XI Jahrgang.
JUatÖurg, Donnerstag, 23. November 1876.
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Dieser erzählte nun umständlich, was die Leser bereits wissen, auch daS Zerwürfniß mit seiner Tante verschwieg tt nicht.
Peter Harpe strich stch sehr nachdenklich mit der Hand
Ueber die orientalische Frage flnd wir augenblicklich wenigsten« insofern in etwas ruhigere Zeiten eingetreten, als die Bilder nicht jeden Tag wechseln: seit wenigen Tagen haben ste dieselbe Physiognomie beibehalten,.idie Rüstungen der betheiligten Länder schreiten fort und über den Erfolg oder die Erfolglosigkeit der Konferenz wird noch immer fort diskutirt. Der Marquis von Salisbuiy, der Spezial» Gesandte Englands, hat London verlasien und soll nach einem Telegramm über Paris, heute (Mittwoch) in Berlin, am Donnerstag in Wien eintreffen und bis zum Sonnabend oder Sonntag in Wien verweilen. Die Ankunft in Triest ist auf nächsten Montag, diejenige in Konstantinopel auf den ersten Dezember festgesetzt. Jedenfalls wird sich der englische Bevollmächtigte über die schwebende Frage erst zu orientiren suchen.
Das „N. W. Tageblatt" meldet: England hat mit der Türkei eine förmliche Allianz geschlossen, sich zur Stellung von 100,000 Mann verpflichtet und Geldhilse versprochen.
Fräulein Gotter stieß einen leifen Schrei au« ihr Pflege- Mer machte ein sehr ernstes Gesicht.
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte» sowie die Aunoncen-Bureaux von @ L. Daube & To. in Frankfurt a. M.; Jägerische Buchhandlung in Framfutt a. M.; Jnvalidendant, A. Rete- A meyer in Berlin; Earl Schütz- ▼ Jet in Hannover; E. Schlotte in Bremen.
Unser alter Freund.
Erzählung von Carl von Kessel.
(Fortsetzung.)
Der junge Mann reichte Emilie die Hand, ein freund
bar" überhaupt nicht in den Mund nehmen zu wollen. Wenn auch von dem entgegesetzten Gesichtspunkte ausgehend, von der Annahme nämlich, daß eine Wandlung der Anschaungen bei einem Theile der bisherigen Gegner des Standpunktes der verbündeten Regierungen sich vollziehen werde, glauben doch auch wir die gestrige Abstimmung noch nicht als eine ernste Gefährdung der Justizresorm überhaupt betrachten zu müssen. Auch die nunmehr in unmittelbare Sicht tretende weitere Klippe der Rechtspflege für die Presse dürfte bei näherer Betrachtung viel an ihrer Gefährlichkeit verlieren. Die liberale Partei hat auch diesmal in rührender Einmüthigkeit der Fortschrittler und der Ratiooalliberalen und in bezeichnender Harmonie mit Ultra- montanen , Polen u. s. w. viele große Worte an diese Frage verschwendet, aber eben weil die Presse in diesem Falle selbst Partei ist, wird man wohlthuu, die Ankündigungen derselben über das, was in dieser Frage geschehen müsse, und werde, nicht unbedingt als maßgebend anzuiehen. Bei der Mehrheit des Reichtages, so darf man hoffen, wird gewiß im Momente der Entscheidung auch die Rücksicht auf die maßgebenden Stimmen innerhalb de« Regie- rungöbereicheö ins Gewicht fallen. Man wird ohne Zweifel von vornherein mit der Thatsache rechnen, daß die Verweisung der Preßvergehen vor die Schwurgerichte Seitens der Regierung als durchaus unannehmbar, schon bezeichnet worden ist, und daß bisher nicht das geringste Anzeichen für eine Aenderung dieses Standpunktes vorliegt, und sicherlich wird auch diesmal die vielfach bestätigte Erfahrung nicht trügen, daß der Reichstag mit solchen Thaifachen vorsichtiger zu rechnen pflegt, als es die Tamtamschläger in der Parteipresse für angemessen erachten.
