Sir. 803,
Marburg, Donnerstag, 28. December 1876.
XL Lahrgaig.
Anzeigen nimmt entgegen: dir Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bnreaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leipzig, Cöln k; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.
Ocrl)flli[dif Jritung.
Anzeigen nimmt entgegen: die r^>edttton d. Blatte» sowie d,e Amwneen-Bureanr von ®. L- Daube & So. in ^ankfurl a. M.: Jüger-sch« Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete» meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöckentlicken «-je»"- ..... __ .... ....
Buchdruckerei) bezogen 21 Mark, durch die Postämter deS Deutschs Reiches 2 Wart 50 Vfg? §l. B-st?llg°bühr>^-J^nSgeM" dtt g-spotten *Ae10°«fa °* Sftt tn der Sxpedrtton zu ertherlende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf, berechnet? 3 ,P öeue 1V
Xür das erste Quartal 1877 werden von allen 4 Postanstalten Bestellungen auf die
Aberhessische Zeitung
nebst deren Gratisbeilage
ZIlustriltes Sonntagsblatt
entgegengenommen.
Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen entgegen.
Die Exp. d. Oberh. Zeit.
IÄ* Der Nr. 1 des nächsten Jahrgangs werden wir einen Kalender für das Jahr 1877 beifügen.
Lasesvertept.
Eine uns zugegangene amtliche Mitlhcilung enthält folgende Angaben über den Umfang des PostvcrkchrS in Deutschland und England. Die Gesammtstückjahl der durch die Post beförderten Sendungen betrug 1875 in Deutsch, land 1259.072,181 St., in Großbritannien und Irland 1,379,537,900. Unter der bei Deutschland angegebenen Zahl sind 79,482,360 Päckereien und Werihsendungen eingerechnet. Mil der Beförderung von Sendungen dieser Art, welche den Postanstatten weit erheblichere Schwierigkeiten bietet, als diejenige von Briesen, Drucksachen und Maaren- Proben, befaßt sich die britische Postverwaltung überhaupt nicht. Der Postanweisungsverkehr Deutschlands hat denjenigen England's bereits im Jahre 1874 an Umfang über troffen. Im genannten Jahre besorgte die deutsche Post 19 Millionen Slück Postanweisungen im Betrage von 75 Millionen Mark, die britische Post dagegen 16 Millionen Stück im Betrage von 520 Millionen Mark. Im Jahie 1875 ist der deutsche PostanweisungSvcrkehr auf 23 Mill. Stück mit 1238 Mill. Mark gestiegen; für Großbritannien liegen bis jetzt die betreffenden Zahlen noch nicht vor.
Daffelbe Thlma, welches vor einigen Tagen die Pe- tilionSkommsiston des Reichstags beschäftigte, ist gleichzeitig auf einer Konferenz in Bristol behandelt worden. Die Delegirten der englischen Gewcrkvereinc halten sich tu Bristol versammelt zur Besprechung der Frage, wie die Konkurrenz zwischen freier unv Gefängnißarbeii am besten beseitigt werden könne. Die gesaßien Beschlüsse führten aus, daß die Frage cer Gefängnitzarbeit die unverzügliche Aufmerksamkeit des Parlaments erheische und sordertcn, daß
Don Jüan wider Wille«.
Humoreske von W. v. Strachwitz.
(Fortsetzung.)
Lr schließt Gretchen in seine Arme, er flieht mit ihr durch finstere Wälder, durch Strom und Gewitter, durch tosende Bäche, durch tausend Gefahren.
Endlich sind sie gerettet, daheim. Er liegt zu ihren Füßen, sie neigt sich zu ihm und bietet ihm die Lippen zum beseligenden Kuß. Da Hohngelächter der Hölle — starrt ihm ein fremdes Gesicht höhnisch entgegen, es ist die Frau Direktorin. Und ihr zur Seite stehl der Verhaßte, ihr Gemahl. Seine finstern, harten Züge verzerren sich zum Ausdruck der Wmh, nein, sie werden zur Grimmaffe, es ist Kahlow, der in ein erschütterndes Gelächter auöbricht.
