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Marburg, Sonntag, 8. April 1877
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Pslttischr Woche«, Urßrrficht
Am Ostertage machte der Kaiser bei einer Familientafel im kconprinzltchen PalaiS den Gästen öffentliche Mittheilung von der Verlobung der ältesten Tochter des Kronprinzen, Prinzessin Charlotte, mit dem Erbprinzen Bernhard von Sachsen Meiningen. Da» Osterfest hat dem deutschen Volke die unliebe Ueberraschung eines Rücktritts deS Fürsten Bi-marck von den Geschäften gebracht. Der Fürst soll schon vor acht Tagen im preußischen Mi- nifierrathe seinen Entschluß, seine Entlastung zu nehmen oder sich wen gsien» aus ein Jahr von allen StaatSge schäften zurückzuziehen, in bestimmter Weise kundgegeben; haben; seine Arbeitskraft sei erschöpft und er bedürfe der Ruhe. Die Entscheidung de» Kaisers war bis jetzt noch nicht erfolgt, loch wird der Urlaub auf eia Jahr dem Reichskanzler ohne Zweifel rrtheilt werden, wogegen man wohl vertrauen darf, daß der Fürst, der zunächst in Varsin der Ruhe pflegen will, auch im Laufe des Urlaubs dem Rufe des KaiscrS sich keinen Augenblick entziehen würde falls die Umstände etwa der äußern Politik stch so verwickeln sollten, daß seine persönliche Wiederübernahme der Geschäfte dringend gewünscht werden sollte. Ja Elsaß- Lothringen verlautet, die Regierung beabsichtige, den Lau- deSauSschuß derartig umzugestalten, daß seine Zusammen- setzung mehr nach der Einwohnerzahl der Bezirke bemestea werde und demnach die unterelsässtschen Mitglieder eine Vermehrung um zwei Köpfe erfahren würden. ES würde da» der höheren Stellung wohl entsprechen, welche dem LandeSauSschuste durch das im Reichstage unlängst angenommene G setz über die LandrSgesetzgebung im RrichSlande zugewiesen wird.
Die Feien deS österreichischungarischen Parlaments dauern fort; die Sitzungen werden erst tat Laufe der folgenden Woche wieder ausgenommen werden. In der Orientfl age scheint Graf Audrasty sich der von Eng- land befolgten Politik auch weiter anschlteßen zu wolkn eS verlautet bereits, daß auch er in kurzer Zeit den Bot fchafter Ocstcr.eichS nach Konstantinopel zurückfenden wird.
Der Papst ist von seinem Unwohlsein wieder hergestellt und bereits wieder im Stande, die gewöhnlichen Audienzen zu erthetlen. Die den katholischen Mächten überreichte Allocution vom 12. März und Simeoni's Rundschreiben an die päpstlichen Nuntien vom 21. März haben einen regen Verkehr zwischen Rcm, Wien und besonders Paris zuwege gebracht, eine Agitation, die den italienischen Minister des Auswärtigen, Melegari, zu der bündigen Versicherung veranlaßte, daß die Regierung auch fernerhin das Garantiegesctz aufrecht erhalten werde.
Der französische Ministerpräsident Simon und der Finanzminister Sah haben eine Erholungsreise nach Italien angetreten, der Minister deS Auswärtigen weilt in Cannes Die Politik ruht in Paris und Versailles, aber im Lande arbeiten die Senatoren und Deputirten eifrig an der Vorbereitung zu den bevorstehenden Wahlen für die theilweise Erneuerung der Generalrithe und für die vollständige der Gemeinderäthe; denn diese werden an den Senatswahlen von 1879 Antheil nehmen, die Senats wählen aber bet der VerfaffungSreviston von 1880 wahrscheinlich den Ausschlag geben. Die Stellung deS CabinetS Simon hat stch so wenig befestigt, daß die Serienreife desselben Anlaß zu Angriffen von allen Setten bieten mußte. Neben dem Uaivets und Monde ist es aber vorzüglich der Moniteur das Organ von DecazeS, der täglich gegen den Minister- prästdenten loszieht und ihm die Thür weist. Den Ulfa montanen hat Simon ein neues Aergeraiß gegeben; vor seiner Abreise ertheilte er dem Poiizeipräfccten Weisung das katholische Comite aufzulösen. Diese» hat stch mit Widerstreben und unter dem Zetergeschrei des UniverS gefügt, der katholische Congnß aber trat am 3. April als „Privatgesellschaft" unbehelligt in Paris zusammen.
König AlsonS con Spanien hat seine Rundreise nach einem längeren Aufenthalt in Sevilla, der wahrscheinlich mit seiner demnächstigen Hetrath in Verbindung steht, be endigt.
