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Marburg, Sonnabend, 7. April 1877

XII.

Ituetgennimmt entgegen: die Gxpedttto» d. Blattes,

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»lasten wir diesen Winkel, begeben wir uns mitten in die Stadt, in die freundlichen, Hellen Straßen mit den hohen 'Häusern — da wird Niemand gefragt, ob et Christ oder Jude sei."

ost mehrere Abtheilungen berühren und der Director der Reichs-Finanz-Abtheilung, das eigentliche Finanz-Genie, nicht nur unter dem Präsidenten des Reichskanzleramtes, sondern auch unter dem Unter-Staatssekretär der Central- Abtheilung steht. Den Vorttag beim Reichskanzler aber hatte in den wichtigsten Dingen der Reichs Finanz-Adthei- lung nur der Präsident des Reich SkanzleramtS. Der wich­tigste Zweig, die ReichS-Finanz-Abthetlung, ist aber mit einem so bureaukratischen Apparat in seiner schließlichen Vertretung umgeben, daß von einer wirklichen wahren Der tretnng kau r die Rede sein kann, ja daß die eigentliche entscheidende wahre Meinung die größte Gefahr läuft, kaum gehört zu werden. Im Jntnefle der Reichsverwaltung selbst kann es nur wünschenSwerth sein, aus diesem Wirrwarr heraus ein selbstständiges Reichs Finanzamt zu schaffen und soll diese Frage nicht allein in hervorragenden RrtchStagS- kreisen schon Gegenstand der Besprechung gewesen sein, son­dern sie soll auch, wie wir hören, bereit« in den maßge­benden höchsten Kreisen der Reichsregierung Anregung ge­funden und wird jedenfalls bei der bevorstehenden hätten Berathnng drS ReichShaushaltS-EtatS den Gegenstand her­vorragender Debatten bilden.

Die Friedenshoffnungen, die so gefltflentlich von London und Wien aus im Jntereffe der Börsenmänner genährt werden, haben nicht lange vorgehalten. Die Werthlofigkeit des Protokolls für den Frieden, die wir sofort betont, wird jetzt ganz allgemein zugestandm. Man verkannt zwar nicht, daß unter den europäischen Mächten ein Einvernehmm darüber besteht, daß die Pforte wohl thäte, wenn sie die von den Mächten verlangten Reformen so bald als möglich auSsührcn würde, indeß sind die Mächte weit davon ent­fernt, die Türkei zwingen zu wollen, und ebendieser letztere Umstand ist eS, auf den die Pforte stch bei ihrem Wider­stande gegen eine europäische Intervention in ihre inneren Ängelegenheiten stützt. Wir find deshalb nach Unterzeich­nung des Londoner P.vlokolls nicht weiter gekommen als vor dem Zusammentritt der Eonferenz in Konstantinopel. Die letztere halte gleichfalls den Zweck, das Einvernehmen unter den europäischen Mächten zu fördern und dieser Zwkck wurde noch insofern erfüllt, al» die Mächte stch von der Rolhwendigkeit überzeugten, daß die Lage der christ­lichen Bevölkerung auf der Balkanhalbinsel verbessert wer­den müffe. Dieser Ueberzeugung halte aber längst die öffent» liche Meinung in Europa Ausdruck gegeben, und es hätte eigentlich des Zusammentritts der Eonferenz gar nicht be dürft, da die Vertreter der Mächte von vorn herein nicht entschloffen waren, den Willen Europa» zu vollstrecken. Ebenso bedeutungslos wie die Eonferenz ist nun noch daS

„Nein, da wieder gefragt, ob er Geld hat oder nicht/ Helene senkte traurig da» Köpfchen.

Nach etntt Pause sagte ste:

„Dennoch müffen wir fort, mein Vater. Wir rnüflen anderes Obdach suchen, und wir werden e» gewiß auch

Londontt Protokoll, das auch allgemein al» ein Wechsel ohne Acceptanken betrautet wird. Die Rüstungen Ruß» land» wie der Türkei bauern daher auch nach wie vor fort und von einet Abrüstung kann nicht die Rede sein.

