XH. Ilhrgaig.
JUaröurg, Mittwoch, 3. Januar 1877
(L'brrl)clli[d)f Jrituiig
Führe «ns nicht ie Versuch««!!! *)
Erzählung von B- Hollweg.
wieder zusammentreten. — Der .Moniteur- schreibt zu den Conferenz-Derhandlungen: Die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens sei festzuhalten, obgleich constatirt werden muffe, daß bisher die Dispositionen der Pforte nicht weniger alS versSulich erschienen. — Der ConseilprLsident Jule» Si-r on erklärte beim Empfang des Syndikats der Wechselagenten, er hoffe fest auf einen friedlichen AuSgang der auswärtigen Krise und rechne dabei auf die weise Be- ounenhett der europäischen Mächte.
DaS unglückliche Serbien hat den Conflict mit der österreichischen Regierung wegen Beschießung deS Monitor .Maros* glücklich wieder betgelegt. Die von Oesterretc i verlangte SatiSsactioa war eine solche, die zu erfüllen der Fürst Milan keinen Anstand nehmen konnte. ES waren
Schwieriger schon ist die Neubildung eines KabinetS. Bor dem Kriege standeu dem Fürsten Milan ein Dutzend Mi- nister-Combinationen zur Verfüguug —, heute will Nie- mand da« Rader des c;f den Grund gefahrenen Schiff- eins ergreifen. — An Stelle Tschernajeff» in Serbien ist er russische General Nikitin getreten. Derselbe sagte dm Gruppen, daß er auf Befehl seines Kaisers gekommen sei, r hoffe, sie würden in 8 Tagen ihre bewährte Tapferkeit vor dem Feinde zu zeigen Gelegenheit haben. Da ist dem General allerdings ein Strich durch die Rechnung gemacht.
Dnüscheß Reich.
— Berlin, 31. Dec. Als Nachfolger deS bishertgm Direktors im Reichsjustizamt, von AmSberg, wird heute der Geh. OberrcgieruogSrath Hanauer genannt. Derselbe iat bekanntlich bei der zweiten und dritten Berathung der Justizgesetze im Reichstage die Anschauungen der Regierung, wmn auch mit wenig Erfolg, so doch mit unermüdlichem Eifer vertreten. Er dürfte zu dm Rednern gehören, welche n der letzten Session am häufigsten das Wort ergriffen »oben. — DaS Reichsgesetzblatt publicirt heute daS Gesetz, betreffend die Abänderung mehrerer Reichstagswahlkreise, vom 25. December 1876 — Zur Ausführung der reichS- gesetzlichcn Bestimmung, nach welcher Kinder unter zwölf Jahren, welche sich einer strafrechtlich bedrohten Handlung schuldig gemacht haben, auf Beschluß der Vormundschaft-- behörde in eine Erziehung»- und Besserungsanstalt gebracht werden könnm, wobei für das zu beobachtende Verfahrm und die Entscheidung des Kostenpunkte» die Landesgesetze maßgebend sein sollen, hat eS bislang in Preußen an der legislatorischen Initiative gefehlt. Es stad, gutem Vernehmen nach, die Vorarbeiten zu einem preußischen Landesgesetze dieser Art nunmehr im Gange. — Der .Reichs- Anzeiger* publicirt die Ernennung der Geheimen LegationS- räthe Jordan und Bucher zu wirklichen Geheimen LegationS- rächen mit dem Range der Räthe erster Claffe.
Posen, 30. Dec. Gestern wurde eine deutsche Volks- Versammlung abgehalten, swelche einstimmig beschloß, dm Landschafts-Direktor und früheren Regierungs-Präsidenten v. Willenbücher (ltbaral) al» einzigen Reichstag» Candt- baten für Posen auszustellen.
