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Marburg, Sonntag, 12. November 1876.

XI. Jahrgang.

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imttgen mannt entgegen: utgflwbition d. Blattei, (»wie die Annoncen-Bureaux

XI). Dietrich & So. in ».ffcl und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Öaasenstein & Vogler in faantftttt a. M.Berlm, Leiv- ST Söln ic; Rudolf Moffe ^Berlin, Frankfurt <u M. re.

ObcrhcMc Jrilimg.

Anzeigen nimmt entgegen: die «Hedttton d. Blattei sowie bte Snnoncen-Bureaur von ®. L Daube & So. in Srantfurt a. M.: JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, L. Sete- meget in Berlin; Carl Schliß- ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werttagen nach Soun- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageIlnftrirtrS LouutagSblaU" durch die Srvedition (Koch'fchr Buchdruckerei> bezogen Sh Warf, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 3 Warf 50 Pfg. (ejL Bestellgebühr). JusertionSgebühr fftr die gespaltene geile 10 Pf». Mr in der Expedition zu ertbeilenbe Auskunft unb Lnnabme von Adreffen werben 35 Pfg. berechnet.

Frieden in der Deputirtenkammer durch DecazeS verlesen zu lasten, die dahin lautet: Frankreich hegt Theilnohme für die lateinischen Christen im Oriente und eS wird jede Gelegenheit ergreifen, um ihre Sache zu verfechten; Frank reich hat im europäischen Concerte der Würde und dem Wohle des Landes nichts vergeben, eS wird aber unter allen Fällen strengste Neutralität beobachten und niemals in einen Krieg sich einlasten, in dem eS sich nicht unmittel­bar um Wohl, Würde und Sicherheit des eigenen Landes handelt. Der Empfang dieser Erklärung von Seiten der Zuhörer war gering, denn man wußte bereits, was DecazeS vortragen werde und man hatte ihn in Verdacht, daß dies keineswegs seine eigentliche Ueberzeugung sei, ja, daß er sich früher weiter als Thiers und Gambetta, deren Politik jetzt siegte, eS gestatten wollten, mit Rußland eingelasten habe. Mehr Gerede macht der Gattneau'sche Antrag über die Amnestie für die CommunardS; die Verhandlungen beschäf­tigten die Deputirtenkammer am 3. und 4. November und endigten mit der Annahme der drei ersten Artikel, die den Verfolgten die bürgerliLen Gerichte statt den KriegSge richten zugestehen, mit Ausnahme der Contumacialen, die, da Artikel 4 verworfen wurde, nach wie vor den letzteren Rede zu stehen haben werden. Die Debatten Über das Marinebudgct führten zur Streichung der Marinegeistlichen in den Arsenalen Frankreichs.

Der spanische Ministerpräsident Canvvas hielt am 5 d. MlS. vor 250 Abgeordneten eine glänzende Rede, in der er sich gegen das allgemeine Stimmrecht und gegen jede Berzichtlcistnng auf Cuba aussprach, die mit Spaniens Ehre unvereinbar sein würde. Am folgenden Tage fand die Wiedereröffnung der Cortes Statt, wobei die Regierung wegen der Beibehaltung der Diktatur und der Unterdrückung der letzten Verschwörung heftige Angriffe zu erfahren hatte.

Wieder haben zwei Vertreter der beiden großen Parteien Englands Gelegenheit genommen, ihr politisches ©lau- bensbekenntniß abzulegen. In Edinburg sprach in confer- vativem Sinne der General: Postmeister Lord John MannerS, in dem kleinen Oertchen Keighley der Führer der Liberalen Lord Hsrtington. Ersterer suchte den Handlungen der früheren liberalen Redner Gladstone, Lowe und Herzog von Argyll eine rein parteimünntfche Auslegung zu geben, als ob sie bloS darauf bedacht gewesen seien, der Regierung und den Conservaliven möglichst zu schaden. Eine siiedliche Lösung der orientalischen KristS bezeichnete er als voraus­sichtlich. Lord Harttngton äußerte sich mit großer Mäßi­gung und kam bei Besprechung der auswärtigen Politik Englands zu dem Endurtheil, daß Reformen in der Türkei sich nicht aus der Initiative der Türkei, sondern nur durch fremde Einmischung erwarten lasten, doch erkannte er eS als eine patriotische Pflicht an, dem Ministerium in seiner schwierigen und verantwortlichen Stellung keine weiteren Hinderniste in den Weg zu legen.

