Br. 78.
Jliatfllirg, Donnerstag, 5. April 1877.
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an den Frieden zu glauben. Da die» aber nicht der Fall ist, Rußland seine Heere, die es am Pruth aufgestellt, nicht früher zurückzieheu will, als bis die Pforte abgerüftet hat und die letztere nicht gesonnen ist, flch der Willkür Rußlands preiSzugebeu, so kann kein Unbefangener daran denken, daß die Orientwirren auf friedlichem Wege werden geschlichtet werden. Durch das Londoner Protokoll ist raher weiter nichts erreicht, als daß Rußland einen formellen RechtStitü für fein Vorgehen gegen die Türkei, sowie Zeit für seine ferneren Rüstungen erlangt hat. Die zukünftige Stellung der Mächte wie diese stch nach dem «uSbruch des Kriegs au» der ferneren Entwickelung der Orientangelegenheit herausbilden wird, ist durch das Londoner Protokoll nicht präjudicitt und ebensowenig ist da- letztere, das Verhältniß der Türkei zu Montenegro geregelt. Die Montenegriner werden vielmehr eine Hauptrolle in den aufständischen Kämpfen der nächsten Zukunft spielen, denn daß die Jnsurreetion in der Türkei sobald der Krieg auögebrocheu, wieder größere Dimenstonen annehmen wird, darüber kann nach der Sprache, welche die BoSnier heute rühren kein Zweifel mehr sein. Die Führer der bosnischen Insurgenten haben eine Aufforderung an die BoSniaken erlaffeu, in welcher diese zu den Waffen gerufen werden mit dem Hinweis darauf, daß die Pforte ihre Knechtschaft nur verlängern könne, und eine Verbesserung ihrer Lage nur von der Vernichtung der türkischen Herrschaft zu erwarten sei. Dieses letztere ist da» Ziel der russtschen Regierung, da» fie mit Ausbietung ihrer gesamm- ten Waffenmacht verfolgt. Da» Londoner Protokoll hindert sie in diesem ihrem Bestreben nicht im Mindesten, und hat somit für den europäischen Frieden nicht die mindeste Bedeutung.'
allgemein genießt, diesem die Stellung anzutragen. — Ferner erfahren wir noch FolgmdeS. Der Reichskanzler Fürst v. BiSmarck hat feine Entlastung erbeten. In dem EntlastungS« gefuch soll zugleich die Bitte um einen sofortigen längeren Irland enthalten fein. Se. Mas. der Kaiser empfing heute Vormittag in der neunten Stunde den Präsidenten de» ReichSkanzleramteS, StaatSminister Hofmann. Wie eS weiter frißt, begibt stch der Fürst, dem ein einjähriger Urlaub ertheilt fein foll, zunächst auf feine Besitzung im Lauen- burgifchen. Während einerseits angenommen wird, nach Beendigung des Urlaubs werde der Reichskanzler die Geschäfte wieder übernehmen, verlautet auf der anderen ©eite, der Fürst bestehe nachdrücklich auf seiner Penstonirung. — Eine weitere Mittheilung geht dahin: Fürst BiSmarck begibt sich demnächst auf den schon seit längerer Zeit beab. stchtigten längeren Urlaub. Ueber seine Vertretung ist noch nicht- Definitives bestimmt. Wahrscheinlich übernimmt der Staatöseeretär v. Bülow die Vertretung in den äußeren und der Finanzminister Camphausen in den inneren Angelegenheiten — Soweit die „N. Pr. Ztg."
