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Marburg, Dienstag, 14. November 1876.
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„Unb Sie wohnen sonst in Berlin? —• „Schon seit mehreren Jahren. —*
»Ich kenne Berlin auch. Ich bin dort erzogen worden und habe die letzten zwei Jahre zu meiner weiteren Ausbildung in der Familie der verwittwcten Geheimräthin Helden zugebracht. Jetzt bin ich seit Kurzem hierher über- gesiedelt, um meinem lieben guten Vormund Gesellschaft zu leisten. -* 1 1 -
»Der Herr scheint eö sehr dringend zu haben, meine Bekanntschaft zu machen. Obgleich ich zwar nun sonst nicht gewohnt bin, mich wie eine Statue betrachten zu lasien, so will ich doch diesmal eine Ausnahme machen und die kundgegebene Neugier befriedigen, um so meinem lieben Vormunde über eine Verlegenheit hinwegzuhelfen. — "
Viktor war schon beim Eintritt des jungen Mädchens aufgesprungen und verbeugte sich jetzt sehr respektvoll. Verwirrt schlug er die Blicke nieder und das Blut schoß ihm inS Gesicht. Er hatte sich eine kleine Bäuerin gedacht, die es sich zur besonderen Ehre schätzen würde, von ihm einiger Aufmerksamkeiten gewürdigt zu werden und jetzt befand er sich einet Erscheinung gegenüber, welche ihm durch ihre weibliche Würde imponirte und durch ihre vornehme Hal- tung zwang, unwillkürlich fein Haupt vor ihr zu senken.
„Vergebung, mein gnädiges Fräulein," stotterte er, „ich bekenne, daß ich mich in einem Jrrthum befand» aber ich halte mich für nicht minder glücklich, daß sich das Räihfel,
rS bekanntlich Rußland, welches sich weigerte, darauf einzugehen. Nunmehr suchte Lord Derby durch den deutschen Botschafter Grafen Münster die Intervention Deutschlands nach. (Wie man sich erinnert, erschien gleichzeitig in der „TimeS" ein Appell an den Fürst Bismarck.) Bismarck erwiderte jedoch, daß die deutsche Regierung zwar einen langen Waffenstilland für acceptabel erachte, sich aber nicht berechtigt fühle, einen Druck auf die Entschlüsse einer anderen Macht auSzuüben.
„Meine Tante? - Wie so denn? —"
»Nun, sie ist in anderen Ansichten auferzogen und hält das bürgerliche Element nicht für ebenbürtig. Aber wir
b* MlS- haben in Italien die allgemeinen politischen Wahlen startgefunden, die endgültigen Berichte stehen noch auS, aber soviel man übersehen tonn, hat die Fort schrttispartei einen bedeutenden Sieg über die Gemäßigten davongetragen. Bis zu diesem Augenblick knnt man die
ihren Abgeordneten gewählt haben, während in 149 Ballo- tage sein wird. Bon den Erwählten gehören 224 der Fortschrittspartei an und 44 der gemäßigten Partei.
Der Waffenstillstand ist von der Türkei gerade im richtigen Momente abgeschloffen worden. Der Kriegsschauplatz besiadet sich nämlich in den höher gelegenen bergigen Theileu Serbiens. Jene Gegenden leiden aber unter demselben strengen Winter, von dem der südliche Theil Siebenbürgens fast regelmäßig heimgesucht wird. Eine Kälte von 24 bis 28 Grad Rsiumur, die Monate lang anhält, ist eine ganz gewöhnliche Erscheinung. Dazu weht in den GebicgSpäffen der fürchterliche Nordostwind „Nemerer" genannt, welcher das Blut in den Adern zum Gefrieren bringend, alljährlich zahllose Opfer fordert. Diesen Witte- rungSunbilden gegenüber ist die türkische Armee absolut wehrlos und daS ganze Kontingent seiner asiatischen oder afrikanischen Truppen geradezu kampfunfähig.