Die russische Kaiserfamilie hat am 7. d. M. Livadia und die Krim verlasten und wird am 15. in Zarskvjejelo wieder eintreffen. In Moskau will sie sich drei Tage aufhalten; dorihin begab sich von Paris auch Fürst Orlow.

Der deutsche Botschafter am russtcheu Hose, Graf Schwei­nitz, ist von der Krim nach Petersburg zurückgekehrt. Der tülttsche Botschafter Kabuli Pascha ist mit einem zwei­monatlichen Urlaub nach Wien abgereist, um dort ärzt­lichen Rath einzuholen. Die Einberufung der Rekruten ist für das Reich (mit Ausschluß Sibiriens, ArchangelS und Orenburgs) auf den 13. December anberaumt.

Der König von G r i e ch e n l a n d hat an den Minister» PrSstdenten KommunduroS ein Handschreiben gerichtet, in dem er die von demselben getroffenen politischen und mili­tärischen Maßnahmen billigt.

Die ottomanischen Truppen haben, wie ste am 31. Oktober Alexinatz von den Serben geräumt gefunden hatten, so auch einen Tag später das verschanzte Lager von Deligrad ohne Widerstand besetzt. Am gleichen Tage wäre wahrscheinlich auck Kruschewatz gefallen, dessen Vorhöhen sich schon in türkischen Händen befanden, hätte nicht der inzwischen durch Rußlands Ultimatum am 23. Jahrestage deS russischen Kriegsmanifestes von 1853 zu Stande ge­kommene Waffenstillstand den ottomanischen Waffen Einhalt Llhan. Durch Frankreichs, Oesterreichs und Italiens Anrathen, sowie durch Englands Zurückhaltung bewogen, hatte die Pforte einen bedingungslosen Waffenstillstand vom 1. November bis zum 1. Januar mit in Aussicht gestellter Verlängerung bis zum 15. Februar oder 1. April unterzeichnet, der von Serbien und Montenegro ohne Wei­teres angenommen wurde. Trrtzrem böse Zungen be­haupten, weil der Krieg damit zu Ende war. hatte Fürst Milan sich inzwischen nach Paratschin begeben, wo er sich unter Thränen von dem Elend überzeugte, welches der Krieg über sein Land und sein Heer gebracht hatte. Ver­treter der auswärtigen Mächte, wozu theilweise die Militär» Attaches der Botschaften in Konstantinopel ernannt worden sind, haben sich inzwischen zum Kriegsschauplätze begeben, um im Verein mit Offizieren der serbischen und der tür­kischen Armee eine Demarkationslinie zu ziehen und solcher­gestalt einer unwillkommenen Verletzung deS Waffenstill­standes nach Möglichkeit vorzubeugen.

rageodertcht.

Der Finanzminister hat im Interesse eines gleichmäßigen Verfahrens die BezirkSregierungcn veranlaßt, in Fällen, in welchen ihr ein an deS Kaisers und Königs Majestät ge­richtetes Gesuch wegen Erlasses oder Ermäßigung der wegm eines Steuervergehens gerichtlich erkannten und rechtskräftig feststehenden Strafe zum Bericht unter Vorlegung ter ge­richtlichen Akten zugefertigt wird, die betreffende Gerichts­behörde ausdrücklich zu ersuchen, von der Vollstreckung der Strafe bis nach erfolgter Entscheidung Über das Gnaden­gesuch Abstand zu nehmen.

