I ii ir. 184.
Marburg, Dienstag, 12. Juni 1877.
XIL )ahr,aig.
Köln rc.; Rudolf 302 L^in Berlin, Frank-
furt a. M. rc.
origen nimmt entgegen: U-editi°n d.Blattes, L d.Annoncen-Bureaux ■ , Th. Dietrich & Co. in
und Hannover; Th.
^jch in Frankfurt a.M.;
„Itnftein & Vogler in I x ’J - an m—r:„
O)liriiirffifific Zitililg.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition ».Blattes, sowie d.ANnoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wvchenttichen Beilage „Jluftrirtes GaMttugSdlutt" durch die Expeditton (lkoch'fche Buchdruckerei) bezogen Sß Wett, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Wert 59 Pfg. (eil. Bestellgebühr). — InsertionSgebühr für die gespaltene ßeue 19 Pfg. Für in der Expedition zu ertherleudr Auskunft und Annahme von Adrrffeu werden 25 Pf», berechnet.
)
I
gen
>en,
rr ö!
i die vird 897 tar-
»llerding» wollen die russischen Offiziösen heute noch Gt zugeben, daß Rußland der Tüikenherrschast selbst zu Me gehe. Jndeß werden die Freigeister in Constantinopel 6 russischen Waffen zu Hülse kommen. Die Tüikenherr- sstfi wird tu sich selbst zu Grunde gehen.
Plauderei über Krieg und Frieden.
Die FriedmSschwalbe, welche in der letzten Woche wopa durchschwirrte, war wirklich eine Schwalbe und je Ente, aber bekanntlich macht Eine Schwalbe noch Sommer. Der englische Botschafter in Constanti- ■d, Sir Layard, hat ernstliche Anstrengungen gemacht iidte Pforte dem Frieden günstig zu stimmen, — ob im Mirage feiner Regierung oder aus eigene Faust, ist Neben- *t. Aber die Türkei selbst zeigt noch wenig Lust zum
*en; um den englischen Botschafter zum Schweigen zu [tn erfand die Pforte eine Siegesdepesche, — Ardahan _j von den Türken zurückerobert worden sein. Unter । Eindruck dieser wenngleich erlogenen Nachricht, war natürlich unmöglich der türkischen Nation von Frieden stä j, reden, und noch weniger konnte man verlangen, daß 1^7 M siegreiche Türkei selbst um Frieden bitten sollte.
_ ( Za der That läßt die ganze Geschichte die diplomatische t*l« zpgcität Sir Layard'« in einem sonderbaren Lichte er -----leinen. Was sollte ein Frieden frommen, geschloffen jetzt, auf dem Haupi-KrlegSschauplatz der Vorhang noch iÄjr mtr nicht emporgestiegen ist. Soll man das Traumspiel Meßen noch ehe eö begonnen hat? Zn Mitteleuropa ,r. , aigstenS ist eS ein ziemlich allgemeiner Wunsch, daß der iMne Alexander den gordischen Knoten gründlich mit |» Schwert durchhauen und die orientalische Frage sür iU, met beseitigen möge. Wäre der Islam culturfähig, wäre i I möglich, die Türkenherrschaft auf moderne Grundlagen MM i stellen und wäre die osmanische Dynastie so zahlreich in der Mehrzahl ihrer Mitglieder so intelligent, um br Balkanhalbinsel vernünftige Herrscher zn geben, so |k wohl die diplomatische Lage heute eine ganz andere
Die Botschafter-Conferenz in St. Petersburg hat ihren Uhr, ffchluß gefunben, die Botschafter find zum Theil wieder reiben izneist. Die Osfiziösm sagen, die Conferenz habe nur l je« p gebient, die russischen Diplomaten gründlich in alle t uns chn der Politik deS Fürsten Gortschakoff einzuweihen, [1504 kt zu besonderen Verhandlungen hätten sie kein« Auftrag -----’ polten. Nun gut, wir wollen mit den Offiziösen nicht i Worte streiten. Aber wir hoffen, daß die Botschafter tztk Ii I die Lage gesetzt sein würden, das noch immer in einzelnen. m Ländern vorherrschende Mißtrauen gegen die Politik GrüLLßlandS zu beseitigen. WaS das deutsche Reich betrifft, ~ > zweifeln wir nicht, daß sich Fürst DiSmorck sichere Bürg
en«.
