe unmöglich geworden.
Lage-bericht»
Eine osficiöse Notiz erklärt die Gerächte über eine bevorstehende Zusammenkunft des Grafen Audrasty mit dem Fürsten Bismarck für verfrüht. Eine Zusammenkunft sei ursprünglich nicht beabsichtigt gewcs.n und auch bis jetzt noch keine bestimmten Beschlüste in dieser Hinsicht gefaßt. Vielleicht könnte man die Sachlage bester so auSdrücken, daß von Seiten deS Reichskanzlers eine Zusammenkunft mit dem Grafen Audrasty durch die Wahl des Badeortes Gastein entschieden begünstigt wordm ist, und daß Fürst Bismarck dem Zusammentreffen jevenfalls nicht ausweichen wirb.
Nach einer Meldung des „Memorial biplomat q ie* kurstrt in London das Gerücht, daß sich Deutschland jeder friedlichen Lösung der Orientkrise widersetze. Als ob Deutschland irgend eine der kriegführenden Mächte zwingen könnte, den Krieg fortzuführen, wenn Neigung vorhanden wäre, denselben zu beendigen. Die französische Mache dieses Londoner Gerüchts ist unverkennbar. In Konstantinopel soll man gegen den Prinzen Reuß sehr erbittert jein, zuerst weil man ihn als einen eventuellen Candidaten für den Thron dcS unabhängigen Fürstenstaats Bulgarien an- sah, sodann weil die Note wegen Verletzung der Genfer Convention in äußerst energischen Ausdrücken verfaßt war. D e Depeschen Oesterreichs und Italiens in demselben Betreff sind urendlich höflicher und maßvoller. Man ist virlsach der Ansicht, daß dir drei Noten identisch seien, allein daS ist — so versichert der Correspondent deS fran- zöflschrn Blattes — nicht der Fall; sie sind verschieden, sowohl im Wortlaute, wie im Geiste, der sie dikrtrte.
Das Verhängniß selbst scheint der französischen Regierung vom 17. Mai zu Hülfe zu kommen. Der Telegraph meldele gestern den Tod de» Herrn Thier», welcher vorgestern Abend nach 6 Uhr erfolgte. Alles, was die Republikaner seither gethan, um in den bevorstehenden Wahlen den Sieg zu erringen, ist heute auSgclöscht. Der Parole der ganzen Agitation war auf der Seite der Name Thiers, der einzige Mann in Frankreich, welcher das Vertrauen der Nation in einem so hohen Grade besaß, um dem Marschall Mac Mahon wahrhaft gefährlich zu werden. Die Candldatur Gambetta'S, heute aus die Fahne geschrieben, würoe voraussichtlich den Sieg der sich konservativ nennenden Parteien vollständig machen. Bermuthlich wird sich die Regierung nunmehr beeilen, die Wahlen auszu schreiben, da e» in ihr m Interesse liegt, den Republikanern
mag wohl 60,000 Einwohner haben; sie liegt, von der Loire durchflossen, so recht in einer der gesegnetsten und schönsten Gegenden Frankreichs. Besonders bemerkenswerth in ihr ist die prächtige Kathedrale, ein Meisterstück der Gothik, mit hohen, oben abgestumpften Thürmen, wie sie alle größeren gothischen Kirchen Frankreichs zeigen — und die kolossale Reiterstatue der Jungfrau von Orleans (an deren Geburtsort Domremy uns übrigens unser Marsch am 19. August ganz nahe vorbeigeführt hatte) auf dem Place Mortroy. Jedenfalls haben auf ste, über die sie umdrängenden und umlagernden Pickelhauben hinüber, die Blicke und Wünsche der Orleanesen „qu’elle sauve la Francei“ *) in jenen Tagen sehnsüchtig sich gerichtet. Aber umsonst hob die Jungfrau, die droben geharnischt aus dem Rosse saß, wie drohend ihr Schwert über die Prüssiens; die standen in aller Gemüths- ruhe da, wo gestern Abend schon die Bivouakfeuer gelodert und die Statue grell beleuchtet hatten, rauchten ihren guten oder noch häufiger schlechten Kriegstabak aus ihren kurzen Porcellankloben und freuten sich, daß sie nun glücklich in „Urleans" seien.
