Nr. 804.
Marburg, Freitag, 29. December 1876.
XL IlhWIg.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in FrantArt a M-; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a- M, Berlin, Leipzig, Cöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfutt a. Ri. re.
WrrheMr IrilMg.
Anzeigen nimmt entgegen: die EHeditton d. Blatte» sowie dre Amwncen-Bureauk von ®. L- Daube & Co. in Frankfutt a. M.-Jäger'sche BuchhaMung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz» ter in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.
<Srfdieint täglich nutzer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quattal mit der wöchentlichen Beilage ,,3Iufhrtrte6 Lonma«»blatt" durch die Expedition lKoch'sche Buchdrucker«) bezogen «ark, durch die Postämter deS Deutschen Reiche- 2 Watt 50 W» (exl.^st7llg^ühr). -Mm-nSgM für die geKene ZÄe lü Pfß
Für m der Expedition zu ettberlende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf,, berechnet.
Xür das erste Quartal 1877 werden von allen C Postanstalten Bestellungen auf die
Merhesstsche Zeitung
nebst deren Gratisbeilage
Mustrirtes Soimtagsölatt
mtgegengenommen.
Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen entgegen.
Die Exp. d. Oberh. Zeit.
DC* Der Nr. 1 jbeS nächsten Jahrgangs werden wir einen Kalender für das Jahr 1877 beifügen.
StOßtoi»ert<Dt.
Das Rcichsgesctzblatt publicirt daS Gesetz betreffend die Abänderung deS § 44 deS Gesetzes wegen Eihebung der Brausteuer vom 31. Mai 1872.
Zwischen der deutschen Reichsregierung und dem Cabinet von VeisaillcS sind kürzlich Verhandlungen über die £>er stellung einer direkten telegraphischen Verbindung zwischen den Börsen von Berlin, Franksurt und Paris zum Abschluß gebracht worden. Die bezüglichen Arbeiten werden mit Beschleunigung auSgeführt werden.
Die Stimmung ist in London ganz plötzlich eine sehr hoffnungsvolle geworden. Den in der Thronrede des deutschen Kaisers enthaltenen Hinweis auf die in Konstantinopel gesührten Unterhandlungen bezeichnet der „Standard- al» die ermunterndste offizielle Auslaffung, die bis jetzt der Welt gegeben wurde.' „Die Sprache des Kaisers Wilhelm — sagt das Toryblatt — ist so beruhigend, als sie in dem gegenwärtigen Stadium der Unterhandlungen wohl gebraucht werden konnte und sie ist um jo willkommener durch den Contrast, den sie vorhergegangenen offiziellen Darlegungen gegenüber bietet. . . Die Sprache des Kaisers verleitet sicherlich zu der Folgerung, daß die Türkei den Forderungen, welche die Mächte an sie stellen werden, statlgeben dürste. Unsere eigene Information ist gleicher Natur."
Dem Ober Bürgermeister von Forckcnbeck zu Breslau, bisherigen Präsidenten des Reichstags während dessen zweiter |
Legislaturperiode, ist der Stern zur zweiten Claffe des Königlichen Kronen-OrdenS verliehen worden.
Dentfcheß Reich.
