Einzelbild herunterladen
 

tiir. 75.

Marburg, Freitag, 30. März 1877.

XH. ZlhWIg.

II11 fltuetgen nimmt entgegen: '* zie «rpeditton d Blatte«, sowie die Lnuoncen-Bureanx »on Th. Dietrich & Co« Reffei und Hannover; Th­ein Lerr^etrich in Frankfurt a. M-; irünf* t,Heesenstein & Bögler in roaft?Xrt a. M , Berlin, Leip, »g ESln re; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. St. re.

ObcrhcWt Jrilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte« sowie die Annoneen-Bureenr von <8. L. Daube & So. in

Frankfurt e. Di.: Jäaer'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete» meyer in Berlin; Carl Schütz» ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

n:

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlnfteirte« Gonntagddlatt" durch die Expedition (Roch'fche Buchdruckerei; bezogen 3i Wart, durch die Postämter de- Deutschen Reiche« 3 Wart 50 Pfg. <exl. Bestellgebühr). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Für in der Expedition zu ertbeilenbe Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pftz. berechnet.

zur Ber

Zlie Psst-Beftellnuge« für das 2. Quartal . 8> auf die

i Dberhessische Zeitung

nebst

Illuftrirtem Sonntagsölatt bitten wir, um vollständige Exemplare liefern zu können, bald gefälligst machm zu wollen.

Die Exp. d. Oberh. Ztg.

Tagesbericht.

In politischen »reifen Berlins erzählt man sich, daß während der lctztea Anwesenheit der Königlich sächsischen _____Herrschaften zur Feier de« 81. Geburtstage« de« Kaisers IMMD auch die Rede auf die Frage wegen des Sitzes de« Reichs gerichl« gekommen sei, und daß hierbei König Albert von __ Sachsen Veranlassung genommen habe, auch seinerseits dem Kaiser gegenüber die Verstcherung abgegeben, daß seine Re gierung sich durchaus nicht aus persönlichen und nicht aus politischen, sondern nur au« sachlichen Gründen sür die Verlegung de« Sitze» des Gerichtshofes nach Leipzig ent- h-b-. ____________

, Zn bet vorgestern obgebvllenen Plenarsitzung des Binde«, raths ist die ReichSgerichtsangelegenheit nicht zur vollen «ltnM» Erledigung gekommen, indem dieselbe wegen der Clauskl, t (ml! wonach derjenige Staat, in besten Gebiet da« Reichsgericht ' ,c K tagt, auf die Beibehaltung seine« höchsten Gerichtshöfe« verzichten soll, an den Justizausschuß verwiesen worden. Für diesen Beschluß Haden sämmiliche Regierungen ohne Ausnahme gestimmt; daß der Justizausschuß die Anträge tone« be6 Reichstage« auruhmen wird, darüber besteht unter den ------Mitgliedern de« BundeSrathS kein Zweifel, auch hat die Sagen preußische Regierung keinerlei Bedenken gegen die Annahme leres in de« Reichstagsbeschlusses geäußert. E« wird daher da» [793 Gesetz über dm Sitz de» Reichsgerichte» srühestmS Mitte

------ nächsten Monats veröffentlicht werden In em» ----------

Orth. «US Berlin wird vom 28. d. telegraphisch gemeldet: [794 General Jgnatieff und Gemahlin sind heute Mittag halb " 3 Uhr von Wien hier eingctroffen. Jgnatieff begab sich

seS am unmittelbar nach seiner Ankunft zu einer Conferenz mit 0 von trat Reichskanzler Fürsten Bismarck in» auswärtige Amt. ewohnt -----------

Atzung General Jgnatieff wird während seiner Anwesenheit in u der- Berlin mit dem Fürsten BiSmarck wiederholt eonferiren,

