Marburg, Sonnabend, 21. April 1877.
XII. ZahMii-.
In Wien sind augenblicklich sLmmtliche CorpScomman- dinten der österreichischen Armee versammelt aus Anlaß deS vierzigjährigen Jubiläums, das der Erzherzog Albrecht feiert, der im Jahre 1837 eingetreten und heute die für die militärischen Verhältnisse Oesterreich Ungarns maßgebende Persönlichkeit ist. Es ist selbstverständlich, daß an die Anwesenheit der commandirenden österreichischen Generale in der Reichshauptstadt sich die weitgehendsten Combinationen knüpfen, auch wird uns als verbürgt mitgetheilt, daß die obersten Leiter der Armee in Oesterreich den gegenwärtigen Zeitpunkt für geeignet halten, um das gesunkene Ansehen der österreichischen Armee wieder herzustcllcn und dem Reiche die Stellung wieder zu verschaffen, die ihm in dem europäischen Staatmsystcm gebührt. Bürgte die numerische Stärke der Armee für den Erfolg derselben, so könnte letzterer allerdings nicht zweifelhaft sein, da Oesterreich, seine Landwehren einbegriffen, mindestens eine Million Soldaten ausstellen kann. Indessen kommen hier noch andere Faktoren in Rechnung und jedenfalls haben wir Deutsche keine Veranlassung uns über das, waS Ö sterreich etwa unternehmen möchte, zu beunruhigen.
Mit äußerster Spannung steht die gesammte Welt auf Oesterreich - Ungarn, von dessen Haltung die fernere Entwickelung der orientalischen Frage abhängt. Würde Oesterreich Rußland nicht in die Arena fallen, so wäre an dem Siege der russischen Waffen über die türkischen nicht zu zweifeln, und der Krieg bliebe localistrt. Aber es gewinnt immer mehr den Anschein, daß Oesterreich, auf dessen geheime Verhandlungen mit England wir schon seit längerer Zeit hingewicsen, und daS äußerlich allerdings eine russen- freundliche Haltung annimmt, sich ernstlich darauf vorbe« reitet, Rußland Halt zu gebieten und die Entscheidung in seinem eigensten Machtgebiete — in dem Gebiete der Donau — sich richt auS den Händen winden zu lassen. Die Gelegenheit würde ihm dazu nicht fehlen, da bet der ansehnlichen Stä'ke der türkischen Macht, die militärischen Anstrengungen Rußlands fortdauern und das letztere ein Heer auf den Beinen wird halten müssen, dessen Bewegungen Oesterreich gar nicht ruhig wird zuschauen können, ohne daß eS gleichfalls den größeren Theil seiner Armee mobi- lisirt. Für diese Mobilisirung werden denn auch in der That alle Vorkehrungen toti Seiten Oesterreichs getroffen. Zunächst wird wohl Oesterreich in Bosnien einmarschiren, angeblich im Einverständnisse mit Rußland, in Wirklichkeit aber, um dem Kriegsschauplätze näher zu stehen und die russtscheu Bewegungen besser conttoliren zu können.
Drnlfchet «eich.
