$r. 20S.
Marburg, Sonntag, 2. September 1877.
XH. I-htWA.
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Die Cxp. d. Oberh. Zeit.
, Politische Woche» - Ucierstcht.
In Deutschland haben die herbstlichen Truppen- hestchtigungen begonnen, am Sonntag Abend ist der deutsche Kronprinz zur Abhaltung der bayerischen nach Würzburg «ad von da nach Bamberg und Regensburg abgereist. Der Kaiser eröffnete die seinigen am Freitag (31. Aug.) mit einer großen Parade deS Gardecorps bei Berlin, worauf er sich zu den westiiltsch-rheinischen Manöver« an den Rhein (zunächst nach Schloß Benraih bei Düffeldorf) begiebt, wo auch der deutsche Kronprinz am Sedautage aus Regensburg ein- ireffen wird. Am Sonntage wurde die „Canoffa-Säulc", — beschloffen zur Erinnerung an das parlamentarische geflügelte Wort des Fürsten Bismarck: »Nach Canossa gehen wir nichil" — auf dem Burgberge bei Harzburg unter zahlreicher Betheiligung und in gehobener Stimmung feierlich enthüllt. In Betreff der Vorbereitungen zu der nahenden Landtags-Session hat das preußische Staats- Ministerium, unter dem Vositz; seines auS dem Sommer- Urlaub eben zmückgckehrten Vice-Prästden'en Cawphausen, am vorigen Donnerstag eine Sitzung gehalten. Wie es heißt, ist eine Vorlage wegen Ausdehnung der neuen Verwaltungs-Organisation (Kreisordnung rc.) auf die beiden westlichen Provinzen für die nächste Session noch nicht zu !erwarten, dagegen wahrscheinlich eine Vorlage wegen Ausdehnung derselben aus Schleswig Holst in.
Die Frage, ob Oesterreich-Ungarn gegen eine Betheiligung Serbiens am Kriege mit der Türkei Einspruch erheben würde, scheint nunmehr endgültig gelöst zu sein. Graf Andraffy legt seine dem abberusenen Boischaster deö Sultans, Aleko Pascha, gegenüber eingegangene Verpflichtung dahin auS, daß er erklärte, er werde eine Cooperation Serbiens mit Rußland und einen russischen Einmarsch in Serbien nicht dulden; ein einseitiger Krieg Serbiens gegen die Türkei berühre aber Oesterreichs Jatereffen nicht. Einen russischen Einmarsch in Serbien oder eine Ccope rot'oti Serbiens werde er seinerseits mit einem Einmärsche beantworten.
In vatikanischen Kreisen werden Vorbereitungen getroffen für ein neues Fest, das gefeiert werden soll, da Papst Piu« IX. den Apostel Petrus auch an Dauer des bischöflichen Amte» übertroffen habe.
In Frankreich »erben die Zustände immer verwickelter und trostloser. Die Regierung Mac Mahon'S kann nicht leugnen, daß sie auf cletkale Einflüsse rechnet
Aor sieben Zähren.
Tagebuch eines Dreiundacht,rgerS aus dem deutsch - französischen Kriege 1870/71.
(Fortsetzung.)
Anderthalb Stunden harrten wir so des nahenden Feindes — und wenn er einigermaßen gut marschirt wäre, hätte er schon an uns heran sein können — oder des Be- J fehles, ihm entgegen zu gehen — aber keines von beiden kam! —
Isis nun — was ich nicht glaube — ein blinder Lärm gewesen, oder hat der Feind auf die Wahrnehmung hin, baß wir bereit seien, ihn zu empfangen, sich wieder hinter He schützenden Forts zurückgezogen — genug! nach andcrt- halbstündigem Warten hätten wir, als der Befehl kam, wieder in die Quartiere einzurücken, denen, die uns allarmirt hatten oder denen, die Schuld an dem Allarmiren waren, dasselbe sagen können, was einst eine Bürgerwehrpatrouille Anno 48 einer anderen, die ihr in der Dunkelheit aufstieß, Nach gegenseitigem Erkennen bemerkte: „Was hawwe Se uns awwer erschreckt!"