Gotthold erwacht, — seine Stirn ist mit Schweiß bedeckt; vor seinem Siuhl über ihn gebeugt steht Sa tler und lacht, daß der lange feuerrothe Schnurrbart unheimlich sich bewegt. „Na, wohl geschlafen zu haben junger Herr! Das Frühstück ist schon servirt," und er zeigt auf den Steinkrug mit Waffer.
Gotthold schauert vor Frost und Erregung zusammen. Sattler bctrachlete ihn hämisch schmunzelnd.
„Na, nu mach' Er sich mal nach Hause, und gebe Er künftig Ruhe, es wird gerade Zeit sein, wenn Er noch auf'S Gericht will."
Gotthold blickte verstört um sich. Dann nahm er zu sammenschauernd seinen ihm während deS Schlafes herab- gefallenen, arg zerknitterten Cyltnder vom Boden auf, half rasch dem übrigen, ebenfalls von der gestrigen Affairc nicht wenig derangieten Anzüge nach, stieg die Treppe hinauf, wobei Sattler tückisch hinter ihm herlachte und wanderte schleunig, scheu um sich blickend, über den tagcShellen Markt-! platz durch die Brüderstraße nach seiner Wohnung. Mo-j
Verbrecher, statt in Handwerken unterrichtet zu werden, zum Anbau brachliegender Ländereien verwendet werden sollten. Zu gleicher Zeit wurde beschloffen, einen Ausschuß zu ernennen und denselben mit der Ausführung der Konferenzen zu betrauen. Aehnliche Konferenzen sollen demnächst in Manchester, Leeds, Bradford und Birmingham abgehalten werden.
In Betreff der von Seiten deS britischen KabinetS an die deutsche Reichsregierung wegen des brasilianischen Sklavenhandels gerichteten Note, geht uns aus London folgende orientirende Mittheilung zu: „Sir Julian Pauncefote hat im Namen des Earl von Derby ,eine Zuschrift an den britischen Verein gegen die Sklaverei gerichtet, worin es heißt, der Minister habe sich unlängst mit dem königlichen Gesandten in Rio de Janeiro bezüglich des Transports von Sklaven an Bord britischer Schiffe von einem brasilianischen Hafen zum anderen in Verbindung gesetzt und daß Mr. Buckiey - Mathero in einer vom 6. ult. vatirten Depesche berichtet habe, die verschiedenen britischen Dampfer- linien hätten die an deren Agenten gerichtete Mahnung, dem SklaventranSport zwischen brasilianischen Häfem ein Ende zu setzen, strenge Rechnung getragen. Sir Julian fügt hinzu, Lord Derby habe auch die königlichen Botschafter tn Berlin und Paris ersucht, der deutschen resp. französischen Regierung dahingehende Vorstellungen zu machen, den Transport von für den Verkauf bestimmten Sklaven zwischen brasilianischen Häfen durch Schiffe unter der deutschen und französischen Flagge zu verhindern.
Die „Agencia Stesani" erhält ihre Nachricht, daß der gegenwärtige Nuntius in Brüssel Msgr. Vannutelli zum Nuntius in Madrid auserschen sei, aufrecht. Sollte dessen Ernennung nicht durchdringen, so würde der Nuntius in München Msgr. Bianchi sür den fraglichen Posten bestimmt werden. Hebet die Ursache der zwischen dem Vatikan und dem Madrider Kabinet eingetretenen Erklärung gibt die genannte Agentur folgende Mittheilung: „Die Kirche und das Hospital der Italiener in Madrid gingen zur Zeit der Vertreibung der Königin Isabella von dem päpstlichen Nuntius, unter dem sie bisher gestanden waren, aus den italienischen Gesandten über. In der letzten Zeit orderte der Vatikan, daß sie wieder unter die Nuociatur gestellt werden sollten. Die spanische Regierung war's zufrieden und bestimmte sogar den Tag, an dem der Nuntius Besitz von den Gütern ergreifen sollte. Nun wiber- letzle sich der italienische Gesandte, so daß die spanische Regierung den Nuntius wissen ließ, daß sie ihr Versprechen nicht halten könne und daß die italienischen Etablissements meatan nicht fähig, sich über die Recht- oder Unrechlmäßig- keit des gegen ihn beobachleten Verfahrens klar zu werden, litt er unbeschreiblich unter der ihm zugesügten Schmach, um so mehr, als er seit gestern nicht mehr allein stand.
