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Marburg, Sonntag, 15. April 1877.

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sowie die Äneoncen-Bureaur »oo Th- Dietrich & 6o. tn »«isel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M-; Nassenstein & Vogler tn Wfurta.M, Berlin, Leip.

Eöl» ic; Rudolf Moste üi Berlin, Frankfurt a. M. it.

Frankfurt «. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Bete* ♦ meper in Berlin; Earl Schüß- ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.

Anzeigen nimmt entgegen: die L^editton d. Blatte» sowie bie Annoneen-Burraux von 0. L. Daube & tto. in

ärKbeint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wbchenllichen Beilage „I »»stritte« E,uutn,»»latt" durch die «sveditiou («och'fche Buchdruckerei) bezogen 3} Werf, durch bie Postämter des Deutsche» Reiches 3 Wart 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). - JnserttonSgebühr für bie gespaltene Zeile 10 Pfst. Für in bet Expedition zu ertheilenbe Auskunft und Atmahme von Abresten werbe» 35 Vs», berechnet.

wir vielleicht schon in den nächsten Tagen den AuSbruch eines rufflschotürkischev Krieges zu gewärtigen haben. Der türkische Ministerrath hat am Sonntag die Annahme des Londoner Protokolls abgelehnt und diesen Entschluß den Großmächten am Dienstag durch die Vertreter der Pforte im AuSlande mittheilen lasten. Daß eine Antwort Ruß* landS auf den Entscheid des Divans noch auSsteht, dürfte den sowohl in Petersburg wie in Konstantinopel angesetzten Friedenshebeln der Mächte, und zumal Oesterreichs, welches im Gefolge des russisch-türkischen Krieges eigene Verwicke­lungen heranziehen sieht, zu verdanken sein. Ein Umschlag in den Entscheidungen deS ottomanischen CabiuetS ist nach den Mittheilungen über die in Konstantinopel herrschende Stimmung und die verzweifelte Emsigkeit, mit der die letzte Hand an die Kriegsbereitschaft gelegt wird, und besonder- auch nach einem dankenden aber ablehnenden Telegramm deS Sultans an die Königin Victoria nicht wahrscheinlich.

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Politische Woche« - Üebersicht.

Die KanzlerkriflS, die als unliebe Trübung in die Tage deS Osterfestes gefallen war, hat noch einmal wieder die ^wünschte Lösung gefunden, daß Fürst Bismarck sich bei der ablehnenden Entscheidung des Kaisers auf sein Pen« stonirungSgesuch und bei der Bewilligung eines in der bis- hrrigen Weise geregelten Urlaubs auf unbestimmte Zeit beruhigt hat. Von vem Fürsten näher stehenden Personen vernimmt man, daß die Absicht des Rücktritts diesmal zeit »eilig sehr ernst und die ihn bewegende Verstimmung und Ermüdung besonders tief war. Mit der allgemeinen Be sriedigung über die noch einmal erreichte glückliche Wen­dung verbindet stch im Lande sehr natürlich der warme Wunsch, daß auf allen Seiten, auf dem glatten Parquette de» Hofe» wie in den Sälen des Parlament», dem hoch verdienten leidenden StaatSmanne ermüdende und kränkende Reibungm nach Möglichkeit erspart und eine nachdrückliche Unterstützung für die weitere Vollendung und Befestigung deS jungen Reich» entgegenkommend gewährt werde. Der BundeSrath ist am Freitag (6. April) dem Gesetzentwurf betreffend den Sitz de» Reichsgerichts in der Faflung de» Reichstages, wie nicht ander» erwartet wurde, einfach bei­getreten und vie Angelegenheit ist nun damit erledigt.

Die Nachrichten über die Beurlaubung de» deutschen Reichskanzler» haben wohl in keinem Staate einen so lauten Nachhall geftinden, wie in Oesterreich-Ungarn. Die Politik de» Grafen Andrasty stützt sich vornehmlich auf bk des Fürsten Bismarck; namentlich in Ungarn wurden schon Befürchtungen ausgesprochen, daß bet einem Rücktritte Bismarck'S die den Magyaren seindliche, weil zu einer Eooperalion mit Rußland hinneigende Militäipartei in Wien die Oberhand gewinnen würde. Daß von den Clerikalen und den zum MtramontaniSmuS hinneigenden Feudalen über den „Sturz* des verhaßten Staatsmannes ein Zubelgeheul angestimmt wurde, kann Niemanden Wunder nehmen.

