Nr. M.
Marburg, Dienstag, 24. April 1877.
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Lagr-bericht»
Ueber die Reise Sr. Majestät des Kaisers und Königs nach Wiesbaden, Karlsruhe und Elsaß Lothringen meldet der „ReichS-Snz." nachstehende Bestimmungen: Ankunft in Wiesbaden Sonntag (22.) Vormittags 9 Uhr. Am Sonnabend, den 28. April, Mittags 12 Uhr, begeben Sich Se. Majestät mittelst Extrazuges von Wiesbaden über Frankfurt und Heidelberg nach Karlsruhe, wo der Ankunft um 3 Uhr 40 Minuten entgegen gesehen wird. Am Sonntag, dm 29. April, werden Sc. Majestät der Feier des fünf- undzwanzigjähriqen Regierungsjubiläums Sr. Königlichen Hoheit des GroßherzogS von Baden beiwohnen. Am Mon tag, den 30. April, verlassen Se. Majestät Karlsruhe und begeben Sich über Appenweier nach Straßburg, woselbst die Ankunft aus dem Stadtbahohofe um 2 Uhr 50 Miauten erfolgt. Empfang und Begleitung finden auf der Reise nach Wiesbaden und Karlsruhe nicht statt.
Der Kaiser hat bestimmt, daß bei dem bevorstehenden Umbau des Zeughauses die jetzt darin ausbewahrten Fahnen und Standarten der ehemaligen hannoverschen Armee nach Hannover überzuführen und dort als ehrende Anerkennung der Tapfelkeit dieser Armee im Waffensaale des Zeughauses am Waterlooplatze aufzustellen sind.
In Bezug auf die Constituirung der Commissionen in dieser Reichstagssession kann mitgetheilt werden, daß von dm bisher gewählten 8 Commissionen sämmtliche 8 Vorsitzende Mitglieder der nationalliberalen Fraktion sind. Von dm 8 stellvertretenden Vorsitzenden ist nur einer Mitglied der Deutsch-Conservativen, 3 gehören dem Centrum, 3 der deutschen Reichspartei, einer der Fortschrittspartei an. Es scheint, daß die jetzt in der Gewerbe - OrdnungSkommisston erfolgte Wahl eine« Vorsitzenden aus der deutsch conserva tiven Partei eine durchaus billige Berücksichtigung der Stellung der Fraktion im Reichstage darstellt. — Die Nationalliberalen werden sich daran gewöhnen müffen, daß sie nicht mehr, wie bisher in der Lage sind, über die Be Handlung aller geschäftlichen Angelegenheiten deS Hauses »ach ihrer Willkür zu verfügen.
Die „Daily News" erhalten aus Rom folgendes Tele fltamm, welches durch die Bestimmtheit seiner Angaben, dir der Depeschenflyl noch mehr hervortreten läßt, bemer- kcuSwerth erscheint. „Durch die Hülfe deS Msgr. CzaSki, eines Verwandten der Prinzessin O^eScalchi, bestreben sich dir Ultramontanen, in Russisch «Polen eine Insurrektion anzuzetteln. Die Briefe werden via O-sterreichisch, Polen durch Botm befördert. Routine vom Vatikan erreichen Wim und gehen von dort nach Lemberg.- — Die „Nazione" ton Florenz enthält eine ähnliche Nachricht. „Angesichts der kriegerischen Eventualitäten — so schreibt das Blatt — hat der Papst eine Commission ernannt, welche Weisungen für die Bischöfe in der Türkei, Polen und andern Ländern, dir Schauplätze de» Krieges werden könuten, entwerfen sollen.*
Kiithi, M Schultheißen Enkelin.
Schwäbische Dorf-Novelle von Rudolf Well»au.
(Fortsetzung.)
