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Nir. 299.

JllarÖUtg, Donnerstag, 21. Dccember 1876.

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Ziehen wünscht wird. Auch die Mehrheit des Reichstages ist keines- Higer Ms gewillt, den Entwurf wegen Schluffes der Session Unerledigt oder in der Kommission begraben zu lasten, nur

anbetrifft, die Ernennung dcö Nuntius für Spanien sehr verzögern, obgleich Msgr. Vanutelli, jetzt Nuntius in Brüssel, für diese Stelle designirt ist. Die Beziehungen mit Spanien sind sehr erkaltet.

sollen vorher die Justizgesetze vollständig erledigt werden. TS fragt sich indessen, ob nach definitiver Annahme der Justizgesetze, welche immerhin noch einige Tage in Anspruch «hmen kann, daS Haus noch beschlußfähig sein wird. Manche Abgeordnete glauben, durch ihren Beitritt zu dem Kompromiß, hinsichtlich der Justizgesetze, dem Reichskanzler hinreichend zu Gefallen gewesen zu sein und sind nicht ge­neigt, auch noch die Verantwortung für dieRetorstonS-

MH* zu übernehmen, um so mehr, als für die sofortige verathung dieser Vorlage keine dringenden und zwingenden

Lag«*dericht.

Der Kompromiß mit der Regierung bezüglich der Justizgesetze ist, wie dieKöln. Ztg." erzählt, auf folgende Weise zu Stande gekommen: Herr von Bennigsen ging zu dem Fürsten BiSmarck, um ihn zu fragen, ob ihm überhaupt am Zustandekommen der Zustizgesetze gelegen sei, weil sonst alle Verhandlungen vergeblich sein würden. Der Reichskanzler bejahte die Frage. Wenn die 18 Punkte als unannehmbar bezeichnet wären, so solle das nicht heißen, daß die Regierungen auf dem Ganzen ihrer For­derungen beharren würden, einzelne Bestimmungen könnten sie allerdings nicht opfern, die Abgeordneten möchten zum Justizminister Leonhardt gehen und sich mit ihm verstän digen. Dies geschah; der Justizminister bewilligte selbst einige Zugeständniffe wegen der Presse, die Fürst BiSmarck aber wieder zurücknahm.

ES wird unS versichert, daß namentlich von Seiten des Reichskanzlers die Erledigung des Gesetzes betr. die Aus» »etchungSabgaben noch in dieser Session dringend ge

denen Motiven geleitet. Die Unterzeichner sind übrigens folgende Abgeordnete: vr. Lucius (Erfurt). Koch (Braun­schweig). Haarmann. Dr. Zinn. Dr. Völk. Graf Be- thufy«Huc. Dietze. Fürst von Pleß. Frecher v. Barn- büler. Freiherr von Schorlcmer-Alst. Freiherr v. Wendt, von Kehler. Müller (Pleß). Freiherr v. LandSberg-Velen. Haanen. v. Miller (Weilheim). Dr. Löwe. Ackermann.

Obwohl der Reichstag in der Dienstag-Sitzung noch nicht mit dem GerichtSverfaffungSgesetze vollständig fertig geworden ist und die Strafprozeßordnung sich ebenfalls nicht wird über das Knie brechen laffen, hofft man doch, daß der Reichstag am Donnerstag geschloffen werden wird. Der Schluß wird durch Se Majestät den Kaiser in eige­ner Person vollzogen werden.

DieCorrespondeoz vom Sunde" bringt folgende Wahl- Nachricht:Bei der bevorstehenden Wahl zum deutschen Reichstag in Nordschleswig werden außer dem dänischen Kandidaten HanS Krüger, der in beiden nordschleswig'schcn Kreisen gewählt werden wird und außer den gewöhnlichen deutschen Kandidaten, die nur auf eine geringe Minderzahl rechnen können, noch zwei holsteinische Arbeiter als Kan­didaten dec Sozialisten austrcten. Die sozialistische Arbeiter- Partei in Holstein hat die dänischen Arbeiter in Schles­wig aufgefordert, die deutschen Arbeiterkandidaten zu unter­stützen, indem sie diese als die wahren Vertreter der Interessen des Volkes darstellen, während sie Krüger als Vertreter der Gutsbesitzer bezeichnen. Diese Aufforderung ist, be­gleitet von einer Empfehlung des Kopenhagener Sozialisten­führers Louis Pio, vorigen Donnerstag in dem Kopen­hagenerSocialvemvkraten" erschienen, von dem dann einige tausend Exemplare in Nordschleswig verbreitet worden sind. Es ist jedoch mit Sicherheit anzunehmen, daß dieser Versuch, die dänischen Arbeiter von den nationalen Kandidaten ab zuwenden, nicht gelingen wird. In Nordschleswig sind stets alle anderen Fragen hinter die Eine zurückgetreten: Das auf den Artikel V. des Prager Friedens gegründete nationale Recht der NordschleSwiger.