Anders vnhält cS stch Mit bet inneren Politik, da hier die politischen Parteiverschiebungen wie die immer mehr zur Geltung gelangende konservative Strömung eine Veränve rang unserer WirthschaftSpolitik und datum auch wahrscheinlich verschiedene Ministerwechsel nothwendig machen werden.

Eine derjenigen Fragen, welche jetzt bei der durch den Rücktritt deS Reichskanzlers bevorstehenden Umwälzung in bet Reich-Verwaltung gleichfalls ihre Erledigung finden dürfte unb welche in bet That schon lange eine der dringendsten bildet, ist die Verantwortlichkeit der Reichsfinanzbehörde. Seit Einrichtung einer besonderen Abtheilung im Reichs­kanzleramt ist eigentlich weiter nichts geschehen, als daß einige neue Journale angelegt unb der neu ernannte Di­rektor dieser Abtheilung die Vertheilung der Sachen unter die Decernenten vornimmt. Die Verwirrung in der Ver­waltung selbst ist ober dadurch nicht beseitigt, sie ist viel­mehr dadurch um so größer geworden, als die Sachen nun

finden."

„Mag sein, aber wir können doch nicht forti*

„Wir können nicht fort, dies ist das Einzige, wa» Du mir zur Antwort gibst. Du gibst ein Etwas al» Grand an, ohne dafür einen Grund nennen zu können."

„Einen Grand I Danach fragt meine Helenel Daß meine Tochter mich danach fragen muß, da» betrübt mich tief!" antwortete der Jude mit trüber Stimme.

„Verzeihe, mein Vater!" sagte Helene. „Ich weiß, was Du meinst. Bei Gott, ich gehe nicht daraus au», Dich zu betrüben. Ich fühle, daß Etwas in Deinen Wor­ten liegt, was die Wahrheit ist. Aber dennoch, mein Vater, — überlege es Dir, — erlaubst Du, daß Deine Tochter Deinen Entschluß zu bekämpfen sucht?"

„Sprich mein Kind," erwiederte der Ate, einen Kuß auf ihre reine Stirn drückend."

„Run denn, D» weißt e», in welcher Gefahr wir schweben. Du weißt, daß in jeder Sekunde eine tückische Äugel in die» Dach schlagen und, unser friedliche» Haus zertrümmern kann. Dann, wenn un» da» Leben geschenkt bleibt, müssen wir gezwungen thun, wa» wir jetzt frei­willig können. Wir müffen."

Helene stockte und sah ihren Vatn zögernd an.

„Rede aus," sagte der Alte in ruhigem tone.

„Wir müssen diesen Ort verlassen."

Niemals, ich werde hier sterben l*

Die velagernntz den Straßburg.

Historische Erzählung aus dem deutsch-ftanzösischen Kriege 1870/71 von W. Bernhardt.

(Fortsetzung.)

Verzweiflungsvoll, btttera Gram im Gesicht, saß der alte Jude neben seiner schönen Tochter, und bei dem ge­ringsten Saute, der stch hören ließ, erzitterte er und fürch­tete, ein verderbenbringendes Geschoß werde fein HauS zer­stören.

„Wir müffen diesen Ort verlassen, mein guter Vater," sagte Helene.

„Das ist unmöglich!"

„Weshalb nur?"

„Weil wir nirgend» ein Obdach finden werden!"

„O nicht doch, mein Vater, weshalb so verzagt? E» gibt ja so viele gute Menschen, und in einer belagerten Stabt, wo man soviel Elend zu ertragen hat, da öffnet mau das Herz um so eher den Leiden seiner unschuldigen Mitmenschen."

„Glaube nicht an die Mmschen, Helene. Sie find alle schlecht, eigennützig, selbstsüchtig. E» gab nur einen guten Menschen; wer weiß, ob wir ihn wieder sehm. Du weißt, wein Kind, wir sind Juden —"

— „Ich bin stolz darauf, daß ich es bin."

„Alle» gut, Du bist stolz; ich bin auch stolz. Das Bewußtsein können wir für uns haben, denn leider gibt an» Keiner Etwa» darauf. Wenn da» Einer hört, wird tr lachen. Sie ist darauf stolz, daß ste von Anderen ver­achtet wird."