Nach weiter uns zugehenden Mitthcilungeu soll Fürst BiSmarck definitiv ausgesprochen haben, daß er nicht wieder daran denke, seine Functionen wieder aufzunehmen. Eingeweihte Kreise bringen den ganzen Vorgang mit der Affaire v. Etosch in Beziehung. UebrtgenS wollen wir bemerken, daß der Fürst stch schon lange darnach gesehnt, von der aufreibenden Last seines Amtes befreit zu werden, und daß noch mehr als der Füest schon seit Jahren die Fürstin bemüht war, den Entschluß deS Ersteren, von seinem Amt zurückzutreten, zu fördern. Waö den Nachfolger deS Fürsten anlangt, so heißt eS schon seit Jahren, daß der Reichskanzler den Grafen Otto zu Stolberg-Wernigerode zu seinem Nachfolger auSersehen und in Vorschlag gebracht habe. Die Functionen, welche der Letztere in dm letzten Jahren al» Ober - Präsident der Provinz Hannover und als Botschafter de» deutschen Reich« in Wien versehen, sollten ein Durchgangs Stadium für den höchstm Verwaltungsposten im Deutschen Reiche bilden.
Au» Berlin wird telegraphisch gemeldet: Die den längeren Urlaub des Fürsten BiSmarck regelnde formelle CabtnetS- ordre ist noch nicht ergangen. Alle im Umlauf befindlichen Gerüchte über den Rücktritt BiSmarck's, sowie jene, nach welche» das Urlaubsgesuch deS Reichskanzlers auf obwaltmde Differenzen zurückg>.führt wird, eutbchren der Begründung.
Die Hoffnungen auf Erhaltung deS Frieden» dürfen heute al» vollständig gescheitert betrachtet werden. Hätte das Londoner Protokoll, da» von den Vertretern fämmt- licher Großmächte unterzeichnet worden, und in welchem die letzteren erklären, daß die Pforte vnpflichtet sei die , Forderungen der Conferenz auszuiühren, die AbrüstungS- : frage erledigt, so wäre ja allerdings Grund vorhanden
Ein Schlafender lag, auf gelbem Sande gebettet, nahe am Rande des WafferS.
Weithin schimmerte fein weißes Kleid durch die mondhelle Nacht und kein Geräusch störte die Ruhe des ein» samen Träumers.
Die wenigen Soldatm, welche noch in dieser Gegend erschienen, waren vorüber gegangm, unbekümmert, ob ein flüchtiger oder ewiger Traum seine Sinne gefeffelt halten mochte.
So lag er hülfloS und verlaffen, und nm der Mond, der so manche» thräumschwere Auge beschim, schaute mit» leidig herab und verklärte die Züge de» Grame» in dem Antlitze deS ohnmächtigen Greises.
Der Schlag eines Ruders wurde hörbar.
Der edelmüthige Soldat, besten Geldbeutel den Cor* poral so gut gestimmt hatte, daß dieser einen Urlaub bewilligte, kehrte zurück, aber allein; seinen Freund hatte das Master verschlungen.
Gedankenvoll stand er vor dem greifen Schläfer, mit dem ihn das Schicksal so wunderbar zusammengefühtt hatte.
llnentschlosten, was er beginnen sollte, kniete er neben dem Greise nieder, um zu nforschm, ob in dem erstarrten Körper noch Leben sei.
Rach einigen Ansuchen schlug bet Ohnmächtige die Augen auf, richtete sie unverwandt auf {einen Retter und hauchte mit bebendn Stimme:
„Mich friert!"
„So kommt, guter Altn," sagte hülfebnett ber junge Mann, „ich will Euch nach Hause geleiten, denn die kalte Eide ist wahrlich kein geeignetes Nachtlager bei Eurem Zustande."
Mühsam richtete stch bet Jude aus und saß eine Zeit-
lang nachdenkend, als suche et des jüngst Geschehenen stch bewußt zu werden.
Dann faltete er die Hände, sah wehmüthig zum Himmel empor und seufzte, während Helle Thränen über seine Wangen herabstürzten:
„O meine Tochter, mein arme», armes Kind, Du wirst Deinen alten Baler noch einmal sehen, um die Trennung desto schrnnzlicher zu fühlm, wenn harthnzige Menschen ihn Dir entreißen werden."