Nach einer Meldung derAgenzia Stefani" wäre zwi­schen dem päpstlichen Stuhle und der spanischen Regierung wieder eine leichte Verstimmung eingetreten. Wie das ge-

Jn der orientalischen Frage ist es noch immer zweifel­haft, ob Rußland und England sich wirklich thatsächlich genähert haben und ob Rußland wirklich nicht mehr auf einer Occupation Bulgariens durch russische Truppen be­steht. Die Mittheilungen hierüber gehen weit auseinander. Nach dem Tcmps war die Haltung Rußlands auf der Vorkonferenz eine sehr entgegenkommende; die russische Regierung bestehe weder auf einer Occupation durch ihre eigene Truppen, noch auch auf einer Entwaffnung der muselmännischen Bevölkerung. Italien habe eS ebenfalls abgelehnt, Truppen zur Occupation abzusenden. Daffelbe wird derKöln. Zig." aus London, 17. Dezember, in folgendem Telegramm gemeldet: Von einer über die Vor­gänge im Auswärtigen Amte häufig wohlunterrichteten Seite wird bestätigt, daß eine Annäherung zwischen Ruß­land und England, angeblich auf Grund einer Nachgiebig­keit Rußlands, welches den Vorschlag einer militärischen Occupation hätte fallen laffen und selbst für die soge­nannte polizeiliche Occupation nicht unbedingt russische Truppen vorschlagen soll, stattfinde. Die angezogene Quelle versichert, jn Downingstreet herrsche die Ueberzeugung, Rußland wünsche wenigstens jetzt nicht den Krieg. England wäre der vorgeschlagcnen polizeilichen Besetzung durch Truppen neutraler Staaten, etwa Belgien und Holland, nicht abgeneigt, sofern die übrigen Mächte zustimmen. Bei vereinter Pression. der europäischen Staaten wäre ein Widerstand der Türkei undenkbar. Von anderer Seite wird jedoch die Annäherung Rußlands an England in Abrede gestellt. Inzwischen kann, wenn der TempS Recht hat, die Vorkonferenz als beendigt angesehen werden. Wie das genannte Blatt mittheilt, haben die Konferenzbevoll« mächligten der Mächte in Konstantinopel am Sonntag ihren Regierungen, die von der Vorkonferenz angenomme­nen Beschlüffe mitgetheilt, um sie ihrer Genehmigung zu unterbreiten. Jn Petersburg herrscht die Ueberzeugung, daß die Besprechungen der Vorkonferenz soweit vorgerückt seien, um die Eröffnung der eigentlichen Konferenz am kommenden Sonnabend zu ermöglichen. Wie die Preffe hört, wird die Frage wegen Verlängerung des Waffenstill­standes noch in dieser Woche zur Verhandlung gelangen. Jn Serbien hatte man versucht, die russischen Frei­willigen unter serbische Offiziere zu stellen. Diese Maß- regel ist jedoch nach erfolgtem Protest, seilens der Ruffcn

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, _ _ . i nannte Bureau meldet, wird sich wegen der von der spa-

Tründe vorliegen. ES würde dem Bedürfnisse vollständig I nischen Regierung eingenommenen Haltung, namentlich was genügen so argumentirt man wenn dem nächsten | den von Kardinal Simeoni bezüglich der italienischen Kirche

Reichstage Gelegenheit gegeben würde, in dieser Sache eine und des italienischen Hospitals in Madrid angeregten Punkt Entscheidung zu treffen. Die Unterzeichner des Antrags ' '1 ~ ' ** -

LuciuS (Erfurt) (auf Zurückziehung der Vorlage aus der IX. Kommission) sind hierbei offenbar von sehr verschie-

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Do« 3m wider Willen.

Humoreske von W. v. Strachwitz.

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(Fortsetzung.)

Der andere Morgen findet unseren Treuherz einige Minuten nach acht Uhr in dem GerichtSgebäude. Er bc- stitt daö Wartezimmer, aber o Schrecken I da sitzt i» höchsteigener Person schon der gestrenge Herr Direktor, wS bartumrahmte, finstere Gesicht der Thür zugekehrt, mit drohendem Blick den Eintretmden musternd, der seine Uhr inwünscht, die den Schein der Nachlässigkeit auf ihn ge dvrfen.

Was wünschen Sie?" knurrt ihm die Stimme ent gegen, die schon gestern Ahnungen von drohendem Unheil » ihm wachgerufen.

»Der Herr Direktor wollen gütigst verzeihen, ich hatte Hon gestern die Ehre meine gehorsamste Aufwartung zu wichen, ich bin der Aktuar Treuherz."

Hätte des armen Gotthold Auge die normale Trag­weite beseffen, so würde er bemerkt haben, wie e» in dm Zügen des Bärtigen zuckte, so aber hörte er nur die kurz fnvorgeßoßenen Worte:Oben, zwei Treppen 1" und be- <ilte sich, dem Befehle nachzukommeu. AIS er die Thür »schloffen, meinte er zwar ein erschütterndes Lachen hinter ich losbrechen zu vernehmen, er ließ sich aber nicht beirren, Eomm die beidm Stiegen zum Direktorialzimmer, wo er «nger als eine Stunde auf den Gefürchteten warten mußte, dvrauf feine Verpflichtung unter dm üblichen Formalitäten folgte, wobei er wieder verschiedentlich angeknurrt wurde. Nachdem er mdlich auch dem Rendanten, zu deffen Assistenz »dem Gericht überwiesen wordm, vorgestellt und ihm ein Mt angewiesen war, lag er wieder, wie er im Stillen »einte, an der Kette.