Braunschweig, 29. Dec. Ein Gesetz d. d. Braunschweig, len 7. December hebt den § 30 de» Gesetze» vom 31. Mai 1871 .die Errichtung einer Landessynode und eine» SynodalmSschuffe» für die evangelisch-lutherische Kirche de» Lande» betreffend* auf. Demgemäß bestimmt die Ktrchengewalt durch ein Kirchengesetz vom 10. December unter Zustimmung der LaadeSsynode die Vergütung, welche ! den Mitgliedern der Lande»synode und de» EynodalauS- i schusseS, sowie den kirchlichen Wahlkommiffären für Diäten und Reisekostm zu entrichten ist. — Ein andere» Kirchen-
England lebt und webt in der orientalischen Frage. Von einer Aufregung in die andere schleudert man die । ffentliche Meinung und ost recht unnöthiger Weise. Da» Parlament, deffen Sitzungen im Februar beginnen, wird wohl etwas Festigkeit in die Stimmung bringen. Aeußerst stemerkenSwerth sind die Auffaflungen des .Globe* über die Aussehen erregenden Nachrichten über die Conferenz. Don allen konservativen Blättern stellt „Globe* der Pforte daS ungünstigste Prognostikon. Wenn die Pforte in der That mit dem Schwerte in der einen und der Constitution in der andern Hand den Mächten ein „Non possumus“ entgegnete, so sei ein solches Austreten SalySvmy'S nicht zu verwundern. Wenn die Conferenz mit ihren Bemühungen scheiterte, so sei kein Grund mehr für den englischen Bevollmächtigten vorhanden, noch länger in der türkischen Hauptstadt zu verweilen. „Die englische Regierung, sagt „Globe*, mag in der Thai sich gevöthigt s-hen, durch die tollkühne Widerspenstigkeit der Türkei, eS klar zu machen, daß sie nichts von England in der Gestalt ihätigen Beistände» und Unterstützung zu hoffen habe. Nicht» in der bisherigen Thäiigkeit der englischen Diplomatie verpflichtet unsere Regierung, die neue Verfassung anstatt aller Forderungen und ohne weitere Garantien für die Rechte und Freiheiten der christlichen Bevölkerungen de» türkischen Reiches anzunehmen.* Trotz alles vorauSstchllichcn Zögerns der Pforte fei jetzt der Augenblick der Entscheidung ge- kommen. Habe sie stch entschlossen, ihre Unabhängigkei nicht ohne Kamps zu opfern, so würde England, wie tie e» auch einen solchen Entschluß bedauere, ihn doch achten. „England» Pflicht ist klar. Wir können nicht für die Türken fechten, wenn sie all unseren Rath unbeachtet taffen... Unsere nächste Pflicht wird e« sein, zuzusehen, daß in dem bevorstehenden Kampfe nicht» von dem Unserigen Schaden leide und daS unser Ansehen unbefleckt erhalten bleibe *
LageAderlcht.
An der Sp tze unsere» heutigen Berichts muffen wir des Jubiläums gedenken, welches unser ruhmgeklönter Kaiser am 1. Januar 1877 feiert; denn an diesem Tage Im Jahre 1807 ist der Kaiser in die preußische Armee eingetreten. 70 Jahre voll herber Erfahrungen und glorreicher Erinnerungen liegen hinter ihm. Möge eS dem greifen Monarchen — getragen von der Liebe des ganzen deutschen Volkes — vergönnt sein, noch lange die Früchte seine» reichen Leben» zu genießen l
Im früheren Herzogthum Naffau und in den früheren großherzoglich hessischen GebietStheilen des jetzigen Regierungsbezirks Wiesbaden« bestehen gesetzliche Borschristen, wonach Eltern vor zurückgelegtem 60. L benSjahre ohne zuvor erlangte Dispensation ihren Grundbesitz an ihre Kinder nicht abtreten dürfen. Es liegt in der Absicht, diese obsolete« Bestimmungen aufzuheben und zu diesem Zwecke dem Landtage eine Vorlage zu machen.
Die größte Neuigkeit der Orientfrage, doch keine überraschende Neuigkeit, ist die am Sonnabend Abend einge- trcffene Nachricht, von der Verlängerung des Waffenstillstandes bis »um 1. März. Wir erlauben es uns nicht, aus dieser Meldung andere Folgerungen zu ziehen, als daß die Entscheidung wiederum auf zwei Monate vertagt ist. Ob der Aufschub zum Krieg oder zum Frieden führt, kann bei der heutigen Sachlage Niemand wiffen.
