H». 67
Marburg, Mittwoch, 21. März 1877.
XII. Jairgaig.
Oberhtßislhe Jeilung
wollen.
Die Exp. d. Oberh. Ztg.
Deutsches Reich.
l
zu zu
feine Lstimmung nicht »ebm ttnmn. W nn Rußland « daß nach den neuesten Nachrichten allein in der Stad, ferner verlangt, daß die Türkei ihre Reformen innerhalb sNearode 115 Menschen der Seuche erlegen seren und daß
Wiener und Londoner Journale find in jüngster Zeit besonder» thäiig gewesen, die Hoffnungen auf Erhaltung
Frieden» zu beleben au» Anlaß der zwischen den Ca- btnetten von London und St. Petersburg über die orten tausche Frage schwebenden Verhandlungen. W>r können leider diese Hoffnungen nicht thcilen, weil die Voraus- sitzungen, unter denen der Krieg zwischen Rußland und der Türkei verhindert «erden könnte, absolut fehlen. Wenn Rußland verlangt, daß di- Donaumünvunzen, welche in dem Pariser Vertrage an Bessarabien abgetreten worden, jetzt wieder al» EmschSdigung für die russischen Opfer Ruß. land zurückgegeben werden follen, so wird Europa dazu
möglich. ES liegt also nahe, daß Rußland dm Ausbruch des Krieges noch mehrere Monate hinzuhalten wünscht, einmal weil seine Kriegörüstungen nicht vollendet und anderer« teil», weil die finanziellen Schwierigkeiten in der Türkei sich mit jedem Monat bis zu einem die Kriegötüchtigkeit der Türkei berechn »den Grade mehren und außerdem die aufständische Bewegung in den tüikischcn Provinzen im Frühjahr aller Wahrjcheinlichkert nach wachsen wird.
Ueber die orientalische Frage besagen ferner die neueren Nachrichten, daß zwischen Rußland und England daS bekannte Protokoll vereinbart sei und unterzeichnet werden soll, wenn die» nicht etwa schon geschehen ist. Die Unterzeichnun.j würde von allen Botschaftern in London erfolgen. Ueber den Zuhalt dieses .Londoner Protokolls" ist Authentische» noch nicht gemeldet worden; dqß die Ab rüstungSsrage darin nicht erwähnt ist, hebt der Brüsseler .Nord" ausdrücklich hervor. Ob der Pforte ein Termin jüc die Ausführung dcr Refo men auserlegt ist, ist noch nicht aufgeklärt. Was die Abrüstungssrage anbetrifft, so ist dieselbe jedenfalls Gegenstand der Verhandlungen ge> w-sen. Der .Kölnischen Zeitung" wird darüber mitge- lhcilt, England habe verlangt, Rußland solle stch zur Ab rüstung als Gegengarantie in irgend einer Form verpstichten, beispielsweise durch Notenaustausch. Danach würde aller- dinge die Abrüstung von Rußland zugestanden sein, aber nicht in und mit dem Protokoll, sondern neben und außer demselben. Wenigstens wird allgemein behauptet, daß England von diesem Zugeständniß die Unterzeichnung des Protokolls abhängig gemacht hat.
** Berlin, 19. März. Der socialdemokratische Ab geordnete Kaprll hat in der Sitzung d:S Reichstags vom 12. d. M. b hauptet, im Kreise Neurobe herrsche außr- ordentliches E end und der Hungertyphus in dem Grade,
des S'lbec RöSchenS könne ein Fürst stolz sein! Und ein elender Gras von Seeburg verschmäht ihre Handl Hahahal wie groß ist denn eigentlich der Unterschied zwischen mir und Euch? Wir? Seid Ihr im Grunde genommen nicht auch ein Bauer so gut wie ich? Rur daß ich vielleicht einige Mitz n Geld mehr mtfleu kann wie Zhr, das möchte am Ende der einzigste Unterschied sein!" rief der Müller, der immer mehr ron seiner Aufregung fortgeriffen seiner Wuth und seinem Zorn begann freien Lauf zu taffen.
