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Marburg, Mittwoch, 6. December 1876.
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Die Berlinerj„MontagS-Zeitung" berichtet: Die Nach- Echunterhaltung des Fürsten Bismarck mit dem Präsidium _ ftS Reichstages am letzten Freitag bildet den Angelpunkt, im welchen sich die parlamentarischen Gespräche seit den .... <1 letzten Tagen drehen. Offenbar hatte der Fürst seine be- k «erstehende Thetlnahme an den Debatten mit Nachdruck
Meilen wollen, und eS war sein« Absicht, seinen Aeuße- nmgen möglichst weite Verbreitung zu geben. Einer der Käste fragte, ob und wie weit der Fürst gestatten würde, seine Aeußerungen über die orientalische Frage veröffentlicht p sehen, und erhielt die Antwort, der Fürst könne Nie »anden verwehren, mitzutheilen, was er hier gehört habe. Man beabsichtigte daher anfänglich, um unnützen Gerüchten mb Redereien vorzubeugen, Seitens deS Vorstandes ein Refume der Aeußerungen des Reichskanzlers festzustellen mb zu veröffentlichen, doch kam man davon zurück und Mte Seitens der Vorstandsmitglieder den Weg münd Scher Mittheilung an befreundete Mitglieder der Preffe. Wohl noch im Laufe dieser Woche findet der Kanzler die Etlegenheit, im Reichstage sich officiel über seine Anschau
gen auszusprechen.
Urfier den Gesetzentwurf bett, die Erhebung von AuS- ichungsabgaben (Retorsionszöllen) bemerkt die „Times": ,n)a6 heißt die Politik ausführen, welche die Zntercffenten diS britischen Zuckerhandels diesem Lande in Bezug auf tat französischen rafftnirten Zucker so beständig bcsü>wertet laben. Der Zoll soll auf das Niveau der Prämie erhöht »»den, wo er niedriger ist, oder dem Betrage derselben flgeschlagen werden, da wo die Maaren gegenwärtig freien tzivgang haben. Diese Vorschrift dürfte nicht viele Artikel I «ßiziren, ja, sie ist augenscheinlich hauptsächlich gegen fron- Wchen und vielleicht österreichischen Zucker gerichtet, aber ' sie viele Artikel oder wenige affizirt, ihr Mangel an Mheit liegt auf der Hand. ES heißt, dem deutschen tolle eine neue Steuer auferlegen, ohne den entschädigen- ten Vortheil der Schaffung gesunder Industriezweige im Zrlande und in ihren indirekten Wirkungen muß sie dazu beitragen, dem ausländischen Handel deS Reiches mit solchen Ländern, deren Ausfuhr durch die neue Steuer ver- [ Steinert werden wird, zu schmälern . . . Wir werden | wahrscheinlich einen Markt für unsere Produkte finden, wo pese anderen Ländern auSgeschloffen find."
Dem Feldmarschall von Manteuffel wirb in gutuntcr- ichtelen Kreisen die Mission zugeschrieben, dem Kaiser ilexander von der Occupatio» Bulgariens abzurathen, ÄereiseitS jedoch behauptet, daß die Reise deS Feldmar- halls mit diplomatischen Aufträgen nichts zu thun hat.
eine authentische Mittheilung über diese Angelegenheit nicht vorliegt, muß es wohl unentschieden bleiben, welche Version die richtige ist..
Die auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung ge- setzte Interpellation des Abg. Richter (Hagen) hat folgenden Wortlaut: „Durch einen vor wenigen Tagen erlaßenen UkaS hat die russische Regierung angeordnet, daß von Neujahr ab die Eingangszölle in Goldmünze zu entrichten sind. Diese Maßregel, welche einer sehr beträchtlichen Erhöhung der Zölle gleichkommt, ist geeignet, den ohnehin durch die bisherige russische Zollpolitik überaus beschränkten Waaren- austausch mit Rußland noch mehr zu beeinträchtigen und dadurch die wirthschaftlichen Jntereffen auch des deutschen Reiches schwer zu schädigen. Ich richte daher an den Reichskanzler die Frage: Was gedenkt der Reichskanzler zum Schutze der deutschen Industrie in dieser Angelegenheit zu thun?