da derselbe dem Reichskanzler bestimmte Vorschläge unter­breiten wird, die sich auf die Ausgleichung der Gegensätze zwischen Rußland und Oesterreich innerhalb des Rahmen» de» DreikaiserbündnisteS beziehen. Oesterreich will keine bindenden Zusagen bezüglich seiner Neutralität geben, trotz­dem Rußland die bestimmtesten Versicherungen ertheilt, daß eS keine Eroberungen machen werde aus der Balkanhalb- Insel. Jgnatieff wird nun, wie man unS versichert, in Berlin den Versuch maßen, Preußen zu veranlassen, auf Oesterrerch einen Druck dahin auszuüben, daß diese» die Bürgschaft dafür übernehme, daß die russische Aktion nicht von Seiten der Ungarn gestört, eine polnische Frage nicht aufgeworfen werde u. s. w. Daß der Reichskanzler auf die Vorschläge Rußland» eingehen sollte, wird un» al« höchst unwahrscheinlich bezeichnet. Die deutsche Regierung wird nicht eher aus ihrer Reserve heraustreten, al» bis England und Oesterreich ihre Neutralität aufgegeben haben und sich an den militärischen Operationen in der Türkei betheiligen. Erst bann wird der Moment gekommen fein, wo Deutschland fein Schwert in die Wagfchaale der Eat fcheidung wirst zu Gunsten der christlichen Bevölkerung der Türkei und der allgemeinen eivilisatorischen Interessen.

AuS Wien wird telegraghirt: Graf Andraffy und Graf Robillant sind besonder» lebhaft für eine Verständi­gung thälig; das Princip gleichzeitiger Abrüstung wird allseitig befürwortet und neuerdings ist auch wieder die Feststellung einer Probesrist für Ausführung der Reformen angeregt. Buchanan äußerte, daß England möglicherweise einlenken werde, wenn Rußland beide Principien annimmt. Gleichwohl glaubt Buchanan an keinen praktischen Erfolg deS Protokoll«. Jgnatieff hat in Wien die Versicherung der Freundschaft Oesterreich« erhalten. Von der Coope ration war mit feinem Wort die Rede. Betreffs der Neutralität hat Gras Andraffy formell die Versicherung wiederholt, Oesterreich wünsche Neutralität so lange wie möglich zu bewahren« Die Lemberg Czernowitzer, sowie die Carl Ludwigsbahn haben den Auftrag erhalten, außer halb des Weichbild« der Stadt Zwischengeleife, die sür MilitairtranSporte bestimmt siud, schleunigst herzustellen.

Deutsches «eich.

Berlin, 28. März. Die »Provinzial Korrespon­denz", welche vor acht Tagen die Frage de« Reichsgerichts nur kurz behandelt hat, gibt heute eine genaue Ueberstcht über den Verlauf dieser Angelegenheit im BundeSrath und Reichstag. Die Darstellung, durchaus objectiv, läßt na­mentlich auch die sachlichen Momente, welche die Mitglieder

der regierungsfreundlichen Parteien für Leipzig zu stimmen veranlaßt haben, in ihrem vollm Umfange zur Geltung kommen, doch wird auch die schiefe Lage, in welche die Frage durch den Beschluß des BundeSrathS gekommen, scharf hervorgehoben. AuS dieser sei hauptsächlich die Zu­rückhaltung deS ReichöpräsidiumS hervorgezangen. Beson­ders stellt die Ausführung der »Provinzial Sorrespondenz" die Ntchttheilnahme des Fürsten Bismarck an der Debatte in das richtige Licht. «16 Vertreter der Majorität konnte der Reichskanzler nicht auftreten, da dieselbe den von ihm eingebrachten Gesetzentwurf abgelehnt hatte, eine Vertretung der Minorität des BundeSrathS gibt e« nicht, und al» specieller Vertreter deS preußischen Staate» aufzutreten, hätte sich wohl kaum für den deutschen Reichskanzler ge­schickt. Die Unwiderleglichkeit dieser Argumentation dürfte auch wohl die Angriffe zum Schweigen bringen, die au» diesem Anlaß von den verschiedensten Blättern gegen den Fürsten Bismarck gerichtet sind. Die Einberufung des CommunallandtageS für den Regierungsbezirk Kassel ist von dem Minister des Innern für den Schluß dcö Mo natS Mai in Aussicht genommen. Neuere authentische Mittheilungen ans den Jndustriebezirken Westfalens bestä­tigen die Annahme, daß die Zustände dort bei weitem nicht so besorgnißerregend sind, wie vielfach behauptet wird. Wenn schon die Lage der arbeitenden Claflen in Folge der allgemein schlechten Zeit eine gedrückte ist und im Vergleich mit der früheren Schwunghastlgkeit vielleicht als eine küm­merliche erscheint, so kann doch von einem wirklichen Noch- ftan e kaum die Rede sein. Die Zustände »erben von bet agitatorischen Presse, sowohl bet sozialdemokratischen al» bet ultramontanen, vielfach übertrieben. Nach Abzug bet fremden Arbeiter, deren Abreise in ihre Heimath durch die Ermäßigung bet Fahrpreise auf ben Eisenbahnen bebeutenb erleichtert wurde, hat bet bleibende Rest Arbeit gefunden, theils in den noch geöffneten Etablissements, theils bei Eisenbahn- und Wege Bau, theil» in der Londwirthschaft. Der letzteren fehlt e« noch immer an Arbeitern, woran wohl die ungesunde Bertheilung der Arbeitskräfte zwischen Stadt und Land in den Gründersahten mit Schuld ist. Sehr bemetkenSwetth erscheint, daß selbst in den letzten Monaten die Zurücknahme von Einlagen au» ben Spar- kaffen nicht wesentlich den Betrag der neuen Einlagen über­stiegen hat.