Di; schmerzlichsten Tage aber für Margarethe waren die, wo Gotthold zum Besuche auf Heinau erschien und auf dem muthigen Roffe deS Vaters auch durch die holprigen Eaffen des Dorfes im saufenden Galopp dahinrilt, ohne mw einen einzigen Blick nach dem Pfarrhausr zu senden, iu wellt cm er die ersten Begriffe gesammelt und die schönsten Tage seiner Kindheit verlebt hatte, wo ein liebendes Herz derging in Gram und Harm, ein Herz, das er gebrochen, au dem er zum Verräther geworden war. — In solch be- degten Augenblicken bedurfte die Schwergeprüfte eines VefruS, an deff;n Brust sie sich ausweinen und dem sie dir Kämpfe und Leiden ihrer Seele mittheilen konnte. Dann schlich sie leise und ungesehen durch die Hintere Pforte de» Pfarrgart nS in das Hau» deS Schulmeister«, wo in der Tochter desselben die einzige aufrichtige Freundin und endlich auch Vertraute ihrer Leiden weilte und dem alternden Sitte zur Seite stand. In den verschwiegeneu Schooß chrer treuen Trudiue schüttete dir Dulderin die schwere Last ihre« Schmerze» aus und vergrub in deren Busen da» ^ehetmniß ihre» liebenden verblutenden Herzen». —
Es war kurz vor dem Eingangs unserer Erzählung dkivähnten Tage, als ter Student Gotthold von der Uni« ^tsiti! nieder einmal nach Sundrlfingm zum Besuch ge- k.Lmev »«. Zu einem stattlichen Burschen hrrangrwachsen
Kaiser Alexander ist Freitag früh von St. Petersburg mit der Warschauer Bahn nach Kischeneff abgereist.
Die sonst eingeftoffenen Nachrichten sind theils Zeichen von dem herannahendcn AuSbruch des Krieges, theils lassen sie von Neuem eine Verständigung zwischen Rußland und der Türkei möglich erscheinen. Die letzteren werden wohl nur ungläubigen Lesern begegnen. Eine Depesche der „Times* aus Konstantinopel will wiffcn, die Pforte rechne auf die Neutralität Oesterreichs und auf die Mediation Frankreichs. Die Türkei sei durch die Aussicht eines bevorstehenden Krieges mit Befürchtungen erfüllt und würde Vorschlägen die auf eine friedliche Regelung abzielten, gern Gehör schenken, wenn eS nicht zu spät wäre. — Auch in Wien spricht man wieder von diplomatischen Mediationen, die im Gange seien; in welcher Richtung sich dieselben bewegen, ist ebenso unklar, wie es zweifelhaft ist, ob sie in dem letzten Stadium zu irgend einem friedlichen Ziel führen werden.
Während die Welt mit Spannung auf den endlichen Ausbruch de» unvermeidlich gewordenen Krieges wartet überrascht uns der Telegraph mit der Nachricht, daß die Kundgebung der Entschließungen der russischen Regierung bi« zum 29. d. Mts. verschoben sei. Dieses Zaudern und Zögern der russischen Regierung ist einzig und allein auS dem Umstande zu erklären, daß die Vorbereitungen auf den Krieg russischerseits noch nicht vollendet sind. Daß dies nicht schon längst geschehen, ist die Folge der Illusionen denen sich die Ruffen in Bezug auf die Wehrkraft der Türken und die Hülfe von Seiten der christlichen Bevölkerung auf der Balkanhalbinsel hingegebeu habeu. Die Türken find heutzutage so stark, wie sie in diesem Jahrhundert nie gewesen, und sie können sogar die Offensive ergreifen, ohne besürchteu zu müffen, daß sie den Krieg