„O nicht doch, mein Vater. Die traurige Umgebung, tie wir hier haben, hat Dein Herz so verhärtet. Hin, in- ttit cn der Niedrigkeit, der Dummheit und des Schmutze», hier existiren wohl noch Mmschen, die dm Mitmenschen, Aril er anderer Abstammung ist, verachtm mögen. Ver-

ÄudflCH nimmt entgegen: HHiöebttt»n b. Blattes Mote bte »imoneeu-vurraux von ». L- Daube & Eo. in Frankfurt a. M.: Jäaer'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A Rete- ♦ meper in Berlin; Earl Schütz-

(et in Hannover; S. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer ben Werktagen nach Sonn- unb Feiertagm. Preis für bas Quartal mit bet wöchentlichen Beilage „Mlnstrivtes LsmttNssslntt" durch bie Srvebition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen S; Wert, burch bie Postämter beS Deutschen Reiches S Wert 50 Pf». (ejL Bestellgebühr). - JnferttonSgebübr für bie gegoltene Zecke 10 Pf». Für in bet Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adteffm werden 85 Pf», berechnet.

Deutsche* «eich.

•• Berlin, 5. April. Die Entscheidung über die Regelung der Kanzlerfrage war bi» heute Mittag noch nicht erfolgt, man glaubt dieselbe jedoch noch heute oder rnorgm erwarten zu dürfen. Als feststehend darf angenommen wer­den, daß e» sich für jetzt nur um eine Beurlaubung handelt. Die Gerüchte, daß gewiffe Einflüffe stch für die Bewilli­gung des Abschied» geltend machen, tragen einen tendenziöseu Charakter. Auch ist e» unrichtig, daß der Kanzler selbst auf dem Entlassungsgesuch bestehe. Daß der Kanzler die Möglichkeit einer längeren Beurlaubung von vornherein nicht geradezu ausschlicßen wollte, geht wohl daran» her­vor, daß er diejmige Anordnung der Stellvertretung, beten Annahme die meiste Wahrscheinlichkett für stch hat, mit den andern Ministern selbst als die angemeffenfte besprochen hat. Diese Einrichtung setzt den Zweck einer dauernden Stellvertretung voraus. Wenn ein hiesiges Blatt rnittheilt, die Vertretung sei bereit» in Wirksamkeit getreten, so kann e» stch habet nur um die gewöhnliche Vertretung im Falle kurzer Abwesenheit handeln, nicht um eine außerordentliche, welche jetzt geregelt werden soll. Eine ganz willkürliche Erfindung ist da» Gerücht, e» habe zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck eine Differenz obgewaltet über das Maß bet bet russischen Politik zu gewährmden Unter« stützung. ©trabe jetzt, wo die Orientfrage durch die Unter­zeichnung des Protokolls einen wenigsten» vorläufigen Ab­schluß erhaltm hat, wäre e» zu spät, diese Diffetmz au»« zutragen. Aber es hat stch überhaupt noch niemals der leiseste Keim zu einer solchen gezeigt. Aach eint Reihe anderer Gerüchte gehört in da» Gebiet müssiger Lonjektnr, so, wie behauptet wird, es handele stch bereit» um ein ©in» lenken dem römischen Stuhle gegenüber. Es liegt aber nicht das geringste Anzeichen vor, daß eine Aenderang nach dieser Richtung in Anregung kommen werde. Auch der Stosch'schen Angelegenheit wird ein Einfluß auf die letzten Entschlie­ßungen des Kanzler» zugeschrieben, wa» aber von compe- tenten Personen in keiner Weise eingerLumt wird. Dagegen wird der leidende Zustand de» Kanzler» sowohl von seiner daunnden Umgebung, als auch von Personen, bie in letzter Zeit mit ihm in nähere Berührung gekommen find, allseitig bestätigt. Diesn Zustand ist auch der Grund, daß der Fürst seine Entlaffung vorbehaltlich der Entscheidung de» Kaisn» über einm anderen Modu», ihm die nöthige Ruhe ^„Unb Dein arme» ftinb, welche» dann ganz verlassen

Sie schmiegte ihre Wange an die {einige und strich ihm dazu da» filbnweiße Haar, indem ste ihre Frage wiederholte.