Das Pariser „Journal osficiel" meldet, daß die Minister ihr EntlaffungSgesuch überreicht hätten; der Präsident Mac Mahon habe sie gebeten, die Geschäfte weiterzuführen, bis er über das EntlaffungSgesuch Beschluß gefaßt hätte.
Die Angabe, daß der königlich portugiesische Gesandte Graf Rilvas in Berlin zum Nachfolger des Herzogs von Saldanha in London auSersehen sei, wird als unrichtig bezeichnet. Ter Londoner Gesandtenposten ist zuerst dem Gesandten in Paris Herrn Mendez Leal angeboten, von diesem aber mit dem Bemerken auSgeschlagen worden, daß er auf seinem Posten zu verharren wünsche, die Besetzung des Londoner Postens dürfte von einer umfaffenden Bewegung in diplomatischen Kreisen begleitet sein.
Durch die englische Seal Fishery (Greenland) Bill 1875 wurde die königl. großbritannische Regierung ermächtigt, die darin enthaltenen Vorschriften über den Betrieb des Robbenfanges innerhalb eines geographisch bestimmten Gebietes und über die Bestrafung von Zuwiderhandlungen alljährlich durch Order in Council für die Dauer einer von ihr sestzustellenden Zeit in Kraft treten zu lassen, jedoch nur unter ter Voraussetzung, daß diejenigen auswärtigen Staaten, deren Schiffe ober Unterthanen an bem Robbenfang in den grönländischen Gewäffern Theil nehmen, ebenfalls entsprechende Vorschrislen erlassen würden Nachdem der deutsche Reichstag das Gesetz bett, die Schonzeit für den Fang von Robben definitiv angenommen und die schwedisch-norwegische Regierung eine ähnliche Verordnung für norweglsche Schiffe erlafien hat, macht nunmehr die englische Regierung von der gedachten Ermächtigung Ge brauch. Ein Erlaß des geheimen RatheS setzt den 3. April
als den Termin fest, svor welchem eö für britische Schiffe gesetzwidrig ist, in dem Flächenraum zwischen dem 67. und 75. Grad nördlicher Breite und dem 7. und 17. Grad westlicher Länge dem Robbenfang nachzugehen.
Deutsche» Reich.
— Berlin, 4. Decbr. Durch ein freimütiges Gespräch,. besten Inhalt heute allerwärtS bekannt sein dürfte, hat Fürst BiSmarck die volle Aufmerksamkeit der politischen Welt auf die deutsche Politik gelenkt. Am Freitag war der Vorstand des Reichstages bei dem Reichskanzler zu Tisch gebeten; nach aufgehobener Tafel entwickelte sich eines jener interessanten Gespräche, die regelmäßig wie ein Lauffeuer durch das ganze Reich gehen. Man kann nicht sagen, daß der Reichskanzler etwas positiv Neues gesagt hätte, oder etwas, das nicht jeder deutsche Patriot von ihm erwartet hätte, wenn wir etwa die Aeußerung auSnehmen, daß mit der „historisch befreundeten Macht" in der letzten Thronrede England gemeint sei. Aber die Gloffen des Reichskanzlers über die augenblickliche diplomatische Lage sind deßwegen von hoher Bedeutung, weil sie ganz geeignet sind, alle natürlichen und künstlichen Nebel zu zerstreuen, welche die kommenden Dinge umschleiern. Der „meisterhafteste" Leitartikel kann die Lage nicht so prägnant zeichnen, die Aufgaben Deutschlands so scharf präcistren, wie es der Reichskanzler mit wenigen Worten gethan. Den Krieg zwischen Rußland und der Türkei scheint der Reichs kanzler für unvermeidlich zu halten, aber die beiden Gegner würden in nicht zu ferner Zeit deS Streites müde werden und dann ist für den Diplomaten der richtige Zeitpunkt zur Vermittelung gekommen. Aber jetzt einen Rath an Rußland zu erteilen, wäre mißlich. Die öffentliche Meinung in Rußland ist in einem Zustande, daß jeder Rath, der ihrer Strömung entgegen ist, nur reizen würde. Man würde in der besten Meinung den schlimmsten Dienst thun. Inzwischen ist es die Aufgabe der deutschen Politik, den bei weitem ruhigeren John Bull von dem Handel fern zu halten, — bann ist ein zufriedenstellendes Ende aller dieser Unruhen vorauszusehen. Auch Deutschland hat ein Interesse, den europäischen Besitz des mächtigen Russenreiches nicht vergrößert zu sehen, wen» es auch nicht — wie England — in positiver Weise bei dem orientalischen Handel beteiligt, ist.