mit Niederlagen beginnen. In dec Thal haben denn auch die Türken alle Maßnahmen so getroffen, daß sie in kürzester Frist über die Donau gehen und am linken Donauufcr die für sie strategisch wichtigen Positionen Kalafat, Altenitza, u. s. w. nehmen können. Im Besitze dieser Positionen werden sich die Schwierigkeiten der Ruffen, die Donau zu überschreiten, natürlich erheblich vermehren. Sollte dann wirklich die Donau überschritten sein, dann wäre ein weiteres Vorgehen gegen die Türken nur unter der Bedingung möglich, daß Silistria und Varna, deren Belagerung unv Vertheidigung in allen früheren Kriegen eine große Rolle gespielt haben, genommen und solchergestalt erst eine feste Operationöbasts für die Ruffen geschaffen würde. Solche Erfolge zu erringen, dazu reichen die russischen Streitkräfte, die jetzt am Pruth und in Beffarabien stehen, nicht aus. Nahezu die dopp-lte Zahl der vorhandenen Mannschaften ist erforderlich, um den bevorstehenden Krieg mit ganz anderen Erfolgen, als die beiden letzten Kriege und namentlich den Krieg von 1828 und 1829 zu führen, in Wilchern die Russen mit 120,000 Mann die Donau überschritten und nur 15 000 Mann wieder nach Rußland zurückführten, nachdem die Kämpfe vor den türkischen Festungen und die Krankheiten in dem Balkangebirge
und tu den fttntten Manieren dkS SraetlebenS nach und nach ge- und verbildet, ließ er eS sich gern gefallen, wenn die schlichten Bewohner des Dorfes grüßend ihr schwarzes Käppchen zogen. Noch mehr aber schien es ihn zu amü- firm, wenn die schmucken Dorjdirnen plötzlich sichen blieben, oter neugierig ein Fenster öffneten und bewundernd die Augen auf ihn warfen und ihm nachschouten, bis er ihren Blicken entschwunden war. Bald in diesem, bald in jenem seinen Anzuge ließ er zu verschiedenen Tageszeiten im Dorfe sich sehen, wo es denn nicht fehlen konnte, daß auch Kithi, die Enkelin deS Schultheißen von Cundelfingen, seiner ansichtig wurde und mit verliebten 891 den nach ihm schielte. Gotthcld, der fion so viel und mancherlei Gerüchte über die Enkelin des Schultheißen vernommen, war nicht wenig überrascht, jetzt, nachdem er sie seit Jahren nicht gesehen, eine vollendete Schönheit in ihr zu erblicken. Auch die Maid schien betroffen über den stattlichen jungen Herrn, den st- augenblicklich sür den rechten erkannt hatte. AuS seinen Blicken sah sie, welchen vortheilhafteu Eindruck sie auf ihn gemacht hatte und nach einem Augenblicke flüchtig- n Besinnens flog sie ihm entgegen und bot zum Gruße die kleine, für ein Lrndmildchen äußerst zarte Hand. All das üble Gerede der Leute vergeffeud, drüÄte Gotthold einen feurigen Kuß auf Kätht'S schöne Stirn, preßte sie an sich, als dürfe Niemand sie ihm wieder entreißen, bi» man des WegcS kam und er sic fahren laffen mußte. — Die alte Bekanntschaft ward schnell erneuert und als sie sich trennten, waren ihre Herzen einig.
mehr al» </$ der Armee hingerafft hatten. Es werden also noch ganz ungeheuere Anstrengungen von Seiten der Ruflen erfolgen müffen, um die Herrschaft der Osmanen in Europa zu vernichten, bi» jetzt find die Aussichten dazu nicht allzu groß.
Deutsche» Reich.