S
n
rr.
114' b.76,9
177. icrm
heißt nicht umsonst Bismarck, er beißt auch, und gebt , er beißt Oesterreich ins Mark, daß eS sein Lebtag zu curiren hat, eh' eS wieder heil wird, das sage Euch, der Bartfriedel, potz Scheerbeutel und Seisen- !'
V Darauf warf sich der Altbauer denn auch wohl einmal die Brust, der doch auch fein gut Theil Weisheit zu vermeinte, und rief dazwischen:
„@t der tausend, Friedel, geh' doch nicht so gar ge tig ins Zeug und red' ins Blaue hinein, daß uns Allen Köpfe heiß werden, als stünden wir schon mitten im >er des Feindes I Willst es immer bester verstehen, als t gelehrten Herren, der H rr Pastor und der Herr Cantor 1*
„Bester verstehen? Potz Scheerbeutel und Seifenschaum, *r sagt, bester verstehen?' fuhr Friedel herau«. „Die Ären haben Recht, vollständig Recht l Aber der eine, der
Die Waise von Sonnenthal.
Arische Novelle aus dem Kriege im Jahre 1866 von Rudolf Mellnau.
in}.
list ii
„ES giebt Krieg,' fuhr nunmehr nach dem Rückzüge I Cantor« der Bartfriedel, wie der Bader Friedel ölige, ki« im Dorfe hieß, eifrig fort: „Es giebt Krieg, es maß tieg geben, das sage ich Euch, der Bartfriedel, potz Scheer ) V und Seifenschaum 1 Meint Ihr denn, Preußen solle et wüste sich fortwährend bi« aus'S Blut cujonireu lasten ?UC. « dem listigen bankerotten Oesterreich? Ich sage Euch, 1 I giebt diesmal mehr wie eine Schlacht bei Bronzell und —-M erleben kein zweites Olmütz, dafür kenne ich unfern arck. Wenn der auch nur drei Haare auf dem Kopfe so hat er dafür desto mehr auf den Zähnen und der sich von einem Psaffmstaate wie Oesterreich nicht jein und an der Strippe ziehen wie ein Zappelmann;
schäften für die Einhaltung eines vereinbarten Programm« verschafft haben wird.
Lage-bericht.
Der Kaiser hat sich auf der LIegnitzer Reise durch eine leichte Erkältung und wohl durch die vielfachen Anstreu- gnngen und die wiederholten Reden, die mit dem Jubiläumsfest verbunden waren, eine leichte Heiserkeit zugezogen, so daß er gezwungen ist, auf kurze Zelt das Zimmer zu hüten und der Besichtigung der Gardc-Feldartillerie-Brigade auf dem Krcuzberge nicht beiwohnm konnte. Der Zustand de« Monarchen befindet sich jedoch in steter Besterung und steht zu hoffen, daß das Unwohlsein bald gehoben sein wird.
Der Chefredaeteur der „Nordd. Allg. Ztg.' Dr. E. Pindter ist, wie wir vernehmen, vom König von Italien zum Ritter de« Ordens della corona d’Italia ernannt worden.
Bus Anlaß der Abberufung des bayerischen Gesandten Frhru. v. Pergla« an dem Berliner Hofe wird noch immer viel Staub aufgewirbelt. Herr v. PerglaS soll in Berlin keineswegs persona grata gewesen sein und Fürst BiSmarck wiederholt den Wunsch zu erkennen gegeben haben, daß ein Wechsel in der Vertretung Bayern« an dem diesteitigen Hofe vorgenommen werde. Der bayerische Hof hat jetzt diesem Wunsche entsprochen und wie wir erfahren, wird der durch feine deutsch.nationale Gesinnung bekannte Graf Luxburg der Nachfolger des Herrn v. Pergla« werden.