München, 4. Dec. Die von einer Anzahl Blätter gebrachte Nachricht über eine Berathung im Kriegsministerium wegen Mobilisirnng der Armee ist vollständig unwahr.
AuslMd.
Wie», 3, Dec. Die telegraphisch milgeteilten Am- gerungen des Fürsten Bismarck über die orientalische Krise
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Die türkische grnuj im Kriege.
Bon dem Manne mit dem zerschossenen Beine, mit der ergriffenen Hand, der Wochen und Wochen auf hartem ^er hinsiecht, Fieber in den Augen, den Tod in der Brust •öfet Ihr Euch sagen laffen, was eS heißt, in den lichten «hevollen Augenblicken der pflegenden Hand deS Weibes 1 begegnen, dem treuen Ausschlag ihres Auges, dem trösten- t” Lächeln ihrer Lippen.
Der Arzt ist eine Feder, eine Maschine, ewig ruhelos, Hg geschnellt. Er kennt kein Weilen und kein Trösten, tin Täuschen und kein frommes Hinüberlügen in den be ••menben ewigen Schlaf. Das rft die Sache der Frau. b»tt, wo die Wissenschaft erlahmt, beginnt ihr Reich, ihre vrrschaft der Liebe, der Ergebung, der unendlichen Opfe- *8-
. Wir haben im letzten deutschen Kriege gesehen, was *•* Weib im Felde vermag. Ihre treue pflegende Hand « mehr Wunder gewirkt, als die Weisen einer ganzen Mdopotheke, ihr Wort hat dem Vaterlande mehr Söhne Arttet, als spaltenlange Recepte der sämmtlichen vrdini- $&n Aerzte. Ihr Einfluß auf das Gernülh des Sei» ist groß, unvergeßlich — und gerate dieses krankt der schlimmsten Wunde mit dem brennendsten Schmerze, A Jeden überfällt, die Keinem erspart bleibt, der hilflos «ein geworfen wird zwischen zerschossene und zerstötte ^vischenleiber.
Die Serben haben wenigstens die Form für die Sache Romen.
tzSie haben Comils; errichtet und Frauen an ihre gestellt. Sie haben Ambulanzen geschaffen und Frauen sichrer Leitung berufen. Freilich glaubten sie in diesem [Wen Widerspiele auch Alles gethan, was ihnen von M»vhlthuenden Wirken der deutschen Frauen und Mäd
chen aus dem deutsch - französischen Kriege in Erinnerung geblieben war. Doch wer hätte an dem vorhandenen guten Willen gezweifelt? Wer hätte die serbischen Frauen verantwortlich machen mögen, daß ihnen nicht jereS Maß des Empfindens eigen ist, wie ihren deutschen Schwestern?
