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Marburg, Sonntag, 10. Juni 1877

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Felder dahin, ost feine schimmernden grünen Ufer mit blauem Vergißmeinnicht, mit Wasserrosen und weißen Li« lten begränzt, oft wieder zu beiden Seiten abwechselnd mit knorrigen Weiden und schlanken Erlen gruppenweise bewaldet. Ein Stück unterhalb des Dorfes treiben die munteren Wellen das fleißig klappernde Rad der betrieb­samen Dorfmühle, welche umgeben von einer Heinen Birken« und Tannenholzung, eine äußerst romantische Lage hat. Außerdem aber belebt die silbernen Wellen des Bächleins das zohllose Dorsg>flügel und auf dem um­fangreichen Anger, auf welchem ein frisches saftiges Grün in üppiger Fülle sproßt, tummeln sich lebhaft die zahlrei­chen Hrerden deS Dörfchens.

So girbt das Dörflein ein anmuthigeS reizend freund­liches Bild deS Friedens und des stillen genügsamen Glückes in feinem Aeußeren, und Friede, Glück und Ruhe birgt eS auch in feinem Innern. Alle Familien leben in friedfer­tigster Eintracht, in nachbarlicher Trautheit mit einander, man hört weder von Prozessen noch von sonstigen Strei­tigkeiten untereinander, und die Gerichte und Advokaten der nächsten Stadt wissen nach dieser Seite hin kaum, daß es überhaupt ein Dorf Sonnenthal giebt.

Aber so harmlos und friedlich das Völkchen im Dorfe Sonnenthal auch dahin lebte, die Lärmposauve des kriege­rischen Jahres 1866 drang auch geräuschvoll in feine tiefe Stille hinein, störte feinen behaglichen Frieden und scheuchte es durch fein Waffengetöse aus seiner gemüchlichen Ruhe auf.

Oesterreich, daS zwei Jahre vorher Preußens Bundes« gmoffe im Kriege gegen Dänemark, seit dem Wiener Frie­den Mitbesitzer von Schleswig - Holstein war, wurde im Jahre 1866 Preußens Feind unv Prinz Friedrich Carl, der gefeierte Sttg-r von Düppel, sollte feine Preußen, w I v zwei Jahre vorher unter feiner heldenkühnen Füh­

rung sich mit Ruhm und Sieg bedeckt, jetzt gegen die Schaaren der österreichischm Krieger führen.

Sachsen machte ebenfalls mit seiner ganzen Macht Front gegen Preußen.

Und, wie gesagt, die Lärmtrommel deS Krieges drang auch in das stille und freundliche Dörfchen Sonnenthal und brachte keinen geringen Schrecken, keine kleine Verwir­rung unter feine friedfertigen Bewohner. Allerdings waren auch diesen die Dinge der Außenwelt, das heißt das, was außerhalb des Dorfes auf der Weltbühne vor sich ging, nicht ganz fremd geblieben. Nicht nur, daß ein paar Zei­tungen auch in Sonnenthal gelesen wurden, welche die Neuigkeiten des Tages brachten, auch der Herr Pfarrer hatte in feinen letzten Sonntag-Predigten einige Anspie- langen von den politischen Wirren und Verwickelungen der großen Herren, welche an der Spitze der Völker standen, gemacht und wie es noch nicht vorauSzusehen wäre, welchen endlichen AnSgaug Gott in feinem Rathschluffe hierin be­schlossen hätte. Der Herr Kantor aber hatte eS sich an­gelegen fein kaffen, gelegentlich in der Dorfschenke diese Andeutungen des Herrn Pfarrers näher zu beleuchten und den Leuten klar zu machen, aber an einen wirklichen Ernst der Situation glaubte er nicht und wollte deshalb auch die Bauern nicht dazu bereden.