Es ging also in die verlassenen Quartiere zurück; viel- ) leicht auch in die Betten wäre wieder gekrochen worden, wenn welche dagewesen wären — aber da Keiner Lust hatte, auf das armselige Lager von Hobelspänen, Stroh u. dgl. noch einmal seine Glieder, die freilich von dem langen Stehen schon in der Morgenfrühe etwas ermüdet waren, zu strecken, so wurde vor allen Singen ein ordentlicher Morgenkaffee gekocht. ' ~ m u
Um 9 Uhr erhielten wir Befehl, daß, da Se. Maj. der ftßnig Mittags hier durchkommen und die Truppen, bte m Baienton im Kantonnement lagen, inspiciren wolle, Mrs
und im klerikalen Fahrwasser fährt; aber diese Thatsache ist unbequem, und so haben denn, um die Befürchtungen ter Bauern vor Wiedereinführung der ZlrangSbetchtzetteln, Zehnten u. s. w. zu heben, die Minister Fourtvu und Brunet die Gelegenheit gesucht und gesunden, in Reden zu versichern, daß die Regierung nicht klerikal sei. Ein an- "bered Mittel gute Wahlen zu erzielen, besteht in der neuen Rundreise Mac Mahon'S nach der Loire und Gironde, die vom 17. bis 14. September dauern und in einer großen Rede ihren Höhepunkt erreichen soll. Ein drittes M tiel ist das Vorgehen gegen Gambetta wegen dessen jüngst in Lille gehaltener Rede. ES handelt sich dabei um Beleidigung Mac Mahon'S. Der ProgisS de Lille und die Röpublique Frai^aise, welche die 9t.be zuerst gebracht, sollen gleichfalls vor Gericht gestellt werden. Buch ist be reite von Verfolgung des allen Thierö, der in Seint Germain einer Deputation einige Worte erwiederte, und von anderen Prozessen gegen liberale Senatoren und gewesene Deputirte die Rede. Die Regierungsorgane machen keinen Hehl daraus, daß Fourlou darauf ausgeht, vor den Wahlen noch eine Anzahl der republikanischen Führer unter Schloß und Riegel zu bringen, um auf ihre Wähler einen heil samen Schrecken auszuüben und, was die clcricalen Organe besonders verlangen, „um die Guten zu befestigen."
In E n g l a n b ruht das politische Leben seit Schluß der Session säst völl g. Am 27. August hielt der Schatzkavzler Norlhcote in Plymouth eine längere Rede, in welcher er die Thäiigkeit des Parlaments vertheidigte und die Angriffe gegen die Politik der Regierung zurückaieS.
Sowohl auf dem europäischen wie aus dem astatischen Kkiegsjchaupiatz ist cs zu heftigen Kämpfen gekommen, welche im Allgemeinen einen für die Waffen des Sultans günstigen AuSgang nahmen. Zn mehreren scharfen Vorpostengefechten em rechten Ufer des schwarzen Lom stießen die T Uppen des Zarewttjch mit denen Mehemed Alr's zusammen. DaS tütkische Centrum rückte vom Eskidschuma in der Richtung auf AjaSiar und Popkioi vor und wurde auf diesem Marsche am 23. August bei Rifllar von russischen Streitkräften angegriffen. Die Türken, welche etwa 20,000 Mann stark, unt<r dem Commando Salih Pascha« standen, wiesen den Feind kräsiig zurück, drängten ihn sogar mit einem Verlust von 2 Kanonen aus seinen befestigten Stellungen bei AjaSlar auf Sultankioi und Pcpkoi zurück und verschanzten sich bann in den eroberten Positionen; der rechte Flügel Mehemed Alis machte eine Umgehungsbewegung, um die Raffen zur vollständigen Räumung des rechten Lom- uferS zu zwingen, doch ist der Ausgang dieser Operation noch nicht bikannt. Der russische Verlust in diesem Tr.ffen bei AjaSlar war ziemlich beträchtlich. Die Hauptaufweik- samkeit ist jedoch nicht auf diese Zusainmenstöße am Lom gerichtet, auch eine scharfe Recognoscirung Osman PaswaS
in den gehörigen Stand zu setzen fei. Da hieß es nun noch gehörig geputzt — die Uniformen und Waffen nicht bloß, fonbern auch die Hauptstraße.