•• Berlin, 19. April. Verschiedene Blätter knüpfen au die Nachricht, daß Sachsen gelegentlich deS Beschlusses über den Sitz des Reichsgerichts im Bundesrath die Erklärung abgegeben hat, daß eö kein höchstes LandeSgericht errichten werde, die Vermuthung, daß für Preußen in dieser Beziehung die Acten noch nicht geschlossen seien. Offenbar ist dies ein mißtrauischer Seitenblick auf die Haltung der preußischen Regierung, ob dieselbe das Obertribunal beizubehalten beabsichtige. Formell ist cs richtig, daß die Acten noch nicht geschlossen sind, denn für Preußen stand keine Nothwendigkeit, über dies- Frage zur Entscheidung zu kommen, bevor der endgültige Beschluß über beu Sitz deS Reichsgerichts gefaßt war. Für Sachsen war in Folge deS LaSker'schen Amendements die Entscheidung dringender. Für Preußen wird der Entschluß formell eist bet der Ausführung deS GerichtSverfoffungSgescheS zu fassen fein, und zwar durch eine dem preußischen Landtag zu machende Gesetzvorlage. Was nun aber den sachlichen Stand der Frage betrifft, so Hal schon die letzte Erklärung des JustizministerS Leonhard im Reichstag erkennen lassen, wie die Entscheidung auSsallen wird. Zur Berichtigung einer Mißverstandenen Aeußerung seinerseits erklärte er, daß die preußische Regierung allerdings an diese Frage gedrängt werde. Grundsätzlich habe er den Gedanken eines obersten Jnstanzge- richtshofeS immer von sich gewiesen. Er habe nicht drohen wollen damit, daß Preußen das Obertribunal beibehalten werde, sondern er habe nur gesagt, daß sich Preußen in einer sehr unangenehmen Lage in dieser Beziehung befände. Diese Erklärung schloß der Minister mit den wohl nicht mißzuverstehenden Worten: „UebrigenS können Sie sich in dieser Beziehung zur Zelt beruhigen." — Bet der 83er- Handlung im Reichstag aus Anlaß der Anträge zur Gewerbeordnung stellte der ReichökanzleramtS - Präsident in der nächsten Session bezügliche Vorlagen Seitens der Regierung in Aussicht Wie wir erfahren, waren bereits einschlägige Gesetzentwürfe an das preußische Staatsministerium gelangt, dieselben sind indeß mit Rücksicht auf noch um- fassendere Verhandlungen und behufs einer noch gründlicheren Vorbereitung für jetzt nicht zur weiteren Berathung gelangt. — Wenn die Mäßigung eeS foclaldemocratischen Antrags bei dieser Berathung überrascht hatte und verschiedene Redner sich dahin äußerten, daß derselbe dem Bild, welches man sich bisher von den Socialrcmocraten gemacht, nicht entspräche, so ist zu bedauern, daß die socialdemocra- tischen Redner sich veranlaßt gesühlt haben, auf alle nut mögliche Weise dir im Entstehen begriffene gute Meinung zu zerstören.
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ObcchcMc Jätung
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he Verordnung mit Zustimmung deS BundeSrathS außer ruft gesetzt, sobald die in anderen Ländern thatjächlich stehende Begünstigung der Ausfuhr von Eisen und Eisen initaten durch Ausfuhrprämien in Wegfall gekommen h wird.
Maßgabe der vom Bundesrath zu erlassenden Controlvor- i, somGkiften, frei von der Ausgleichungsabgabe aus dem Aus- Tinttytnte bezogen werden. § 4. Das gegenwärtige Gesetz tritt ben etcnit dem 1. Juli 1877 in Kraft. ES wird durch kaiscr-
nomwaß°Ws sind, empfingen während der vorigen Woche perem fgjzstnfche Aufforderungen (?) sofort zu ihren resp. Regimen- )roguG m in Deutschland zu stoßen. Dieser Aufforderung Ge- r. 26. »rsam leistend, verließ eine große Anzahl junger Männer , bgjfajfcn Sonnabend und gestern England."
rhardti KraaUI
«chl' iber gi'l -den gr-i
Die „Times" vom 17. d. bringt folgende sensationelle iiz: „Mehrere Militärpflichtige der preuß scheu Armee,
ite soll, Tagesbericht.