meyer in Berlin; Earl Schütz» ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
»Was die jungen Herren doch heutzutage ungestüm I — Kann ich mit einer Cigarre aufwarten? __"
Zur Eisenzollfrage wird der „Schief. Ztg." geschrieben: „In einflußreichen Kreisen ist neuerdings die Frage een- tiltrt worden, ob es nicht thunlich fei, der Reichsregierung auch bei Festhaltung der in Sachen des Eisenzolles einmal gefaßten Beschlüsse die Möglichkeit zu geben, beim Abschluß der Handelsverträge auf die kontrahirenbea Staaten einen Druck auszuüben. Je mehr man sich überzeugt, daß Retorsionszölle auf andere Produkte und Fabrikate (z. B. Oesterreich gegenüber auf Wein) schwerlich dazu führen würden, diese Länder bezüglich des zollfreien Eisens zur Reziprozität zu nöthigen und auf je größere Bedenken die Idee der Retorsionszölle überhaupt hinsichtlich ihrer prak» tischen Durchführbarkeit stößt, um so dringender erscheint es geboten, die Reichsregierung in die Lage zu versetzen, den Freihandel nicht nur passiv zu acceptiren, sondern ihn auch aktiv unser» Nachbarländern gegenüber durchzusetzen. Es handelt sich, wie wir hören, um einen Vorschlag, nach welchem die Reichsregierung ermächtigt werden soll, bis zum 1. Januar 1878 denjenigen Staaten gegenüber, welche uns bezüglich der Eiseneinfuhr nicht die gleiche Verkehrs- Erleichterung gewähren, entweder an den bisherigen Etsen- zöllen sestzuhalten, ober aber dieselben Zölle wie jene Staaten zu erheben. Nach diesem Termin würde zu der- artigen AuSnahme-Maßregeln selbstverständlich die Zustimmung deS Reichstages erforderlich sein. Die Eisenindu- itriellen betonen, daß durch diesen Vorschlag der^einzige übermächtige Gegner der deutschen Eisenindustrie', also England, daS sich den deutschen Handels- und Exportin- tereffen, z. B. auch in der Spirituosenfrage sehr wenig will>ährig zeigt, nicht getroffen werden würde; immerhin aber würden Oesterreich, Belgien, Frankreich und Schweden durch denselben beim Abschluß neuer Handelsverträge in einige Zwangslage versetzt, die für uns nur nützlich mitten tonnte."
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blattes sowie dre Annoncen-Bureaux von ® L. Daube & 6o. in
Emilie Gotter verbeugte sich und ließ sich neben ihrem Vormund nieder. „Sie sind bei Ihrer Frau Tante zum Besuch?" fragte sie jetzt unbefangen.
„Ja, mein gnädiges Fräulein."
leisrS, halb in Spott gehülltes Lächeln über ihre Lippen glitt, sagte sie:
{oste die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in jtaffd und Hannover; Th. Dietrich in Frankfutt a. M.; Haasenstein & Vogler in Franffutt a. M, Berlin, Leip» zig, Cöln k; Rudolf Moste i, Berlin, Frankfutt a. 1DL rc.