Das italienische Grünbuch über die orientalische Frage ist am 9. d. dem diplomatischen CorpS und dann am 10. d. dem Parlamente vorgelegt worden. E» enthält 510 vom 17. Juli 1875 bis zum 10. Februar 1877 da- ttrrnde Aktenstücke. Zwischen dem Vatikan und Qutrioal scheint ein etgenthümttcher Wettstreit darüber obzuwalten, sich der Hülfe mehrerer katholischen Mächte, besonders Frank* reich», für die nächste Papstwahl zu vergewisiern.

Der katholische Congreß, der vom 4 bis 8. April in

Die velageruug hx Straßburg.

Historische Erzählung auS dem deutsch-französischen Kriege 1870/71 von W. Bernhardt.

(Fortsetzung.)

„Mein Herr,* antwortete Helene, „eS handelt stch hier um meinen Vater, also um das theuerste Gut, welches ich auf Erden besitze. Im andern Falle würde ich Ihnen den Rücken kehren. Ich erkenne leider zu spät, daß eS schlimme Absichten sind, welche Sie verfolgen.*

„Nicht doch, mein Fräulein. Sie urtheileu zu hart. Ja, ich liebe Sie, ich strebe nach Ihrer Gegenliebe, und um sie zu erreichen, will ich Ihrem Vater das Leben retten. Die» nennen Sie schlimme Absichten?" Ich finde dieselben rein und edel. Ich habe erfahren, daß in dem Augenblicke, wo Sie den Saal deS Kriegsgerichtes betreten haben würden, der Haftbefehl sofort gegen Sie ausgesprochen worden wäre. Dies ist Alles I"

„Ich bin mir keiner Schuld bewußt, auch mein Vater hat nichts verbrochen," antwortete Helene. „Im Vertrauen auf die Gerechtigkeit unserer Sache hätte ich der Gefahr muihig entgegen sehen sollen. Noch ist e» Zeit dazu. Leben Sie wohl, mein Herr!'

Sie wandte stch zum Gehen.

Aber Herr von Fivi trat ihr in den Weg und tief mit geröiheten Wangen und flammenden Augen:

„Bleiben Sie, Helene, ich beschwöre Sie darum, ich fordere e»I"

„Lasten Sie mich, mein Herri*

„Nein, nimmermehr, Sie werden diesen Ort nicht ver- lafleu, ohne mit Gehör geschenkt zu haben. Hüten Sie stch! tn meiner Hand liegt eS, Ihnen das Lebm oser den Tod zu geben l Erhören Sie mich!"

„Nein, neinl" rief Helene. „Lasten Sie mich fort, oder ich rufe um Hülfe!"

„Sie werden bleiben," murmelte Herr von Fidi mit zischender Stimme, indem er fit gewaltsam am Arme fest­hielt, „oder, bei Gott, Sie werden es bereuen!"

In tiefem Augenblicke wurde heftig an die Thür ge- k-vpft.

Pari» tagte, zeigte stch bereits in der ersten Sitzung sehr ergrimmt über die liberale Regierung, welche das katholische Comiis aufgelöst hatte, das unter Buffet sich gegen die gesetzlichen Bestimmungen bilden durfte, um über ganz Frankreich das Netz feinet Propaganda auSzubreiten. Am 9. erschienen Bevollmächtigte be» Congrestes vor dem Poli- zeipräsekten mit dem am 4. beschlostenen Proteste gegen die Auflösung de» katholischen ComiiöS; Voistn berief stch auf höhere Weisung, zeigte sich im Uebrigen aber entgegenkommend. Aus Beschluß be» Congreste» wirb jetzt die Unterzeichnung einer Petition an den Präsidenten der Republik und an die Kammern zum Einschreiten Frankreich» gegen Italien für die Herstellung de» Pipst^KönigthumS betrieben. So­fort nach Wiedereröffnung der Session wird in den Kam­mern eine Debatte über die römischen Angelegenheiten ver­anlaßt werden.