Das Gesetz, beir. die Erhebung einer Ausgleichungs- uert Hs habe, liegt jetzt dem Reichstage vor. Dasielbe lautet: jtt Wilhelm rc. verordnen rc. § 1. Die folgenden Gegen- jt jnt)e werden bei der Einfuhr in das deutsche Zollgebiet lt einer Ausgleichungsabgabe von 75 Pf. für den Gentner ___ jjat: Eisen und Stahl, geschmiedet und gewalzt, in Stäben ss1—* Btt Einschluß deS faconnirten); Eisenbahnschienen, Winkel- Mi fen, 6-Eisen, einfaches und doppeltes T-8ifen, Elsen- und I itahiplattrn, sowie Eisen und Stahlblech, auch polirt und 0raiuj«firuißt, Weißblech; 2) ganz grobe Eußwagren in Oefeu, tennn satten, Gittern; 3) grobe Eisen- und Stahlwoaren, die r'schk iS geschmiedetem Eisen ober Eisenguß, aus Eisen und fabrik>i»hl, Eisenblech, Stahl- und Eisendraht, auch in Ver- arkt; Weung mit Holz, gefertigt, ingleichen Waaren dieser Art, LlOlhtlche abgeschliffen, gefirnißt, verkupfert oder verzinnt, je- s-r^tzch nicht polirt sind, als: Aexte, Degenklingen, Feilen, HToämmer, Hecheln, Hobeleisen, Kaffeetrommeln und -Mühlen, v c ö Atm (mit Ausschluß der Anker- und Schiffsketten), Koch- ; ,schirre, Nägel, Pfannen, Schaufeln, Schlösser, Schraub-
icke, grobe Messer zum Handwerksgebrauch, Senfe«, Sicheln, nttn hingen (Strohmesser), Stemmeisen, Striegeln, Thurm hrw, Tuchmacher- und Schneiderscheeren, Zangen rc., dann ' walzte und gezogene schmiedeeiserne Röhren. § 2. Die Wichen Bestimmungen über die EingangSzölle finden auch
Gallus^ die SuSgleichungsabgabe Anwendung. § 3. Die zur Tintei Erstellung von a) Lokomotiven, Tendern und »)amp kesseln; ) Farbej) Maschinen, insofern sie dem Gewichte nach überwiegens chnelle chrhen aus Gußeisen, Schmiedeeisen ober Stahl; c) Eisen- ch nach ahufahizeugen weder mit Leder- noch mit Polfterarbeit er iodenäl ndeilichen Materialien und Maschinentheile dürfen, nach
funbl, .... .. . _ ....
tit obfif« hier zum Besuch weilen ober in diesem Lande dauernd
iernct,
Kuthi, des Schultheißen Enkelin.
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rat und Allen zum stummen herzlichen Gruße die Hand ite. — Mit Wehmuth ruhte sein Blick auf den Leid-
lKaßt! 1877.
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Schwäbische Dorf-Novelle von Rudolf Wellnau.
(Fortsetzung.)
Feierlich umstanden die Jungfrauen, das Lager, Ochern Margarethe mit sanft lächelnden Zügen wie Wl von der durch daS Fenster blickenden Frühsonne .... M überirdischem Schein umflossen ruhte, als der Pfarrer
Stuben, ihnen stumm für die innige Teilnahme dankend, ste ihm und seinem Kinde bezeugten. Alle standen sie in Schmerz versunken und blickten traurig einander an. __ l waren fie dem Pfarrer bttaunt; hatten sie doch losest an den Stufen des Altars gekniet und von ihm die -7s«-ihr kmpfangen und waren, nachdem sie das Gelübde
y Eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, in einer A7j^>rntjsch von Weinbergen rings wie mit einem lebendig 252 *“nen Geländer umfriedeten Gegend liegt ein zum Ober- gehöriges Pachtgut, welches zum Filia! der Pfarrei ^^elfingm gerechnet wird. Der damalige Pächter des 4 126 ein streng rechtlicher, dabei eigenstiviger und 6e- 0 91 sicher Mann, hatte dasselbe bereits seit dreißig Jahren —-^^Pacht, während welcher Zeit er die Stürme des Lebens ?*8 um sich her hatte dahinbrausen lassen; unbekümmett welchen Ausgang die Ereignisse der Zeit rühmen 680 0) 2Jet-, lebte er in seiner Abgeschiedenheit von allem öffent- Verk.hr nur seinem Beruf und seiner Gattin, die L—- J1 UVL in späteren Jahren einen Stein ins Brett schob, sic Ihn durch tic Geburt eines Söhnleins hoch 6t
96) «t Treue abgelegt, in den Bund der erwachsenen Christen [Oäj’iätncmmcu. Eine ihrer Genossinnen aber fehlte dennoch so?® te8 Pfarrers forschender Blick hatte sie gleich anfangs siMrniht, e» war Käthi, des Schultheißen Enkelin!
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glückte, nachvem die ersten Iahte ihrer Ehe ktnoerloS ge blieben waren und beide Gatten bereits die Hoffnung auf einen Erben aufgegeben hatten. Seit der Geburt dieses Stammhalters aber begann das Gattenpaar auf Heinau, welchen Namen das Gut trug, ein wahres Freubenleben. Leider hatte die Mutter ein böses Halsübel als Folge des Wochenbettes davongetragen, welches trotz aller angewendeten Mittel nicht wieder weichen wollte, sondern immer hattnäckiger und bösartiger wurde. Immer mehr und mehr bildete sich der drohende Charakter dcS Ucbels aus, warf endlich die Gattin fest aufs Krankenlager, von welchem ste auch nicht wieder aufstand und nach nicht zu langer Lei- denSzeit unter unsäglichen Schmerzen ihren Geist aufgab.
