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Nr. 80$

Jltocßlltfl, Sonnabend, 30. December 1876.

XL Jahrgang.

WerhtMe Intung

v

Fräulein von Wertheim wat eine Wrisc. Ihre gffrnt

Nichtsdestoweniger verstimmte ihn dieser Zwischenfall, da er bei der Rückkehr aus seinen früher tnnegehabten Posten das moquante Lächeln mancher Schönen bemerkt zu haben glaubte. Am liebsten hätte er überhaupt den Ball verlosten, aber er war mit Fräulein von Wertheim zum Cotillon engagtrt. Die Zett bis dahin mußte also wohl oder übel verbracht werden, und sie verging auch.

Der Kotillou ist ein wunderbares Vergnügen. Es ist ihm gewöhnlich der ungünstigste Platz in der Tanzkarte etngeräumt. Nach endlosen Rundtänzen, die die Kräfte der Tanzenden erheblich in Anspruch nehmen, sällt dem Herrn die tu der Thal undankbare Rolle zu, die meist jetzt auch schon etwas wortkarg gewordene Dame amüsant und inte, «ssaut zu unterhalten. Wird der Kotillou nicht sehr ge­

schickt geleitet, so daß die Paare der Konversation, mit Ausnahme der nöthigsten Floskeln, überhoben werden, pflegt diese gewöhnlich sehr oberflächlich, ermüdend, lang, weilig zu werden. Man steht so entsetzlich gelangweilte Gesichter, müde, halbgeschlvfiene Augen, dabei aber ei« stereolypeS Lächeln um den Mund als Zeichen de- un« gehmren Interesses an den wunderlichen Touren daß man den Betheiligten das Ende ihrer Qualen wünschen möchte, und den unbeteiligten Zuschauern angst und bange dabei werden kann. Es lasten sich nach dieser Richtung die interestantesten Studien machen, deren Ausführung hier nur angedeutet werden darf.

Lieutenant von Tietz, von der Natur mit einer über- sprudelnden Fröhlichkeit und einer geistreichen Unterhaltung-, Gabe auSgestattet, die ihm, besonders bet seinem wahrlich nicht häßlichen Exterieur, schon manche« Herz erworbm, zeigte heute das gerade Gegentheil seine- sonstigen Wesen-. Anscheinend kühl holte er seine Dame zum Kotillou oL zu dem Tanze, der wohl nur im Interesse der Verliebte« erfunden worden ist. Sie durfte ja nicht ahnen, daß sie sein Herz so ganz und gar befangen hielt, daß sie e- war, die alle seine Pulse heftiger schlagen, sein Blut heißer in den Adern rollen machte.

Ziemlich einsilbig, den Faden der Unterhaltung mit

langen Bindestrichen spinnend, saß er neben ihr, und Fräu- lein von Wertheim war schon geneigt, ihn zu jener Kate, gorie von Tänzern zu zählen, die oben gekennzeichnet worden sind, wenn sie nicht aufmerksam genug gewesen wäre, die trotz der kurzen Bekanntschaft eingetretene 33er« Snberun0 feine« Wesens ihr gegenüber zu ergründen, die sie sich für berechtigt hielt, al« sich günstig zu deuten.

Der Kotillou ging zu Ende, er hatte ihr ein Bouquet, sie ihm einen Orden gebracht. Mit diesen Balltrophäen, denen ja unter Umständen ein so ungeheuerer Werth inne ®o$nt, und mit der Ueberzeugung, sich trotz mit der etwa- durstigen Konservation recht gut amüflrt zu haben, schieden te von einander.