Die Politik ruht in Spanien gänzlich, wenn mau die Triumphe abrechnet, welche dem Minister-Präsidenten CanovaS durch die von ihm geplante und so wohl geglückte Rundreise de» Königs zu Theil geworden sind und hier­durch auch mittelbar seine Stellung befestigt haben.

Gleich in der ersten Sitzung des nach dm Osterferien neu zusammengetretenen Unterhauses legte die englische Regierung acht aus die Verhandlungen über da» Protokoll bezügliche Schriftstücke vor, darunter das Protokoll selbst sowie daS Rundschreiben deS Fürsten Gortschakoff vom 31. Januar. Die Stellung Englands zu der neuen Phase der Orientkrise wird durch eine besondere, dem Wortlaute deS Protokolls beigefügte Erklärung Derby'S gekennzeichnet, in welcher eS heißt, daß England, falls der Zweck des Protokolls, die wechselseitige Abrüstung Rußlands und der Türkei und der Friede zwischen beiden, nicht erreicht werde, daS Protokoll sür null und nichtig ansehen müste.

In Dänemarck ist der Zwiespalt zwischen der vom Landsthing unterstützten Regierung und der Mehrheit des Volkshause» bis zum offenen Bruche fortgeschritten. DaS Ministerium Estrup hat nicht weichen wollen, und da jede AuSstcht auf Fertigstellung deS Budgets entschwunden war, dem Könige gerathen, die ReichStagSsesston noch vor Ablauf der VerlängerungSfrist zu schließen.

Die Aussichten auf Erhaltung des Friedens im Orient sind auf das geringste Maß herabgeschwunden, und falls nicht einer der in jenem Lande so häufigen Wechselfälle einen plötzlichen Umschwung herbeiführt, wofür indeffen im Augenblick nicht die geringsten Anzeichen vorliegen, mögen

„Teufel!" schrie Herr von Fidi, mit dem Fuße stampfend. „Wer mag dies sein? Meine Freunde gewiß nicht, denn dieselben wiffen Bescheid. Sollten ste geplaudert haben?"

Al» e» klopfte, athmete Helene freier auf.

„Verstecken Ste stch," sagte Herr von Fidi in befehlen­dem Tone. „Man darf Sie hier nicht finden.*

„Ich bleibe!" antwortete Helene fest.

„Es ist Ihr Verderben, beim wenn man Sie hier findet, wird man Ste verhaften!"

„Ich gehe mit Ruhe meinem Schicksale entgegen!" Inzwischen wurde daS Klopfen heftig wiederholt.

„Verstecken Ste stch; noch einmal ersuche ich Ste darum! Ihre Ehre fordert es; was wird man davon denken, Sie hier, bei mir zu finden!"

Aber Helene streckte mtschloffen den Arm nach bet Thür aus und tief:

„Oefflien Sie!"

Es blieb Herrn von Fidi nicht» übrig, al» die Thür zu öffnen.

Zu feiner größten Verwunderung erschienen in der Thür zwei ihm ftemoc junge Männer, die, wie er, Schlach tenbummler zu sein schienen. Sie trugen ebmsallS das rothe Kreuz. Beide sind uns bereit» bekannt. Es waren Heinz und Gustav, die in richtiger Voraussicht dem Paare hierher gefolgt waten, denn ihnen wat das Treiben der Schlachtenbummler nichts Unbekanntes. Sie ahnten, daß Herr von Fidi, den sie schon mehrfach beobachtet hatten, nichts Gutes im Sinne haben konnte, und da ihnen da» erkorene Opfer Theilnahme einflößte, so beschloffen sie, das­selbe aus seinen Klauen zu retten.

„Was wollen Sie hier?" schrie ihnen Herr von Fidi zornglühend entgegen.

„Nicht» von Ihnen,* antwortete Gustav kalt.

Dann wendete et stch zu Helene, die voll Staunen übet die» neue Eceigniß sprachlos stand und sagte in ver­bindlichem Tone zu ihr:

„Mein Fräulein, ich glaube mich Ihnen gefällig zu erweisen, wenn ich Sie unter meinem sicheren Schutze vor die Thür diese» Hause» geleite.*

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Tagesbericht.