Berlin, 26. Dec. Die FriedenSauSsichten sind während des Festes niLt sonderlich gestiegen, und in Abwesenheit der meisten Blätter hat sich diesmal der alte Spruch, daß keine Nachrichten gute Nachrichten bedeuten, wenig bewährt. Der hier herrschenden strengen Kälte wie gewöhnlich eine noch stärkere in Rußland voraufgegangen, und es zeigt sich, wie die Russen mit ihrer raschen Zusammenziehung von Truppen vor dem Eintreten der Schneestürme und der Stockung deS Verkehrs unversorglich gehandelt hatten. Es beweist aber auch, wie das längst vermuthet war, daß sie wohl wußten, was die diplomatischen Manöver der Vorbesprechungen in Konstantincpel zu bedeuten haben würden. Berichte aus Bukarest melden übrigens, daß auch in seinen Gegenden große Kälte herrscht, und eö wird dies in verschiedenem Sinne bezüglich der Aussichten gedeutet, welche ein naher Ausbruch der Feindseligkeiten für die beiderseitigen Armeen bieten könnte. Die Ungewißheit kann nicht mehr lange währen und die russischen Stimmen werben sich bald an der Hand der türkischen Verfassung wieder ganz ähnlich wie vor der letzten Friedensphase vernehmen lassen. Man hat hier in der politischen Welt die Besorgniß ausgedrückt, die Türkei möchte mit der im Eingang der Vcrsaffung verkündeten Untheilbarkeit des Reiches nicht nur die politische Autonomie abweisen, wozu sie vollkommen berechtigt ist und wobei sie auch auf die Unterstützung Englands wie Oesterreichs rechnen kann, sondern auch die locale Verwaltungsautonomie. Dies würde die sofortige Vereinzelung des türkischen Standpunkts zur Folge haben. Die Besorgniß ist indessen schon dadurch widerlegt, daß die türkische Verfassung, ja die Decxntralisation der Provinzen selbst verheißen hat. Das genügt allerdings nicht, wie schon mehrfach bemerkt, für die.Conferenz. Aber es wird doch die Türkei vor dem Fchler bewahren, sich in Widerspruch mit einer Forderung zu setzen, die dem Programm der Conserenz zur Grundlage dienen wird. Nach den letzten telegraphischen Nachrichten hatte man der Türkei ein Resums der Vorbesprechungen mitgetheilt. Es wird das jene sogenannte Punclation gewesen sein, die Jgna- tteff's veränderte und angeblich verbesserte Punkte enthalten haben sollte. — Das belgische Ministerium hat nunmehr durch das Journal de Bruxelles bestätigen lassen, daß ihm kein („offizieller", muß der Leser hinzusetzen) Vorschlag wegen ter Okkupation der Bulgarei durch belgische Truppen
zugeganzen ist. ES bestätigt sich, daß Weisungen an die belgischen Vertreter im Auslande erst in den letzten Tagen ergangen sind und keine geradezu unbedingte Ablehnung in Aussicht stellen, sondern für den Fall, daß die Mächte und die Türkei den Vorschlag wirklich nach Brüssel richten sollte», die bereits angedeuteten konstitutionellen moralischen und finanziellen Garantien von Belgien verlangt werden würden. Was die konstitutionellen Garantien angeht, so kann beispielsweise kein belgischer Soldat ohne seine persönliche Einwilligung zu solchem Dienst in fremdem Lande verwandt nxerden. Die Kosten andererseits könnten sich schon, wegen der etwa erforderlichen Pensionen und ähnlicher Erfordernisse sehr hoch belaufen, und Belgien würde wahrscheinlich verlangen, daß sie vorher sichergestellt würden. Durch diese von der belgischen Regierung eingenommene Stellung wird Belgien, wenn das bezeichnete Ansinnen wirklich gestellt werden sollte, dem Vorwurfe entgehen, daß eS bei größerer Zuvorkommenheit die russische Okkupation verhindern und den Frieden im Orient vielleicht hätte retten können. Daß indissen die Mächte die von Belgien verlangten Garantien wirklich gewähren sollten, ist nach der Lage der Sache schwer zu glauben. Man bezweifelt denn auch, daß der fragliche Vorschlag wirklich in offizieller Form nach Brüssel gelangen werde.