Tietz erwiderte nicht«, doch ging aus seiner Pantomime ziemlich unzweideutig hervor, daß ihm eine weitere Fort­führung diese« Gespräch« höchst unangenehm sein würde

Sich dieser zu entziehen, trat er kurz entschlosten in den Tanzsaal ein und dirigirte sich auf die grade ihm gegenübersttzende Dame, und ohne mit seinen Gedanken eigentlich recht bei der Sache zu fein, machte er mit der ihm eigenen Eleganz vor ihr das übliche Compliment, da­bei etwas von Ehre, Vergnügen, Tanz, Freude murmelnd. Erst nach der mit diesen Stichworten gewürzten, ihm übrigens recht geläufig gewordenen Anrede bemerkte er, daß er in den Kreis der sogenanntenBallmütter" gerathen sei, und vor einer Dame stehe, deren Haare und GefichiSzüge den eigenthümlichen Einflüsten der Zeit nicht zu widerstehen vermocht hatten. Fragend sah die Dame ihn an, ein Rück­zug seinerseits war nicht möglich, und ein zweites Compli­ment überzeugte die so bedrängte, daß ste in der That auf. gefordert würde, Proben ihrer früheren Kunstfertigkeit ab­zulegen. Erfreut, für eine noch tanzende Ballmutter ge­halten zu werden, waS ihrer Eitelkeit nicht wenig schmeichelte, warf sie sich in den Arm des jungen Offiziers, und walzte mit ihm, wie in früheren Tagen. Von nun ab galt Lieutenant von Tietz für den liebenswürdigsten Kavalier der Garnison.

Er stand an der Thüre des Ballsaales, und während er sonst stürmisch den lockenden Klängen des Fledermaus Walzers folgte, die eben durch den Saal rauschten, schaute er jetzt träumerisch in das bunte Gewoge vor sich, mit seinen Augen jedoch ein-j- junge Dame von hoher stolzer Figur in hocheleganter Toilette verfolgend, die auS einem Arm in den andern flog und kaum Zeit zu finden schien, neuen Athrm zu schöpfen. Sie war offenbar die Perle deS Balle-, und in der That sah sie reizend auS. Ihr schöne«, schwarze-, einfach und doch recht geschmackvoll arrangirteS Haar, ihre dunklen Augen, die so schelmisch unter den kühn geschwungenen Brauen hervorguckten, die Grübchen in den Wangen, die bei dem durch die Selig­keit de- MommtS sie war eine passionirte Tänzerin berechtigten unaufhörlichen Lächeln dem Gesicht einen so überau« lieblichen und gewinnenden Ausdruck verliehen alle« die« war wohl geeignet, ein Männerherz im ersten Sturm zu berücken. Kein Wunder also, daß der Lieute­nant von Tietz zu der obigen Aeußei ung hingerissen wurde, und daß ste au« vollster Ueberzeugung und aus tiefstem Herzen entsprang.

Wie meinst Du, lieber Tietz?" fragte ihn ein neben ihm stehender Kamerad, der jenes Murmeln an sich gerichtet glaubte.

und der politischen Einheit Deutschlands einen inneren Halt geben, wie ihn keine frühere Periode unserer Geschichte aufweist."

DaS ist des Kaisers Ueberzeugung und Hoffnung von dem Werke, das unter den Kämpfen der letzten Wochen schließlich besiegelt worden ist, und keine Stimme, selbf unter denen, welche noch vor wenigen Tagen die letzte Ver« ständigung mit allen Mitteln und Waffen der Parteileiden- schaften bekämpften, versucht es und vermag es,. diese von dem Kaiser betonte große u*ib segensreiche Bedeutung des Geschaffenen für das nationale Leben in Zweifel zu ziehen.

Nun denn, mit dem Kaiser wird vaS deutsche Volk allen Denen freudige Anerkennung zollen, welchen der wirk­liche Abschluß des gewaltigen Werkes zu danken ist, und wie der Reichstag selbst nach der letzten entscheidenden Abstimmung durch einstimmigen lebhaften Zuruf allen Denen dankte, welche sich den mühevollen Vorberatyungen der großen Gesetze unterzogen hatten, so wird die deutsche Nation in ihren Dank vor Allem Diejenigen einschließen, welche durch ihr patriotisches Verhalten bewirkten, daß all jene Mühe und Arbeit nicht vergeblich aufgewendet war, sondern daS hohe Ziel für Deutschland wirklich erreicht wurde.