Solu, 27. März. Den zuständigen höheren Militär­behörden ist die Weisung zugegangen, die Vorarbeiten für die im Monat August - September statifindendeu Manöver zu veranlaffen. Es werden für das 7., 8. und 11. Armeekorps sogenannte Königs-Manöver abge­halten werden, bei denen die zwei Divisionen eine» jeden

sen.

>aoten« Pern ft den Lehr«

an«

unben e ba» immer

r will, ritung ungs-

r.

W1 1877.

1.

4'9.

>0,51.

trüb.

Mttheilnnze» m8 A«nstantttt«pel.

Aus dem Tagebuch einer Dame.

Pera, 12. z.

Der große Tag der ParlamentSeröffnung rückt heran, und noch scheint die geschäftliche Seite, die Anordnung deS Ganzen, ein Wirrsaal, dessen Lösung vielleicht nur dem Zufall anheimfallen wird. Die Räume, in welchem Senat und Unterhaus tagen sollen, sind Halbwegs eingerichtet. Sie befinden sich in Stambul in dem geräumigen und großartigen Gebäude am Ak Meidan H pprodow), welche» für die stolze Bestimmung einer türkischen Universität er­richtet wurde. Da e» seinem eigentlichen Zwecke nie ge­dient , hat man in seinem Erdgeschoß das Handelsgerichts (Tidjard) eingerichtet und im ersten Stockwerk die Räume für die Abgeordnetenkammer, eine Treppe höher für den Senat hergerichtet. Die Sitzungssäle find geschmackvoll hergerichtet, bieten aber ben Mitgliedern beider Häuser sehr wenig Bequemlichkeit. Lange, hart gepolsterte Bänke hohen Lehnen, hier fabricirt, bilden die Sitze; eine Frac« tionsetntheilung nach Plätzen wird schwer zu bewerkstelligen fein, doch darauf kommt e« ja wohl auch wenig an, indem doch wahrfchetn'.ich die ganze Versammlung sich als äuß-rste Rechte geberben wirb. Eine Loge für Journalisten und ba» Publikum beweisen die Oeffentlichkeit der Verhandlun­gen. Von einer stenographischen Aufnahme derselben wird vor der Hand nicht die Rede fein, da einerseits die jungen Leute, welche in aller Eile türkische Stenographie erlernen ihren EursuS kaum begonnen haben, und andererseits die berühmte, von Tevfik Effendi erfundene Schreibmaschine, welche allein im Staube sein sollte, die stürmischsten Ei tzungen zu Protokoll zu nehmen, nachdem sie tagelang in allen hiesigen Zeitungen den Stoff für lange Artikel ge Itfert hatte, j.tzt vollständig todtgeschwiegen wird, sich also schwerlich bei den angestellten Proben al« stichhaltig et» wiesen hat.