Der Bader des Dorfe« dagegm war ganz anderer und entgegengesetzter Meinung wie der Herr Kantor. Wie aller Orten, namentlich aber auf dem Lande, diese 8eote die Weisheit mit dm Löffeln gefressen habm wollm, so auch im Dorfe Sonneothal der Bader Friedel. Er wurde jedes« mal ganz fuchswild und hätte buchstäblich aus der Haut fahren mvgm, wenn der Kantor feine politische Vorlesung mit dm begütigenden Worten schloß:

„Habt keine Angst, lieben Freunde, eS wird nicht so heiß gegeffen, wie eS gekocht wird; da« jahrelange Kriegs-

Fragen und Antworten verschuldet, welche am Aufklärung der Thaisachen nicht viel beigetragen haben.

Der Führer der dänischen Linkm, S. A. Hansen, ist am 1, d., wahrscheinlich in Folge eines Selbstmordes, hn Theater gestorben, nachdem er zur Deckung seiner ans politischen Agitationen entstandenen Geldbedürfniffe über 190,000 Kronen aus öffentlichen Kaffen entnommen hatte.

Ans Griechenland hat uns der Telegraph seit dem Rücktritt des Cabinets DeligeorgiS eine Anzahl Minister­listen übermittelt, die meist schon am folgenden Tage wieder durch neue Aufstellungen überholt wurden, und so ist denn neuerdings folgendes Ministerium zu Stande gekommen: Kanari« für die Präsidentschaft und das Seewesen, Ku- munduroS für daS Innere, DeligeorgiS für das Aeußere, den Krieg und den CultuS, ZaimiS für die Rechtspflege und TrikupiS für den Staatshaushalt.

Während die große Politik sich um die nmerdingS wieder angenommenen Bemühungen dreht, zwischen Ruß­land und England ein allseitig befriedigendes Einvernehmen herzustellen, ist der Kaiser Alexander in Gortschakvff'S und Jgnatieff'S Begleitung am 5. d. in Jassy eingetroffen, je­denfalls werden die Operationen auf dem europäischen KriegStheater jetzt nicht mehr länger aus sich warten laffen, da auch die angeschwollene Donau in ihre alten Ufer zu­rückzutreten beginnt. Vielleicht steht eS auch mit dem bal­digen Uebergong der Ruffen über die Donau in Verbin­dung, daß die Montenegriner sich jetzt wieder zu regen begonnen haben. Die türkische Festung Riksttsch wird von den Tschemagorzen belagert und Fürst Nikita ist mit seinem Hauptkorp» durch dm Duga Paß in die Herzegowina ein­gedrungen. Auf der anderen Seite aber dringt Ali Saib Pascha mit der türkischen Südarmee gegen Danilovgrad vor und am 5. d. kam eS dort bei Mailat zu einem Treffen, in dem beide Theile den Sieg errungen haben wollen. Au« Armenien ist von leinen neuen Erfolgm der Rusim, wohl aber von einer fortschreitenden Ausnutzung der früheren zu berichten. Die Wiedereinnahme von Ardahan durch die Türken hat sich nicht bestätigt, dagegen ist KarS jetzt von allen Seiten umzingelt, und wenn eS auch nur russische Streiischaaren sind, die sich bisher vor Trzerum gezeigt haben, so hat sich doch Mukhtar Pascha — der am 31. v. M. durch einen nächtlichen Ueberfall einen großen Theil seiner tscherkessischen Reiterei einbüßte — von Soghanludagh nach dem in der Nähe von Erzerum gelegenen Köpriköi zurückgezogen. Die Operationen der Türken gegen Bajasid sind vollkommen mißglückt, ja, man erwartete neuerdings, eine russische Abteilung vor Wan, der Hauptstadt von Armenien, eintreffen zu scheu. Die türkische Flotte benn- ruhigt allenthalben die russischen Küstmstädte am Schwarzen Meere, Hai aber außer der fortgesetzten Aufwiegelung der

allerlei Kundgebungen deS Vo'kcS gesellten, die in verschie­denem Sinne gedeutet werden konnten.