Darmstadt, 20. Rov. Die Regierung hat In einer neuerdmg« an die Släde gelangten Vorlage das Ansinnen gestellt, zur Erhöhung der Dotation de« landwirthschaft- lichen Provinzial-VereinS für Oberhessen, für die Jahre 1877 und 1878 den Betrag von jährlich 1600 Mk. unter der Bedingung zu bewilligen, daß der gedachte Verein die Mittel zur Erhaltung der beiden in Oberhessen bestehenden Ackerbau Schulen in mindestens demselben Umfang wie seither gewähre. — Seit vorgestern ist der Gesetzgebung«- Ausschuß der zweiten Kammer dahier versammelt, um eine Reihe svon Angelegenheiten ihrem endlichen Abschluß entgegenzuführen. Zu diesem gehört in erster Linie daS vom Plenum an den Ausschuß zurückverwiesene Gesetz über die Lehrer Gehalte. Hoffentlich gelingt es, den namentlich auch in der Presse vielbesprochenen Entwurf in einer beider» feit« befriedigenden Weise zu gestalten. Der Berathung diese« Gegenstandes wird diejenige über den Antrag Möi-
Dnttschcß Reich.
Berlin, 21. November. In der gestrigen Sitzung des Reichstages sind zum erstenmale die prinzipiellen Gegen sätze in der Auffassung der Justizreform in aller Schärfe hervorgetreten. Dem Bundesbevollmächtigten, Justizminifter Dr. Leonhardt, ist es trotz feiner dringlichen Vorstellungen nicht gelungen, die Mehrheit davon zu überzeugen', daß mit der Annahme bfO von der Justizkommifston vorgeschlagenen neuen § 5a, welcher die Regelung der Kompetenz zwischen Justiz und Verwaltung versucht, ein Eingriff in daS innere StaatSrecht der Einzelstaaten geschehe und derselbe deshalb die Zustimmung der Bundesregierungen ausschließe. Die Redner der Majorilütäl mußten zwar selbst anerkennen, daß die allgemeine Regelung dieser wichtigen Frage zur Zeit wegen mannigfacher materieller Schwierigkeiten nicht thunlich sei. Trotzdem wurde der KommisstonSvorschlag mit der großen Majorität von 253 gegen 39 Stimmen angenommen. Sozialdemokraten, Polen, Elsässer, Fortschrittspartei, Ultramontane und National- liberale stimmten einträchtig gegen die Regierung, für welche nur die Konservativen und die Reichspartei eintraten. Die „Nationalzeitung" meint nun in der Besprechung dieses Ergebnisses Der gestrigen Sitzung, daß dasselbe hoffentlich eine Ueberbrückung der Meinungsverschiedenheiten in der dritten L sung noch nicht auSjchließe, und sie findet eine Unterstützung dieser Ansicht in der Erklärung des Justiz- ministerS Dr. Leonhardt, in den Erörterungen der zweiten Lesung die bindende uns entscheidende Devise „unannehm
Lasesdertcht.
Fürst BiSmarck soll gestern (Dienstag) Abend mit seiner Familie auö Varzin in Berlin wieder etntreffeu.
Wie die „Vossische Zeitung" hött, soll in naher Zeit giit Ausprägung von Fünfmarkstücken in Gold vorgegangen gerben, die nach der jetzt etngesührten Terminologie halbe Kronen heißen würden. Zunächst wird beabsichtigt, hier hj« auf Höhe von 80 Mill. Mark prägen zu lassen.