DieNat.-Zig.* spricht sich gegen die Vermehrung der Silbermünzen aus, die ein Rückschritt wäre, der uns von dem Ziele der reinen Goldwährung entferne, und die Zwei­fel des Auslandes rechtfertigen würde, ob wir überhaupt

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8m Dienstag wurde die in ihren Mitgliedern wieder gewählte alte Reichsjustizkommisston in freiester Weise mit bet Vorberathung und Berichterstattung über die hinsicht­lich der zwischen ihr und dem Bundesrathe zu den drei großen Gesetzentwürfen noch bestehenden Differenzen beauf­tragt. Und nachdem am Mittwoch noch ein bedeutendes Stück des Quartaletats erledigt worden, hat der Reichs­tag nunmehr auf acht Tage, bis zum 15. November, die Plenarsitzungen eingestellt, um der Justizkommission mehr Zeit zu ihren Arbeiten zu gewähren. Die Genesung des Kaiser- von seiner aus Mecklenburg mitgebrachten Erkäl­tung schreitet günstig fort, doch hat derselbe am Sonntag die Reise nach Hannover zur Tauffeier beim Prinzen Al­brecht noch aus GesundheitSrückstchien, wie auch die Bethei­ligung an den Hofjagden, unterlaffen. Vorigen Sonnabend schloß König Karl die Session des würtembergischen Land­tages mit einer Thronrede, in welcher er den Mitgliedern zum Schluffe der wichtigen nun abgelaufenen sechsjährigen Legislaturperiode mit einem Rückblicke auf die bedeutungs­vollen gesetzgeberischen Leistungen und die erheblichen gemein­nützigen Bewilligungen seine Genuglhuung und seinen Dank aussprach.

Die Debatte über die Orientpolitik hat am 4. Novbr. im österreichischen Abgeordnetenhause begonnen und

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ist am 7. November mit den Reden der Abgeordneten ©reutet und Herbst beendet worden. Der Charakter des ganzen Redekampfes ist der vollständiger Unentschiedenheit, Unklarheit und Halbheit, dabei durchaus negativ, ohne irgend einen Fingerzeig darüber zu geben, welche Politik die Mehrheit der Volksvertretung in der orientalischen Frage von dem Minister deS Auswärtigen verlangt. Das Herrenhaus hatte von der Einbringung einer Interpellation Abstand genommen.

Im Canton Tessin ist eine größere Beruhigung einge­treten, so daß das auf Piket gestellte thurgaucr Regiment wohl nicht genöthigt sein wird, einen Winterseldzug über Gotthard und Bemhardin zu machen.

Am 6. d. MtS. ist der 70jährige Cardinal Antonelli,

der über ein Vierteljahrhundert als Ministerpräsident und Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten die katho- _ lische Hierarchie geleitet hat, einem schmerzhaften Blasenleiden, an dem er feit längerer Zeit krankte, erlegen. Bis zur Ernennung seines Nachfolgers wird ihn zeitweilig der bis- ' herige Unterstaatssekretär Vannutelli vertreten. Das fort­schrittliche Ministerium DepretiS» Nicotera, welches seine «Geburt am 12. März d. I. bekanntlich nur einer schwa­

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chen, durch die Verbindung der unnatürlichen Elemente zu Stande gekommenen Mehrheit verdankt, hat bei den Neu wählen zur zweiten Kammer am 5. d. MtS. einen in dieser Ausdehnung schwerlich erwarteten Sieg davongetragen.

Die französische Regierung hat fich beeilt, nach erfolgtem Abschlüsse deS WaffenftillstandeS schon am 3. No­vember eine im Ministerrathe genehmigte Erklärung Über ihre Stellung zur orientalischen Frage unb zum allgemeinen

Unser alter Freund.

Erzählung von Carl von Kessel.

(Fortsetzung^

ES mußte doch in dem Wesen deS schlichten Mannes Etwas liegen, was Respekt einflößte, denn als er sich jetzt empor richtete unb beibe Hände auf die Hacke gestützt, Viktor ansah, zog dieser sehr höflich den Hat und sagte:

»Ich erlaube mir Ihnen einen Besuch abzustatten, Herr Aarpe, und auch meine Tante läßt bestens grüßen.* »Die Frau Gräfin sind sehr gütig. Treten Sie näher, Mger Herr, ich werde sogleich zu Ihren Diensten stehen*

und dabei war der Alte auch schon damit beschäftigt, seinen Rock anzuziehen.