Wider Erwarten fast, kann mau sagen, haben die Verhandlungen zwischen der englischen Regierung und Rußland noch in letzter Stunde zu einer Einigung und zur Unterzeichnung des Protokolls geführt. Wesentlich ist dieses Ergebnis der eifrigen Thätigkclt Schuwaloff's zu verdanken, welcher dem Earl Derby selbst auf seinem Landsitz in Keston keine Ruhe ließ, sondern stch persönlich dorthin begab. Schuwaloff bemühte stch, die Verhandlungen zum Abschluffe zu bringen, ehe Jgnartrff nach Petersburg zurückgekehrt sein würde, weil er zu fürchten schien, daß dieser Störensried een Erfolg hindern könnte. Am Mittwoch kam der Draht zwischen Chesham Hous« und Petersburg nicht zur Ruhe; seine Arbeit hatte als Ergrbniß die Unterzeichnung. Rußland hat die schriftliche Erklärung abgegeben, daß e» ablüsten werde, wenn die Pforte die von den Mächten in dem Protokoll ihr erthcilten Rathschläge annchmen und thrtn Frieden mit Montenegro geschloffen haben werde. Außerdem erklärt Rußland sich bereit, einen besonderen türkischen Abgesandten in Petersburg zu empfangen, um mit diesem über die näheren Bestimmungen in Betreff der beiderseitigen Entwaffnung oder richtiger Deconcentration der Truppen zu verhandeln.
Die russische Regierung hat dem finnländischen
Landtag eine, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht betreffende Gesetzvorlage zugehen lasten. Seit 1810 war Finnland von der Haltung von Landrstruppen befreit gewesen; nur in der Zeit deS KrimktiegeS hatte eS Schützenbataillone aufstellen müflen.
Die rumänischen Kammern sind nach langwierigen Verhandlungen über die Anklage der abgetretenen Minister am 4. d. geschloffen worden.
Obwohl die Pforte seit einigen Tagen von dem Wortlaut des Protokolls Kenntuiß besitzt, so hat sie, trotz täglicher Minister-Zusammenkünfte, doch noch nicht zu demselben Stellung genommen; vielleicht wird man die offi- cielle Ueberreichung des Aktenstückes nur mit einer einfachen Empfangsanzeige erwidern, auch steht es noch dahin, ob Reuf Pascha sich in Wahrheit behufs Regelung der AbküstungS- oder DeconcentrationSfragr nach Petersburg begeben werde. Die Verhandlungen mit den montenegrinischen Friedensvermittlern — von deren Verlaus ja auch in gewiss m Grade die Abrüstungsfrage abhängt — nehmen trotz ihres formellen Abbruchs einen rigenthümlich schleppenden Fortgang. Nicht gerade friedlich lauten die Nachrichten von mehreren kleinen Gefechten in Bosnien und der Bewaffnung der türkischen Territorialmiliz in der Herzegowina. Die Verhandlungen deS türkischen Parlaments nehmen im Großen und Ganzen einen ruhigen Verlauf; eine Opposition hat sich noch nicht gebildet und die zur Erwiderung der Thronrede bestimmte Adreste wurde nahezu einstimmig angenommen.
In Griechenland ist die Kammersesstoa am 29. März geschloffen worden, nachdem das HauS der Deputirten noch die Zehn - Millionen - Anleihe für militärische Zwecke und daS Gesetz über daS ständige Heer und die außerordentliche Armeereserve geneh igt hatte. Letztere» tritt sofort in Kraft.
Tagesbericht.
Die Kanzlerfraze ist, wie man uns mittheilt, nunmehr wenigstens zu einem vorläufigen Abschluß gekommen, indem, wie wir hören, von dem Kaiser Freitag Mittag die Allerhöchste Ordre vollzogen worden ist, durch welche der Reichskanzler Fürst Bismarck auf die Dauer eine» Jahres von seinen Geschäften als Reichskanzler und preußischer Mt- nisterpristvent entbunden und auf dieselbe Dauer beurlaubt wird. Es hätte somit der erste Akt dieser mit allgemeiner Spannung verfolgten Affaire seinen Abschluß gefunden und es kommt nunmehr darauf an, welche Entwickelung der zweite Akt dieser Angelegenheit, die Stellverttrtung de» Reichskanzlers, nehmen wird. Die Zahl der Namen von
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Historische Erzählung aus dem deutsch-französischen Kriege 1870/71 von W. Bernhardi.
(Fortsetzung.)
In der Gegend des Steinthore» stand kein Haus
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mehr auf seinem Platze; ein wildes verworrenes Durcheinander von Steinen, Schutt und abgebrannten Balken i bezeichnete die Stellen, wo früher die Behausungen harm- i loser, zufriedener Menschen gestanden hatten.
i Die Belagerung und Eroberung Straßburgs wurde I ein „artilleristisches Meisterwerk' genannt und diese Be- ■ Zeichnung war eine wohlverdiente.
> Nicht diejenigen trifft der Vorwurf des Vandalismus, ° die eine Festung bombardiren, welche Schätze der Kunst und Wiffenschast in stch birgt, denn die rauhen Gesetze des Krieges kennen keine Schonung, sondern diejenigen, welche eine solche Stadt befestigen.
' Don dem Hause des alten Juden war keine Spur ' mehr zu finden; er und Helene waren verschwunden, kurze ■■ Zeit nach dem Abende, au dem sie beschlossen, das dem Alten artrtroute G ld in ihre Kleider zu nähen.