In den übrigen Bureaus ctrkulftte während der Vor- «ttagöstuudeu diese- denkwürdigen Tage» da» Gerücht:

der neue Kaffendiätar habe den Aktuar Kahlow für dm Herrn Direktor und an denselben eine sehr devote Ansprache gehalten. Und wo Herr Kahlow in den Bureaus sich schm ließ, da hieß er von Stund an derHerr Direktor".

Unser Gotihold aber erschrak nicht wenig, als er Mit­tags in das Gastzimmer trat, wo, wie ihm der Rendant gesagt, seine jüngeren Collegen zu speisen pflegten, und auch hier wieder am Tische die Gestalt des Gefürchteten sitzen sah, der ihm mit seiner Allgegenwärtigkeit unheimlich zu werden begann.

Zu seiner Beruhigung löste sich daö Räthsel aber. Kahlow trat ihm entgegen, begrüßte ihn als den neuen AmlSgenoffen, ihn auch mit dm Uebrigen bekannt machend. Auch die Verwechselung am Mocgm wurde besprochen, be­lacht; Treuherz gewann sich rasch die Herzen seiner Col­legen, die ihn zwar häufig mit seiner Kurzsichtigkeit neckten, ohne daß diese kleinen Zwischenfälle vermocht hätten, daS gute Einvernehmen zu stören. Kahlow, der in Gestalt und mit seinem bärtigen Gesicht allerdings eine entfernte Sehn­lichkeit mit dem echten Direktor besaß, behielt seinen Spitz­namen, und da man nun auch die Entdeckung machte, dch ihn ein besonderes Geschick auszeichne, den Allen Verhaßten zu copiren, so wurde dieser Umstand von den jungen Leuten eifrig benutzt, sich ihre Zusammenkünfte durch so manchen Ulk" zu erheitern, wobei der Carrikatur ihres Peinigers die Hauptrolle zufiel.

Der Heio unserer wahrhastigen Geschichte, obgleich von Natur sehr solid veranlagt, hatte doch noch nie so häuslich gelebt, als jetzt. Fast alle feine freien Stunden verlebte er in seinem gemüthltchen Stübchen, aus dem keine Macht der Erde ihn zu vertreiben vermocht hätte. Dasschöne, neue Sopha" schonte er sehr sorgfältig, weniger aus Rück­sicht auf daö fe.net Frau Wirthin gegebene Versprechen, als weil eS ihn unwiderstehlich zu dem für ihn so verhäng uißvoll gewordenen Fenster zog. Dort saß er stundenlang,

anscheinend mit Lcctüre beschäftigt, während er doch fast keinen Blick von seinem Gegenüber verwandte und glücklich war, bann und wannihren" Anblick zu erhaschen.

Sehr häufig ereignete eS sich, daß am Nebenfenster der wunderliche Kopf erschien, der ihn damals so erschreckt und ihm zunickte. Von Frau Rumpel, die wie alle Ver- mietherinnen möblirter Zimmer sehr gern erzählte, erfuhr er, daß der alte Herr der Major a. D. von und zur Höllen sei, ein gutmütiger, aber etwas wunderlicher Herr.

Er habe schon da drüben gewohnt, als er noch bei dem in der Stadt garnisonirenden Husaren - Regiment ge- standm; er beziehe zwar einesehr schöne Pension," aber wie es bei solchen Herrschaften ist," sie brauchenzu schrecklich viel," und sonst habe er gar nichts, nicht mehr alswir zwei Beide". *

Von der ihn so sehr feffelndenEngels-Erscheinung" wagte Gotthold lange nicht zu sprechen, eine gewisse Scheu hielt ihn ab, sein Gcheimniß der alten Klatschschwester zu enthüllen. Endlich brachte er eine Frage heraus, ziemlich ungeschickt, und wenn die Zimmervermietherin eine bessere Menschenkennerin gewesen, so würde er sich gerade dadurch verrathen haben. Sie aber war viel zu mittheilungsbe- gierig, um seine Verlegenheit zu bemerken.

Ach so, Herr AktuarinS, die schöne junge Dame da drüben meinen Sie, hören Sie, so was Liebes ist noch nicht dagewesen; so gut wie sie ist und gar nicht stolz und vornehm; dafür heißen sie auch Alle in der ganzen Straße unser Gretchen". Ach, Sie sollten Sie bloß mal sehen, wenn was los ist, fo'n Ressourcenball oder so was. Die Riecke, die Köchin, erlaubt mit und meiner Freundin, der Wachteln, da immer, in die Küche hinüber zu kommen und da gucken wir manchmal ins Zimmer hinein. Ich sage Sie, Herr AkluariuS, so was haben Sie noch nicht gesehen, der reine Engel, sage ich Sie."

Also Gretchen hieß sie. Welch süßer Ramel Wie hübsch das klingen mußte: Margarethe von und zur Hölle«,