Darmstadt, 24. Dec. In der Bewegung innerhalb der protestantischen Landeskirche zeigt sich wieder, wie noch so Manches zu thun bleibt, bis die verfassungsmäßig gewährte Gewissensfreiheit in Hessen eine Thatfache fein, und der Staat in seinem eigenen Interesse stch in der Controle des eigentlichen Cultuswesens auf die für die öffentliche Ordnung und den Frieden unumgänglich nöthigen Anordnungen beschränkt haben wird. Die Handhabung der Verordnung von 1850 bezüglich der Aufsicht über die Re- ligionS Ginossenfchaften wird hinsichtlich des Austritts und UebcrtrittS auf eine eigenthümliche Weife gehandhabt. Während zum Austritt dte mündliche Erklärung vor dem Geistlichen oder dem Ortsvorstand genügt, muß gleichzeitig damit der Uebertrilt in eine bestehende oder schon gebildete Religionsgemeinschaft stattfinden. Die Bildung einer solchen kann aber nur erfolgen, wenn die Mitglieder, und zwar j^deS einzeln, dieses für stch mit gleichzeitiger Angabe der Grundlagen dex Gesellschaft (Bekenntniß rc.) mittelst öffentlichen ActeS (vor Notar rc.) bewerkstelligen. Da» stad doch sonderbare Zulhaten zu einer „Freiheit", und eS ist ganz unerklärlich, warum der Uebertrilt nicht genau so rote der Austritt behandelt wird.
«arl-ruhe, 24. Dec. Das Central-Organ der Alt- Katholiken, der „Deutsche Merkur", bringt aus Bonn die
Da» Jüan wider Wille«.
Humoreske von W. v. Strachwitz.
(Schluß.)
Gotthold ist dort heut Morgen nicht eben besonders leichten Herzens an sein Pull getreten. Denke Dir, verehrter Leser, Du habest die ganze Nacht in einem kellerar- tigen feuchtkalten Raume aus einem harten Stuhle schlaflos zugebracht, Dein gewohntes Frühstück entbehrt und dazu einen gewaltigen moralischen Katzenjammer, so haft Du ein getreues Bild des Zustandes, in dem Gotthold sich befindet. Er wagt kaum von seinem Pult aufzusehen, aus Furcht, dem forschenden Blick der College» zu begegnen.
Er ist noch nicht gar lange an seinem Platze, da tritt der Direktorialbote ein: — Herr Treuherz soll sofort beim Herrn Direktor erscheinen. -
Obwohl er nichts anderes erwartet, macht sich doch rin Gefühl der Beklemmung bei ihm geltend und nicht ohne Zagen betritt er die Höhle des zwiefach gereizten Löwen.
Der Gewaltige sitzt an feinem Schreibtisch, vor ihm liegen die Akten „betreffend die Anstellung rc. des Kassm- DiätariuS Gotthold Lcberecht Treuherz", die stch heul, wenn Vicht Alles trügt, um einen dunklen Punkt bereichern sollen. Der Gestrenge räuspert sich.
„Ak.uar Treuherz", beginnt er, und die Stimme hat als Ausdruck der Genugthuung deS Sprechenden ordentlich klang gewonnen, „Sie haben es seither verstanden, Ihre Vorgesetzten über Ihren Werth als Mensch und Beamter »a täuschen; ich bin nicht schwach genug, mich so leicht sbestechen zu lassen, und ist es mir gelungen, schon Einiges Bur Berichtigung des UrtheilS über Sie beizutragen. Ihre Wicnstakten, die hier mir vorliegen, enthalten bereits fünf Rügen, zwei Verweise und eine Ordnungsstrafe. Die Ungewöhnliche Frechheit aber, mit der Sie in den letzten weiden Tagen trotzdem allen Gesetzen der Disciplin und
der guten Sitte Hohn gesprochen, beweist, wie tief Sie gesunken und wie unwürdig Sie sind der bevorzugten Stellung, die Sie als Beamter im Staate einnehmen. Ich werde deßhalb Ihre Entfernung aus dem Dienst herbei- führen, und dieferhalb an die vorgesetzte Behörde Bericht erstatten. Vorher will ich Sie jetzt verantwortlich ver nehmen.
Was zunächst das unerhörte Attentat auf meine Person betrifft, dessen Sie sich am Sonnabend schuldig gemacht, so gestehen Sie zu, mich in Gegenwart Ihrer College« auf das Frechste verhöhnt zu haben?"