Der Präsident des Senats Achmed Vevfik Effendi soll ein außerordentlich geistreicher und gelehrter Mann und der Besitzer der vollständigsten und werthvollsten Bibliothek in der Türkei sein; feine bisherige Laufbahn aber war eine durchaus unstete, und nichts gewährt eine Bürgschaft für seine Fähigkeit, die ersten Schritte des neugebornen Staatskörpers zu lenken. Wenn man gewissen stets auS sicherer Quelle schöpfenden, aber augenblicklich sehr schwarz­sehenden Politikern Glauben schenken darf, so geht die Palastpartki, welche feit Midhat'S Sturz so übermächtig geworden und deren Haupt, Mahmud Damat Pascha, der Schwager deS Sultans, auf diesen einen einschüchternben Einfluß ausübt, darauf aus, die ganze Verwirklichung der Verfassung dadurch von vornherein lahm zu legen, daß sie die Wirksamkeit der Kammern zu einer lächerlichen Komödie herabwürdigt. Gelingt ihr die», so ist e« bi» zu einer Umkehr zum absolnstischen Regiment nicht mehr weit.

E» scheint sicher, daß Abdul Hamid nach dem Sturze Midhat'S und der ihn begleitenden Erregung in ähnlicher Weise von einer grenzenlosen Angst vor Verschwörern ge­foltert wird, wie vor ihm Murad nach dem Tode seines Vorgängers. Wenn sich Abdul Hamid Freitags nach einer Moschee begibt, um dort sein Gebet zu verrichten, so ent­ledigt er sich dieser religiösen und politischen Pflicht auf eine Weife, die ben Zweck betfelben, bas Eichzeigen des Großherrn vor feinem Volke, ganz illusorisch macht. Nicht im StaatSkaif ober zu Pferde, wie eS die Sitte mit sich bringt, sondern in einem von.Soldaten umringten ge­schloffenen Wagen, an beffen Thüren je ein Offizier reitet, mit seinem Kötper ben Sultan beckenb und verdeckend, jagt er in stürmischer Eile über die nach Stambul führende Brücke und durch die Straßen. Bei seinen Spazierfahrten schwebt über der Zeit und dem Ziel der Abfahrt vollstän­dige« Dunkel, das sich erst im letzten Augenblicke hebt. Das vor bim Palast harrende Volk wird von zahlreichen Polizisten und Soldaten in ehrfurchtsvoller Entfernung

gehalten und erkennt in dem endlich vorübersausenden Wagen nur im Fluge das bleiche, markirte, von struppigem Barte eingefaßte Gesicht seines Herrschers.

Als Thatsache steht seft, daß Abdul Hamid im Palaste eine telegraphische Verbindung zwischen den Zimmern seiner vertrauten Dienerschaft und feinem eigenen Schlafgemach hat anlegen lassen, damit er im Augenblick der Gefahr nicht verlaffen fei. Ein eigenthümlicheS Zeichen der Zeit ist eS, daß vorsichtige Leute, die gern den Mantel nach dem Winde tragen, bereit« beginnen, dem Thronerben Re- fchad Effendi größere Aufmerksamkeiten zu erweisen. Wäh­rend man so der vielleicht in nicht allzu ferner Zeit neu ausgehenden Sonne schon verstohlen huldigt, hött man doch auch nicht ganz auf, sich mit dem Geschick des in dunkle Geistesnacht versunkenen Murad zu beschistigen. Seine Uebetfieblung von Tscheraghan in fein GesSngniß Top Kupon, jene» unheimliche Schloß auf der Serailspitze, in dessen engen Galericen ehedem die gefallenen Größen et» drosselt wurden, hat die Apathie des Unglücklichen für einen Augenblick gebrochen; er klammerte sich fest an feinen Seffel, als man ihn von Tscheraghan sortsühren wollte, unb wich nur der Gewalt. Jetzt wacht feine Mutter mit ängstlicher Sorgfalt über ihm und kostet alle Speisen, die für Murad bereitet werden. Mit ihm theilt die Gefangen- schäft ein Wesen, dessen Geschick an romanhafter Sonder­barkeit seines Gleichen sucht. Als Murad noch Prinz war, erzählte man sich, daß et mit den Kindern seines Leibärzte» eine junge, schöne Eircasfietin unter dem Namen Blanche ganz europäisch erziehen ließ, die er für seinen Harem bestimmt habe. Man sah hierin eine Laune de» aufgeklär­ten Orientalen. Kaum aber wat Murad auf ben Thron gelangt, so erfuhr man, daß Blanche seine Tochter sei; wahrscheinlich auch die einer Europäerin. Was die vet- s hwenderische Zärtlichkeit eines Vater» an Cornfort und Luxus nur erdenken konnte, damit ward Blanche während bet kurzen Wochen bei Glanze« überhäuft. Ihre zwei