— Berlin, 11.Nov. Das Bedürfniß einer Gefäng- nißreform ist bereits se t vielen Jahren onettannt, aber nicht zur Erledigung gelangt, weil dringendere Fragen in den Vordergrund traten. Schon im Februar 1843 hat in Berlin in einer Abtheilung deS StaaiSrathS unter dem Vorsitze deS damaligen KabinetSministerS von Thiele, und unter Theilnahme des Geh. RtthS Jacoby aus dem Ministerium des Innern, sowie des Dr. Trlltampf, Dr. Julius u. A. eine Berachung über die Gelängnißreform und die Herstellung von BefferungSgefängniffen stattgejunben. Dr. Telltampf legte damals einen Plan bei Strafvollstreckung unb Gefängnißrefotm vor, welcher von ber Versammlung nach längerer Debatte angenommen wurde. Dieser Plan, welcher jedoch nicht zur Ausführung gelangt ist, und nun- mehr der Reichsregiernng als Material für den Gesetzentwurf bett, den Vollzug ber Freiheitsstrafen vorliegt, ist in Kürze folgender: Die Gefängnißstrafe besteht in einem System von Anfangs und später vereinter Gefangenschaft. Aus Rücksicht auf die geistige Gesundheit der Sträflinge darf die getrennte Gefangenschaft ober Einzelhaft, die Dauer von 18 Monaten nicht überschreiten, soll aber mindestens drei bis 6 Monate betragen, um abschreckend unb bessernd zu wirken. Da der Einfluß der Trennung und der Belehrung erfahtungsmäßig nur günstig wirkt, wenn die Sträflinge nicht durch eine zu lange Dauer ber Einzelhaft erschlaffen, jo ist auch aus biesem Grunbe nur bie oben angedeutete begrenzte Dauer der Einzelhaft rathsam, wenn Befferung erßiebt wird. Nach Ablauf ber Einzelhaft soll im Fall längerer Straf-
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„Welches Glück,^ein solcher Vormunb zu seins" lachte Viktor.
„Unb welches Glück, einen solchen Vormund zu haben, ber alle meine Launen so gebulbig erträgt unb alle meine Wünsche so bereitwillig erfüllt," meinte Fräulein Gotter wobei sie Peter Karpe dankerfüllt anblickte.
„Ja, ja, es kostet viel Geld, aber Gott wird helfen " erwiderte unser alter Freund, und verdrehte dabei in einer Weise die Augen, als zweifle er, ob er den nächsten Pachtens werde richtig abtragen tonnen.
„Unb werden Sie mir gestatten, meinen Besuch wieber- ’cI™ äu dürfen?" fragte jetzt Herr von Bobungen zu Fräulein Gotter gewendet.
„Wenn es Ihnen Vergnügen macht, weßhalb benn nttyt, antwortete biefe, „vorausgesetzt nämlich, fügte sie hinzu, „baß bie Frau Gräfin nichts bogegen einzuwen- ben hat."
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Tagesbericht.
Der Herr Abg. Jörg hat bei seinen Operationen ent« schieben Unglück unb es bewährt sich hi« bas Sprichwort: Untreue schlägt feinen eigenen Herrn. Wie ihm f. Z. ber Angriff auf bie „thurmhohe" Freunbschast Rußlands miß. hingen ist, so ergeht es ihm in Betracht seiner jüngsten politischen ReichstagSrede. Jörg hat bekanntlich sich ge rühmt, von dem früheren bayerischen MinisterprSstdenten Trafen Bray vertraulich die Mitiheilung empfangen zu haben, Fürst Bismarck hätte sich in Versailles geäußert, ber nächste Krieg würde gegen Rußland gerichtet fein. Herr Zörg wollte vielleicht die Freundschaft Rußlands auf die Probe stellen unb hielt beßhalb selbst einen Vertrauensbruch für nicht unter ihm stehenb. Nun erklärt aber Graf Bray in ber „AugSb. 80g. Ztg.", er habe webet gegen Herrn Zörg noch gegen irgend Jemand Anderen die ihm in den Mund gelegte Aeußerung gemacht. Herr Jörg hat also bie Wahl zwischen „Vertrauensbruch" over „Lüge."
Unser alter Freund.
Erzählung von Carl von Kessel.
(Fortsetzung.)