Der bisherige türkische Botschafter in Berlin, Edhem Pascha, ist an Stelle de» nunmehrigen Großvezier» Midhat Pascha zum Präsidenten de» türkischen StaatSrath» ernannt worden. Edhem Pascha wird nur nach Berlin zurückkehren um sein AdberufungSschreiben zu überreichen.
Der Abschied.
Auf dem Heinen Dörfchen R. in einer der weniger fruchtbaren Gegenden Schlesien» lag der letzte Glanz der Abendsonne, al» rin Mann in gebeugter Haltung dem AuSgange de» Dorfe» zuschritt. Sein Antlitz war bleich und trug die Spuren tiefen anhaltenden Kummers, seine Augen zeigten Thränenspuren. Und war» Wunder auch! Schritt sein Fuß doch heute zum letzten Male über die heimathüche Flur, stand er doch im Begriff, die deutsche Erde zu verlaffen und in Amerika „sein Glück" zu suchen.
Wie e» gekommen, wie er den Entschluß, die Heimath, seine Lieben, zu verlassen, hatte saffen können? Jetzt, wo er im Begriff stand ihn auSzuiühren, schien e» ihm fast unmöglich, daß er selbst zuerst den Plan erdacht, daß er von der Erfüllung de» ihm jetzt so unsäglich schwer wer benben Entschlüsse» da» einzige Heil für sich und die Seinen gesehen.
Reinhold Ander» «ar ein Kind de» Dorfes. Seine Eltern waren einfache, schlichte Leute gewesen, die e» am liebsten gesehen, wenn Reinhold stch gleich ihnen an dem anspruchslosen Leben hätte genügen lasten, da» sie geführt und stch nie ander» gewünscht hatten.
Reinhold jedoch hatte hochfliegentere Gedanken. Aker um dem bringenden Wunsche seine- Vater« zu genügen, bei diesem ba» Tischlerhandwerk erlernt hatte, zog er in» Weite, versuchte hier und da sein Glück und al« er nach Jahren in ba« Dörfchen zurückkehrte, wo sein Vater gestorben «ar, geschah efl nur in bet Absicht, seiner Mutter
*) Nachdruck verboten.
ein unwistender tölpelhafter Mensch, dem trotzdem die Kundschaft zuströmte, da kehrte bei Reinhold der alte Un- muth über die kleinlichen Berhältniste seine» HeimathSorte» zurück, er wurde unlustig zur Arbeit, und so sehr stch Marie auch bemühte, durch feine Arbeiten und Stickereiea die immer mehr fehlenden Einnahmen zu ersetzen — sie konnte ba» abwärts rollende Rad nicht aufhalten.
Noch einmal raffte Reinhold sich auf, al» ihm ein Sohn geboren wurde; der Anblick de» Kinde» gab ihm neue Kräfte, den Kampf mit den Verhältnisten wieder aufzunehmen, und doch war er zu schwach, dm Widerwärtigkeiten dauernd die Stirn zu bieten. Zudem sah er nicht den geringsten Erfolg seine» Streben», eine Mißernte zwang ihn noch, sein kleine» Grundstück mit Schulden zu belasten, und immer klarer stieg mit jedem Tage daS Bewußtsein in ihm auf, daß trotz aller auferlegten Entbehrungen erben Enifchluß faßte, ba» Dörfchen zu verlassen nnb sich unb ben Seinen anier-wo eine heiwathliche Stätte zu bereiten, wog er wohl bieMchwerzen, bie ihm ba» Scheiben bereiten würbe, den Abschied von Weib unb Kind und von bem Orte, bet kiotz aller Enttäuschungen unb Leiden doch feine Heimath blieb, zu leicht ab, — wenigsten» schien e» dem dahin- schreitenden bleichen Manne so, al» er jetzt, um Abschied von der Stätte seiner Kindheit zu nehmen, noch einmal die ihm so belannten Wege schritt. — Und doch, wenn erst der Abschied überstanden war, wie winkte ihm die Ferne so rosig, wie wollte er arbeiten, um bald wieder mit Marien vereinigt zu sein; gewiß da draußen waren die Menschen nicht so engherzig und kleinlich, ba gab e» für sein Streben, feine mannigfaltige Bilbung gewiß an- bere Erfolge al» hier.