.Haltet Eure Zunge iw Zaume und zügelt Eure Rede, Bauer, oder ich vergeffe mich und — es geht nicht gut!" ries jetzt auch der Graf immer wilder werdend.
.Die Verzweiflung eines Vater» fürchtet k.ine Drohungen! Ich frage Euch zum letzten Male, wollt Ihr Euren Sohn meiner Tochter geben oder nicht?" schrie der Müller fast außer sich vor Wuth.
.Schweigt mit Eurer Beleidigung und Beschimpfung; davon kann nie die Rebe sein, selbst wenn mein Lohn nicht bereits seit einigen Tagen der Gatte der Gräfin von Wettiu geworden wäre! Doch mögt Ihr selbst ihn fragen," entgegnete der Graf, der seltsamerweise um so maßvoller und ruhiger blieb, jemehr der Silber Müller in Hitze geriet-.
Der Gras schellte. Dem eintretenden Diener tief er zu, den Grafen Bodo hierher zu bescheiden, welcher nach einer wenige Minuten langen Pause rinlrat. Er wußte, daß der Silber-Müller grkommen war und wollte zu Anfang selbst mit ihm sprechen, was fein Vater jedoch nicht zugegeben hatte, glaubend, er selbst werde leichter Spiel mit ihm hrben.
Als der Müller den Junker erblickte, der mit stolz« Blicken »hn maß, ohne ihn jedoch auch nur eines Gruße» zu würdigen, erwachte die ganze schwarze Lust der Rache in feinem Herzen und seine Augen schoffeu die grimmigsten Wicke aus ihn.
.Mein Sohn." redete der alte Graf deu Junker au,
Au» Wien wird telegraphisch gemeldet: Am Ballplatz sind friedliche Nachrichten au» London eingetroffen; trotzdem beeinlrächtigt die AbrüstungSfrage die FriedenShoff- nungtn. — Aus Konstantinopel wirs gemeldet: Heute (19/ wirb das Parlament eröffnet; es stad nur achtzig Depulirte anwesend. Man befürchtet das Scheitern der Verhandlungen mit Montenegro; die Pforte gabt nicht nach. — AuS Bosnien wird die Zunahme des Aufstandes gemeldet, cs haben neue Kämpfe daselbst stattgesunden.
Sitter'RäSchru.
Eine Dorf-Novelle von Rudolph Wellna«.
(Fortsetzung.)
.Ist da» Euer Ernst, Herr Gras?" fragte mit vor Erregung zitternder Stimme der Müller, der feine Aufwallung nur noch mit großer Mühe zu unterdrücken vermochte. Könnt ihr in der That glauben, die geschändete Ehre, der gebianbmaxtte Ruf meiner Tochter ließe sich mit Go>o, mit all Eurem Golde wieder rein waschen? Hahaha! wenn' da» EvclmannS Brauch ist, Herr Gral, so kann ich nur s'geu, daß Ihr bei uuS Bauern, wie Ihr un» schlechtweg nennt, nicht so leichten Kauses davon kommt!"
„Nun und was verlangt Ihr denn sonst al» Abfindung, wenn kein Gold?" fragte düster und mit finsterem Stirnrunzeln der Graf.
„Wenn der Bauer fein Wort gegeben, so hält et 8 auch, und nichis ist im Stande, ihn zum Bruche deffrlben zu rerleidcn l Und ich meite, wenn das der schlichte Bauer rhut, und seinen ganzen Stolz, seine volle Ehre in Erfüllung seine- Wortes sitzt, wie viel m-hr muß der hcchge- borne Edelmann bas thun, um nicht durch den schlichten Bauern beschämt zu werden! entgegnete der Müller mit starker Betonung.
„Erklärt Euch deutlicher; ich verstehe Euch nicht!" rief immer unrnuthiger der Graf, obwohl er stch bezwang, da ihm da» furchtlose Austreten und die freie Sprache des Silber-Müllers ungemein imponirten. „Wa» wollt Ihr?"