Die armen deutschen Abenteurer, die einem unglückseligen Drange folgend, eingetreten waren in die Reihen der serbischen Kämpfer und später verwundet zurückgeschleppt wurden in irgend ein Lazareth, hatte,! sicher kein Recht, einen solchen Vorwurf zu erheben. Sie waten Fremde, die selbst das Uebermaß des gemeinsamen Elends der fremdsprachigen und fremdsühlenden Pflegerin um Nichts näher bringen konnte. Ter große, opferfähige Geist, der sich zuweilen auch unter den serbischen Frauen regte und im Besonderen in den niederen, bäuerlichen Kreifen anzutreffen war, erhob sich nie über die bescheidenen Grenzen der eigenen Familie. DaS Weib deS serbischen Miüzsoldaten konnte, dem Kugel regen trotzend, ausziehen, ihren schwer getroffenen Mann zu suchen und aus der bedrohlichen Feuerlinie mit starkem Arm zu tragen. Aber sie konnte achtlos über den Freund hinüberschreiten, der dicht daneben in seinem Blute lag. Und ebenso konnte auch die vornehme grau aus der Stadt, von Schmerz überwältigt, am Lette ihres leidenden Bruders zusammenbrechen, ohne einen Blick der Theilnahme, ein Wort des Beileids für den verlassenen Fremden zu haben, der sich daneben in Schmerzen wand.
Auch die serbischen Frauen haben den starken Geist und bie große Seele ihrer deutschen Schwestern, und dennoch besteht zwischen den beiden eine große und unauSfüllbare Unterscheidung, dennoch fehlt jenen eines, waS unersetzlich bleibt: baS Gemüth bie Quelle aller W-iblichkeit. Den Kämpfern am Balkan allein, die unter den feindlichen Streichen fallen und bluten, ist jeder Segen einer weiblichen Fürsorge verjagt. Sie haben Niemand der das Werk des
Arztes ergänzt, Niemand, der den tödtlichen Ernst für Augenblicke von der Stirn des Trostlosen scheucht. Die Unglücklichen! Sie sterben einen langsamen, doppelten Tod ober sie werden dem Leben mit umdüsterten Gernüthe wiedergegeben. Sie kranken noch lange fort im Geiste.
Es ist die Sühne für die Jahrhunderte lange Knechtschaft, in der das türkische Weib gefangen gelegen. ES ift dadurch ein Fremdes geschaffen zwischen Mann und Weib, daS in den Tagen des Unglücks am ersichtlichsten hecvortritt. Der Mann zieht in den Krieg, er versammelt alle Freunde um sich, um von ihnen Abschied zu nehmen. Zum Schluffe kommt daS Weib. Was haben sich die beiden zu sagen, waS kann sie, das Spielzeug, daS stets - gering geachtete Geschöpf, für ihn in solch ernstem Augenblicke für Bedeutung haben? Er läßt schweren Herzens Haus und Hof zurück; kaum ein Theilchen feines Denkens gehört seinem Weibe. Und hat ihn die Kugel ereilt, liegt er reglos auf dem Bette, von jeder Stunde Erlösung von seinen Leiden hoffend, so gilt fein letzter Gedanke, fein letztes Sehnen vielleicht einem lieben Freunde, einem vertrauten Sclaven. Nach seinem Weibe jedoch wird er nicht verlangen.
Die Gefahr, die Stunde der Bedrängniß, sonst der wirksamste Kitt des ehelichen Lebens, wirkt hier im entgegengesetzten Sinne. Der Mann erhebt keinen Anspruch auf die Theilnahme seiner Frau und diese findet eS natürlich daß bem so ist. Sie läßt ihren Mann ruhig, ohne innere Regung, zu den Waffen greifen und in das Feld ziehen und packt guten MutheS ihre Siebensachen, um sich in Sicherheit zu bringen. Je weiter vom Schuß, desto bester für sie. Der zu Tode getroffene weiß, daß feine pflechtge- treue Gattin mit Thränen nicht sparen wirb, um fein Sterbelager zu überschwemmen. Aber er fühlt auch, baß biefe Thränen nur aus den Augen kommen würben, und im