Aus Bayern meldet mal un«, daß die Mtramontanen den Wiederzusammentritt der bayerischen Kammer dazu benutzen wollen, um die Regierung wegen der deutschen Politik in bet Orientfrage zu interpelliren. ES wird bei dieser Gelegenheit selbstverständlich an Angriffen auf dm diplomatischen Ausschluß im BundeSrathe nicht fehlen. UebrigenS wird wohl der Minister deS Auswärtigen in Bayern teb nerlei Mittheilungen über die Orientfrage machen, da Bayem sich nicht dem Verdacht aussetzen kann, als ob e« auf eigenen Händen Politik treibe.
DaS enorme Uebergewicht der englischen Seemacht ist durch die neueste Entwickelung der Suezkanal Angelegenheit in ein helles Licht gesetzt worden. Nm im vollen Bewußtsein dieses Uebergewicht« konnte die englische Regierung da« von ihr beliebte Verfahren einschlagen. Um sich nicht selbst die Hände zu binden und für ihre Truppenbewegungen sich ben günstigsten Weg zu versperren, lehnte sie es ab, sich mit dm Mächten über da« internationale Berhältniß de«
Pastor, spricht in Rächseln und geht nicht heraus mit bet Sprache, um Euch nicht vor ber Zeit aufzubringen und kop scheu zu machen, unb der andere, der Cantor, spricht soweit ganz vernünftig von der politischm Situation und der allgemeinen Weltlage; aber er beurtheilt sie in ihren Folgen falsch und hat eine irrige Meinung von der Sache, da liegt« 1 Die gegenwärtige politische Situation kann keine anderen Folgen haben al« Krieg, einen großen gewaltigen Krieg I Nur das Schwert kann noch entscheiden 1 Friedliche diplomatische Gänsefedern, selbst scharfgeschliffene, spitzschnäb- liqe Stahlfedern reichen nicht mehr aus, eine versöhnliche Entscheidung herbeizuführen I Krieg, Krieg, sage ich Euch, kann Preußen nur von dem Schmutzflecken reinigen, womit efl das übermüihige Oesterreich, dieser Pfaff-ustaat, besudelt I Und ich will nicht Bartfriedel heißen, kein Scheermeffer m hc schwingen, keinen Schaum mehr rühren, keinen Schröpfkopf mehr setzen, keine Ader mehr schlagen und keinen Zahn mehr brechen, wenn eS nicht so kommt, wie ich eS Euch vorauSgesagt, das sage ich Euch, der Bartfriedel, potz Scheerbeutel und Seifenschaum l'
- „HanS Brausewind solltest Du heißen, Friedel,' fuhr der Altbauer auf, „schwatzest da fad Gelag hinein und weißt zuletzt nicht mehr, wo hinan« I Laß' Dir'« gesagt f.in und sei vorsichtiger mit Deinen Redensarten; vor allen Dingen red' ein Bischen reputlrlicher von Oesterreich.'
„Und wer will mir verwehren', zu sagen, wa« ich beweisen kann? Ihr etwa Altbauer, he?' fragte nicht ohne Hohn der Bartfriedel. „Will« Euch beweisen, Altbauer, daß Oesterreich ein Psaffmstaat ist und wenn Ihr oder ein Anderer meinen Beweis widerlegt, so zahle ich zwölf Schoppen l*
Friedel erhob sich, nahm noch einm gewaltig« Zug au« fein'm Schopp n und fang dann laut und deutlich
Suezkanal« zu verständigen. Auf der ander« Seite schränkt England gegen die klarst« Regeln deS Völkerrechts die kriegerischen Operationen Rußlands ein, ohne um die Zustimmung der neutralen Mächte sich nur entfernt zu bemühen. Auf diese Thatsache muß das größte Gewicht gelegt werd«. England hat damit faktisch bereits das Protektorat über Aegypten übernommen. Die „arrogante" Art de« englisch« Vorgeh««, welche selbst im englisch« Unterhause betont worden ist, würde sicherlich zu unangenehmen Verwickelung« führ«, wenn Rußland überhaupt im Sinne hätte, Aegyptm in seinen Operationsplan heranzuziehen.
In der rusfischen Prefle wird daS Projekt Bulgarien mit Rumänien zu vereinigen mit großer Wärme befürwortet; wie man uns versichert, soll Fürst BiSmarck nicht abgeneigt sein, seinen Einfluß zu Gunsten jmer Annexion geltend zu machen.