.Daß Euer Sohn, der Jutcker Bovo, fein meiner Tochter gegebenes Versprechen erfülle und sie zu seinem Weibe nehme!" sagte langsam und mit fester Stimme der Müller.
„Bist Du von Sinnen, einfältiger Lauer? Wa» ficht Dich cm!" rief der Graf aufspringend und mit «ud blitzenden Augen.
Dem Gerüchte zufolge foll die preußische Regierung mit dem G.danktn umgehen, für Preußen ein oberstes Landesgericht zu errichten, fall« die Vorlage des Bundes- rath», bett, den Sitz de» Reichsgerichts, im Reichstage die Majorität erbä t. Wie indeß der preußische Justizministcr in der letzten Sitzung de« R.ichötagS erklärte, ist diese Frage im Schovße deS preußischen Ministeriums bisher noch nicht erörtert worden. Wie wir hö-en, ist es indeß durchaus wah scheinlich, daß die preußische R gierung Job chen Erwägungen näher treten würde, wenn stch der Reichs tag gegen Berlin al» den Sitz de» Reichsgerichts erklären sollte. ________________
Die Nachricht, daß der Oberpostdirektor v. Jahn in Bromberg einen längeren Urlaub erhalten habe, erregt allgemeines Aufsehen. Ohne Zweifel steht diese Maßregel mit jener leidig« Affäre, welche sowohl im preußischen Landtage wie im Reichstage besprochen worden ist, in genauem Zusammenhänge.
ite Post Bestevvuge« für das 2. vuartal auf die Bderhessische Zeitung
Zlustrirtem Sonniagsblatt bitten wir, um vollständige Exemplare liefern können, vor dem 28. März gefälligst machen
Anzeigen nimmt entgegen: die «rpedttto» ». Blatte», sowie die Annoncen-Bureaur von Th. Dietrich & Eo. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M ; öeafenftein & Bögler in Frankfurt a. M, Berlin, Leipzig, Söln rc; Rudolf Moffe tr. 'Berlin, Fran'iutt a. M. rc.
Anzeigen nimmt entgegen: die Ctaebtttex d. Blatte» sowie die Annoncen-Bureaur von ®. L. Daube & So. In Frankfurt a. M.: Jiger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A Siete* ♦ meyer in Berlin; Sari Schütz- let in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.
zwei Monaten durchführt, fo ist das letztere jedoch nicht die Regierung selbst Besorgniß wegen Weiterverbreitung - - - - - - ~ - ... » .r. ... igefjfjt und einen genauen Bericht verlangt habe. Erst in
Folge dieser Steuerungen des genannten Abgeordneten ist von der Regierung Bericht g«fordert worden. Der Landrath de» Kreise« hat ein von ihm mit dem KreiSphystku« auf genommene» Protokoll eingereicht Der PhhsikuS ver- ichert, daß feit 6 Monaten kein Typhusfall in der Stadt Neurode und ebenforoenig in den ländlichen Ortschaften de« Kreise« festgestellt sei und daß ter Gesundheitszustand gegen wärtig eher günstig als ungünstig zu bezeichnen sei. Die Steuerungen des soctaldernokratischen Abgeordneten stnd demnach rein aus der Last gegriffen. — In der Angelegenheit de« Chefs der Admiralität, General v. Stosch, war bi« heute Vormittag irgend eine Entscheidung noch nicht erfolgt. Alle diesbezüglichen Gerüchte stnd ebeufo voreilig al« eS auch Gerüchte über den möglichen Nachfolger stad. Die letzterer, stad unter allen Umständen mit großer Vorsicht aufzunehmen. — Die jüngste Reichstag«- Verhandlung über Elsaß - Lothringen darf als ein« der bedeutungsvollsten parlamentarischen Ereignisse gelten durch die bet derselben h.rvorgetretene uns von verschiedenen Seiten ohne Widerspruch konftatirte Wandlung im Verhalten der reich-ländischen Bevölkerung. Auch Blätter, welche