Frau Rumpel machte ein sehr neugieriges Gesicht. Ihr voriger „Herr", der von dem alten Major so lebhaft verwünschte Assessor, hatte zwar manche Nacht durchschwärmt, von ihrem soliden Herrn Aktuar war sie das aber gar nicht gewöhnt. Als gut erzogene Zimmervermietherin wagte sie zwar nicht, ihrem Erstaunen in Worten Ausdruck zu geben, ihre um so tebhafler sprechenden Augen ließen dasselbe aber so unverhohlen erkennen, daß Gotlhold die sei- nigen, unbehaglich berührt, senkte. Es war bereits acht Uhr vorüber. Er machte deshalb flüchtig Toilette, verschmähte das von Frau Rumpel bereit gehaltene Frühstück, und machte sich unverzügvlch auf den Weg nach dem Bureau.
Nachdem er die Thür geschloffen, ließ sich Frau Rumpel gemächlich auf einen Stuhl am Tische nieder, — das „schöne, neue Sopha" mußte sie ja schonen, und indem sie mit Behagen den ihr unerwartet zugefallenen extrafeinen Kaffee — den ihrigen bereitete sie aus Eicheln und Gerste, während der ihrer „Zimmerherren" auS wenig Kaffeebohnen und, aus Gesundheitsrücksichten, viel Cichorien destillirt wurde, — genoß, grübelte sie darüber nach, ob es wohl doch wahr fei, was die Leute von ihrem Herrn Aktuar erzählten, daß, ja daß er — und mit züch.igem Erröthen schlug sie die Augen nieder und dankte dem Himmel, daß sie zeitig genug — die ältesten Leute tn der Gaffe, selbst der alte Herr Major drüben, 'konnten sich nicht mehr darauf erinnern — mit Rücksicht auf ihre jungen Herren und das Unheil der Welt ihren jungfräulichen Stano verleugnet und ihre Fahrten auf dem Meere des Lebens unter der Flagge der ehrbaren Wittwe unternommen.
* «
Seit langer Zeit hat das „Wochen» und Jni lligenz
auch ferner unter dem italienischen Gesandten bleiben würden. Das ist der Grund der Mißstimmung deö heiligen Stuhls gegen das Madrider Kabinet, die aber sicherlich zu zu keinem Abbruche der diplomatischen Beziehungen führen, wenn sie auch die Absendung des neuen Nuntius nach Madrid noch einige Monat« verzögern wird."
Dttltschel Reich.