Gegen 10 Uhr trat unser Bataillon zusammen und rückte bis vor die Stabt, um Aufftellung zu nehmen.
Die Ankunft S. Maj. verzögerte sich inbessen unb erst, nachbem wir, balb stehenb, bald sitzeub, in jeber Stellung aber hungerig, so ziemlich 4 Stunbm lang gewartet, würbe uns enblich bie Freube, unseren obersten Kriegsherrn unb König wieder einmal begrüßen zu können. Er ritt mit zahlreichem Gefolge heran, entbot uns seinen königlichen Gruß, sprach dann mit dm Officierm und redete auch viele Mannschaften an. Im Gefolge Sr. Majestät erblickte ich auch — unb zwar nach langer Zeit wieber zum ersten Mclle — meinen früheren Commanbeur, Gmeralmajor von Wittich, welcher seither bie 49. Infanterie - Brigabe (Hesfm-Darmstäbter) commanbirt unb von heute ab bas Commanbo bet 22. Infanterie - Division, welches seither General-Major v. Schkopp gehabt, ber bafür bie Führung bet 21. Infanterie-Division bekam, übernahm.
4. Oktober. Heute Morgen sanbm Seitens bes Ba- taillonscommanbos bei uns Quartierbesichtigungen statt; um 2 Uhr Nachmittags würben wir umquartiert, bekamen aber womöglich noch schlechtere Quartiere, als wir seither inne gehabt. Nach unserem Einzug in bie neuen Quartiere, ber, unb zwar namentlich wegen bes gleich nachher in Aussicht gestelltm Dienstes weniger mit Segenswünschen als leider! von einigen Kerls mit fürchterlichen Flüchm gefeiert würbe, würbe von 5 bis V>7 Uhr exercirt.
Abmbs traf bie, allerdings verfrühte Nachricht hier ein, bie Festung Metz habe capitulirt, welche Kunde, natürlich nicht verfehlte, bebeutenben Jubel unter ben Mannschaften hervorzurufen. —
in der Richtung auf Selwi war von {eher größeren Bedeutung, dahingegegm schaut ganz Europa mit Gespanntheit unb Aufregung auf die blutigen Kämpfe, in denen die Türken unter Suleiman mit den Raffen unter Radetzky um den Besitz des SchipkapaffcS ringen. Am 21. August begann bte türkische Armee den Sturm. Suleiman juchte anfänglich sich stützend auf feine Ucbcrmacht ben Paß durch einen Frontangriff zu forciren, und fast wäre cö ihm bei ber numerischen Schwäche ber Bertheidiger gelungen. Zehn Mal rückte er vor, zehn Mal würbe et abgewiesen; am 22 beschränkte er sich auf Unterhaltung eines starken Vor- postenfeuerS und suchte mittlerweile einzelne Solennen in bie Flanke ober gar in den Rückm der Russen zu senden; am 23. begann er ben Angriff wieder mit erneuter Wuth und würde sich, wenn nicht General Ra etzky rechtzeitig mit Reserven einer auf Kofakeopferdm herangebrachten Schützenbrigade eingetroffen wäre, wahrscheinlich des Paffes bemächtigt haben; so wurde er abermals mit starkem Verluste abgewiesen. Doch auch die Ruffen wurden stark mitgenommen. Buch am Freitag unb Sonnabend erneuerte Suleiman seine Angriff: und war am Sonntag bereite soweit notgedrungen , daß die Nachricht verbreitetet wurde, der Paß sei gefallen. Nach den neuesten Nachrichten ist eS jedoch ben Türken erst gelungen, am Montag nach abermaligem seht blutigem Ringen sich in ben Besitz einiger