Seit dieser Zeit war die Lebensweise deö Pächters Ebermcyer eine andere geworden. Hatte er früher oft gekargt , so gab er jetzt mit vollen Händen und sühlte fich hob beglückt, wenn irgend ein Armer mit freudestrahlendem Blicke Heinau verließ. Gotthols's, seines Söhnleins Erziehung, der bei dem Tode der Mutter erst vier Jahre alt war, wurde bei feinen vielen Berufsgeschäften bet Haupt gegenständ seines Denkens. Pfarrer Hunold in Sundel- fingen stand dem Vater kräftig zur Seite und übernahm die geistige Ausbildung dcS Buben, der zu diesem Zwecke die Tagesstunden im Pfarrhause zubrachte und im Verein mit den damals noch lebenden Kindern des Pfarrers dessen Unterricht und Erziehung genoß.
Abends, nach eingenommenem Nachtmahl, geleiteten die Pfarrkinder den Pächterssohn die Hälfte des Weges bis zur Hüttenmühle, wo fie fich trennten, um am anderen Morgen wieder vereint mit einander in kindlicher Eintracht zu leben. Unter der weisen Fürsorge der gottkSsürchtigen PfarrerSfrau gediehen die zarten Pflänzlein zur Freude Aller. Nchch Außen und Innen wirkte die oft gewaltig a if die jugendlichen Gemüther eindringende Rede und Lehre des Pfarrers, der es meisterlich und aus dem Fundamente verstand, dm ost aufbrausenden Charakter Gotthv'.d'S im
Zmme zu halten und streng und sorglich über seine a-,ge- borene Wildheit zu wachen.
Kein Wunder war eS, daß zwischen Gotthold und den Pfarrerskindern bald das innigste, fast geschwisterliche Ver- hältniß ftottfanb, und bald halt n auch die Väter mit einander ein FreundschaftSbündniß geschlossen, und ost in stillen Stunden ward Rath gehalten über die einstige Bestimmung Gotthold's, der mit tüchtigen Vorkenntnissen versehen auf einer der höheren Lehranstalten in der Stadt untergebracht werden sollte. Im Ei»verständniß mit dem überglücklichen Vater hatte der Pfarrer den PächterSsohn zum Gelehrtenstande bestimmt, die eigentliche Fachwahl aber der besonderen Neigung des Letzteren überlassen, der mit Freuden die Ergebnisse der Berathungen über feine Zukunft aufnahrn.
Der Tag der Abreife nach Stuttgart und die Abschieds stunde erschienen, erst sehnsüchtig herbeigewünscht von Gott- hold, jetzt aber doch zu bald, denn eS wurde ihm schwer, auS dem Pfarrhause, dem Hause der L ebe unv Freude, das ihm so recht zum zweiten Vaterhause geworden war, zu scheiden. Da gad's ein Küssen und Händedrücken, denn auch den Pfarrhndern wurde eö schwer, sich von dem liebgewordenen Bruder zu trennen. Aus einer Umarmung in die andere flog der Scheidende, der nicht Worte genug hatte, nm Alles zu versprechen, was man von ihm forderte, nicht Worte genug, seinen Dank auszudrücken für alle Liebe und Sorgfalt, die ihm in ter Familie des P arrers geworden. Am schmerzlichsten jedoch war der Abschied Gott- hold S von Margarethe, die mit inniger Liebe an seinem Hdlse hing und stch satt weinte an seiner Brust. War sein Verhältniß zu allen Kindern dcS Pfarrers im Allge- meinen ein rein geschwisterliches, so war es zu Margarethe ein tieferes, inneres, und obgleich noch Kinder, so trug lhre Liebe zu einander doch bereits einen ernsteren Charakter, wodurch dieselbe vorzüglich bei der ächten, schönen Wstblichklt Margaret-nS fest und dauernd im Herzen