Berlin, 23. Dee. Der BundeSrath hielt gestern unter Vorsitz des Staats- und Justizministers Dr. Leonhardt eine Plenarsitzung. In derselben wurde den Entwürfen eines Gerichtövelfassungsgesetzes, einer Civilprozeß. ordnung, einer Strafptozeßordnung und einer ConcurS- ordnung, sowie der Einsührungsgesetze dazu in der vom Reichstage angenommenen Fassung die Zustimmung ertheilt. — Die Ausschüsse deö BundeSratheS für Handel und Der- kehr haben bei dem Bundesrath einen Antrag eingebracht, welcher eine besondere Anordnung über die von den noten- ausgebenden Banken zu veröffentlichenden Jahresbilanzen bezweckt und auf Seiten der Aktiven wie der Passiven diejenigen Kategorien bezeichnet, welche gesondert nachzuweisen sind. Außerdem sollen in der Jahresbilanz nach § 8 de» Bankgesetzes die an weiterbegebenen, im Jnlande zahlbaren Wechseln entsprungenen eventuellen Verbindlichkeiten erstcht- lich gemacht werden. — Unter den deutschen Eisenbahn- Verwaltungen haben bekanntlich Verhandlungen stattgefun- den, um int Anschluß an die durch die TarifinquSle gewonnenen Resultate zu einer endlichen Verständigung über ein gemeinschaftliches Frachttarifschema zu gelangen. Da» Ergebniß dieser Verhandlungen war ein von fast sämmt- lichen Verwaltungen angenommenes Tarifschema, gegen dessen Einführung der BundeSrath vom Standpunkte deS Reiche» im Allgemeinen nichts zu erinnern gefunden hat. Die Verständigung beruht im Wesentlichen auf dem Boden de» die Gegensätze zwischen dem sog. natürlichen, elsaß lothringischen und dem reinen Werth-Klassensystem vermittelnden sog. gemischten Tarifsystems, welches seit einem Jahre in Baiern und Würtemberg und seit Kurzem auch tn dem Wechselverkehr beider Staaten mit Sachsen zur Anwendung gekommen ist und sich bewährt hat. Da es dem Handels" mmister von Werth ist, vor der Feststellung der neuen Guierklassifikation der Spezialtarife die Wünsche der bethei- ligten Kreise in Bezug auf Einreihung der einzelnen Artikel entgegenzunehmen und über das Verzeichniß Der sperrigen und der Deckung bedürftigen Güter die gutachtlichen Aeuße- rungen zu vernehmen, so sollen die Direktio-en der Eisenbahnen, die Handelskammern, die Vorstände der kausmän- nischen Korporationen, sowie der landwirthschaftlichen und blatt" nicht solches Aufsehen erregt, als an diesem denk- würdigen Morgen. Nicht die Nachricht von der Erstürmung der Düppeler Schanzen, nicht das Extrablatt mit dem telegraphischen Bericht über den glorreichen Sieg bet Königgritz lassen sich bezüglich des Eindruckes auf ihre Lestr mit der Verlobungsanzeige vergleichen, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel heute zwischen die verdutzten Köpfe der lieben L.... er fährt. __ 9
, »Der gute Major wird wirklich alt," sagt man sich in den aristokratischen, „der junge Kerl ist verrückt", heißt es in den bürgerlichen Kreisen, die Sollegen Gotlhold» wissen gar nicht, was sie sagen sollen, und die alten und jungen Weiber, die den „Don Juan" erfunden und weiter verbreitet, noch weniger, darum nicken sie nur geheimniß-
Die „Frau" Rumpel denkt, „der Schlag soll sie rühren."---
o Gotlhold ließt die Zeilen mit einem wchmüthigen Sä$tln. Das altej, harmlose Fräulein von und zur Höllen nimmt mit dem Interesse, daß sie überhaupt dem L ... er Moniteur zollt, und ahnungslos da» Blatt zur Hand, als es ihr von Johann am Frühstückstisch über, ^cht wird. Papa schläft noch und sie kann sich so recht ungestört dem Genuß der Lektüre hingeben.
Sie hat die „Allgemeine Rundschau", da» „Lokale und Provinzielle" das „Vermischte, Landwirtschaftliche», Hanvel und Verkehr glücklich hinter sich; von den Anzei- gen sind ihr viele schon mehr als bekannt, sie überfliegt nur die Schlagwörter „Gottes ©egen bet Cohn", Dr.
„Epilepsie, Fall- und Tobsucht," „Wichtig sur Augenkranke", u. dgl. „SudhastationSpatent" „AuktionSanzeige", öffentliche Bekanntmachung" interessiren nicht. Doch nun komwtS besser: Um damit zu räumen, verkaufe ich unter dem Selbstkostenpreise rc." „Täglich frisch gebrannten Kaffee ä Pf. 13 sgr." Und nun zu den Famtlienanzeigeu. die sich das alte Fräulein, al» da» B'stc, immer bis zuletzt aufhebt. Plötzlich steckt sie, sie