A Berlin, 21. April. Die Constituirung der Commission für die Gewerbe - OrdnungSantrige, bet der al» Vorsitzender der deutsch - confervative Abgeordnete v. Helldorff, als Stellvertreter des Vorsitzenden der dem Ccntrum angehörige Graf Galen erwählt wurde, während von natio« nalliberaler Seite Herr Wehrenpfennig als Vorsitzender auSerseheu war, hat die nationalltberalen Blätter in gewaltige Aufregung versetzt. Die neue Parleigruppirnng, — in der, wie die „Tribüne* meint, so bedauerlicher Weise selbst die Frelconservativen sich mit den „offenbar reactio- nären Elementen verbunden, dieses „Bündniß mit den Ul« tramontanm", welches, wie die „Nat. «Zlg." meint, mit einem Tropfen socialvemocratischen O.lS gesalbt ist. Diese« entsetzliche Gespenst für jede r biederen reichstreuen Wähler scheint wirklich eingeleitet zu sein. — ES kann wirklich zweifelhaft sein, ob hier mehr die erregbare Phantasie, oder di- Kühnheit der Spekulation auf die Einsicht der Leser zu bewundern find. Die „Vosstsche Zeitung* steht mit Entsetzen zum ersten Male eine R-ichStazScommission, die da» Gepräge einer konservativen Opposition trägt. — Bekanntlich sind die Commijsionsmitglieder hier, wie Überall, unter Berücksichtigung der Stinke der Fraktionen gewählt, und die rein formelle Aufgabe der Vorsitzenden dürfte auf den sachlichen Ausfall der Abstimmungen kaum je einen Einfluß geübt haben. Bisher haben die Commissionen des Reichstages im Sinne der „Vossischen* allerdings aus- schlitßend das Gepräge des Nationalliberalismus getragen — denn von den acht Commissionen, die der Reichstag in dieser Session gewählt, sind in nicht weniger al» acht die Vorsitzenden Nationalliberale, und man wird sich nicht wundern können, wenn die Rücksichtslosigkeit mit der in dieser Weise jetzt ebenso wie früher verfahren worden, ihre naturgemäße Rückwirkung äuß rt. — Um so mehr, nachdem gerade Herr Wehrenpfennig bei Behandlung der Ge- werbeantrige im Hause sich mehr mit Angriffen auf andere Parteien, al» mit sachlicher Besprechung der Vorlagen beschäftigt hat. Gerade von Seiten der Deutsch-Conservativen hat man durch Thal und Rede dargethan, daß man vor Allem bestrebt ist, in ruhiger sachlicher Behandlung wirklich etwa» zu Stande zu bringen, was dem Nothstand unserer Gewerbekreise abhilft. Mao hat e» ausdrücklich ausgesprochen, daß man nur die durch da» unzweifelhafte Be- dürsniß angezeigte Reform will, auf dem Boden be« bestehenden Recht-, und die unerläßlichen Ordnungen auf dem Boden der Gewerbefreiheit. Mau hat gerade von dieser Seite die schließliche Etkiärung der Regierung mit Freude begrüßt. Wenn trotzdem jene Zeitungen davon sprechen, daß jene Constituirung der Commission das Gepräge der Opposition trage, daß sie die Proelawiruog der
Dieser Auftritt auf der Dorfgaffe, am Hellen Tage, gab, wie es nicht anders fein konnte, wiederum Veranlassung zu allerlei Gerede. Die sonst wie da« Grab ver- schwiegene Trudine hatte eS nicht über sich gewinnen können, über den Vorfall zu schweigen, sondern hatte der leidenden Margarethe auf ihrem Schmerzenslager so schonend al» möglich von dem Begegnen Gotthold's mit der hoffähitigen Enk lin deS Schultheißen zu erzählen gewagt.
Hätte Trudine ahnen können, daß die Freundin ihrer Seele nur noch wenige Tage zu leben hatte, sie hätte nicht eine Botschaft mit heim nehmen dürfen, die das Innerste ihres Herzens noch mehr zerriß als e» schon zerrissen war, und ihr auch die letzten Stunden ihrer irdischen Laujbahn auf das Herbste verbittern mußte! —
8n demselben Abend, wo wir Pfarrer Hunold auö der Stadt zurückkehren sahen, nach der er den säuern Gang nur deswegen gemacht, um durch Herbeischaffang einer lin- bemben Arznei die l-tztrn Stunden seines Kindes zu et# leichtern, an dem nämlichen Abend hatte sich Käthi, ttotz de« ausdrücklichen strengen Verbot« ihre» Großvater« und obgleich si; deffen ZomauSbrüche fürchtete wie ein verheerendes schwere« Unwetter, dennoch au» dem Staube ge- macht, um beim KirmeStanze be« nächsten Dorfes nicht zu fehlen. Vorsichtig hatte sie ben Schultheißen, ber zum Leidwesen aller Sundelfinger seit Jahren ans beben Augen blind war, erst zur Ruhe gebracht und war bann leise hinaufgestiegrv in» Stühle, all wo sie ihren Sonntagsstaat