Im Anschlüsse an die Erörterungen über die bevor stehende Aushebung der Eisenzölle flnd in den letzten Tagen Nachrichten in den Vordergrund getreten, welche an Stelle der seitherigen Eisenzölle anderweite handelspolitische Begünstigungen der deutschen Eisenindustrielleu in Aussicht stellen. Nach uns, schreibt die „Post", zu Theil gewordenen Informationen entbehren diese Nachrichten nicht der Segründung. Die besondere Inschutznahme der deutschen Industrie in handelspolitischer Beziehung ist bekanntlich schon in der Thronrede als Zielpunkt der RetchSregierung hingest-llt worden und ebenso ist eS ausgesprochen, daß diese Inschutznahme nunmehr durch Erwirkung günstigerer AuSsuhrbedingungen für Deutschland in'S Werk gesetzt werden soll. Man darf, wie unS von gut unterrichteter Seite angedeutet wird, insbesondere daraus rechnen, daß der den deutschen Eisenindustriellen hochwichtigen Ausfuhr nach Rußland bei der ersten steh bietenden Gelegenheit die Wege geebnet werden.
liebet ein neues russisches Ultimatum schreibt man der osfiziösen Polit. Corresp. auS Petersburg: „In noch- wendiger Rücksichtnahme auf die in Rußland zu Tage getretene BolkSströmung, welche in der strikten Befolgung de« auf Verlangen des russischen EabinetS abgeschlossenen Waffenstillstandes so zu sagen die Ehre Rußlands ver- pfändet fleht, sah man sich hier veranlaßt, Jgnatieff zu der Erklärung zu ermächtigen, daß eine fortgesetzte Verätzung des für beide kriegsührenden Parteien in Kraft be stehenden Waffenstillstandes fernere diplomatische Verhandlungen Rußland« nnnöthig machen, und er diesfalls gezwungen fein würde, dieselben abzubrechen und Konstantinopel mit dem gesammten Personal zu verlassen. Auch sei der russische Konsul in Serajewo angewiesen, nach Belgrad überzustedeln, wenn den betreffenden Punktationen entgegen der Waffenstillstand zwischen den bosnischen Frei- scharen und den türkischen Truppen daselbst nicht eingehalten werde."
Erde Uhr).
über'S Rinn. „Hm, hm," meinte er, „sechstausend Thaler, die sind schwer wieder zu ersetzen."
„Mein ganzes Vermögen besteht nun nur noch aus achttausend Thalern", fuhr Viktor fort, „und das reicht nicht aus, um mich einigermaßen vor Sorgen zu schützen."
„Allerdings bei den theuren Zeiten ist schwer damit durchzukommen," meinte der Pächter, „was wollen Sie denn aber nun anfangen?"
„Arbeiten", erwiderte der junge Mann, „ernstlich arbeiten. Ich werde mir bei irgend einer Leben«- ober Feuer- Versicherung« Gesellschaft eine Stelle suchen."
DaS Gesicht von Peter Karpe erhellte sich plötzlich und er wechselte mit seiner Pflegetochter einen Blick als wolle er sagen: „Siehst Du, wir haben un« doch nicht in ihm geirrt!"
«Wie soll ich Sie aber vergessen," fuhr ber junge Mann mit weicher Stimme fort, „Sie Beibe, die mir so lieb und werth geworden sind."
Emilie wurden die Augen feucht; sie warf einen bittenden Blick auf den alten Mann.
Dieser nickte blvS mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß er diesen Blick verstanden habe und wendete sich dann an Bodungen.
„Müssen Sie denn durchaus fort?" fragte er.
„Was soll ich noch hier, ich habe lange genug ein müßiges Leben geführt, jetzt muß ich mir Arbeit suchen."
„aber bei un« gibt es auch zu arbeiten."
Viktor blickte den Sprecher überrascht an, eine neue Hoffnung tauchte in ihm auf.
„Hätten Sie nickt Lust, die Landwirthschast zu lernen ?" fuhr der Alte weiter fort.
„Oh gewiß, ich habe ja das Landleben von der schön ften Seite kennen gelernt."
„Aber noch nicht von der schwersten," fiel Karpe ein. „Doch ich hege Vertrauen zu Ihrem ernsten Willen und so will ich Ihnen einen Vorschlag machen. Achttausend
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«ruetgen nimmt entgegen: »ie Expedition d. Blatte«, i,„ie die Annoncen-Bureaux ggn Th. Dietrich & Eo. in e«ffd und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; S' teil» & Bögler in rt a. M, Berlin, Seift« In k; Rudolf Moste
’jjberlin, Frankfurt a. M. ic.
licheS Lächeln, ein seelenvoller Blick wurden ihm zu Theil. „Zwei ganze Tage haben Sie stch nicht sehen lassen," iemertte die junge Dame fast vora>ursSvoll.