AIS die französischen Deputirtm auf vier Wochen von dem Ministerium deS Kampfes heimgeschickt wurden, ertönte der Ruf: „Wir kehren als Richter zurück!" Alle« dreht sich jetzt darum, dies zu hintertreiben. Mac Mahon denkt zwar nach dem hitzigen Briefe an Simon, der zu der jetzigen Lage führte, an eine Vermittlung, Fourton ist jedoch nicht der geeignete Mann dazu und Broglie so verbittert, daß er mit dem Manne der That geht und in dessen Sinne am 1. Juni Anreden an feine Beamten hielt. Fourton hat Schlag auf Schlag eine Instruction nach der anderen an die Präfectm erlassen, um „der moralischen Ordnung", wie er mit den Ultramontanen sie versteht, Bahn zu brechen; das Stärkste jedoch ist das am 5 Juni im Amtsblatt erschienene Rundschreiben über dm öffentlichen Verkauf von Zeitungen und Flugschriften. Mit diesen Maßregeln gehen andere über die AuSspionirung unliebsamer Aeußerungen in den WirihShäusern, über die Verfolgung wegen Ver­breitung falscher Nachrichten u. s. w. Hand in Hand. Die großen Reformen, die Waddington auf dem Unterrichtsgebiet in Angriff genommen, sind in« Stocken, die ultramontanen Agitationen dagegen noch mehr als zuvor in Schwung ge­raden, da die Regierung die Kirche bei dem bevorstehenden Wahlkampfe nicht entbehren kann und folglich ihre Be­mühungen zur Rettung der Gesellschaft begünstigen oder doch gewähren laffen muß. Die Legitimisten, auf welche gleichfalls im Senate zum Zweck der Auflösung und dann für den Wahlkampf speculirt, machen hohe Ansprüche, des­gleichen die Donapartisten, die im Cabiuet verhältnißmäßig stark vertreten sind. Im Ganzen aber ist die innere Politik Frankreichs noch ein Chaos, voll von schlauen Berechnungen, absichtlich verbreiteten Tendenzgerüchten und Drohungen; mehr klären wird sich die Lage erst nach der Wiedereröff­nung der Kammern.

Der längst angekündigte große Redeaktus in Birmingham ist unter zahlreichster Beiheiligung vor sich gegangen. Gladstone trat wieder als der Anwalt der an der Spitze der Civilisaiion marschirenden Ruffen auf und griff die englische Regierung heftig an, weil sie daS Einvernehmen der europäilcheu Mächte gestört habe und daher für den Krieg verantwortlich gemacht werden müffe. Er verlangte die Auflösung des Parlaments, damit das Volk den Beweis liefern könne, daß es mit der liberalen Partei sympathisire, wobei Herr Gladstone nicht bedachte, daß ein sehr großer Theil der liberalen Partei mit dieser Agitation keineswegs einverstanden ist. Schließlich wandte sich der Redner mit seinen bekannten Gründen gegen das von der Pforte be­folgte System. Im Unterhause hat, nach abgelaufener Pfingstpause, die orientalische Frage auch wieder manche

Die Waise van S«n«enthal.

letifdje Novelle aus dem Kriege im Jahre 1866 von Rudolf Wellnau. *)

1. Kapitel.

Kriegers Abschied.

Daü Dörfchen Sonnenthal, das meiie lieben Leser > Leserinnen freilich wohl vergeblich in der an Dörfern i Ortschaften so reichen und belebten Gegend Magde- p suchen dürsten, ist ein in der Magdeburger Riede- 8 gar freundlich gelegenes. Es gehört nicht gerade zu größten und reichsten, aber efl zeichnet sich doch durch tn gewissen Wohlstand und durch eine behäbige Wohl euheit seiner Einwohner aus. Mehrere größere Bauern- e erheben und dehnen sich breit aus in feiner Mitte f kleinere Höfe reihen sich um diese im bunten Gemisch den Häuslern. Ein kleines schmuckes Kirchlein steht einer Anhöhe und ragt mit seinem einfachen Thürmchen tin treuer ZionSwächter um ein bedeutendes über die cher Firsten der andern Häuser des DörfleinS hinan«.