Mit dem Ausdrücke des Danke« der verbündeten Re­gierungen für die erfolgreiche Arbeit deS Reichstages hat der Kaiser den vertrauensvollen Hinweis auf weitere fried- liche ^Arbeit für die innere Entwickelung des Reiches ver-

Der glücklich erreichte Abschluß der umsaffenden Justiz« Gesetze ist in der That auch deßhalb von großer und er­freulicher Bedeutung für unser gesammteS politisches Leben, weil die gesetzgebenden Kräfte deS Reiches sich nunmehr um o freier und erfolgreicher anderen wichtigen Aufgaben und Bedürfniffen unseres Volkslebens werden zuwenden können.

Die wirthfchaftlichen Fragen vor Allem stehen im Vor­dergründe der allgemeinen Sorgen und Wünsche, und sind schon seit längerer Zeit Gegenstand der eingehendsten Er­wägungen auch auf Seiten der verbündeten Regierungen: ie werden unzweifelhaft während der nächsten Jahre die »arlamentarische Thätigkeit in hervorragender Weife in An- pruch nehmen.

Das Gelingen heilbringender Reformen auf dem wirth« chaftlichen Gebiete hängt aber ebenso, wie auf dem rein »olitischen, in erster Linie von der Möglichkeit vertrauens­vollen Zusammenwirkens des Reichstages mit den verbün­deten Regierungen ab.

Es ist sehr leicht geihan, in Parteiprogrammen den verschiedeuen Schichten des Volkes in allgemeinen Wen

düngen die herrlichsten Reformen, die größten Erleichterungen und wirthschaftlichen Verbefferungen in Aussicht zu stellen, jeder wirihschaftliche Schritt auf dem Wege heilsamer Reformthätigkeit aber erheischt die sorglichste allseitige Ab­wägung der verschiedenen Jmereffen, wenn nicht das, was den Einen zum Vortheil gereicht, Anderen unbillige Schä­digung bereiten soll. Auf keinem Gebiete gehen ferner die Auffassungen und Bestrebungen so sehr auseinander, wie auf dem wirhschaftlichen, weil hierbei eben die unmittel, barsten Lebensinlereffen und Bedürfniffe jedes Einzelnen im Spiele sind.

Wirthschaftliche Reformen können daher sicherlich nur von einem Reichstage durchgeführt werden, dem es in feiner Mehrheit mit einer wirklichen Verständigung über die Be­dürfniffe und Jntereffen des Volkes mit den Regierungen voller Ernst ist.

Die Männer der hochtönenden Fortschrittsprogramme werden an ihrem Theile dem Volke ebensowenig eine wirth- schaftliche Verbefferung verschaffen, wie durch sie die Rechts« einheit Deutschlands zu Stande gekommen oder die mili­tärische Kraft deS Reiches gesichert worden ist: sie würden, wenn ste eine entscheidende Macht in der Reichsvertretung erlangten, nur neue Konflikte und damit einen Stillstand aller ersprießlichen Thätigkeit heraufbeschwören, und jeden wirklichen Fortschritt der Gesetzgebung vereiteln.

Auf die Wacht also deutsche Wähleri"

Wer mit unserem Kaiser weitere Erfolge einer beson­nenen und stetig fortschreitenden Gesetzgebung zum wahr« saften Gedeihen der deutschen Ration zu sichern gewillt st, der wirke bei den bevorstehenden Wahlen an seinem Theile dahin, daß der Geist vertrauensvollen entgegen» immens und freudigen gemeinsamen Schaffens zwischen den Regierungen und der Reichsvertretung, welcher die 'isherigen Fortschritte der nationalen Gesetzgebung zur Reife gebraut hat, auch ferner zur Geltung und fegen«» reichen Wirksamkeit gelange. (Prov.-Corresp.)