„Ja, ja, wir haben recht nach Ihnen verlangt," fügte der alle Herr hinzu.
Viktor schlug die Augen nieder, ein tiefer Seufzer entschlüpfte ihm unwillkürlich, aber vergebens rang er noch immer nach Worten.
Mein Gott, wa« ist Ihnen denn? rief bestürzt Emil e. „Oh," kam es jetzt über die Lippen nuferes Bekannten, ,oh, wenn ich doch diese Stunde erst hinter mir hätte!"
„Aber Herr von Bodungen, nun erschrecken Sie mich »irklich," rief das junge Mädchen.
Auch Karpe sah Viktor jetzt forschend an. „Ist denn Etwas passtet?" fragte er theilnehmend.
„Nun, Sie werden wohl schon gehört haben, daß Sangen Nchtig geworden?"
„Allerdings," meinte der Pächter. „Die Gegend kann floh sein, daß ste ein solches Subjekt losgeworden —" t „Auch mich hat er um sechstausend Thaler betrogen,"
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Thaler werfen noch immer vierhundert Thaler Zinsen ab, damit können Sie unabhängig leben, treten Sie bei mit als Volontair ein."
Der junge Mann jauchzte {laut auf. „Sie wollen mich also in Ihre Familie aufnehmen?"
„Gern, Herr von Bodungen, denn ich habe sie schätzen gelernt."
„Und Fräulein Emilie, was sagen Sie dazu?"
„Daß Sie mir ebenfalls von Herzen willkommen sind." „Nun, so mögen die sechstausend Thaler vergessen sein," rief unser Bekannter mit strahlenden Blicken, „nun beginnt ein neues Leben, ein Leben voll Glück und Wonne für mich."
„Und mit achttausend Thalern können Sie später schon eine kleine Pachtung antreten," fügte Karpe pfiffig lächelnd hinzu.
Wir brauchen dem Leser wohl kaum zu versichern, daß dem Helden unserer Geschichte die Stunden bis zum Abend im Fluge vergingen. Er war Emilie heute um ein bedeutende« näher gerückt, ihre freundlichen Blicke, ihr offenes vertrauliches Wesen verriethen dies, aber auch Papa Karpe befand sich in der besten Laune und al« Victor sich empfahl, war bereit« die zweite Flasche Rüdesheimer geleert worden. Nur acht Tage bedurfte er, um in Berlin seine Angelegenheit zu ordnen, am neunten Tage trat et vor den Pächter und sagte:
„Hier bin ich, nun sehen Sie, ob Sie etwas Tüchtige« au« mir machen können!"
Em neue« rege« Leben begann nun für Henn von Bodungen. Der alte Karpe war ein strenger Lehrherr und sah Nichts durch die Finger. So wie die ersten Strahlen der Sonne sich zeigten, klopfte unser alter Freund an'« Fenster und trommelte so lange hartnäckig auf die Scheiden, bi« der junge Mann völlig angekleidet vor ihm stand. „Morgenstunde hat Gold im Munde," meinte er trocken, „und bei bet Arbeit ।vergeht der Schlaf."
„Wie ist denn ba« gekommen?" fragte er unb blickte . 5* 6. j dem jungen Mann besorgt in« Antlitz. —
Erscheint täglich außer den Werttagen nach Sonn- unb Feiertagen. Preis für da« Quartal mit ber wöchentlichen Beilage „Mtttrtrtei konntag.blatt" durch bie Expedition (Koch'sche Buchbrnckerei) bezogen 34 Wart, durch die Postämter deS Deutschen Reiche« 3 Wart 50 Psg. kexl. Bestellgebühr). — Jnsettionsaebühr für bie gespaltene Zelle 10 Pfg. Für in der Expedition zu erthellende Auskunft unb Annahme von Adressen werben 35 Pfg berechnet.
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