Verschanzungen zu setzen, während sich Radetzky noch in dem Hauptwerke St. Nckolaus behauptet; doch geben selbst russische officielle Depeschen zu, daß Suleiman sich auf mehreren Hügeln in den Flanken ber tu fischen Stellung festgesetzt und dort Geschütze in Position gebracht habe, mit welchen St. Nikolaus bestrichen werden könne. Eine Entscheidung ist bis jetzt, obschon Tausende auf beiden Seiten dem wüthenden Kampfe zum Opfer gefalle», noch nicht einge- treten. General Nepokoitschizky, der Chef deö russischen GeneralstabeS, hat sich selbst nach dem Kampfplatz begeben. Die bosnischen Insurgenten sind abermals von den Türken geschlagen, während auf dem montenegrinischen Kriegsschauplatz eine Veränderung nicht eingetreten ist. Die Montenegriner haben bie AußenforiS von Niksttsch bes.tzt, während sich die Türken noch in bet eigentlichen Festung behaupten. Nach langen Verhandlungen scheint nunmehr endlich die Frage der kriegerischen Mitwirkung der rumänischen Armee entschieden zu sein. Ansänglich soll Großfürst Nikolaus den Rückmarsch derselben auf vaS linke Donauufer unb ihre Entwaffnung verlangt haben. Da jedoch Fürst Karol unter keinen Umständen hieraus em- gehen wollte und mit feiner Abreise cu6 ben Fürstenthü- mern nach Oesterreich drohte, gab man im russischen Haupiq rartier nach und gestattete den Einmarsch in die Bulgarei, ohne indeß eine formelle Waffen Convention ab» zufLIi ßen. Der Uebergang eines TheileS dec tumä itschen
5. Oktober. Morgens starker Nebel, in welchem unsere 2. Compagnie, bie eine Abtheilung vom 95. Regiment auf Vorpostenstellung gegenüber Fort Charenton ablösen sollte, sich so verirrte, baß sie ganz nahe an bie feindliche Vorpostenkette herankam, jedoch glücklich, bevor ber Feinb ihr Nahen merkte, zurückgehen unb, freilich nach längerem Suchen, bie anbere Compagnie ablösen konnte.
Dem nebeligen Herbstmorgen folgte ein wunderschöner Tag.
Um 12 Uhr passirte Se. Maj. der König, vom Schlosse Ferneres kommend, unser Kantonnement; das große Hauptquartier wurde heute von Ferneres nach Versailles verlegt.
Kurz vorher hörtm wir stärkeren Geschützdonner von Meudon her; auch Fort Charenton gab in einzelnen Gra- natensendungen, welche hauptsächlich unseren Vorposten galten, Lebenszeichen von sich. — Bei Fort Charenton und Creteil sah man übrigens fast ben ganzen Tag bie Franzosen beutlich mit Schanzarbeiten emsig beschäftigt.
Da ich heute nur wenig Dienst zu thun hatte, widmete ich meine freien Stunden der Korrespondenz in die Heimath.
6. Oktober. An diesem wunderschönen, nur etwas nebeligen Herbsttage erhielten wir Morgens um 11 Uhr Befehl, daß wir uns zum Abmarsche bereit halten sollten und daß die 22. Jnf.-Diviston schon in einer Stunde — wohin? wurde uns nicht gesagt, abmarschiren solle. Erst aus dem Allarmplatze wurde uns bekannt gemacht, daß wir dem I. bair. Armeekorps unter General v. d. Tann als Unterstützung zugetheilt seien unb somit einen Marsch südwärts von Paris antreten würden.
(Fortsetzung folgt.)