13. Oktober. Heute Mittag wurden die Leichen der beiden, am 11. October gefallenen Officiere Oestereich und la Barre mit allen militärischen Ehren auf dem schönen Friedhöfe von Orleans zur letzten Ruhe gebracht. DivisionS- pfarrer Schwabe hielt am Grabe eine ergreifende Rede, und wurde auch mit dieser Feierlichkeit noch ein besonderer Dankgottesdienst für die glückliche Einnahme von Orleans verbunden. — Ob Schwabe nicht vielleicht schon seinen nahm Tod ahnte, als er am Schluffe des Gottesdimstes so innig betete: „Stärke uns, o HErr, und sei unser Schirm und Schlld, wenn wir nun neuen Gefahren entgegen gehen müssm!"
erschöpft Wir währmd gerastet (40,000 Orleans
Wor sieöen Jahren.
Tagebuch eine# Dretunbachtzigers au» »em deutsch - französischen Kriege 1870/71.
(Fortsetzung.)
Von hier aus aber wurde das Terrain, da es aus Weinbergen bestand, für unser Vorgehen sehr ungünstig, und hatte hier gerade das 32. Regiment besonders starke Verluste.
Der Kampf zog sich nun allmählich der Stadt Orleans näher und wogte bereits vor und in der Vorstadt St. Jean, als die 2. baierische Infanterie-Division uns, da wir total
möglichst wenig Zeit zur Bestnnung zu lasten. Auch die St-llung des Auslände» zu den inneren Angelegenheiten Frankreichs dürfte durch den Tod des Herrn Thiers eine wesentliche Veränderung erfahren.
Die „Politische Korrespondenz" meldet: Die russischen Vcrstärlnngen treffen jetzt beschleunigter und deshalb muffen» Hasler in Bukarest ein. Die russischem Positionen im Schipkapiste sind nunmehr derartig besetzt und befestigt, daß dieselben für uneinnehmbar gelten können. — Also die Rasten sind noch im Besitz des Passes, was Suleiman Pascha selbst zugesteht, da er meldet: Der Arttilleriekampf im Schipk-paß dauere fort Die Türkm geben ihre Verluste in den Schipkakämpfen selbst aus 7000 Mann an, — liebet die letzten Kämpfe im Schipkapaß schreibt man der „Pol. Corresp." aus Galatz, 31. August: Der Kampf am Schipkapaste ist noch nicht zu Ende. Die Unterbrechung scheint nur wegen physischer Erschöpfung beider Theile eingetreten zu sein. BIS jetzt haben die Rusten ihre Stellungen behauptet. Einzelheiten über die Kämpfe am 26. und 27. stad nur spärlich eingelaufen, aber das Wenige, was man erfährt, genügt, um ein anschauliches Bild des Angriffes zu geben. Nachdem die Türken nämlich eingesehen hatten, daß sie trotz aller Bravour und Zähigkeit über St. Nicolas und Marco-Kralski-Bair (v. h. vom Süden her) die Pastage unmöglich forciren können, warfen ci-selben starke Abth Uunzen in die Thäler oder vielmehr Schluchten der Koserica und machten sogar eine weitläufige UmgchnngSbewegung, um über Panicarka und läng« deS Panicarka Flüßchens vorzudringen und das Jantra-Thal hinter der russischen Aufstellung zu erreichen. ES gelang ihnen auch nach fürchterlichem Kampfe und mit schwere« Verlusten bis in die Flanke der russischen Stellungen vorzudringen und sich auf einem stark bewaldeten Höhenzuge festzusetzen, von welchem ste die Rusten ernstlich bedrohten und beinahe umzingelten, so daß die letzteren gezwungen waren, dringend um Verstärkungen zu bitten. Letztere trafen noch rechtzeitig ein. ES entspann sich ein mörderisches Waldgefecht, in