Eine vallgefchichte.

ES ist doch ein herrliches Wesen I" murmelte der Lieutenant von Tietz leise in seinen langen blonden Schnurr­bart hinein, den er in unbeschäftigten Momenten mit einer nicht zu verkennenden Grazie zu streichen pflegte.

rag<»h<richt.

Gegenwärtig wird, wie eine Berliner Correspoodenz meldet, eine Bahn Polizei-Ordnung für Vicinal» und Se­kundär - Eisenbahnen im Deutschen Reiche im Reichseisen, bafcnamte ausgearbeitet, welche den Zweck haben soll, die Herstellung derartiger Bahnen durch die liberalste Berück« ichtigung der Einzel Jntereffen, unbeschadet einer einheit« 'chen Entwickelung, wesentlich zu erleichtern. E« sollen die polizeilichen Bestimmungen für die Eoncefstonirung zur

»fit das erste Quartal 1877 werden von allen CF Postanstalten Bestellungen auf die

Dberhessische Zeitung

nebst deren Gratisbeilage

Mftnrtes Sonntagsölatt

entgegengenommen.

Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen entgegen.

Die Exp. d. Oberh. Zeit.

DC* Der Nr. 1 des nächsten Jahrgangs werden wir einen Kalender für das Jahr 1877 beifügen.

D-- Baifet« und des Volke- Dank.

Auf die jüngsten stürmisch-erregten Verhandlungen des Reichstages ist eine letzte feierliche und erhebende Sitzung gefolgt, nach den leidenschaftlichen Erörterungen, in welchen die trennenden Parteigedanken heftig gegen einander stritten, ist aus dem Munde des Kaisers der einigende ReichSgedanke zur versöhnenden Geltung gelangt.

Aller Streit und bittere Hader, der sich an die letzte gewaltige Arbeit de« Reichstages geknüpft hatte, tritt zu­rück vor den schlicht erhabenen Worten vom Kaiserthron, in welchen die gewaltige Bedeutung deS für Deutschland Errungenen verkündet wird.

Der Kaiser betont von vornherein, daß diese letzte Auf­gabe deS Reichstages alle früheren an Bedeutung überragt habe, er zollt Dem Eifer und der Hingebung des Reichs­tage«, welche der großen nationalen Aufgabe würdig waren, bereitwillig Anerkennung, er verkennt nicht, daß die hervorgetretenen Meinungsverschiedenheiten, zumal soweit ste auf der Vielseitigkeit juristischer G-stchtspunkte beruhen, eine innere Berechtigung haben, um so größer aber ist des Kaiser« Freude und Dank, daß die schließliche Verständigung durch da« Entgegenkommen deS Reichstage« gelungen ist; denn der Gewinn, welcher daraus für unser nationales Leben erwachsen muß, wird von dem Kaiser sehr hoch an­geschlagen.

Wir sind dadurch dem Ziel der nationalen Rechts­einheit wesentlich näher gerückt."

Die gemeinsame RechtSentwickelung aber wird in der Natron das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit stärken

Oh nichts, gar nichts!' eroieberte Tietz mit ge­zwungener Gleichgültigkeit, dabei aber theilS aus Verlegen- leit, theilS au« Unwillen, in so unerwünschter Weise au« feinem Himmel in die nackte Wirklichkeit zurückgeschleudert worden zu fein, über das ganze Gesicht erröthend.

Gestehe es doch, Du bist verliebt!" drang Jener in ihn ein.Alter Junge! Du hast gewiß Fräulein von Werthüm zu tief in ihre schönen schwarzen Augen gesehen."

Mr m bet Srpediti-n ,u ertbeilenbe Auskunft und «nnabme 00n »bteffen Sn 35 Ä« beregnet ®* Seite 10 Pf,.

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