So hing der Unglückliche, das eigene Unglück vergessend, an dem Gegenstand seiner Liebe, und sein Herz blutete nur, weil er die Tochter, ohne ihr helfen zu können, im Geiste schon vom Wirbel deS eigenen Mißgeschickes mit {orige* riffen sah.
Tief erschüttert betrachtete der Jüngling den GreiS, besten Klage chrn tief in baS Herz hinein btang.
„O daß ich nie wieder zum Leben erwacht wäre," fuhr der Gerettete fort, „daß ich aus dem Grunde deS Masters e n stilles Bett gefunden hätte, wo nichts mehr den her- beigefehuten Schlummer de» alten Juden gestört hätte. — Ihr seid mein Retter," wandte er stch an den jungen Mann; „mein Herz sagt mir, daß Ihr e» seid. Aber ich weiß nicht, ob ich Euch für das Gelingen einer schönen That danken soll. Ich kehre ungern in eine Wett zurück, in der ich nichts zu verlieren hatte. Und doch, doch, ich habe ja ein Kind, ein Wesen, das mich liebt, da» mir allein angehört — und ich Elender wagte, e» zu verlasten, weil ich der Stimme des Wahnsinns Gehör gab, die mit zurief: Deine Tochter wird hungern, hungern in dieser großen Stadt! Ja, Ihr seid ein guter Genius, tapferer Krieger, Euch hat der Himmel mir gesendet, um den Baier seiner Lochter wiederzugebeu. Ich will sie nicht mehr verlaffen,
und war im Nu verschwunden.
Die Sonne ging unter.
Noch starrten der Lord und der Ban guter eine Zeit lang schweigend in das Rauschen der Fluth hinab.
Dann zog der Dritte eine Zweihundertpfundnote au» der geöffneten Brieftasche und sagte, fie dem Banquier überreichend :
„Ihr seid Meister im Calcnliren und Speculiren, Mr. Fornt; nehmt hier den Lohn für Eure Virtuofität. Ueb- rigen» wünsche ich Euch gute Nacht und einen besseren Traum, al» der arme Schelm haben wird, der Euch heul' -Gewinn gebracht hat."
Mit selbstgefälligem Lächeln dankte der Banquier und drückie dem Engländer vergnügt und Nicht» ahnend beim Scheiden die Hand; er hatte eine fürchterliche Wette gewonnen.
(Fortsetzung.)
Schnurgerade schoß das Boot jetzt der Stelle zu, wo Unglückliche unter dem Master versank.
Jetzt glitt eS pfeilschnell um einen Bogen deS WalleS
Deutsche» Reich.
h Berlin, 3. April. Die polittschen Kreise der Hauptstadt sprachen schon vor Beginn der »ergangenen Woche von dem Wunsche deS Reichskanzlers, sich von dxn Geschäften auf längere Zeit zurückzuziehen. Wählend der Festtage haben die betreffenden Gerüchte größere Bestimmtheit angenommen, selbstredend unter Mitwirkung der au solchen Tagen besonders geschäftigen Lonjektnralpolittk. Nach der Annahme unterrichteter Kreise ist die Mittheilung, daß der Fürst wiederum da» Bedürfniß nach einer längeren Ruhe ausgesprochen, begründet und eS haben über die Modalitäten, wie sein Wunsch zu erfüllen sei, vielfache Erörterungen, auch Allerhöchsten Orte stattgesunden. Es gilt nicht für unwahrscheinlich und ist vielleicht in diesem Augenblick bereit» entziehen, daß der Fürst schon in der nächsten Zeit einen längeren Urlaub unter vollständiger Entbindung von den Geschäften antritt und daß für diese Zeit auch eine vollständige Vertretung sowohl in der Leitung der auswärtigen Politik als in derjenigen der inneren ReichSange-
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Die Belagerung von Straßburg.
Historische Erzählung aus dem deutsch-französischen Kriege 1870/71 von W. Bernhardt.