welchem Kolben und Bajonett dir Hauptrolle spielten. Endlich gelang es den neu ankommenden russischen Schützen-Bataillonen, die Türken aus ihr-n Stellungen zu delogiren und aus Selendersvo über den Ozan» Dag zarückzuwerfen Während der linke türkische Flügel in di s m blutigen Kampfe unterlag, unterhielt das Cuttrum auf dem Hiup wege und den bewaldeten Abhängen de« Paffes ein lebhaftes Tiralleurfeuer in stetem, aber langsamem Verrücken gegen die von d n Raffen errichteten Schanzen. Die erste Schanze wurde sogar von den Türken
Neueste KriegSnachrichten:
London, 4. S pt. Eine Depesche der „Daily New»" ans Poradin 31. August constatirt hinsichtlich der letzten Kämpfe bet Plewna, daß der Angriff Osman Pascha'» auf die russischen Positionen von Jgalince und Pelisat, au» welchem sich die furchtbarste Schlacht de» ganzen Kriege» entwickelte, allenthalben mit dem Rückzüge der Türken endigte. Die Ruffen gewannen sämmtliche früher verlorenen Post- Honen wieder und verfolgten die Türken eine Strecke weit mit Cavallerie. Bei einer Stärke von 20,000 Mann verloren die Rusten etwa 500, während der türkische Verlust sich auf 2000 tobte und Verwundete beziffert. — Nach einem Telegramm der „Daily NrwS" au» Gornij-Studen haben die Rusten zwar nicht ihre frühere Vorpostenlinie wieder gewonnen, aber ihre Verschanzungen behauptet. Einem Telegramm desselben Blatte» aus Erzerum, 2. d., zufolge tr*ffin die Türken Vorbereitungen znm Marsch auf Alexan- dropol.
I j Wien, 4. Sept. Ein T-legramrn der „N fr. Pr.'
vertrieben und die Unseren im Besitz der Stadt seien, welche Nachricht von uns natürlich mit ungeheuerem Jubel aufgenommen wurde.
Nun bewegten denn auch wir uns gegen die Stadt ihn; bei der großen Truppenmenge, die hier zusammen- ßrömte, war indessen an ein rasches Vorwärtskommen nicht zu denken — und war es gewiß schon gegen 10 Uhr
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition ».Blatte», sowie d.Annoncen-Bureaux von @. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiene» in Slbetfelb; 6. Schlotte in Bremen.
«rscheiut täglich außer den Werktagen nach Soun- und Feiertagen. Preis fiir daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „3Iu|hrirte, ®«Bttia,<»t«t" durch die «rpedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen «art, durch die Postämter des Deutschen Reiche« i Kart SO Pf,, (exl. Bestellgebühr). JnsertionSaebiihr fiir die gespaltene Serie 10 Pf,.
Für in der Expebltü-n ,v ertdeilende Auskunft and Aunatme von Adressen werden 15 Pf,, berechnet.
' Abends, als wir in der genannten Vorstadt St. Jean an- ' kamen, wo wir, so gut es anging, uns in allen uns nur . zu Gebote stehenden Räumen unterbrachten. Ich lag mit ■ meinen Leuten in dem großen Lagerhause eines Weinwirthes, ivohin wir uns aus den nächsten Häusern einiges Bettwerk schafften, um nicht die Nacht über auf den harten und feuchten Steinen liegen zu muffen.
Mit Essen freilich war es heute Abend mangelhaft bei * uns bestellt — aber Ruhe that uns nach dem heißen Tage 1 auch gar sehr noch, und nachdem, wenn auch nicht Alle, Jo doch gewiß die Meisten von uns dem lieben Gott dafür ' gedankt, daß er auch heute wieder in der blutigen Feld- : L