»Oh, geniren Sie sich meinetwegen doch gar nicht,* s «merkte Viktor.

i Peter Karpe lächelte und zwar in einet Welse, als sei in sich seines UcbergewichtS über den jungen Mann bewußt. \ »Bei unS auf dem Lande heißt eS arbeiten," bemerkte A »und große Toilette können wir dabei nicht machen.

haben wohl in Ihrem Leben noch nicht viel gearbeitet?* We er mit einem Lächeln hinzu, von dem man nicht wußte, J stch darunter Spott oder Einfalt verbarg. Der junge «odungen enöthete. Aber er besaß einen offenen Charakter

so antwortete et denn auch ohne Empfindlichkeit unter l*®*® leichten Lächeln:

»Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so muß ich geste» *®i daß ich in diesem Artikel wirklich bisher noch nicht

viel geleistet habe Ich sühne na, wie soll ich mich gleich auSvrücken? *

So ein Schlaraffenleben wie?* meinte der Pachter und dabei blickte er feinen Gesellschafter wieder lachend an.

Viktor wollte eS mit dem alten Manne nicht verderben unb steckte daher die ihm so gereichte Pille scheinbar ge- laffen ein.

Mag sein," bemerkte er,daß Sie Recht haben. Aber ist denn die Arbeit wirklich ein solcher Genuß?*

Oh, Sie glauben nicht, junger Herr was Einem dabei das Esten schmeckt und wie ruhig und fest man schläft. Sehen Sie, daS was ich eben verrichtete, nennt man ragolen. Das giebt den Bäumen Luft und neuen Trieb und wenn Ifie bann voll schöner saftiger Früchte hängen bann baute ich Gott für den reichen Segen und freue mich, daß ich dabei auch etwas mitgeholfen habe.*

Ungeachtet Peter Karpe diese Worte in einem halb scherzenden Tone sprach, so leuchtete daraus doch auch wieder ein solcher Ernst hervor, daß dieselben selbst auf den gedankenlosen jungen Mann, welcher in ganz anderer Absicht als fi» Belehrungen geben zu lasten hleher ge­kommen war, ihren Eindruck nicht verfehlten.

- Man hatte sich inzwischen dem Hause genähert und Herr von Bodnngen betrat jetzt mit seinem Wirth ein zur ebenen Erde gelegnes Zimmer, welches zwar anständig aber doch einfach möblirt war.

Peter Karpe schob zwei Stühle an den in der Mitte ' stehenden Tisch und nachdem er aus einem Wandschränke

ein paar Gläser und eine Flasche Wein geholt und die ersteren gefüllt hatte, sagte er mit feinem Gast anstoßend:

»Auf Ihr Wohlsein, junger Herr, freut mich wirklich, Sie bei mir zn sehen.*

Abermals begleitete diese Sorte ein pfiffiges Lächeln das sich indesten wieder hinter der Maske der höchsten Einfachheit verbarg.

Sollte der alte Fuchs etwas merken?* dachte Victor nun, ich bin auch gerade nicht blöde und werde ihn daher bald zum Sprechen bringen.*

Da Sie mich so entgegenkommend empfangen, Herr Karpe", begann er,so erlaube ich mir eine Bitte auszu­sprechen."

ES soll mich sehr freuen, wenn es in meinen Kräften liegt, dieselbe zu erfüllen.*

Oh ich hoffe dies ganz bestimmt. Machen Sie mir die Freude mich Ihrer Fräulein Nichte vorzuftellen." Wieder flog ein zweideutiges Lächeln über die Züge de­alten Mannes.

Daß die jungen Herren doch so neugierig sind," be­merkte et trocken.

»Nun, das müsten Sie doch eigentlich ganz natürlich finden, zumal in diesem Fall, wo man sich bereits Wun­derdinge van der jungen Dame erzählt.*

Unb doch kennt sie Niemand," bemerkte Karpe.

WaS jedenfalls sehr zu bedauern ist," lautete die Er' wiederung.Ich möchte nicht gern zu meiner Tante zu­rückkehren, ohne derselben ein genaues Bild von dem Fräu­lein entwerfen zu können.* (Forts, folgt)