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„DaS schönste Kleinod, da» ich hab', Das bist doch Du, Helene, Mein ttautes Töchterlein!"
Die Soldaten waren abmarschirt; die Gegend war leer geu ordm, hin und wieder sah mau eine bunte Uniform auf suchen und wieder verschwinden.
hwa- Morgenmusik dar. __________
ätnt' I Unsere bereits mitgetheilten Andeutungen, daß der Fürst scheu MSmarck die Absicht hege, an feinem 63. Geburtstage fein DntlaffungSgesuch beim Kaiser einzureicheu, findet nun auch |n der „91. Pr. Ztg." Bestätigung und weitere Ausführung.
<vas genannte Blatt schreibt: Der Reichskanzler Fürst v. «iSmarck hat (so wird erzählt) gelegentlich der diesjährigen x Wiederkehr seines Geburtstages am 1. April das früher ^bre Eschen mehrmals eingereichte Gesuch um Enthebung von luter keinen Stellungen als Reichskanzler, Präsident des König* L- Mich en StaatSmintsteriumS und Minister deS Auswärtigen erneuert. Das Gesuch soll vorn Fürsten v Bismarck durch und Iben Hinweis auf seinen park angegriffenen GesundheitSzu- Wand begründet und die dringendste Bitte um Gewährung Hieflelben ausgesprochen fein. Seine Majestät der Kaiser -In Wund König soll bis heute eine Entscheidung noch nicht voll- Igogen haben, so daß die Möglichkeit eine» dem Fürsten BiSmarck zu eriheilenden einjährigen Urlaubes, von ^^welchem gerüchtsweise bereits verlautet, noch besteht. ES —1 «könnte aber auch eine Genehmigung deS Gesuche» erfolgen, . durch welche ja ein bereiniget Wiedereintritt in den Reichs- und Staatsdienst keineswegs ausgeschlossen wäre. AIS vorläufiger Nachfolger ober Stellvertreter beS Fürsten v. Bismarck, welchen al» Prästbenten deS preußischen StaatSmi- nisteriumS der Vice - Präsident desselben zu vertreten hat, wird in dieser Stellung wie in der deS Reichskanzlers nach des Fürsten v. Bismarck eigenem Vorschläge bet Staats- Minister Camphausen genannt, an bei Spitze de» Ministeriums beS Auswärtigen würde der Staatsminister v. Bülow zunächst verbleiben. Für eine spätere wirkliche Besetzung der Stellung des Reichskanzlers sollen der Botschafter Gras zu Stolberg in Wien und der Botschafter Fürst Hohenlohe in Paris in'» Ange gefaßt fein. Andererseits soll auch daran gedacht werden, im Hinblick auf die hohe Achtung und Autorität, die der General Feldmarschall Graf Molike
gl Tagesbericht.
a0 dem am Ersten Osterfeieriage stattgehabten GeburtS- ~ Tirae be» Fürsten Reichskanzlers finb demselben auch in Tü liefern Jahre wieder von allen Seiten zahlreichste Kund- Ittlkbungen der Zuneigung und Verehrung zu Theil geworren Se. Majestät der Kaiser, Se. kaiserl. und königl. dobeit der Kronprinz, Se. königl. Hoheit der Großherzog , ,;on Baden waren persönlich im Auswärtigen Amte zur "Beglückwünschung erschienen, desgleichen die Minister, viele ' e°2ochgestellten Persönlichkeiten der Diplomatie u. A. Unter L^tn Glückwünschen von Auswärts ist im besonderen ein ___Glückwunschtelegramm Sr. Majestät des Königs von Baiern DMu erwähnen. Geschenke in reicher Zahl und in größter waren ebenfalls eingelaufen. Am Morgen ernde Grachten die MustkcorpS deS Kaifer-Alexander-Garde-Grena- x ben Ster* und deS zweiten Garde-Regiments dem Fürsten eine
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