5. el V- !tl ne et it-
Der deutsche Reichstag hat, um bie Arbeiten bet Justiz- kvmmisfion in keiner Weise zu stören, für eine Woche seine eignen Sitzungen suspendirt. Die Frist ist sehr knapp bemeflen; bennoch ist bie Hoffnung nicht ausgeschlossen, baß bie Kommission bis bahin bie Gesammthett ihrer Bc- Wüste bem Reichstag wird unterbreiten können. In ihrer erften zweistündigen Sitzung hat die Kommission alle Diffe tmzpunkte bei der Civilprozeßorbnung bis auf den Streit um vie Handelsgerichte erledigt. Die Beschlüsse dcs Bundes rathS sind nicht überall angenommen, sondern einige ganz abgelebt, Hoch andere in vermittelter Form geregelt werden. As Resultat darf jedoch betrachtet werden, daß die Ver- ständigung über dieses Gesetz vollständig erzielt ist. Allein wer die Handelsgerichte schweben noch Differenzen. Die bisherigen Sitzungen de» Reichstages waten zwar nicht ohne intereflante Episoden; indeß haben sie noch keine De- batte erlebt, die man eine historische nennen könnte. Na mntlich ber Versuch beS CenttumS, eine „Oiientcebatte" dnjuleiten unb dabei dem Reichskanzler muzuspielen, ist total mißglückt, selbst nachdem dieser Versuch durch die Abwesenheit des gehaßten Namens begünstigt war.
Bezüglich ber bevorstehenden europäischen Confetenz steht heute fest, daß alle Mächte an derselben theilnchmen werden Jnbeffen wirb eS immer einige Wochen dauern, bis die hohe Versammlung zusammen tritt. Die Erfolge lassen stch selbstverständlich erst recht nicht vorauSberechnen. AuS England kommen jetzt einige Depeschen, welche über die Geschichte der letzten Wochen einige- Licht verbreiten. AIS die Pforte anfangs Oktober den von England vorgeschla- zenen Waffenstillstand im Princip angenommen halte, war
OberlMche Jalung -
1 Die Augen Emiliens blitzten bei diesen Worten auf । und sie blickte Viktor dabei stolz an.
»Na," antwortete dieser lachend, „nun geben Sie mir am Ende noch eine Herausforderung mit aus den Weg. Ab« ich nehme dieselbe nicht an. —"
„Unb weßhalb benn nicht? —"
»Weil ich mich nicht zum Don Quixoite machen will."
»Ei, ei," rief Peter Karpe mit dem Finger drohend „Sie fangen ja an, ordentlich gefährlich zu werden. __"
„Das wäre wohl noch etwas zu früh," meinte lachend ! unser Bekannter unb richtete babei wie fragend seine Blicke aus Fräulein Gotter. (Fortsetzung folgt.)
Frankfutt <u M.: Jägrr'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Juvalidendank, A. Rtte»
„Oh, wenn eS nur das ist," meinte unser alter Freund hocken, so werbe ich der Frau Gräfin, sobald ich ihr »ieder einen Besuch im Schlöffe abstatte, eine sehr wohl Betroffene Photographie von meinem Mündel mitbringen. —" n- Zh" Mündel? Nun, ich bitte nochmals, mich - ktftlben vorzustellen. —" w
»Zch weiß wirklich nicht, ob sie dazu aufgelegt ist. —" ^.Aber ich erkläre Ihnen," lachte Viktor, „daß ich nickt fortgehe, bevor ich dem Fräulein nicht mein Kompli, '«ffd ZS V°be. Ich muß wiffen, wie Ihr Schützling M 2»' bie8 &obe ich mir aun einmal in den Kopf ge
»Der alte Fuchs wittert Unrath," dachte ber junge vos ffisnu, hatte aber keine Z it, auf bie an ihn gerichtete! „ ii eine Antwort zu geben, benn bie in ein anderes r$etl. $mmer führende Thüre öffnete stch plötzlich geräuschlos 7/in junges etwa zwanzig Jahre altes Mädchen wurde i. Rtbar.
L 3hr Anzug war einfach aber elegant. Ein dunkles Tibetkieid, besten oberen Ranb ein blenbenb weißer —— ^'nfaßte, harmonirte vollkommen mit ihrem vollen
76. Sanen Haar unb ihrer gefunden aber etwas blaffen Ge- gUfarbe, eine schöne Stirn zierte den fein geformten -3’8 FW und ein paar geistvolle Bugen wurden sichtbar, als I 58,5 fcr_ blicke mit dem Anstand einer an da- Salon» .
g® gewöhnten Dame zunächst auf Bobuugen richtete. । —«R berbeugte sich mit Anmuth unb Würbe unb indem ein j