„Herr Direktor verzeihen —" stottert Gotthold.
„Schweigen Sie, wenn Sie mit mir sprechen l Ihr unsittlicher Lebenswandel ferner ist bereits Gegenstand des Stadtgespräches."
„Herr Direktor," wagt der auf'S Tiefste in seiner kindlichen Unschuld gekränkte Gotthold hervorzustoßen.
„Schweigen Siel Sie haben die öffentliche Meinung gestern Abend aus das Eklatanteste'gerechtfertigt. Es ist festgestellt, daß Sie in der Dunkelstunde mehrere junge Damen verfolgt, reift, ihnen nachgestellt haben. Daß unsittliche Motive Sie dabei geleitet, beweist, daß Sie" eine dieser Frauen in unzüchtiger Weise zu berühren versucht haben. Sie wurden an der Ausführung Ihres verwerflichen Vorhabens zum Glück durch den Wächter der öffentlichen Ordnung verhindert. Wie schrankenlos aber Ihre verdammlichea Leidenschaften über Sie herrschen, daS zeigt der Umstand, daß Sie eine Dame als Ihr Opfer auöer- wählt, die rin Gegenstand der Ehrfurcht für Sie sein muß."
„Aber Herr Direktor — will Gotthold einen letzten Versuch zu feiner Vertheidigung machen"
„Schweigen Siel Solchen Thatsachen gegenüber gibt eS keine Beschönigung. Der skandalöse Vorgang hat zur Folge gehabt, daß Sie die Nacht im Polizeigefängniß zugebracht haben."
Ja, im Gefängniß.
Wanken, die erneute Erinnerung an den Flecken auf seinem guten Ruf wirft ihn darnieder. —
„WaS bringen Sie, Rewper?" Die Frage des Direktors ist an den Diener gerichtet, der schon wiederholt schüchtern den Kopf zur Thür htreingesteckt hat.
„Herr Direktor verzeihen, der Herr Major zur Höllen wartet schon seit einer langen Weile dranßen und wünscht den Herrn Direktor dringend zu sprechen."
Da wird auch schon daS wunderliche, verwetterte.Ant- litz deS alten Haudegen htnter der kleinen, gebückten Ge- statt des Dieners sichtbar; Gotthold erschien eS wie das eines rettenden Engels.
„Hatten der Herr Direktor meine Zudringlichkeit meinem rasenden Verlangen zu gut, den unverschämten Burschen da vor Ihnen zu züchtigen."
Der sich mit diesen Worten ankündigende Besuch ist drm Herrn Direktor sehr willkommen. Gotthold ist niedergeschmettert. So ist die Kunde des Vorgefallenen, vielleicht sogar entstellt, schon bis zu „ihr" gedrungen!
Der Direktor begrüßt den Major freundlicher, al» e» sonst seine Gewohnheit war.
„Hm, hm, bebau« aufrichtig, Herr Major, meinen Glückwunsch unter solchen Umständen anbringen zu müssen, aber Ihr zukünftiger Herr Schwiegersohn —"
„Was, zum Teufel, Schwiegersohn? der Satan soll ihn holen, den verdammten Hallunken!" fuhr der Alte, stch «rossend, auf, und maß Gotthold mit seinen grimmigsten
„Um GotteSwillen, theuerster Herr Major, urtheilen Sie nicht vorschnell über mich," stammelt dieser, an den Alten herantretend und ihm die Hand bietend. „Das Vorgesallene ist mir ja selbst sehr peinlich, doppelt peinlich um Ihretwillen —*
Ha, ha, ha! peinlich! Ha, ha, ha!" brüllt der alte Obcrstwachtmeifler, vor Zorn halb, halb von der Anstrengung des Lachens kirschroth im Gesicht. „Donner- Gotthold- Muth getäth in'S weiter, Direktor, wie geschickt sich die jungen Leute von