Das Fleisch war iv.Straßburg bald zu Ende gegangen, nur die nothdürftigsten Nahrungsmittel waren in den letzten Tagen der Belagerung noch zu haben gewesen.
Mit dem Einzuge der Deutschen war dies alles ander» geworden. Dieselben hatten, da sie den Termin der Ueber- gabe säst nach Tagen im Voraus berechnen konnten, reich, Üch für alle Bedürsniffe gesorgt und die endlich wieder ausathmende Stadt mit Allem versehen.
In dem Gasthof zur Stadt Paris, einem Hotel erster Claffe, welche» der Frau Wiegerist gehörte, waren fümmt- siche vorhandenen Zimmer von dmtfchen Offizierm in Beschlag genommen worden, so daß für Civilgäste kein Raum Suhr vorhanden «ar.
Auch den Gastsalon hatten diese verschiedenen höheren und niederen Ojfiziere besetzt und man gab stch nach so langen Entbehrungen der Erholung hin.
Tabaksrauch, Geschrei und Gläserklingen erfüllten den Saal. Hier uud da sah man einen Hungrigen ein leidlich gute- Beefstaek oder einen vortrefflichen Kalbsbraten zu sich nehmen, denn nachdem nur erst wieder Fleisch vorhanden war, verstand eS Mutter Wiegerist, eine geborene El- säfferin, ganz meisterhaft daflelbe zu bereiten.
Mitten unter den theils glänzenden, theils auch höchst staubigen Unifotmen bewegten sich auch einige Civilisten. Dieselben hatten aber alle das rothe Kreuz der Genfer Convention am Arm und schienen Johanniter zu sein.
Diese rothbekreuzten Ctailisten bildeten zwei Gruppen, welche, an verschiedenen Enden deS SaaleS befindlich, auch eine so charakterische Verschiedenheit zur Schau trugen, daß wir nicht Unrecht thun werden, wenn wir unS beide ein wenig näher betrachten.
Eine Gruppe bestand aus drei Herren, die mit einander eng befreundet zu fein schienen. Einer von ihnen, ein großer, starker Mensch, der den bekannten, auf dem Kinn fortrofiiten preußischen Militärbart trug, lag mehr als er saß in einer von außerordentlicher Bequernlichkett zeugenden nachlässigen Stellung auf dem Sophu.
Sein Nachbar zur Linken war gerade das Gegentheil von ihm, ein langer hagerer Mann mit frömmelnder Miene, der fortwährend in einem höchst salbungsvollen Tone sprach, und, wenn er wirklich war, wofür er stch ausgab, eine Pflege und Stütze der Verwundeten, dann mußte er ihnen mit seinem rnuckernden Wesen gleichzeitig zur Plage dienen.
Der dritte Genoffe dieser beiden Gegenfüßler ergänzte ste, indem er ein Mittelding zwischen ihnen vorstellte; er war ein gleichgültiger, langweiliger Mensch, ohne besonderen Ausdruck in der Miene, wie e» schien aber vermögend.
Das Benehmen dieser Herren war ein auffallendes,
dreiste«, ungeuirteS. Die besten Plätze hatten ste occupttt
und ste rührten stch von denselben nicht, obgleich mehrere Verwundete auf einfachen, harten Holzstühlen Platz genommen hatte«.
(Fortsetzung folgt)
De, Storch.
(Fortsetzung.)
Der Storch hatte nnterdeffen wenig auf mich geachtet, stch aber doch nach der entgegengesetzten Seite der Wiese gewendet. Eben wollte ich nun auf den Waldpfad um- biegen, um den Rückweg anzutreten, da machte da» lärmende Ausstiegen der Rebhühner mich aufmerksam. Im ersten Augenblick glaubte ich, daß ein Mensch dort nahe, da ich aber Niemand sah, so mußte ich annehmen, daß ein Raubthier die armen Hühnchen störe, denn ohne Anlaß würden ste doch nicht jetzt, da eben die Jungen au» den Eiern schlüpfen wollten, davonfliegen. Auch hörte ich gleich hinterher da» klägliche Schreien der beiden Rebhühner. So schnell eS mir nun möglich, eilte ich der Stelle zu, konnte aber tat Herannahen nichts weiter bemerken, al» daß der Storch schnell seitwärts vorüberflog. Als ich das Nest erreichte, fand ich ein jammervolles Bild, welches mich zugleich tief im Heizen schmerzte und empörte. Die Eier waren sämmtlich zerbrochen, die Jungen größtentheils verschwunden, doch mußte der Räuber durch mein Kommen gestört worden fein, denn noch lagen drei Küchlein, jämmerlich zerquetscht, aus dem Boden und zuckten in ihrem Blute.
Wer konnte nun dieser scheußliche, wahrhaft gräuliche Mörder nur sein? Weithin war kein lebende« Wesen zu hören und zu sehen; selbst die Singvögel waren ringsum veistummt uud das doch noch vor Kurzem so muntere bunte Leben war plötzlich wie ausgestorben. Die altm Rebhühner waren Wetter geflogen und klagten noch immer dann und «am so herzzerreißend jämmerlich. Mit 6c«