In Berlin cirkulirt da» Gerücht, daß die russtsche Regierung ihre Geschäftsträger in Konstantinopel angewiesen habe, der türkischen Regierung den Krieg zu erklären. Die Kreuzzeitung schreibt namentlich: Ein mit vieler Bestimmt­heit anftretendeS Gerücht wA wiffen, nach Mittheilungen au» Petersburg sei von dort aus gestern Vormittag dem russischen Geschäftsträger in Konstantinopel die Weisung zugegangen, der Pforte den Krieg zu erklären. Da» Blatt fügt hinzu: eine anderweitige Bestätigung deS Gerüchte» fehlt.

Nach telegraphischen Meldungen an» Wien erwartet die dortige russische Botschaft stündlich die Nachricht von der Uebetschreitung de» Pruth durch die russischen Truppen. Gerüchtweise verlautet, daß der Uebergang bereits begonnen hätte.

Aus Pari« wird telegraphirt: In den panslawistischen Comitö» herrscht große Aufregung. Tschernajeff ist hier, will durch Böhmen in» Hauptquartier reisen. Vormarsch rujstscher Truppen wird gemeldet. Al» letztes Mittel ver­suchen die Mächte, die Türkei zu bestimmen, einen Botschafter nach Petersburg zu senden oder Rußland zu veranlaffen, auf Grundlage des Protokolls in eine neue Zusammenkunft zu willigen. Khalil Pascha und Fürst O cloff haben Kon­ferenzen mit dem Herzog DecazeS. Wenig Hoffnung. Au der Börse vollständige Panik.

Die deutsche „KanzlerkriflS* hat in Fratckreich leider von Neuem den Gedanken entstehen lasten, als fei der Beschluß der deutschen ReichSregiernng und de» Bunde»- rathes, an der Weltausstellung von 1878 nicht theilzu- nehmen, ein widderruflicher. Wie die „Correspondance Universelle" meldet, hat der Rücktritt deS Fürsten Bismarck die Hoffnung Wiederaufleben lasten, daß Deutschland von dem erwähnten Beschlüsse zurückkommen könnte und eS sei in dieser Hinsicht bereits der Versuch gemacht worden, von Kaiser Wilhelm, wenn auch nicht die direkte und offizielle Betheiligung so doch die Ermächtigung zu erlangen, daß jeder deutsche Geschäftsmann seine Produkte ausstellen könne. Wir glauben sagen zu dürfen, daß schon jetzt kein Deutscher durch ein deutsches Gesetz ober eine BerwaltungSmaßregel gehinbert ist, seine Produkte 1878 in Paris auszustellen. DaS einzige Hinderniß liegt in dem Reglement der Aus­stellung, nach welchem die Pariser Generalkommisston gar nicht in der Lage ist, mit einzelnen Ausstellern des Auslandes verhandeln zu dürfen.

Deutsche- Reich.

•* Berlin, 13. April. In dem Schreiben des Reichs­kanzlers an den Reichstag, in welchem der Kanzler feine Beurlaubung mittheilt, ist gesagt, daß während beffdben die Vertretung in den lausenden Geschäften bezüglich der inneren Angelegenheiten des Reichskanzleramts, bezüglich der äußeren Angelegenheiten der Staatssekretär v. Bülow übernehmen wird. Aus dem Umstande, daß der Name de» ReichSkanzleramtSpräsidenten nicht ausdrücklich hinzu­gesetzt ist, ist von verschiedenen Blättern der Schluß ge­zogen worden, eS solle Präsident Hoffmann gar nicht mit bet Stellvertretung betraut werden ober eS stehe ein bal­diger Ersatz desselben durch eine andere Persönlichkeit bevor. Demgegenüber bedarf eS nur des Hinweises, daß sowohl in der allerhöchsten Ordre an den Reichskanzler als in der an das preußische Staatsministerium bet Staatsminister Hofmann namentlich bezeichnet worben ist. Damit zer­fallen die gezogenen Schlußfolgerungen in stch. —- Eine hieflge lsthogrophifchk Correspondenz will wiffen, daß dir