Der Alte schwieg eine Weile.

Dann sagte er, nachdem er mühsam nach Fassung ge­rungen hatte:

„Du hast recht, mein Kind, ein VerrLther ist Derjenige, der in bet Stunbe der Gefahr die ©einigen verläßt, aber, — e» hilft nicht»; es ist noch ein Aber dabei."

„Sprich nur, mein Vater; nun ich in der Hauptsache Deine Zustimmung habe, ist alles Andere nur Kleinigkeit."

„Du weißt, welche Schätze in diesem Hause verborgen sind!'

„Ich weiß e». Trotz dieser Schätze leiden wir Roth, obgleich e» Dir gewiß freistehen würde, davon Etwas zu nehmen, um die schlimmsten Leiden von uns abzuwenden!"

„Eher soll meine Hand verdorren, ehe ich sie nach dem fremden Gute ausstrecke. Richt war, Du bist e» zufrieden, daß Dein Baier ehrlich bleibt?"

„O mein Vater, könntest Du zweifeln?"

„Nein. Dies Geld ist mir anvertraut worden von unserem WohlthLttt, Herrn EverS. Als die Deutschen, nachdem der Krieg begonnm hatte, überall aus Frankreich vertriebm mürben, kam er von Paris hierher. Er suchte mich auf; er sah leidend unb elenb au». Ihm war die Gattin gestorben, er hatte keine Sieben mehr, außer — einer verlorenen Tochter, die Du später kennen lern« wirst, wenn Gott unS da» Beben erhält!"

Hrleue hörte gespannt zu und sagte, al» der Alte jetzt eine Pause machtt:

„Werde ich ste bald keunm lernm?" „Vielleicht in drei Jahren," sagte der Alte. Dann fuhr et fort:

„Er umarmte mich und sagte zu mit: Elia», ich muß

&rtü$folBie die Amumcen-Bureaux :te mß von Th. Dietrich & Lo- iu «SWÄStö

M5IK nT&t” k; Rudolf Mvsse Saget ’n Berlin, Frankfurt <u M. rc.

Die Preffe stellt bereit» die verschiedensten Combi- nattonm auf über die Personalveränberrmgen, welche der Rücktritt des ReichskaozlerS zur Folge haben wird, wäh­rend zur Stunde noch gar kein definitiver Beschluß über da» Entlassungsgesuch BiSmarckS gefaßt ist. Da der letztere aber darauf besteht, daß er von allen seinen Functionen ein für allemal entbunden wird, so wird selbstverständlich da» EntlaffungSgesuch angenommen werden und die inte­rimistische Vertretung wird wie überaQ so doch nur sehr kurze Zeit dauern. Gewiß ist, daß der künftige Reichs kanzln nicht zugleich preußischer Ministerpräsident sein wird, für den letzteren Posten vielmehr eine eigene Stelle creirt werden wird. Wer dieselbe bekleiden wird, ist natürlich noch ungewiß, unter den Candidaten für denselben befindet sich auch bet Oberprästdent von Hannover, Gras Eulen- bürg, Vieser hat sogar die meisten Aussichten für die nächste

n bie Zukunft, da für die erste Zeit Cawphauseo noch die nach Functionen eines preußischen Ministerpräsidenten weiter­führen wird. In Bezug auf die Stelle als Reichskanzler hat man auch den Grafen Moltke genannt. Dieser be­rühmte Stratege, der bekanntlich auch ein großer Politiker ist, wird stch aber schwerlich die ungeheure Bast der Staats­geschäfte aufbürben wollen, die mit dem Amte eines Reichs- kanzierS verbunden sind, und wir vernehmen auch heute, daß der Graf Otto ©toCberg die meisten Aussichten dazu hat, daS höchste Amt im deutschen Reiche zu bekleiden. Von einer veränderten Richtung auf dem Felde der auSmärtigen Politik wird nicht die Rede sein können, da Staatssecietär Bülow die letztere im Geiste BiSmarck'S fortführen wird.