Unb e» gab ja auch kein „Zurück* mehr von ben
Anzeige» nimmt entgegen: bieCmbttio« I. Blatte» sowie bte Annoucen-Bureaux von «. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jtger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, Ä. Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Verkauf de» kleinen Anwesen» behülstich zu sein.
Hier aber sollte ein Wendepunkt in seinem Leben ein treten; Marie, ein atme» elternloses Mädchen, ba« bei bem Geistlichen bes Orte« in Diensten stand, machte aus Reinhold» Herz einen Eindruck, wie noch niemals ein Mädchen. Sie war — unb ihre Erscheinung sagte ba» sofort, nicht aus bem Dorfe. Sie war ein hübsche» unb brave» Mäd- eben unb doch ganz anbei», al« ihre Altersgenossen; so kam eS, baß sie sich keiner besonder» Beliebtheit erfreute. Auch bei Reinhold war ja ganz daffelbe der Fall, wa« war natürlicher, ai« daß die jungen Hetzen stch fanden und daß Reinhold der Gedanke, in dem kleinen Häuschen feines Datei» stch fein Daheim zu gründen — mit einem Male al» der Inbegriff alle» Glücke» erschien, nun da Marie eS mit ihm theilen sollte. Die alte Mutier hatte für ben einzigen Sohu wohl eine glänzendere Betbindung erhofft, die Aussicht, den geliebten Sohn nun immer bei stch zu behalten, brachen ihren schwachen Widerstand, unb in bet That ersetzte Marie durch ihr reiches warme» Hetz, wa» ihr etwa an GlückSgütern abging. — Als etwa ein halbe» Jahr nach der Hochzeit deS jungen Paares bie alte Frau bie Augen zum ewigen Schlummer schloß, nahm sie die Uebetzeugung mit In« Grab, daß ihre Kinder da» beste Loos gezogen, unb doch zogen schon bie ersten Stürme für sie am Lebenshimmel herauf. —
«ksMeinholb unb Marie ben Bund für« Leben schlossen, schienen sie stch Leibe völlig genug zu sein und so > isolirt sie auch im ersten Jahre schon dastanden, sie frugen ’ wenig darnach, bie Leute aber legten ihnen ba« al» Hoch- , muth, al» „Bester sein wollen* au» unb selbstverständlich . hatte bie» auf Reinhold« Geschäft ben übelsten Einfluß. Dazu kam, baß seine Arbeiten nicht nach bet alten, gewohnten Weise waren, seine wohl feineren, moderneren
gmetgen nimmt entgegen: »te Expedition d. Blatte», 1 sowie die Annoncen-Bureaux gon Th. Dietrich & Co. in gaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M ;
: Haasenstein & Vogler in I Frankfurt a. M, Berlin, Leip- [ äg, Sötn ic; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adresten werden 85 Pf«, berechnet. _____________
Der französische Conflct ist nunmehr wieder beigelegt. Da« Abgeordnetenhaus hat stch dazu verstanden, ben früher gestrichenen unb von bem Senate wieder hergestellten Credit für die Feldgeistliche» zu genehmigen. Die übrigen Aen- berungen welche der Senat in bem Budget vornahm, wurden fammt unb sonders gestrichen. DaS ausschließliche Recht über bie Steuerbewilligung erscheint demnach für bas Abgeordnetenhaus, also die „Erwählten der Steuerzahler* allerdings nicht gewahrt. Mit diesem halben Er- folge, der dem Abgeordnetenhaus künftig noch zu schaffen
machen wirb, kann stch der Senat wohl begnügen. Der Senat unb bie Deputirtenkammer würben bann am Sonn- abenb durch bie Verlesung eine» Secret», da» bie außer- ordentliche Session für beendet erk Lrt, geschloffen. Sie -------- ---------- . .
»erben am 9. Januar 1877 zur ordentlichen Sitzung einfache Ehrenbezeugungen unb Bestrafung der Schuldige».
eine Stütze in der Zeit der Trübsal zu sein unb ihr beim aber auch theuern Fabrikate fanden keinen Anklang, unb Verkauf de» kleinen Anwesen» behülflich zu sein. al» nun gar ein anderer Tischler stch im Dorfe nieberließ