Aus Ast« liegen eine Reihe von Berichten vor, welche den Zustand der türkischen Festungen in kläglichem Lichte erscheinen laffm, dieselben find höchst mangelhaft verprc- viantirt und können sich nur noch auf einige Wochen halten. Dazu kommt, daß die türkischen Truppen gar keinen Sold mehr bekommen und zum groß« Theil entmutigt sind. Auch die Haltung der Bevölkerung in ben beiden Vilajetö Erzerum unb Trapezunt, welche bekanntlich vorzugsweise als KriegSobject unb Siegespreis von ben Ruffen ausersehen worden, wirb als eine ziemlich unzuverlässige bezeichnet. Da wo ble Ruffen bereits Terrain gefaßt, ist das Benehm« ber OSmanm ein entgegenkommende«, was sich daraus erklären mag, daß die Rusten äußerst schonend gegm die Bewohner der orcupirtw Gebiete auftret« — eine Taktik, N der« Befolgung in diesem Falle darauf schließen läßt, daß > sie, worauf auch alle ander« Anzeichen hindeuten, die Annexion der oben genannten beidm Statthalterschaften ernsthaft in BnSficht genommen haben. — Bon dem europäischen Kriegsschauplätze ist zu melden, daß die Türken nach ihr« Angaben einen großen Sieg über die Montenegriner er» rungen zu hab« behaupt«, eine Mittheilung, die nach den Vorgängm wegen der angeblichen Rückeroberung von Sr- dahan, mindestens mit großer Vorsicht aufzunehmen ist. Die Griechen verhalt« sich noch ruhig und die Serben hätten wohl Lust sich der Action gegen die Türkei anzuschließen, sind aber in ihr« Rüstungen noch sehr weit zurück, und fürchten sich außerdem vor einer Okkupation Oesterreichs.
----5— v Neueste KriegSnachrichten: -
Bukarest, 8. Juni. Der Kaifer von Rußland wotbc-“
folgendes Stücklein al« einen Beweis, daß Oesterreich nicht nur ein Pfaffen- sondern sogar ein Lumpenstaat sei:
„Wenn Oesterreich nicht reich an Lump« wär, Wo nähm' eS wohl alle« Papiergeld her?
Drum — Oesterreich ist ein Lumpenstaat, Weil eS so viel Papiergeld hat!'
Ein wahrer Heidenlärm erhob sich als Friedel schwieg. Die Bauern lachten, daß ihnen die Bäuche wackelt« unb bte Thränen über bk heißen Backen liefen.
„Der Bartfriedel hat recht! Der Bartfriedel hoch!' scholl es im vollen ChoruS von all« Seiten. Die steinernen Schopp« wurdm klirrend aneinander gestoßen, daß Tische und Stühle wankt« und die Fensterscheiben baß erzitterten. Die Bauern leert« im gewaltigen Zuge ihre Schoppen und ließen sie von Neuern füllen und der Wiuh rieb sich vergnügt die Hände und schmunzelte mit dem ganz« bau«- bäck>gm Gesicht, knipp vor Freude aus Versehen oder auch nicht seinem schmucken HanSmädch« in die frischen blühenden Wangen, tn der Meinung, wie er sagte, eS sei feine Frau, und rief ein Mal über da« andere:
„Der Friedel ist ein Teufelskerl, der verstehtS!' Den Nachsatz natürlich sagte er nur für sich, nämlich: „dem Wirth zu einer reichen Ernte zu verhelfen!'
Nun fteilich eS ging zu jener Zeit in dem Dötflein Sonnenthal wie in der ganzen Welt. Es läßt sich eben nirgends bester politisir« und debattirm, aber auch über Alles raifonuirm, al« in der Schenke oder Restauration bei einem Schoppen ober Seidel guten föffizm Biere«. Es wirb aber auch niemals so viel Bier getrunken, nie» mal« so viel Schenke unb Restauration besucht, als zu Zeiten, wo bas stürmische Hochwasser ber politischen Situation in gewaltiger bebrohlicher Strömung die schützen- d« Dämme beS Friedens zn z-rstör« »nd zu übe, fluch« droht —