noch vor Kurzem einen starken Pessimismus zur Schau trugen, bezeichnen als Ergedniß d S Tages die Befestigung deS Glaubens an einen engeren Anschluß Elsaß Lothringen« an daS deutsche Reich und Volk. Besonder« hervorznhrben ist au» der Debatte die in jeder Beziehung taktvolle und einstchtige Rede de» Abgeordneten v. Stauf- fenberg. — Der 18. März ist ungeachtet de« Sonntag« und deS schönen Wetter» ohne jeden Versuch einer Demonstration vorübergegangkn. In socialdemokratischen Versammlungen am Freitag und Sonnabend war vorsichtige Zurückhaltung als Parole auSgegcben und die Weisung ist allseitig befolgt. — Im Hinblick a. f die Verhandlungen im Reichstage über die Revision der Gewerbeordnung wird eS nicht unintereffanl sein, über die gewerblichen Schiedsgerichte in Preußen einige nähere Angaben zu geben. Nachdem die deutsche Gewerbeordnung den Gemeindebehörden Schiedsgerichte zur Schlichtung der Streitigkeiten selbstständiger Gewerbtreibenden mit ihren Gesellen, Gehülsen und Lehrlingen zu errichten anheimgab, hat die Thä igkeit dieser Gerichte ein Ergebniß geliefert, welches höchst befriedigend und geeignet ist, die Nützlichkeit solcher Schiedsgerichte be- i sonders anzuer kennen. Ja den Jahren 1870, 71, 72 und 73 wurden durch Vergleich erledigt 1537 Streitigkeiten, , durch Unheil 1106. Im Jahre 1870 wurden nur 140
Streitigkeiten den Schiedsgerichten übergeben, im Jahre 1873 dagegen 1389 Es ist im Lauf rer Zeit der Wunsch
«uchdrullerei, bezv-ien oi* ertfe^ent)e nnb «»nadm- von Ldreffen werden 35 berecknet.
i „Gemach, Herr Graf, die B.sch mpsnug rechne ich Euch nicht an; aber rn in Recht verlange ich, daS gute Recht meint« ÄinteS!" jagte der Silber Müller, dem Grafen fest und ruhig in die wildrollenden Augen blickend.
„Wenn Ihr glaubt, Kurzweil mit mit treiben zu können, so möchtet Ihr Euch gewaltig verrechnet haben! Und Euer Ernst kann da« unmöglich sein!" sagte wieder ruhiger der Graf.
„In so hochwichtigen Sachen pflegt der Bauer Niemals zu scherzen.. Jv sprach in vollem Ernst Herr Graf entgegnete der Müller.
„Mein Sohn Deine Tochter — hahaha! das ist lustig! Der Edelmann eine Bauerndirne l Der Graf von Seeburg die MüllklStochttr von Trotha — hahaha!" rief der Graf in tragikomischer Stimmung und ging mit starken Schritten im Saal auf und ob.
ist der Wille Eures Sohnes, er hat» versprochen und "geschworen!" antcoo tete der Müller.
„Was ver'pricht und verschwört man nicht, wenn man ein SBetgtifig.n sucht uno die Leicenschaft Gedanken und Sinn- verwirrt! Darum ist es vollständig g nug, wenn bet Im ker du ch eine augem.ssene Summe sich abstlidet und damit Versprechen und Schwur einlößt. Macht« zu Ende jetzt und nennt den Preis l rief der Graf immer ungeduldiger sich gebehrend.
„Und ihr meint, wir Bauern feien gut genug, in unfern Töchtern den Sd.lleuten die Vetteln der Lust und des Vergnügens zu liefern? Bei Gott, Herr Graf, sperrt Euch wie Ihr wollt, so kommt Ihr nicht davon! -—Einen Preis soll ich Euch nennen? Kennt Ihr den Silber Müller von Trotha, der s inet Tochter eine eben solche und größere Besitzung wie Ihr sie habt zum HeirathSMe gib:? Hahaha! einen Preis für ein gebrochenes Herz, für bi« geschändete geben eine« Mägdleins! Was sind Eure Worte, wenn Ihr sie nur zum Lügen gebraucht! War e« nicht 'der vis'os von Mnsebutg, welcher sagte, auf den Besitz