das Kirchlein herum liegt ruhig und friedlich der »Hof mit feinen einfachen Holzkreuzen und schlichten h-Malen, womit die Ueberlebenben die einsamen ilummerstätten ihrer Lieben geziett und bezeichutt haben, t frier und da bemerkt man eine prächtigeres und schöneres »mal der reicheren Einwohner, eine besondere Einsrie- »ng der Ruhestätte und dergleichen; im Ganzen jedoch -scht Einfachheit und Schlichtheit auf der Stätte der fre und des Friedens. Ein klares Bächlein schlängelt still und anmuthig durch die Gärten des Dorfs und t knapp am Kirchhof vorüber mit eintönigem Wellen- lurmel feinen plätschernden Laus durch Wiesen und

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Hafer Kaiser hat sich am Dienstag mit dem Kronprinzen * dem Prinzen Albrecht zur Jubiläumsfeier seines 1817 Hkankleich von seinem Vater, König Friedrich Wilhelm III, I übergebenen Leibregiments nach Liegnitz begeben und Mittwoch Abend von dort nach Berlin zurückgekehtt. It Abreise zur Kur nach EmS ist jetzt auf den Abend 111 d. M angesetzt. ES haben in den letzten Tagen 1« den betreffenden leitenden Männern deS ReichSkanzler- 6t8 und des preußischen Staatsministeriums Beratungen I „gehabt über die Erneuerung des mit Ende dieses Jahres iwsenden deutsch - österreichischen Zoll- und HandelSver- ati. Die in Wien gepflogenen Unterhandlungen waren uliuftg abgebrochen und die deutschen Unterhändler nach (rftn zurückgereist, da österreichischerseits schutzzöllnerische Kränkungen der gegenseitigen Zugeständnisse der bestehen :en, i Verträge von 1865 und 1868 verlangt wurden. Seit- alle« , soll man in Oesterreich gelindere Saiten aufgezogen j jen und sollen die deutschen Unterhändler nun in den jedem Men Tagen nach Wien zurückkehren. Der baierische 1502 tbtag ist auf den 2. Juli einberufen worden, hauptsäch- h zur Feststellung eines Nachtrages zum Militäretat. Im wßherzogthum Haffen hat die Regierung zur Ergänzung t kirchenpolitifchen Gesetzgebung zwei Gesetzentwürfe auS- Mm lasten und veröffentlicht, einen über die bürgerliche jtfung des Austritts auS einer ReligionSgesellschast und e über daS Erziehungsrecht in Bezug auf die Religion s Kinder. Großherzog Ludwig IIL (geb. 9. Juli 1806) P in bedenklicher Entkräftung krank auf feinem Schlößchen rSeeheim mit geringer Hoffnung auf Besserung.

Die Verhandlungen über den Ausgleich werden zwischen du und Pest nicht mit gleichem Eifer betrieben. Die Un- H haben nach und nach ihre früherenhochfliegenden Wünsche k daS nächste Mal vertagt und bringen auf Beschleuni- ig; die Oesterreicher habm Zeit in Fülle und halten die ittagung deS Reichsraths für nothwendig und unzweisel * Sehr unangenehm hat in Wien eine ezechische Adreffe ! die russischen SlaveneomitsS berührt: dieses Machwerk idlicheM» zu ConfiSeationen und zur Einleitung eines Pro i vn- H gegen den Urheber und Absender Rieger, bitte Die Räche der schweizerischen Bundesverfamm'ung 1306 I am Montag zu ihrer Sommersesston zusammengetreten. 4— e Nationalrath wählte zum Präsidenten den seichertgen littv »prSstdenten Marti, zum Viecprästdentm Philippi«; der NMet güberatfr znm Präsidenten den seitherigen Viecprästdenten 144Ü ^naml| zum Vieeprästdenten Vefaz.

«ns den 3. d. fiel gleichzeitig die fünfzigjährige Feier t SischosSwahl des Papstes und die des dreißigjährigen “lu'^f ßehens der italienischen Verfast rng, wozu sich dann noch